TV-Kindheitserinnerungen – Teil 8: Daktari

Unsere Reihe “Meine Kindheit vor dem Fernseher” besinnt sich zurück auf jene Tage, in denen die Hausaufgaben warten mussten, es Gründe gab, schon während des Unterrichts auf den Nachmittag zu warten oder an Wochenenden besonders früh aufzustehen: Das TV-Programm. In einer Zeit, in der Smartphones und Internet nicht die Kinderzimmer einnahmen, sondern die Flimmerkiste (oftmals noch in der Variante Röhrenfernseher) den Alltag bestimmte. Wir widmen uns Formaten, die unsere Kindheit prägten und heute zum Teil bereits längst in Vergessenheit geraten sind. Die Nostalgiebrille aufgesetzt und volle Kraft rückwärts in der Zeit!

Titel:

Daktari (89 Episoden, 1966–1969)

Dort war es zu sehen:

ZDF (1969–1979), seitdem auf diversen Sendern

Darum geht es:

Tierarzt Dr. Marsh Tracy leitet die Forschungsstation Wameru irgendwo in einem afrikanischen Wildtier-Reservat, wo er kranken Tieren hilft und Verhaltensforschung betreibt. Unterstützt wird er von seiner Tochter Paula, seinen Assistenten Jack (weiß) und Mike (schwarz) und natürlich Judy, der Schimpansin und Clarence, dem schielenden Löwen. Folge für Folge schützen sie wilde Tiere und legen schurkischen Wilderern das Handwerk.

Wissenswertes:

Flipper, Skippy, Lassie – in den Kinderserien der 60er waren Tiere ein sicherer Publikumsmagnet. Daktari hatte richtig viele Tiere. Nicht nur Judy und Clarence, die pelzigen Hauptdarsteller, die ihre menschlichen Kollegen mühelos an die Wand spielen. Die Serie glänzte auch mit jeder Menge Bilder von freilebenden, afrikanischen Wildtieren. Der Sorte Bildmaterial, die auch Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek nutzten, um dem deutschen Fernsehpublikum die Tierwelt zu erklären. Da hätte man fast glauben können, dass Daktari in Afrika gedreht wurde. Wurde es natürlich nicht, sondern in “Africa, U.S.A.”, einem Wildtierpark in Kalifornien. Die Szenen mit wildlebenden Tieren stammten aus Doku-Material, das zwischen die Spielszenen eingefügt wurde. Erst freut man sich über die mannigfachen Tieraufnahmen, irgendwann merkt man, dass es immer wieder die gleichen sind. Und dass auch mal ein afrikanischer Elefant von einer Einstellung zur anderen zu einem dressierten, indischen Elefanten wird, der vor der Kamera die Dinge tun kann, die man mit seinem wilden Artgenossen aus dem Busch lieber nicht versuchen sollte.

 

Darum handelte es sich um ein Kinderzimmer-Highlight:

Daktari war Fernsehkost, die nicht nur kind-, sondern auch elterngerecht war. In einer Zeit, in der Eltern das neue Medium Fernsehen recht misstrauisch beäugten, war Daktari angenehm beruhigend. Tiere. Natur. Umweltschutz. Werte. Dem konnte man seine Kinder guten Gewissens aussetzen. Man musste allerdings bereit sein, auf die Sportschau zu verzichten. Denn Daktari lief samstags um 17:45 Uhr im ZDF, zeitgleich mit Papas Lieblingssendung im Ersten. Und man musste damit leben, dass der Nachwuchs dann affenartig durch die Wohnung purzelte und dabei laut kreischte. So wie Eltern mit Benjamin Blümchen-sozialisierten Kindern sich auf einige Jahre gellendes TÖRÖÖ! einstellen können. Für Kinder war die Mischung aus Doku und Fiktion unwiderstehlich. Das war wie Grzimek, nur mit Spannung, Comedy und Tieren, die so niedlich und menschenähnlich waren, dass sie fast an Disney-Figuren herankamen. Kein Wunder, dass Bernhard Grzimek warnend den Zeigefinger erhob und klarstellte, dass die Tierwelt von Daktari so gar nichts mit der Realität zu tun hatte.

Persönliche Erinnerungen:

Judy. Auf jeden Fall Judy. Clarence war zwar kuschelig, aber träge und langweilig. Und Judy war ein Mädchen. Eine Affendame, wie immer wieder betont wird. Judy war so cool wie Pippi Langstrumpf. Sie konnte alles und durfte alles. Sie fütterte vewaiste Löwenbabys mit der Nuckelflasche. Sie ritt auf Elefanten. Sie klaute dem Wilddieb die Pistole. Sie wusste immer schon bescheid, wenn die Menschen noch begriffsstutzig herumstanden und nur mühsam entschlüsselten, dass Judys Hüpfen und Kreischen “Die Wilderer sind in der Schlucht am Fluss” bedeutete. Sie trickste die Schurken aus und fing sie in ihren eigenen Fallen. Sie hatte mehr Kuss-Szenen als Paula (die hatte wohl gar keine). Neben ihr verblassten alle menschlichen Darsteller zu Statisten. Obwohl die immer gleiche, familienartige Figurenaufstellung einem schon ans Herz wuchs und wir uns fragen konnten, wer von den jungen Männern cooler war, Jack oder Mike. Eigentlich Mike, denn der war schwarz. Das war etwas Besonderes und darum attraktiv. Aber Jack hatte mit Paula diese steinerweichenden Sixties-Flirt-Dialoge zur Melodie von “Ich bin kratzbürstig zu dir, weil ich dich eigentlich attraktiv finde”, die wir damals total lustig fanden. Zwischen Paula und Mike funkte es nie. Die Zeit war wohl noch nicht reif für schwarz-weiße Flirts. Schade eigentlich. Aber dann ließ Judy die Luft aus dem Reifen des Tierfänger-Jeeps und wir wussten wieder, was wirklich wichtig war.

Lohnt sich die Serie heute noch?

Daktari ist mittlerweile vor allem ein Zeitdokument. Ein Indiz dafür, wie sehr sich der Zeitgeist gewandelt hat. Afrika, ein Kontinent, der von Weißen und putzigen Tieren bewohnt wird. Hat das damals niemand merkwürdig gefunden? Wo war der Tierschutz, wenn da auf zahmen Löwen geritten, mit Leopardenbabys gekuschelt oder ein Gepard grob an der Kette herumgezerrt wurde? Und generell echte, nicht computergenerierte Tiere vor der Kamera Dinge tun mussten, die sie im wirklichen Leben nicht machen? Hat das wirklich jemand ernst genommen, wenn Dr. Tracy erklärt, er habe aus Gründen der Verhaltensforschung auch Tigerbabys und junge Bären bei seinen afrikanischen Tieren, um zu beweisen, dass die verschiedenen Spezies einander nicht feindlich gesinnt sein? Was wohl irgendetwas mit menschlicher Völkerverständigung zu tun hat, wissenschaftlich aber so ein Unfug ist, dass Bernhard Grzimek wohl nur staunen konnte? Mal abgesehen von all diesen Fragen, die die zeitliche Distanz mit sich bringt, ist es entspannende Fernsehkost. Naturbilder, behäbige Erzählung, eine stete Variation des Gleichen. Alles ist harmonisch, Tiere tun lustige Dinge, Dr. Tracy tut Gutes, sein Team macht ein bisschen Comedy. Bis unrasierte Wilderer Unheil stiften, gern mit einem hämischen “Muahahaha!” auf den Lippen. Doc Tracy und Judy lösen das Problem, Schlussakkord. Darum ist das Erlebnis beim Wiederanschauen ein sehr gemischtes: ein beruhigendes Plätschern, immer wieder unterbrochen von “Oh Mann, diese 60er!”-Momenten. 

Was gibt es noch?

Den Film Clarence der schielende Löwe (USA, 1965), der die Serie ins Rollen brachte. Und die Doku Daktari – Die wahre Geschichte: Die Tierärztin Sue Hart (Deutschland, 2007), ein Porträt der Tierschützerin und Entwicklungshelferin Sue Hart, die seit den 50er Jahren in Afrika arbeitete und ein (wenn auch sehr entferntes) Vorbild für Daktari war.

Wie kommt man an die Serie heran?

Amazon Prime Video und andere Anbieter streamen alle vier Staffeln, ansonsten gibt es alle 89 Folgen auch auf DVD.

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