Der Leuchtturm

Als 2015 Robert Eggers’ Filmdebüt The Witch in die Kinos kam, lagen ihm die Herzen vieler Horror-Fans zu Füßen. Umso größer war die Spannung, ob er mit seinem Zweitling Der Leuchtturm an die Qualität würde anknüpfen können. Für diesen holte er sich zwei US-Superstars ins Boot: Ex-Teeniestar Robert Pattinson (High Life) sowie Willem Dafoe (What Happened to Monday?). Wenn die beiden beim Alkoholkonsum in dem Schwarzweißfilm aufeinander losgehen, bekommt dies eine Groteske, die ihresgleichen sucht. Das Ergebnis fällt aber auch ebenso polarisierend aus: Von Kritikern gefeiert, ist Der Leuchtturm kein Film, welcher die Säle moderner Multiplex-Kinos füllen wird.

   

Neu-England, Ende des 19. Jahrhunderts: Ein Schiff bringt den Leuchtturmwärter Thomas Wake (Willem Dafoe) und seinen neuen Gehilfen Ephraim Winslow (Robert Pattinson) auf eine einsame Insel. An diesem gottverlassenen Ort sollen die beiden Männer die nächsten vier Wochen verbringen. Weit und breit gibt es nur das Licht des Leuchtturms, sonst herrscht bei Nacht vollkommene Dunkelheit. Während die Wellen unerbitterlich an die Felsen des Eilands schlagen, herrscht zunächst zwischen den ungleichen Männern Schweigen. Doch dies ist nur die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, denn der Wahnsinn schleicht auf leisen Sohlen heran …

Liebeserklärung an das Kino der 20er Jahre

Originaltitel The Lighthouse
Jahr 2019
Land USA
Genre Drama, Fantasy, Horror
Regie Robert Eggers
Cast Thomas Wake: Willem Dafoe
Ephraim Winslow: Robert Pattinson
Laufzeit 109 Minuten
FSK
Seit dem 9. April 2020 im Handel erhältlich

Bereits von der ersten Minute an wird der Zuschauer zwei Aha-Erlebnisse haben: Nicht nur, dass der Film in schwarz-weiß ist und damit jeglicher Farbenintensität beraubt wurde. Das gewählte Format ist eines, welches sich zu der großen Zeit der Stummfilme etablierte: 1,19:1. Zusammen mit dem ohnehin äußerst überschaubaren Schauplatz (das andere Ende der Insel ist schnell erreicht) entsteht dadurch ein wahnsinnig klaustrophobisches Gefühl. Das eingeschränkte Bild und der abgenutzte, schmuddelige Look tragen ihren Teil dazu bei, dass moderne Sehgewohnheiten gehörig auf den Prüfstand gestellt werden. Somit wird der äußerliche Anspruch der schweren Zugänglichkeit schließlich auch dem inneren gerecht.

Mentaler Zustand: Dem Wahnsinn so nahe

In seinen Grundzügen ist Der Leuchtturm gegenüber seinem Vorgänger in der Filmografie Eggers’ gar nicht einmal so unähnlich. Die Protagonisten leben in völliger Isolation und verfallen so langsam dem Wahnsinn. Ob es nun noch ein anderes Grauen dort draußen gibt, bleibt unklar. Damit spielt Eggers nur zu gerne und sorgt für zahlreiche Paranoia-Momente, in denen der Zuschauer immer wieder prüfen muss, ob das Gesehene so wirklich stattfinden könnte. Das stellt der Regisseur auf die Probe, indem er für einige fragwürdige und polarisierende Momente sorgt. Etwa wenn Ephraim eine lästige Möwe solange gegen einen Felsen schlägt, bis von ihr nicht mehr viel übrig ist. Auch das eine oder andere Element, wie etwa starrende Tiere, kennt man bereits aus The Witch und sorgt hier erneut für schaurige Momente. Trotzdem ist der Film nicht mit thematisch vergleichbaren Filmen wie Cold Skin – Insel der Kreaturen oder Keepers – Die Leuchtturmwärter zu vergleichen. Der Horror lauert hier viel, viel tiefer.

Die Schmerzgrenze erreicht

Nicht nur die Bilder sind rau, sondern auch die Mechanismen, zu denen Eggers greift. Er will seine Protagonisten völlig ungeschönt zeigen. Zwei heruntergekommene Männer, die nach Kot riechen, furzen und bis zum Umfallen saufen, dabei tanzen, singen und sich in den Armen liegen. Immer wieder sorgt die Wechseldynamik zwischen den beiden mal für Entsetzen, mal für Heiterkeit. Willem Dafoe nimmt man die Rolle des rauen Seebärs vollends ab und auch Robert Pattinson stellt unter Beweis, dass er in der Experimentierfreudigkeit seiner Rollen voll aufgeht. Die beiden körperlich und verbal aufeinanderprallenden Schauspieler erweisen sich als eine Wucht. Beide Hauptdarsteller werden beinahe bis zur Schmerzgrenze gefordert.

Ein Film gibt Rätsel auf

Was nun wirklich passiert und was sich auf einer anderen, völlig fiktiven Ebene abspielt, ist nie ganz sicher. Wenn es surreal wird, geschieht das unvorhersehbar. Winslow steigen scheinbar willkürliche Bilder in den Kopf: aus seiner Vergangenheit, von Meerjungfrauen, von seinem Vorgänger (welchen er nie kennenlernte) und dessen Los. Viele Fährten, bei denen man gar nicht weiß, welche man gedanklich weiterverfolgen soll. Es ist faszinierend, die beiden Männer, die völlig ihrem Schicksal und der Naturgewalt unterworfen sind, da auf der kleinen Insel zu sehen.

Fazit

Der Leuchtturm ist ein sperriger und herausfordernder Film, der nicht dafür gedacht ist, jedermanns Liebling zu werden. Im Gegenteil: So selten wie das Talent vor und hinter der Kamera dürfte auch der Zuschauer sein, der dieses Werk in sein Herz schließen kann. Ein seltsames Gemisch aus David Lynch und H.P. Lovecraft, das weit davon entfernt ist, Thrill-Elemente mitzubringen oder Zuschauer gar mitfiebern zu lassen. Wie ein einstiger Seefahrermythos, den man sich gerne erzählt, ohne sonderlich involviert zu werden, weil die Berührungspunkte bewusst klein gehalten sind. Aufgrund des 1,19:1-Formats in schwarz/weiß werden allerdings genügend Zuschauer bereits Abstand nehmen, wodurch Der Leuchtturm ein Film für Liebhaber des Genres bleibt.

© Universal Pictures International

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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