Madame Web

Sony Pictures möchte die Rechte an den Spider-Man-Figuren einfach nicht hergeben. Zu lukrativ erscheint diese Lizenz, doch langsam stellt sich die Frage: Wie lange eigentlich noch? Nach Venom und Morbius bekommt mit Madame Web ein dritter Charakter einen eigenen Film. Die Produktion unter der TV-Regisseurin S. J. Clarkson (Doctors) hat eine Menge vor und versteht sich als zentraler Baustein in Sony’s Spider-Man Universe (SSU). Die Mission: noch mehr Spider-People in die Welt entsenden. Der am 14. Februar 2024 in den Kinos gestartete Film bringt allerdings nicht genügend Potenzial mit – und verschenkt davon trotzdem genug.

New York City, 2003: Die Rettungssanitäterin Cassandra “Cassie” Web (Dakota Johnson) wuchs als Waise in einer Pflegefamilie auf. Ihre Mutter Constance (Kerry Bishé, Scrubs) starb hochschwanger im Alter vor 30 Jahren in Peru, als sie an einer besonderen Spinnenart forschte, der besondere Kräfte nachgesagt werden. Ihr Baby Cassie überlebte zwar dank eines mysteriösen Volks, doch Constances Mörder Ezekiel Sims (Tahar Rahim, The Serpent) entkam mit ihrer Forschung und lebt seitdem in Ruhm und Reichtum.
Durch eine Nahtoderfahrung entwickelt Cassie hellseherische Fähigkeiten und hat dabei ähnliche Visionen wie Ezekiel, der von nun an von seinem Tod durch drei junge Frauen träumt. Das Schicksal bringt diese fünf Personen in derselben U-Bahn zusammen …

Lizenz-Keeper Sony

Originaltitel Madame Web
Jahr 2023
Land USA
Genre Action, Science-Fiction
Regie S. J. Clarkson
Cast Cassandra Webb / Madame Web: Dakota Johnson
Julia Cornwall / Spider-Woman: Sydney Sweeney
Mattie Franklin / Spider-Woman: Celeste O’Connor
Anya Corazon / Araña: Isabela Merced
Ezekiel Sims: Tahar Rahim
Ben Parker: Adam Scott
Mary Parker: Emma Roberts
Laufzeit 117 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 14. Februar 2024

Die Geschichte von Sony und Marvel ist weitgehend bekannt, daher nur ein kurzer Abriss: Zu Beginn der 2000er sorgten Sony mit Sam Raimis Spider-Man-Filmen und 20th Century Fox mit der X-Men-Reihe für die Geburtsstunde des modernen Superhelden-Films wie wir es heute kennen. Während 20th Century Fox zu Disney (und damit an Marvel Studios) überging, sitzt Sony Pictures noch immer auf den Rechten an Spider-Man-Charakteren. Während Spider-Man, dargestellt von Tom Holland, mit Marvel Studios geteilt wird und als Charakter damit im Marvel Cinematic Universe verweilt, befinden sich die Rechte mehrerer Dutzend anderer Spider-Man-Charaktere in Sonys Schublade. Diese sind natürlich zu wertvoll, um sie dort einfach ruhen zu lassen. Mit Venom fiel der Startschuss für Sony’s Spider-Man Universe. War Venom noch ein finanzieller Glücksgriff, geht es seitdem verlässlich bergab und Morbius erlitt kreativen wie finanziellen Schiffbruch. Sony war zu bemüht um Storytelling und hinkte narrativ zwei Dekaden hinter dem aktuellen Marvel Cinematic Universe hinterher. Mit Madame Web steht also der vierte Titel an, der auf das eigentlich verbindende Glied ‒ Spider-Man ‒ verzichtet und eine eigenständige Geschichte zu erzählen versucht.

Netz der Obskuritäten 

Die Wahl für Madame Web ist an und für sich schon eine obskure Sache: In den Comics und der animierten Serie ist Madame Web eine ältere im Rollstuhl sitzende Seherin und nicht unbedingt ein in Kämpfe verwickelter Charakter. Eine Herausforderung im Medium Film, wo “Superheldenfilme” grundsätzlich mit einem Action-Konzept gleichgesetzt werden. Dass Madame Web ausgerechnet von Dakota Johnson verkörpert wird, die mit Fifty Shades of Grey ‒ Geheimes Verlangen Berühmtheit erlangte, ist eine weitere Skurrilität. Johnson äußerte sich bereits während der Pressetour abfällig über die Dreharbeiten vor dem Greenscreen, was dem Film schon im Vorfeld einen gewissen Geschmack verlieh. Dann erschien ein Trailer, der anderes suggerierte als der Film letztlich bietet: Es werden eben nicht die Geschichten mehrerer Spider Woman-Charaktere erzählt und viel in Action sieht man sie ebenfalls nicht. Die Subline “Her Net connects them all” ist dahingehend auch anfällig für Missinterpretationen: Dies ist kein verbindender zentraler Film, sondern ein solcher, der gerne eine Origin Story für viele Charaktere wäre, es sich aber relativ einfach macht.

2004 hat angerufen und möchte seine Heldin zurück

Wer sich bereits über die wirre Story gewundert hat, hat das nicht zu Unrecht getan. Das Drehbuch besitzt wenig Respekt vor dem Quellmaterial und wirft wild alles in einen Mixer, was nicht niet- und nagelfest war. Die Aufgabe: Soviel wie nur möglich miteinander verzahnen. Da werden sogar Mary Parker (Emma Roberts, American Horror Story) und deren Bruder Ben (ja, DER Onkel Ben, verkörpert von Adam Scott aus Severance) mit einer Nebengeschichte eingebunden, um schon einmal die Geburt eines Peter Parker vorzubereiten. Fragt sich nur, um welchen es genau gehen soll. Zumindest auf keinen der drei bekannten (Tobey Maguire, Andrew Garfield, Tom Holland) würde der Geburtstermin zutreffen. Dieser Film KANN also nur in einem für sich stehenden Universum stehen. Es verwundert nur die Wahl des Jahres 2003. Aber damit nimmt man es bei Sony ohnehin nicht so genau. Die Handlung soll zwar 2003 spielen, platziert aber prominent Hits der 90er, wodurch dieses Gefühl immer wieder aufweicht. In einer Szene sehen wir in der Bahn einen Mann mit einer PlayStation Portable – eine Konsole, die in den USA erst im Jahr 2005 auf den Markt kam. Und dann ist da noch eine Szene, in der die eben noch verängstigten Teenager aus unerklärlichen Gründen auf den Tischen eines Diners tanzen. Zu Britney Spears’ Welthit “Toxic”, der 2004 erschien, aber offenbar war die Lizenz zu wertvoll, um auf sie zu verzichten. In nicht einmal 117 Minuten passiert eine Menge verwunderlicher Dinge, aber von einer gesunden Charakterisierung profitiert hier niemand. Selbst Cassies Charakter kann man allenfalls als verunglückt bezeichnen. Irgendwie soll sie überfordert, witzig und gleichzeitig verantwortungsbewusst sein, aber eine echte Sympathieträgerin ist sie absolut nie und alles, was sie macht, wirkt stets gewollt. Dakota Johnson fehlt nicht viel, um an Halle Berrys Darstellung von Catwoman zu erinnern – und das ist dramatisch, da zwischen beiden Produktionen 20 Jahre Erfahrungswerte liegen.

Schade um den jungen Cast

Gibt es auch Positives zu berichten? Nun: Abseits von Dakota Johnson, die sich als völlige Fehlbesetzung aus vielen Gründen erweist, kann man dem Ensemble durchaus attestieren, bemüht zu sein. Sydney Sweeney, Celeste O’Connor und Isabela Merced sind prima gecastet und hätten sie nicht so wenig zu tun, könnte man sogar sagen, dass sie Potenzial mitbringen. So allerdings bleibt alles im Rahmen der Möglichkeiten und das einzige, was dem Drehbuch einfällt, ist die Formung der Teenager über ihre Familiengeschichten. Tahar Rahim ist fast chancenlos, viel von sich zu zeigen. Als stark verfremdete Spider-Man-Kopie bringt er wenig Originelles mit und bekleckert sich auch nicht mit Ruhm im Kampf gegen vier Normalo-Frauen ohne physische Überlegenheit. Über den Showdown will man eh möglichst schnell den Mantel des Schweigens werfen – die digitale CGI-Matscherei schockt an der Stelle noch nicht einmal mehr, da bereits inhaltliche Entscheidungen zur Abstumpfung geführt haben.

Fazit

Catwoman und Elektra haben nun die Dritte im Bunde gefunden. Madame Web ist eine Katastrophe mit Ankündigung: Der Film bringt derart viele Ungereimtheiten, banale Entscheidungen und lachhafte Momente mit, dass man meinen könnte, es hier mit einer Produktion zu tun zu haben, die auf einem euphorischen Fan-Skript beruht. Filme wie dieser sind es, die eine Superheldenmüdigkeit hervorrufen anstatt sie zu lindern. Generische und oberflächliche Skripte, die sich an einer Formel abarbeiten und dabei bedeutungsschwanger ihre Netze voraus schießen wollen. Es gibt leider erschreckend wenig zu erzählen, da an allen Stellen nur vorbereitet wird. Gleichzeitig möchte man selbst orakeln: Diese Madame Web haben wir zum letzten Mal gesehen.

© Sony Pictures

Ayres

Ayres ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Totman Gehend
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17. Februar 2024 20:08

“Remember: You’re the madame of this web. You are Madame Web.”