One Piece (Staffel 1)

One Piece. Seit 1997 zeichnet Mangaka Eiichiro Oda an seinem Piratenepos, das sich zum meistverkauften Manga der Welt entwickelt hat. Nach über 1.000 Kapiteln ist ganz fern am Horizont ein Ende zu sehen, aber das kann gut und gern noch ein paar Jahre dauern. Auch so mancher westeuropäische Fan kann auf eine glückliche Kindheit mit One Piece zu Anfang der 2000er zurückblicken. Wer die epische Suche nach dem geheimnisumwobenen Piratenschatz auf dem Bildschirm sehen wollte, konnte das schon lange: Auch der auf dem Manga beruhende Anime hat bereits über 1.000 Folgen. Nun hat sich Netflix der grellbunt-skurrilen Piraten-Saga angenommen und macht daraus einen Realfilm-Achtteiler. Wo Live Action-Adaptionen von Manga und/oder Anime so häufig knapp vorbei und voll daneben landen und weder von den Alt-Fans noch vom unbedarften Neu-Publikum ins Herz geschlossen werden. Ob das gut geht? Seit dem 31. August 2023 kann man bei Netflix austesten, ob man für Odas Piratenwelt auch ohne Odas Zeichenstift zu haben ist.

 

Als Piratenkönig Gold Roger auf dem Schafott steht, kann er dem Tod mit einem dröhnenden Lachen ins Auge sehen, denn er hat alles erreicht, was ein Pirat sich nur wünschen kann. Reichtum, Macht und Ruhm. Und er hat einen legendären Schatz gefunden, das One Piece, von dem keiner weiß, was es eigentlich ist. Seine letzten Worte lösen einen Schatzsuche-Run aus, alle Piraten dieser Welt machen sich nun auf die Suche nach Gold Rogers Schatz. Auf einem abgelegenen Inselchen hat auch der 17jährige Monkey D. Ruffy (Inaki Godoy, The Imperfects) einen Traum: er wird das One Piece finden und Piratenkönig werden. Dabei sind seine Startbedingungen denkbar schlecht. Er besitzt zwar die Superkraft, seinen Körper wie Gummi zu dehnen. Aber er hat weder ein Schiff noch eine Mannschaft, noch irgendeine Ahnung, wo er überhaupt hinsegeln soll. Nicht einmal schwimmen kann er. Doch all das ist für seine sonnig-unbedarfte Naivität kein Hinderungsgrund. Auf seinem Weg schart er eine Gruppe von Mitstreitern um sich: Zorro, den Schwertkämpfer (Mackenyu, Saint Seiya: Die Krieger des Zodiac – Der Film), Nami, die Diebin (Emily Rudd, Hunters), Lysop, den feigen Scharfschützen (Jacob Romero Gibson, Greenleaf) und Sanji, den Kampfkunst-begabten Schiffskoch (Taz Skylar, Boiling Point). Gemeinsam verprügeln sie jede Menge böse Piraten und segeln ins Schatzsuche-Abenteuer hinaus.

 

Live Action? Echt jetzt?

Originaltitel One Piece
Jahr 2023
Land USA
Episoden 8 in Staffel 1
Genre Abenteuer, Fantasy
Cast Monkey D. Ruffy: Inaki Godoy
Lorenor Zorro: Mackenyu
Nami: Emily Rudd
Lysop: Jacob Romero Gibson
Sanji: Taz Skylar
Vizeadmiral Garp: Vincent Regan
Corby: Morgan Davis
Buggy, der Clown: Jeff Ward
Shanks: Peter Gadiot
Veröffentlichung: 31. August 2023 auf Netflix

Reale Adaptionen von Manga- oder Anime-Vorlagen können so weh tun. Da stehen bedauernswerte Schauspieler in völlig überkandidelten Kostümen vor den Kamera, sehen aus wie Cosplayer und müssen den Geist von Figuren hervorkitzeln, denen eigentlich durch ganz andere Stilmittel Leben eingehaucht wird als sie einem Schauspieler zur Verfügung stehen. Das kann so jämmerlich den falschen Ton treffen, dass Alt-Fans vor Fremdscham zu Staub zerfallen möchten und unbedarfte Neu-Zuschauer sich überrascht fragen, was wohl dieser trashige Quatsch soll. Das ist also Dragonball? Oder Attack on Titan? Das soll doch so cool sein? Full Metal AlchemistCowboy BebopDeath Note? Wir raten ab. Und nun ausgerechnet One Piece. Von allen Shonen-Endlos-Serien wohl die abstruseste und skurrilste, mit dem groteskesten Charakter-Design, den abgedrehtesten Kostümen und einer riesigen, bunt-verspielten Welt, die nur noch in Spurenelementen etwas mit alten Hollywood-Piratenfilmen zu tun hat. Erstaunlicherweise ist das eher ein Pluspunkt. Denn dank CGI kann eine Realverfilmung eine Welt mit Segelschiffen, Inselfestungen und Palmenstränden schaffen, die in ihrer Freizeitpark-artigen Überhöhung nicht nur richtig gut aussieht, sondern auch den Piraten mit Clownsnasen oder Katzenöhrchen oder dem Marine-Offizier mit dem Beil als Arm die richtige Kulisse bietet, um zu glänzen, anstatt zu wirken wie vom letzten Fasching übriggeblieben. Schon mal ein überraschend stimmiger Anfang.

In einem Anime kreischen die doch immer so?

Gute Optik ist allerdings nur die halbe Miete. Das Publikum kriegt man nur, wenn man auch die Persönlichkeit all dieser riesengroß überzeichneten Figuren einfängt. Denn bei Odas Figuren stehen ganz große Gefühle und himmelhohes Pathos neben Grundschul-Albernheit, da wird infantil herumgeblödelt und im nächsten Moment Rotz und Wasser geheult. Da gibt es ganz einfache Shonen-Manga-Hausnummern: Stark und doof der eine, feige der andere, zickig die dritte. Aber alle sind auch mehr als das, haben ernste, tragische Backstories und können dem Leser/Zuschauer so richtig ans Herz wachsen. Und alle aus der Bande sind unter 20, brauchen also junge, unverbrauchte Darsteller. Da landet die Netflix-Serie einen unerwarteten Volltreffer. Inaki Godoys strahlendes Grinsen bringt tatsächlich Ruffys Charisma zum Vorschein. Der mexikanische Jung-Schauspieler schafft es, die Mischung aus strohdoofer Naivität, herzzerreißend kindlicher Unschuld und übersprudelnder Begeisterung so einzufangen, dass wohl jeder mit Ruffy ins Ungewisse segeln möchte. Ähnlich überzeugend agiert Mackenyu als obercooler Schwertkämpfer Zorro. Auch die anderen aus der Bande füllen ihre Rollen tadellos aus, auch wenn Lysop und Nami ein wenig leise daherkommen. Das liegt nicht nur an der Begabung der Schauspieler, das hat vor allem mit einer sehr sorgfältigen Dialogschreibe zu tun, die Odas extreme Momente auf ein für Schauspieler machbares Maß herunterfährt. Statt etwa der ganz großen Heularie gibt es nur ein Tränchen im Augenwinkel. Aber auch das wirkt. Am meisten sticht die Methode bei Sanji ins Auge. Dem quellen im Original stets rosa Herzchen aus den Augen, wenn er Mädchen sieht, so wie sich das kleine Jungs vorstellen, wenn sie in einem Alter sind, wo sie alles über Freundschaft wissen, aber Liebe unendlich peinlich finden. Netflix gibt ihm Charme und gute Manieren, ohne ihn für sein Interesse an Frauen, bei einem jungen Mann von 19 Jahren nur altersgemäß, andauernd in die Pfanne zu hauen. Danke, Netflix. Die Goldmedaille für überzeugende Darstellung eines unmöglichen Charakters geht jedoch an Steven John Ward (Demon Girl – Das Böse lebt in ihr), der den Freibeuter Mihawk Dulacre spielt. Selten muss ein Darsteller ein Kostüm anziehen, das ihm so dermaßen ein Bein stellen will. Und es geht nicht anders. die Vorlage will es so. Aber auch mit Hut aus der Faschingsabteilung von Karstadt und einem überdimensionalen Plastikschwert mit Glitzersteinchen strahlt der Mann so viel Coolheit und Bedrohlichkeit aus, dass um ihn eigentlich der Ozean zufrieren müsste. Wow.

Na, wird denn auch gekämpft?

Wir erinnern uns: One Piece ist ein Shonen-Manga. Da wird gekämpft bis zum Überdruss, ein Duell kann sich gut und gern mal über ganze Kapitel hinziehen. Und die Kampfskills sind ein wichtiger Aspekt der Persönlichkeit. Die Netflix-Serie bricht auch das auf ein erträgliches Maß herunter. Selbstverständlich sind die Kampfzenen Höhepunkte eines Story Arcs, wenn man Mackenyu mit Schwertern in der Hand oder Taz Skylar mit seinen Kampf-Kicks sieht, weiß man, dass die beiden ihre Figuren verstanden haben. Man akzeptiert sogar den offensichtlichen Blödsinn der Vorlage. Ein drittes Schwert zwischen den Zähnen ist einfach nur nutzlos, schon im Manga und umso mehr ein reales Schwert zwischen realen Zähnen. Aber das gehört halt dazu und die Kampfchoreographie ist so gut, dass sie es plausibel aussehen lässt. Auch wenn … ach, egal. Das ist halt Zorro. Wenn ein Realfilm diesen Punkt erreicht, dann hat er alles richtig gemacht. Ruffys CGI-generierte Gummifäuste funktionieren auch gut, vermutlich, weil sie recht sparsam eingesetzt werden und somit offen gelassen wird, wie stark er damit eigentlich ist. Immer nur gerade so stark wie der nächste bedrohliche Gegner von monumentaler Schurkenhaftigkeit, klar. Aber diese Erkenntnis aus dem Drehbuchmeeting muss man erst einmal überzeugend umsetzen und dabei nicht als offensichtlich durchscheinen lassen. Zum Glück klappt das. Insgesamt sind die Kämpfe kurz und knackig und lassen viel Raum für Storytelling und Charakterentwicklung. Ein ganz großes Duell der Vorlage fehlt völlig, vermutlich zum Unmut der Altfans, die sich auf Don Krieg gefreut haben. Dafür haben Ruffys Kameraden, eigentlich alle exzentrische Einzelgänger, mehr Zeit zueinander zu finden und darum geht es schließlich. Gute Entscheidung.

Ja, aber die Lore?

In über tausend Kapiteln sammelt sich ein Gebirge von Hintergrundinformationen an, die von Fans begierig aufgesogen werden und Neulinge dauerhaft einschüchtern können, denn soviel Input kann man einfach nicht auf einmal verarbeiten. Eiichiro Oda hat immerhin über 25 Jahre daran herumgebastelt. Die Netflix-Serie löst das, indem sie konsequent ganz am Anfang anfängt, wenn die Figuren kaum mehr wissen als die Zuschauer und die Informationen über diese riesige Welt peu à peu verteilt werden, wenn es gerade relevant ist. Der Neuling hat mit Teufelsfrüchten und Telefonen, die Schnecken sind, schon genug zu tun. Man merkt jedoch, dass die Verantwortlichen sehr genau über die Detailfülle von Odas Archipel bescheid wissen, Ostereiersuche lohnt sich. Das Märchen, das an Zorros Krankenbett erzählt wird, passt in mit seiner traurigen Merkwürdigkeit in die Szene gut hinein, ohne dass man wissen muss, das es in einem späteren Story Arc noch eine große Rolle spielen wird. Dabei huscht die Serie in acht Folgen flink durch 61 Anime-Episoden und ein halbes Dutzend kleine Handlungsbögen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Anfangs ist Ruffy allein. Am Ende hat er eine Mannschaft. Dass da so manche Nebenfigur rausfällt oder aber mehr Aufmerksamkeit bekommt, als ihr der Manga zu diesem Zeitpunkt schenkt, mag die Fans ärgern, für die schon der Schritt von Manga zu Anime zu viel ist, weil da Veränderungen vorgenommen werden, die sie nicht persönlich abgesegnet haben. Aber für das Tempo und das Storytelling ist es genau richtig und macht Lust auf mehr.

Fazit

Warum muss man eigentlich einen Stoff in ein anderes Medium zerren, wenn er da, wo er entstanden ist, genau richtig ist? Und das Ergebnis so böse scheitern kann? Selbst Disney bekommt für die Realfilm-Adaptionen seiner Zeichentrick-Klassiker jede Menge Prügel. Teuer ist es außerdem. Lohnt sich das? Mit One Piece hat Netflix es geschafft, diese Frage zu beantworten: Ja, das kann sich lohnen. Wenn man auf die Zuschauerzahlen schaut, auf jeden Fall. Wenn man durch Reviews blättert, auch. Weil es ein altvertrautes Franchise mal ganz anders aussehen lässt und neue Begeisterung generieren kann. Wenn man denn den richtigen Ton trifft. Glückstreffer? Oder kompetente Leute am Werk? Einschließlich Beratung durch Eiichiro Oda? Ich jedenfalls hätte nicht gedacht, dass ich jemals wieder One Piece mit Begeisterung anschauen würde, wie damals in den frühen 2000ern, als ich dank One Piece verstanden habe, wie das aufregende Phänomen Manga und Anime funktioniert. Hoffentlich entscheidet sich Netflix für Staffel 2, 3, 4 und so weiter und dampft Odas zunehmend langwierigere Story Arcs auf flotte Achtteiler ein. Da wäre ich auf jeden Fall mit dabei.

© Netflix

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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Totman Gehend
Mitglied
7. Oktober 2023 11:50

“Das ist halt Zorro. Wenn ein Realfilm diesen Punkt erreicht, dann hat er alles richtig gemacht.”

That’s it! Alles steht und fällt mit der wohlwollende Akzeptanz, die so ne Adaption hervorrufen muss, damit diese völlig überdrehte Story als Live Action zieht. Und One Piece ist die erste Adaption, die diese Akzeptanz bei mir hervorkitzelt (von GitS mal abgesehen, aber das ist auch ein anderes Genre. Und bodenständiger).

chianna
Redakteur
12. Oktober 2023 12:14

Zugegeben, ich hatte ein bisschen Angst davor, mir die Live Action anzusehen, denn außer Bleach hat mich bislang nichts aus diesem Bereich überzeugen können. Ja, es ist ungemein schwierig, die Charaktere aus dem Medium Manga und Anime in “echte” Personen umzuwandeln, die glaubhaft herkommen. Zu meiner Erleichterung hat die Live Action das ungemein gut gemacht. Keine tropfenden Nasen, keine herumfliegenden Herzchen, keine riesigen Unterschiede in der Körpergröße etc., dafür charakterlich nach der achten Episode schon Tiefen, die die Vorlage erst langsam aufgebaut hat. Ruffys Akzeptanz für die Wünsche und Träume anderer zieht die Leute in seiner Umgebung – und mich als Zuschauerin – total an. Sie können in seiner Crew sein und doch sich selbst treu bleiben, so wie Ruffy sich selbst treu bleibt, auch wenn es weh tut.

Ein riesiger Applaus für die Auswahl der Schauspieler und Schauspielerinnen sowie deren Leistungen! Sie machen die Charaktere von Manga und Anime lebendig, greifbar, wobei Ruffy etwas ernster und Buggy etwas psychopathischer auf mich wirken als in der Vorlage. Sanjis Anhimmelei von weiblichen Wesen ist zum Glück deutlich entschärft, seine Anmachsprüche reichen aber auch absolut aus, da braucht es nicht mehr. Lysopp hat einen ganz eigenen, zerbrechlichen Charme, Nami ist unter ihrer harten Schale butterweich, Zorro für seinen fehlenden Richtungssinn sehr zielstrebig. Arlong braucht keine riesige Gestalt, um fies und bedrohlich zu wirken, sein böses Grinsen und Gelächter wirken ebenso. Mihawk ist ausreichend gelangweilt, bis Ruffy und Zorro sein Interesse wecken. Shanks als Vorbild für Ruffy kann sich sehen lassen. Garp ist eine Naturgewalt, Coby der ängstliche Held, der noch nicht gerade stehen kann, Helmeppo ein Großmaul, und beide zusammen ein Team, das sich prima ergänzt. Und und und …

Oh, und ein Dankeschön, dass die Szenen, die bei den Fans von One Piece unauslöschbar im Gedächtnis verankert sind, so detailgetreu übernommen wurden!

Last edited 6 Monate her by chianna