Freies Land

Atmosphärisch eingefangene Landschaften in der tiefsten Provinz, wo die Menschen wortkarg und die Geheimnisse tief verbuddelt sind, ein Ermittlerduo mit einer komplexen Beziehung … das muss doch True Detective sein? Nicht ganz. Freies Land von Christian Alvart (Dogs of Berlin), der auch schon so manchen Tatort abgeliefert hat, ist ein deutscher Krimi, der sein ungleiches Ermittlerpaar in ein Mecklenburg-Vorpommern von 1992 schickt. Im Nachwende-Blues wundert es niemanden, wenn die Dorfmädchen eine nach der anderen aus dem verödeten Dorf verschwinden. Aber sind sie wirklich alle in den Westen aufgebrochen? Seit dem 23. Juli 2020 ist Freies Land auf DVD und Blu-ray zu haben.

Kommissar Stein (Trystan Pütter, Toni Erdmann) kommt aus Hamburg. Kommissar Bach (Felix Kramer, Dogs of Berlin) kommt aus Görlitz. Beide sollen in einem abgelegenen Dörfchen Löwitz das Verschwinden zweier Mädchen untersuchen. Stein fühlt sich in den Osten strafversetzt und fremd, Bach ist in der ostdeutschen Provinz in seinem Element. Stein ist weder ein guter Schütze noch ein Kämpfer, Bach ist brutal, aber leutselig und hat eine dunkle Vergangenheit. Aber er weiß, wie man den Einheimischen ein paar Wodka spendiert und Informationen entlockt. Gemeinsam versuchen die Ermittler, das Verschwinden der Mädchen zu ergründen, das die Einwohner nicht besonders zu berühren scheint. Flittchen eben. Wollten wohl raus aus dem Dorf, nach München oder Berlin. Doch da werden zwei verstümmelte Frauenleichen gefunden. Und auch in den vergangenen Jahren sind Mädchen spurlos verschwunden. Und was geht in dem alten Jagdhaus vor, in das der Dorfschönling Charlie (Ludwig Simon, Babylon Berlin) seine Freundinnen mitnimmt?

Hommage und Remake

Originaltitel Freies Land
Jahr 2019
Land Deutschland 
Genre Mystery, Thriller
Regie Christian Alvart
Cast Patrick Stein: Trystan Pütter
Markus Bach: Felix Kramer
Katharina Kraft: Nora von Waldstätten
Richy Horn: Ben Hartmann
Kalle Möller: Marc Limpach
Charlie: Ludwig Simon
Laufzeit 129 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 23. Juli 2020

In Freies Land steckt nicht nur eine gute Portion True Detective. Es ist auch ein Remake des preisgekrönten spanischen Films Mörderland (“La Isla Minima“) aus dem Jahr 2014. Warum es wohl eine gute Idee ist, einen Film, der nur ein paar Jahre und ein europäisches Land entfernt ist, fast Satz für Satz und Bild für Bild zu kopieren? Offenbar hat das deutsche Publikum, auch das, das statt gewohnter Fernsehkrimi-Kost etwas Besonderes sucht, das europäische Filmschaffen nicht so sehr im Blick, dass es sich daran stören würde Auf jeden Fall funktioniert das Umtopfen des Stoffs aus einem Spanien kurz nach der Franco-Zeit in die ostdeutsche Provinz kurz nach dem Ende der DDR ganz wunderbar. Die gleiche Umbruchstimmung, die in der Provinz nur Verbitterung und Perspektivlosigkeit produziert, die gleichen stimmungsvollen Bilder des Verfalls, ob nun in der flirrenden Hitze Spaniens oder im winterlichen Meck-Pomm. Skurril-knorrige Gestalten, ausdrucksvolle Gesichter, sparsame Dialoge. Und diese großartigen Landschaftsaufnahmen aus der Vogelperspektive, die auch Mörderland das True Detective-Gütesiegel eingebracht haben. Wenn da etwa in der Kläranlage irgendwo hinter Greifswald der Klärschlamm in vielen kleinen Becken die gleichen ästhetischen Strudelmuster bildet. Da kann einem die Frage nach dem Täter schon fast egal werden.

Die neuen Bundesländer und das Kino

Gut 30 Jahre nach dem Mauerfall gab es schon genug Gelegenheiten, die DDR und ihr Hinterlassenschaften in Film und Fernsehen zum Thema zu machen. Mal als Komödie, wie Goodbye Lenin!, mal als Geschichtsaufarbeitung wie Weissensee. Auch Freies Land reißt eine Menge zeitgeschichtlicher Themen an: die Orientierungslosigkeit nach dem Ende der DDR, Arbeitslosigkeit, verödete Dörfer,westliche Investoren mit dubiosen Absichten, Schmuggel an der polnischen Grenze, Stasi-Vergangenheit. Aber das ist nicht der Mittelpunkt des Films, sondern wirkt nur am Rand der Handlung auf den Krimi-Plot ein. Und sorgt für die düstere Atmosphäre, so wie die Graffiti-übersäten Industrie-Brachen und die verlassenen Häuschen im verschneiten Flachland, zwischen denen die beiden Ermittler ihren Verdächtigen nachjagen. Ein Regionalkrimi also. Was böse schiefgehen kann, wenn der Schauplatz zur bloßen Kulisse verkommt. Oder der Krimi nicht vorankommt, weil es eigentlich um den Ort geht. Hier geht das Konzept auf.

Good Cop, Bad Cop

Ein Kommissar aus dem Osten und einer aus dem Westen. Der Ossi hält den Wessi für ein ortsfremdes Weichei. Der Wessi hält den Ossi für einen brutalen Schläger mit dunkler Vergangenheit. Beide haben nicht Unrecht. So weit, so schematisch. Aber dann müssen sie doch zusammenarbeiten. Den Ost-West-Konflikt arbeiten sie in einem knappen Dialog ab, in dem sie sich gefühlt ein halbes Dutzend Phrasen der Neunziger um die Ohren hauen. Dann rutscht das Thema in den Hintergrund, denn sie haben einen Fall zu lösen und sind aufeinander angewiesen. Das Prinzip “Good Cop, Bad Cop” funktioniert immer wieder gut. Und sie entwickeln sogar einen Draht zueinander, denn bei allen Differenzen klappt die Zusammenarbeit, der eine weiß, wie die Einheimischen ticken, der andere hat den Blick von außen. Der Westler ist zögernd gewillt, ein Auge zuzudrücken, der Ostler ist zwar ein Schläger, aber kein Kollegenschwein. Bis die Vergangenheit sie doch wieder einholt. Nicht originell, aber ordentlich konstruiert.

Solider Krimi-Plot

Der Fall, den das ungleiche Duo zu lösen hat, wirkt nur am Anfang undurchschaubar. Dann überrascht er durch seine Widerwärtigkeit. Doch schließlich wird ordentlich ein Indiz nach dem anderen gesammelt und abgearbeitet. Ein Kettenanhänger. Ein Aufkleber. Ein Faltblatt. Ein Detail auf einem Foto. Eine Spielzeug-Kamera. Lauter Puzzlesteinchen, die alle an ihren Platz geschoben werden und irgendwann ist das Bild da. Solide Krimi-Arbeit also. Mitraten funktioniert nur bedingt, da die Informationen nur allmählich preisgegeben werden und nicht alle Protagonisten von Anfang an präsent sind. Aber eine wirkliche Überraschung ist die Auflösung nicht. Auch der finale Twist, der weniger den Fall betrifft, als die beiden Ermittler, sorgt zwar für einen bösen Schlussakkord, aber überraschen mag er auch nicht. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht die Absicht des Films mit Überraschungen zu punkten.

Fazit

Freies Land bekommt für die Optik auf jeden Fall volle Punktzahl. Für die eisig-bedrückende Atmosphäre auch. Ansonsten ist es ein wenig riskant, sich so nah an eine Erfolgsserie heranzukuscheln, weil das die Erwartungen gewaltig in die Höhe treibt. Was Krimi-Plot und Charaktere angeht, hätte da noch eine Schippe drauf gehört, um an True Detective heranzukommen. Denn was da an deutscher Geschichte die beiden Ermittler zusammenbringt und trennt, das ist bei näherem Betrachten recht vorhersehbar, auch wenn die beiden Schauspieler ordentliche Leistungen abliefern. Und auch der Fall ist recht geradlinig. Eine Mordserie, ein Haufen Indizien, eine Auflösung, ein Täter. Für Krimi-Muffel wie mich der uninteressanteste Teil des Films. Aber dafür gibt es erstarrte Sumpflandschaften und verstaubte Ost-Interieurs und den verängstigt-schuldzerfressenen Blick von Nora von Waldstätten (Die wilde Maus). Das lohnt schon einen Fernsehabend.

© Telepool GmbH

Seit dem 23. Juli 2020 im Handel erhältlich:

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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