High Life

Lesezeit: 5 Minuten

Das Weltall fasziniert den Menschen. Nirgendwo liegen Schönheit und Dunkelheit, Leben und Tod so dicht beieinander. Auch im hohen Alter von 70 Jahren ist die Französin Claire Denis (Meine schöne innere Sonne) beeindruckt von diesem Dualismus. Eigentlich im Arthouse unterwegs, wagt sie sich mit High Life in ein für sie neues Genre: Science-Fiction und das gleichzeitig als ihr erster englischsprachiger Film. Und lässt dort ihre Lebenserfahrung einfließen. Dass die Geschichte an Bord eines Raumschiffes spielt, ist dabei nur nebensächlich und liefert lediglich die entsprechenden Rahmenbedingungen, um ein zwischenmenschliches Feuerwerk abzufackeln. Erst nach und nach entfaltet sich die melancholische Geschichte über Menschlichkeit. Sofern man davon überhaupt sprechen kann … Mittendrin: Robert Pattinson (Good Times) in einer seiner besten Rollen.

  

In einer nicht näher definierten Zukunft werden Straftäter zu Zwecken der Forschung genutzt und per Raumschiff ins All geschickt. Das Ziel: Die Erkundung eines schwarzen Lochs als Energiequelle. An Bord eines namenslosen Schiffes hat die Ärztin Dr. Dibs (Juliette Binoche, Ghost in the Shell) die Aufsicht über Monte (Robert Pattinson, Remember Me), Boyse (Mia Goth, A Cure for Wellness) sowie weitere Crewmitglieder. Mittlerweile ist der Funkkontakt zur Erde völlig abgebrochen, sodass die Rückkehr zur Erde aussichtlos erscheint. Zudem steuert das Schiff auf ein schwarzes Loch zu und es ist ungewiss, wie lange die mehr oder weniger freiwilligen Passagiere noch überleben werden. Schritt für Schritt wird offengelegt, welche Einzelschicksale die Crewmitglieder auf dem Himmelfahrtskommando erleben müssen…

Die Eigenlogik der Sexualität

Originaltitel High Life
Jahr 2019
Land Deutschland, Frankreich, USA
Genre Drama, Science-Fiction
Regisseur Claire Denis
Cast Monte: Robert Pattinson
Dibs: Juliette Binoche
Techerny: André Benjamin
Boyse: Mia Goth
Nansen: Agata Buzek
Chandra: Lars Eidinger
Mink: Claire Tran
Willow: Jessie Ross
Laufzeit 113 Minuten
FSK

High Life nähert sich dem Zuschauer auf vielen Ebenen an. Das geschieht in erster Linie über die Bildsprache, da die Dialogpassagen nur auf das Nötigste reduziert sind. Für weitere Intimität sorgt die Kameraführung, die den Zuschauer unheimlich nahe an die Figuren herantreten lässt – auf eine groteske und unangenehme Weise. Häufig stehen einzelne Körperteile im Vordergrund und wann immer es nackte Haut zu sehen gibt, sind wir dabei. Dass Sexualität in einer solchen Ausnahmesituation unter ganz anderen Bedingungen erlebt wird, versteht sich von selbst. Wir bekommen hier allerdings keinen Softporno mit attraktiver Besetzung vorgesetzt. Im Gegenteil: Das Personal dieses Films ist kraftlos, heruntergekommen, blass und auch geistig am Ende. Die Stimmung fällt bereits durch die langen und dünnen Gänge klaustrophobisch, nahezu erdrückend aus. Kommen dann noch Trostlosigkeit und Melancholie hinzu, ist es nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand ein Ventil benötigt. Was treibt uns an, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt? Wie kommt es, dass manche Menschen trotz widriger Umstände Hoffnung besitzen können? Je länger die Insassen zusammengesperrt sind, desto intensiver und spannungsgeladener wird das Zusammenleben. Sie fallen übereinander her, mal körperlich, mal verbal. Das Spektrum der Crew reicht von Askese bis hin zu Vergewaltigungsvorhaben. Und so wird die Polsterung des sozialen Verhaltens Schicht um Schicht gelöst, bis Würde und Respekt nicht mehr vorhanden sind.

Morbide Poesie

Eines der ersten und bedeutendsten Worte des gesamten Films: “Tabu”. Es beschreibt den Film völlig zutreffend, denn hier werden Tabus fortlaufend gebrochen. In punkto Autorität, Menschlichkeit und Verantwortung gegenüber anderen Mitmenschen. Ebenso irritierend ist da die Tatsache, dass die schönste Szene des Films Leichen zeigt, die durch das All treiben. Wie weit wir uns tatsächlich in der Zukunft befinden, bleibt unklar. Spekuliert werden kann nur aufgrund des gesellschaftlichen Kontexts, den Forschungszielen sowie einem äußerst bizarr anmutenden Gerät. Die “Box” ist eine Kammer, die der sexuellen Stimulierung dient, Spannungen löst und Körpersäfte in sich aufnimmt. Eher marginal fällt der gesellschaftliche Kontext aus: Der Standpunkt der Outlaws ist gesetzt, mehr über die Menschheit zu jenem Zeitpunkt erfahren wir allerdings nicht. Wie die Zivilbevölkerung tickt, wie viele Straffällige noch im All unterwegs sind oder nach welchen Gesichtspunkten Begleitpersonal ausgewählt wird, bleibt im Verborgenen. Ohnehin müssen wir uns vieles selbst zusammenpuzzlen: Die Regisseurin bedient sich Flashbacks, um die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen und so erfahren wir schon zu Beginn, wer die Mission überlebt. Einen großen Spoiler gibt es gleich zu Beginn, den wir an dieser Stelle nicht aufgreifen möchten.

Kein Horror, kein Splatter, keine Action – stattdessen menschliches Drama

In seinen Grundzügen besitzt High Life eine Menge DNA von Ridley Scotts Alien. Klaustrophobie, seelische Abgründe, weite Welten. Nur actionreiche, fesselnde oder gar unheimliche Momente bleiben fern. Keine Schnörkel, keine Wendungen – vielen Zuschauern werden Eckpunkte des konventionellen Kinos fehlen. Und auch Antworten auf alle Fragen bleibt der Film einem schuldig. Freunde genretypischer Weltraumschlachten wird ebenfalls nichts geboten. In gewisser Weise ist der Weltraum fast schon ein austauschbarer Hintergrund; der Film könnte ebenso in einem Keller spielen. Der kühle Look des Inneren dominiert und Außenaufnahmen sind rar gesäht. Dafür suhlt sich das Drehbuch umso mehr im zwischenmenschlichen Dreck. Was gibt es auch schönzureden? Dieses Raumschiff ist schließlich gleichermaßen Forschungsstation, Irrenhaus und fliegender Sarg. In seinen philosophischen Grundzügen steht High Life ganz in der Tradition von Solaris und 2001.

Robert Pattinson zwischen Überzeugung und melancholischer Selbstaufgabe

Robert Pattinson muss öffentlich noch immer gegen das auf ewig an ihm haftenden Image des glitzernden Twilight-Vampirs ankämpfen. Dass er längst einen Katalog beeindruckender Rollen aufbauen konnte, haben die wenigsten mitbekommen. In High Life mimt er einen Charakter,  dem wir Sympathie entgegenbringen. In einer angenehmen Zurückhaltung, die ihn ein Stück weit überlegen und weise wirken lässt. Nicht minder präsent ist Juliette Binoche. Ihre rationale Figur gibt sich immer wieder ungesunden Emotionen hin. Dies in Verbindung mit ihrem knochigen Körper und dem langen wallenden Haar lässt sie wie eine Mischung aus Wissenschaftlerin und Ärztin wirken. Denis und ihre Ko-Drehbuchautoren Jean-Pol Fargeau und Geoff Cox entwerfen ihre Figuren rudimentär, doch das reicht im Rahmen der Geschichte völlig aus. Auch über das, was nach Filmende geschieht, kann man noch weiter spekulieren. Montes Tochter Willow altert angesichts der Nähe zum Schwarzen Loch schneller als auf der Erde und wird dadurch zu einer jungen Frau. Die Nähe zu ihrem Vater wird zu einer unheimlichen Frage, die mitten ins Herz geht.

Fazit

Claire Denis verwebt Schmutz und Körperlichkeit mit dem Kunstkino. High Life ist fesselndes Erlebniskino und Herausforderung zugleich: Kein Science-Fiction-Film, der mit vielen Außenaufnahmen glänzt und Action ist hier sowieso nicht gegeben. Es zählt alleine das menschliche Drama. Das Mainstreamkino interessiert Denis ohnehin nicht, Spannung als Stilmittel ist nicht vorhanden, von Helden und Pathos felt jegliche Spur. Ein völlig entrückter Science-Fiction-Film, der nur diejenigen begeistern wird, deren Schwerpunkt auf Charakterrollen liegt. Ein Fest für jeden Psychoanalytiker. Eines der Meisterwerke von morgen.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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