Orange

Lesezeit: 5 Minuten

Reue sitzt meist tief. “Was wäre wenn” Szenarien, um vergangen Fehler zu korrigieren, sind da meist nicht fern. Was, wenn man einem jüngeren Ich Warnungen aus der Zukunft übermitteln könnte, um dramatische Ereignisse zu verhindern? Orange dreht sich genau darum. Basierend auf dem gleichnamigen Manga (veröffentlicht bei Carlsen Manga), erschien 2016 in Japan die Anime-Adaption. Diese geht inhaltlich zwar keine neuen Wege, aber hat dennoch ein paar andere Nuancen auf Lager.

   

Eine Gruppe junger Erwachsener gräbt eine Box aus ihrer Schulzeit aus, in die sie Briefe an ihre zukünftigen Ichs gelegt hatten. Viel ist in der Zwischenzeit passiert, als sie auf ihre gemeinsame Vergangenheit zurückblicken. In einer Vergangenheit zu ebendieser Schulzeit bekommt Naho Post, die laut dessen Inhalt angeblich aus der zehn Jahre fernen Zukunft kommt – von ihr selbst! So unglaubwürdig es auch klingt, es ist ihre Schrift, ihre Tagebuch Schreibstil und vor allem bewahrheiten sich die Ankündigungen darin. Naho liest den Brief nur zaghaft, doch ist der Inhalt unglaublich wichtig: Ein Schicksalsschlag bahn sich an, der ihr Leben und das ihrer Freunde nachhaltig beeinflussen wird.

Show Don’t Tell par excellence…

Originaltitel Orange
Jahr 2016
Episoden 13
Genre Drama, Romanze, Science-Fiction
Regisseur Hiroshi Hamasaki
Studio TMS Entertainment

Das größte Zugpferd der Anime-Adaption ist eindeutig die Regie, die auch mit Budget Restriktionen und damit einhergehenden gehäuften Standbildern wirksam umgeht. Hiroshi Hamasaki hat zuvor bereits in Werken wie Steins;Gate und Texhnolyze bewiesen, dass er sein Handwerk versteht. Konzeptionell hat Orange auch sehr viel Material, das verschiedenste Arten von Stimmungsbildern visuell vermitteln kann: Sei es die Lebhaftigkeit anderer Menschen um einen herum oder die bittersüße Wärme, die die erste Liebe mit sich bringt. Oder trübere Seiten des Lebens, die in Orange mit dem Cast aus der Zukunft und deren schockierenden Realisationen oder den Unsicherheiten der Vergangenheit reingebracht wird. So zieren Schaumblasen eine Szene, die sich um die Flüchtigkeit des Lebens dreht, während glückliche Momente eine Montage verschiedener Standbilder sind, die den Eindruck von Schnappschüssen vergänglicher Momente festhalten. Framingtechniken nutzen Zäune, Schatten, Gebäudebalken im Bild als auch scharf-winklige Perspektiven und Beschränkungen des Blickfelds, um regelmäßig eine bedrückende Stimmung zu erzeugen. In der Zukunft ist die trübe Stimmung das Ergebnis der verpassten Gelegenheiten. In der Vergangenheit kommt die Stimmung aus der Angst, trotz besseren Wissens keine Änderung zu bewirken. Mit Kakerus Depression und gelegentlichen Einblicken aus seiner Perspektive, finden sich auch visuell ansprechende Sequenzen, in der die Realität schier surreal erscheint. So wird z.B. eine einfache Szene, in der Kakeru zum Getränkenautomaten geht, durch einen Tiefeneffekt des Hintergrunds zu einer subtilen Charakterisierung seiner Unsicherheit und Entfremdung. Mit Suwa kommt noch ein ansprechender Zwiespalt hinzu, sich oder andere vorne hinzustellen.

… trifft auf generische Shoujo-Dialoge

Da der Anime seiner Manga-Vorlage treu folgt, kann die kompetente Regie leider nicht über die Mängel der Handlung hinwegtäuschen. In vielen Instanzen werden diese gar dezent verschlimmert. Orange baut vor allem auf Stimmung, die durch Monologe erzeugt wird. Im Manga reihen sich diese Texte auch gut neben den Briefen ein, weil sie ebenso ein schriftliches Medium sind. Der Anime nutzt hingegen die visuellen Möglichkeiten und vermittelt viele dieser Gefühlslagen und Charakterzüge ganz ohne Worte. Oft bereits lange bevor sie sich in Gedanken oder Dialogen als Worte noch einmal manifestieren. Das erzeugt jedoch mehrfach redundante Wiederholungen, wie z.B. wenn Naho als eine Figur mit mütterlichen Charakter vorgestellt wird oder Kakerus wiederkehrende Probleme seine Gefühlswelt mit der Außenwelt zu teilen. Wenig hilfreich ist ebenfalls die Tatsache, dass für die Charakterisierung viele Klischees zum Einsatz und selbst die Hauptfiguren bestenfalls zweidimensional daher kommen: Naho erfüllt jedes Trope des schüchternen japanischen Hausmütterchens in spe. Die Zubereitung und Übergabe des selbstgemachten Bentos wird zu einem großen emotionalen Höhepunkt stilisiert. Das Scheitern der Übergabe eines einfachen Radiergummis ist genug, um sie aus der Bahn zu werfen. Eine arrogante Schnepfe darf nicht fehlen, die dem Näherkommen des Paares Steine in den Weg legt. Begründung? Blanke Eifer- und Selbstsucht durch Eitelkeit, die einfach da ist. An einer Stelle wird Kakeru vorgeworfen, er solle mit seinen Freunden doch über seine Gefühle und Probleme reden. Doch auch diese eigentlich konstruktive Aufforderung wirkt nicht mehr als das nächste Shoujo-Bauklötzchen, da selbst die nicht-depressiven Figuren kaum imstande sind miteinander direkt zu kommunizieren. (Und wenn, dann an mehreren Stellen komplett Off-Screen.) Ein seriöses Gespräch über ein Problem findet kaum statt. So wird zwar professionelle, psychologische Hilfe ein-, zweimal erwähnt, aber von niemanden ernsthaft in Erwägung gezogen. Eine der Hauptfiguren hat sogar eine kleine Schwester, die zwei Auftritte hat und nur dafür da zu sein scheint, damit Erstere eine Standardreaktion abgeben kann.

Fazit

In Orange treffen sich zwei Extreme: Die visuell subtile Erzählebene deutet dem Zuschauer an, dass man ihm Beobachtungsgabe, Aufmerksamkeit, und Intelligenz zutraut. Dem gegenüber stehen die Figuren und Dialoge, die einem bei jeder Gelegenheit selbst die einfachsten Dinge verbal unter die Nase reiben. Und das mehrfach. Schaut man nur den Anime könnte man fast meinen, dass der Anime-Staff unbedingt auf Nummer sicher gehen will und einen dabei für dumm verkauft. Tatsächlich aber sind die Interaktionen schon in der Vorlage so geartet, dass sie auch aus jedem anderen 01815-Shoujo an der High School kommen könnten. Die Konstellation Naho und Kakeru als primäre Protagonisten die Handlung schultern zu lassen ist zusätzlich unglücklich, da es sich bei beiden um ausgesprochen passive Figuren handelt und an vielen Stellen die Handlung dadurch auf der Stelle zu treten scheint. Das fällt in einem Anime sehr viel schneller auf als in einem Manga, bei der man die Lesegeschwindigkeit selbst bestimmen kann. Die Zeitreisemechanik und Trennung zwischen dem Konzept einer Zeitlinie vs. Parallelwelten wird nur sehr grob angeschnitten. Und bei der Thematisierung des Großvater-Paradoxons als Problem von Zeitreisen, wird dem Zuschauer nicht einmal dessen Namensnennung zugetraut. Alles in allem ist Orange unterm Strich aber durchaus sehenswert. Die Prämisse mit den Briefen aus der Zukunft ist schon sehr anziehend und solch genussvoll visuell hochwertiges Handwerk ist gerade bei der Masse an generischen Animetiteln selten genug anzutreffen. In Deutschland ist der Anime noch nicht erschienen, doch ist die amerikanische Ausgabe auch für den europäischen Regionalcode freigeschaltet. Wer sich auf Deutsch beschränken möchte, kann auf den Manga zurückgreifen oder als Anime-Serienalternative bei Steins;Gate vorbei schauen. Ebenfalls angesiedelt im Zeitreisegenre und von den kompetenten Händen Hiroshi Hamasakis adaptiert, werden gerade die ärmlichen Abteilungen Oranges dort als unübersehbare Stärken ausgespielt. Wer an den emotionalen kitschig-angehauchten romantischen Aspekten Oranges und den Briefen gefallen findet, wird mit dem visuell veredeltem Violet Evergarden ohne Zweifel auch sehr gut bedient.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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