What if…? (Staffel 1)

Spider-Man: A New Universe hat es im Kino vorgemacht, bei Loki in der Serie und in den Comics ist es schon etliche Male aufgetaucht: das Multiversum. Die erste animierte Serie des Marvel Cinematic Universe hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als Fragen aufzuwerfen, die nie gestellt wurden. Das Ziel: anschließend Antworten darauf liefern und gleichzeitig noch dem Reihen-Canon angehören. Dabei entstand mit der ersten Staffel eine Mini-Serie mit neun Episoden, welche zunächst wie willkürlich erzählt wirken – doch wie immer bei Marvel steckt ein großer Plan dahinter. Noch ehe die Staffel Anfang Oktober auf Disney+ endete, war eine Fortführung für 2022 längst bestätigt. Wir haben die Serie zudem mit einem Episodenguide begleitet. 

Wächter sind die älteste Rasse des Universums und dienen dem Zweck, das Universum zu beobachten und Informationen zu sammeln. Es ist ihnen untersagt, in die Geschehnisse einzugreifen. Der Wächter Uatu observiert die Entwicklungen mehrerer Multiversen. Er ist zwar sehr mächtig und könnte ohne weiteres einen Planeten zerstören, allerdings darf er diese Kraft nur nutzen, wenn sein eigenes Leben bedroht wird. Wird er bei der Beobachtung der Universen gegen seinen Eid verstoßen?

Animationsdebüt für das MCU, nicht aber für Marvel

Originaltitel What If…?
Jahr 2021
Land USA
Episoden 9 in Staffel 1
Genre Action
Cast Uatu: Jeffrey Wright
Peggy Carter: Hayley Atwell
Black Panther: Chadwick Boseman
Nick Fury: Samuel L. Jackson
Doctor Strange: Benedict Cumberbatch
Thor: Chris Hemsworth
Loki: Tom Hiddleston
Hulk: Mark Ruffalo
Nebula: Karen Gillan
Ultron: Ross Marquand
Seit 6. Oktober 2021 vollständig auf Disney+ verfügbar

Was heute Animationsserien sind, die überwiegend an Computern entstehen, waren in den 1990ern noch Cartoons. Wovon insbesondere jüngere Fans des Marvel Cinematic Universe nichts wissen, ist die lange Historie von Marvel Television, welches neben vielen Realserien auch Zeichentrickserien (oder im Internationalen eben Cartoons) zu Spider-Man, Iron Man oder den X-Men hervorbrachte. Obwohl Marvel Television und Marvel Studios zur selben Gesellschaft zählten, handelte es sich um zwei unterschiedliche Abteilungen, die 2019 unter Marvel Studios-Präsident Kevin Feige zusammengeführt wurden. Jeglicher Output in Serienform dient nun Disney+ und ist somit auch fester Bestandteil der jeweiligen Phase des Marvel Cinematic Universe. Die MCU-Grundlage für What if…? bildet die letzte Folge von Loki, welche die Existenz des Multiversums bestätigt. Damit die Geschichten nicht lose für sich stehen, nimmt der Wächter Uatu (Stimme: Jeffrey Wright) die Rolle des allwissenden Erzählers ein. Eine kosmische Existenz, die das Geschehen der Zeit nur beobachten und kommentieren, nicht aber darin eingreifen darf.

Mehr als nur eine Sammlung von Kurzgeschichten

Uatus einzigartige Position in der Kosmologie von Marvel Comics gab ihm eine unwahrscheinliche Rolle als Gastgeber von Marvel Comics Was wäre, wenn…? Comic-Reihe. Die erstmals 1979 erschienene Reihe diente nur teilweise als Vorlage für die Serie. Insgesamt 30 verschiedene Ideen wurden erarbeitet, aus denen 25 von Kevin Feige ausgewählt wurden. Unter anderem konnte die Mighty-Thor-Geschichte, in der Jane Foster den Hammer schwingt, nicht in verwendet werden, da sie bereits im Drehbuch des für das Jahr 2022 angekündigten Kinofilms Thor: Love and Thunder genutzt wurde. Dafür erhielten andere Comic-Erzählungen wie etwa Marvel Zombies Einzug in die Serie. Die erste Staffel war ursprünglich auf zehn Episoden ausgerichtet, wovon eine kurz vor Abschluss noch einmal für die zweite Staffel zurückgezogen wurde. Dadurch entsteht eine kleine, im Gesamtkontext jedoch unschöne Lücke, die im Finale nicht das Auftreten einer bestimmten Figur erklären kann, auch wenn man das aufgrund der sich zuspitzenden Dramatik nicht zwingend hinterfragt. Während die erste Hälfte noch den Anschein erweckt, einfach ein buntes Potpourri darzustellen, folgt im letzten Drittel eine zusammenhänge Narrative, welche die Einzelgeschichten in einen Kontext setzt. Plötzlich entsteht wieder ein Gefühl wie einst bei Avengers: Infinity War, wo alles im Finale zusammenläuft.

Tonales Chaos

Die Qualität der einzelnen Folgen variiert. Fans nahmen die einzelnen Episoden unterschiedlich gut auf, wobei in sämtlichen Internet-Umfragen die letzten beiden Folgen das Feld aufgrund ihrer Final-Funktion anführen. Sieht man sich einmal die einzelnen Episoden an, liegen insbesondere Folge 1 (Peggy alias Captain Carter in ihrem bislang heldenhaftesten Auftritt), Folge 2 (eine emotionale Geschichte um T’Challa) und Folge 5 (Zombies) vorne. Die am wenigsten beliebte und wohl auch unspektakulärste Folge (Folge 6) konzentriert sich auf Thor und dessen Party-Exzesse. Das spiegelt in etwa auch wieder, was in diesem Format funktioniert und was nicht: Emotionale Geschichten mit Fallhöhe ziehen, während Banalitäten eher uninteressant bleiben. In fast allen Fällen leiden die Episoden allerdings darunter, dass sie im Zeitraffer erzählt werden, da die originale Storyline bereits bekannt ist und dadurch vieles sprunghaft wirkt. Beispielhaft dafür ist die Folge um Captain Carter, die auf ihr Ziel zurast und dabei die Gelegenheit für nuanciertes Storytelling verpasst. Oder aber Thanos, der so beiläufig entsorgt wird, als wäre er nie eine echte Gefahr gewesen. Betrachtet man die Episoden als Ganzes, läuft vieles in Richtung Wundertüte hinaus: Nicht immer ist klar, worauf man sich nun genau einstellen darf, und nicht selten taucht im Nachhinein die Frage auf, welche Konsequenzen die Geschichte nun für das MCU haben könnte oder ob es beim unterhaltsamen, aber unbedeutenden Fanservice bleibt.

Cellshading-Style als Action-Lösung

Die in Kanada unter Studio Squeeze entstandenen Animationen erweisen sich als geschmeidige und moderne Lösung. Die 3D-Cellshading-Optik mag auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig erscheinen und erinnert entfernt an Spider-Man: A New Universeohne aber derart hochstilisiert zu sein. Der Look ist ein realistischerer, der die Figuren ohne weitere Probleme ihren Originalen zuordnen lässt. In den schnellen Action-Szenen zeigt sich das hohe Budget am besten, auch wenn der Stimm-Cast wohl den einen oder anderen Fan verwirrt. Viele Figuren wurden mit den Stimmen ihrer Originale versehen. Nur ein paar von ihnen (Black Widow, Iron Man oder Captain America) erhielten eine neue, zur Verwirrung oder in manchen Fällen auch zum Ärgernis der Fans. Zum letzten Mal ist auch Chadwick Boseman in der Rolle des Black Panther zu hören. Fast überraschend ist, dass einige Sprecher:innen mit an Bord sind, deren Marvel-Auftritte schon ein wenig in die Jahre gekommen sind. Etwa Geoff Goldblum (Grandmaster), Taika Waititi (Korg), Rachel House (Topaz) oder Josh Brolin (Thanos). Das fühlt sich insgesamt aber erneut sehr rund an und unterstreicht den Charakter des Marvel Cinematic Universe, welches eben das große Ganze abbildet und immer mehr als nur eine Momentaufnahme ist.

Fazit

What if…? lässt sich schlecht als homogene Serie besprechen und bewerten. Dafür ist die Qualität der einzelnen Episoden viel zu schwankend, durch Thematiken und Charaktere aber auch schnell subjektiv eingefärbt. Tonal herrscht einiges an Chaos: Auch wenn der Wächter Uatu den narrativen Rahmen bildet, steht jede Folge für sich, und das Ineinandergreifen der Geschichten funktioniert auch erst gen Ende. Dass dieses Konzept nicht sofort erfassbar ist, ließ einige enttäuschte Zuschauer:innen abspringen. Es wäre hilfreich gewesen, Uatus Präsenz zu erhöhen, um eine wirkliche Einordnung der Geschehnisse in die Handlung einzubringen. Da das Konzept nach Staffel 1 klar ist, dürften die Hürden für die zweite Staffel deutlich geringer ausfallen, und die Verantwortlichen haben die Möglichkeit, an den erzählerischen und tonalen Herausforderungen zu feilen. Alles in allem nimmt What if…? eher die Rolle einer netten Beigabe als eines vollwertigen MCU-Teils ein, was als Teil des Canons sicherlich nicht das Ziel war. Staffel 2 muss das Gefühl vermitteln, echte Fallhöhe zu besitzen, und mehr Relevanz in Form spürbarer (möglicher) Auswirkungen für den Erzählkosmos mitbringen. Die Fülle an Easter Eggs ist aber ein Fest für alle Hardcore-Fans.

© Disney

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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