Loki (Staffel 1)

Interessante Bösewichter im MCU zu finden glich lange Zeit einem Sechser im Lotto. Da gibt es Thanos und Killmonger, die über einen Film hinaus Eindruck schinden konnten und … Loki, der von Anfang an dabei ist, aber mit so vielen charmanten Auftritten ausgestattet wurde, dass es schwerfällt, ihn als einen wirklichen Schurken wahrzunehmen. Nicht leichter macht es der dritte Serienstreich von Disney+, der die Entwicklung des Gottes des Schabernacks vorantreibt und dessen Persönlichkeiten aus neuen Perspektiven be- und durchleuchtet. Loki wurde zwischen Juni und Juli 2021 auf Disney+ ausgestrahlt und konnte mit seiner erfrischenden Tonalität die Herzen im Sturm erobern, aber auch Diskussionen lostreten, wieviel Dialog einem Publikum überhaupt zugemutet werden darf. Da eine zweite Staffel bereits mit dem Ende der ersten angekündigt wurde, widmen wir uns also nun den offiziell “ersten sechs” Folgen der inhaltlich herausfordernden Serie.

   

Nach seiner Flucht aus New York  im Jahr 2012 mit dem Tesserakt durch Raum und Zeit wird Loki (Tom Hiddleston, High-Rise) prompt von der Time Variance Authority (TVA) verhaftet. Der ebenso simple wie komplizierte Grund: Mit seiner Flucht hat er den echten Zeitstrahl durchbrochen und somit verändert. Mit allen Mitteln versucht Loki, sich aus der Affäre zu ziehen, und schließlich gelingt ihm die Flucht. Doch die wahre Herausforderung stellt die Tatsache dar, dass noch andere Zeitvarianten von Loki ihr Unwesen treiben. Als er dies realisiert, ist das Chaos längst ausgebrochen und ein Multiversum entstanden, dessen Ausmaß mitnichten auch nur ansatzweise überschaubar bleibt …

Neujustierung des MCU

Originaltitel Loki
Jahr 2021
Land USA
Episoden 6 (in Staffel 1)
Genre Science-Fiction, Fantasy
Cast Loki: Tom Hiddleston
Ravonna Renslayer: Gugu Mbatha-Raw
Mobius M. Mobius: Owen Wilson
B-15: Wunmi Mosaku
Sylvie: Sophia Di Martino
K-5E: Eugene Cordero
C-20: Sasha Lane
Miss Minutes: Tara Strong (Stimme)
Jener, der bleibt: Jonathan Majors
Seit 14. Juli 2021 vollständig auf Disney+

Loki gehörte zu den am längsten erwarteten Projekten des Marvel Cinematic Universe. Nicht nur, weil WandaVision und Falcon and the Winter Soldier die Messlatte hoch gelegt haben. Auch ist das Fernsehen seit jeher das Format der Bösewichte, die in Kinofilmen selten ein hohes Maß an Zeit zugesprochen bekommen, um ihre Beweggründe darzulegen, geschweige denn ihre Geschichte zu erzählen. Sechs Folgen Loki, das verspricht eine Menge Spielzeit für einen einzelnen Charakter, wo doch in den beiden vorausgegangenen Serien jeweils ein Duo im Rampenlicht stand. Gesehen haben sollte man das gesamte MCU bis zu diesem Zeitpunkt ohnehin. Vorbei sind die Zeiten, in denen Franchise-Einträge komplett für sich stehen und man nach Lust und Laune etwas auslassen kann. Deshalb macht die Handlung keine Gefangenen und knüpft direkt an Avengers: Endgame an. Bereits mit der ersten Episode Glorreiches Ansinnen” geht das Drehbuch in die Vollen und deutet nicht nur augenzwinkernd an, wie ein Zeitreise-Procedere um Loki hätte aussehen können, sondern etabliert gleich die TVA (eine Erfindung aus den Marvel-Comics der 1980er-Jahre) als Haupthandlungsort und Paralleluniversum in einem, dessen Geheimnisse hohes Potenzial für spätere Franchise-Ableger mitbringen.

Unerwartet privat

Loki lebt nicht zwingend von seiner Geschichte, sondern viel eher von deren Komplexität, da sie Spekulationen anheizt und neue Blickwinkel eröffnet. Vor allem aber sind es die Spannungsverhältnisse der Charaktere untereinander. Loki und Mobius (Owen Wilson, Cable Guy – Die Nervensäge), Loki und Richterin Ravonna Renslayer (Gugu Mbatha-Raw), Mobius und Renslayer. Einzig Sophia Di Martino als die geheimnisvolle Sylvie kann (abgesehen von Loki selbst) nicht getoppt werden, denn sie ist die stärkste und schillerndste Figur der Serie.  Deswegen verwundert es kaum, dass Loki und Sylvie die markantesten Szenen der Serie erhalten. Weitaus überraschender ist der Tiefgang, der in den Dialogen zum Tragen kommt. Denn soviel hatten sich Figuren des MCU selten zuvor zu sagen, was eindeutig zu Lasten der Gesprächigkeit der Figuren geht. Das mag einen Teil der Zuschauerschaft massiv stören, andere aber begeistern. Denn derart intime und private Einblicke gibt es nicht einmal in WandaVision, einer Serie, die vor allem für ihre Emotionalität bekannt ist. Trotzdem bleibt ein Kritikpunkt: Sicherlich hätte die Serie in Sachen Dialoge bedeutend eingekürzt werden können, denn in den wenigsten Gesprächen kommt etwas mit viel Substanz heraus. So bleibt der Beigeschmack, die Extended Version eines überlangen Films zu sehen, in dem eben nichts vorenthalten werden soll und besonders aufmerksame Zuschauer mit Extra-Text belohnt werden.

Falsche Fährte

Nicht täuschen lassen sollte man sich vom Auftakt der Serie. Denn Marvel inszeniert ein waschechtes Misdirect: Das Antäuschen einer Richtung, die nicht eingeschlagen wird. So wurde die Serien manchenorts viel zu schnell als Buddy-Krimi in Serienform verrufen. Doch in Wahrheit handelt es sich um ein Multiversum-Abenteuer, welches das bislang komplexeste Projekt der gesamten Reihe darstellt. So macht sich Loki auf die Jagd nach einer weiteren Variante von sich, nur um sich mit dieser zu verbünden, andere Multiverse-Lokis zu treffen und die Frage zu stellen, wer eigentlich für den heiligen Zeitstrom verantwortlich ist und warum dieser kein Baum mit vielen Ästen sein kann. Dabei rüttelt er an den Grundfesten den MCU und schlägt tonal eine entscheidende Richtung ein, die sich mit Doctor Strange in the Multiverse of Madness längst angekündigt hat. Zuviel von der Handlung zu verraten grenzt im Falle von Loki an ein Verbrechen. Denn die Serie ist vollgestopft mit Referenzen, Querverweisen und Easter Eggs. Dazu gesellen sich großartige Cameo-Auftritte, unerwartete Wendungen und Huldigungen an Filmklassiker.

Retrofuturistische Gewalt

Optisch und inhaltlich sind schnell zwei Referenzen gefunden: Doctor Who und Umbrella Academy hätten beiden Stichwortgeber für die Produktion sein können. Regisseurin Kate Herron (Sex Education) setzt auf 70er-Jahre-Stilistik (spätestens jetzt muss es fallen: Retro-Schick), die visuell zunächst eher weniger Futurismus mit sich bringt, später aber auf eine Farbchoreografie der Phantastik prallt und dabei ein fremdartiges Universum erschafft  – es gibt viele liebevolle Details zu entdecken. Alleine die große One-Shot-Sequenz in der dritten Folge ist ganz großes Serienkino. Insbesondere wird wieder einmal unterstrichen, welch große Bedeutung das Casting bei Marvel doch hat. Erneut handelt es sich um eine Mischung aus bekannten Filmgesichtern und Serien-Stars, die in bestimmten Rollen auf sich aufmerksam machen konnten. Während Owen Wilson zum alten Eisen Hollywoods gehört, spielte Gugu Mbatha-Raw eine Hauptrolle in der herausragenden “San Junipero”-Folge in Black Mirror. Sophia Di Martino tingelte seit 2004 ununterbrochen durch die Serienwelt und Wunmi Mosaku (B-15) wurde direkt nach der häufig für Preise nominierten Horror-Serie Lovecraft Country engagiert. Eine besondere Erwähnung verdient dabei Richard E. Grant (Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers) als alter Loki, dessen Kostüm so aussieht, als hätte man das MCU in den 70er Jahren aus dem Boden gestampft.

Fazit

Das von Michael Waldron kreierte und von Kate Herron inszenierte Loki steigert sich als Serie von Folge zu Folge, um das bislang Geschehene noch weiter zu übertrumpfen (nur das Finale fällt minimal ab, öffnet dafür aber die Türen für Größeres). Einmal mehr bleibt festzuhalten, dass das MCU in serieller Form das Beste aus zwei Welten vereint: Inszenatorischer Bombast dank hohen Budgets auf der einen, Ausführlichkeit, Zeit und Tiefgang auf der anderen Seite. Mit viel Loki-Charme und existenziellen Sci-Fi-Anleihen sprengt die Serie jegliche Erwartungen. Die Bedeutungsschwere und Dialoglastigkeit sind zwei Faktoren, die einigen Fans vor den Kopf stoßen, insbesondere, wenn man auf Nonstop-Action eingestellt ist. Dabei setzt Loki einen Kurs fort, der viel zu lange auf der Strecke blieb: Liebe zu Charakteren, tiefgängigen Geschichten und weitreichenden Verkettungen. Es ist Marvel hoch anzurechnen, nicht den bequemen Weg gegangen zu sein, sondern die Zuschauer:innen einmal mehr zu fordern.

© Disney

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments