Nachbericht zu den Fantasy Filmfest Nights 2020

Das Kino steckt in bewegten Zeiten. Nur zögerlich öffnen die Säle wieder und jedes Bundesland zudem unter anderen Auflagen. Einige Zuschauer bekommen dies gar nicht mit, andere machen noch immer einen hohen Bogen um belebte Orte. Unter diesen Voraussetzungen ein Filmfest auf die Beine zu stellen, ist keine einfache Aufgabe. Immerhin will so eine Veranstaltung unterm Strich auch noch wirtschaftlich bleiben. Zweimal wurden die jährlich stattfindenden Fantasy Filmfest Nights 2020 verschoben und mit einem Termin am zweiten Juli-Wochenende war bis zur Veröffentlichung des Programmhefts unklar, ob die Veranstaltung in sieben deutschen Städten überhaupt wie geplant stattfinden konnte. Doch am 11. und 12. Juli 2020 war es schließlich soweit. Wenig Glück hatten beispielsweise die Besucher in Frankfurt, wo ausschließlich Dauerkartenbesitzer für die Veranstaltung zugelassen werden konnten. Besucht haben wir die Fantasy Filmfest Nights im RESIDENZ-Kino in Köln, welche schließlich reibungslos und nach Plan verliefen.

Maximal 100 Zuschauer pro Saal

Die 18. Fantasy Filmfest Nights (der Ableger des Fantasy Filmfests wurde erstmals 2003 veranstaltet) waren ursprünglich für einen Termin im Mai vorgesehen. Die Corona-Pandemie zwang nicht nur den Event in die Verschiebung, sondern führte auch zu Umstrukturierungen innerhalb des Programms. So etwa wurde Guns Akimbo, das zwischenzeitig bereits in Deutschland gestartet war, aus der Planung genommen und kurz vor Beginn des Festivals fanden noch drei weitere Titel Einzug, womit die zehn Filme schließlich feststanden. Vor Ort war erstmal alles wie sonst auch – und gleichzeitig auch nicht, denn mit klar ausgewiesenem Ein- und Ausgang, sowohl in Foyer als auch Kinosaal waren die Laufwege auch als Einbahnstraße definiert, ein Hygienespender ebenfalls aufgestellt. Und selbstverständlich mussten personenbezogene Daten hinterlassen werden, wie derzeit überall, wo man sich länger aufhielt. War man dann schließlich im Saal und konnte den Corona-Trubel hinter sich lassen, durfte auch der Mund-Nasen-Schutz entfernt werden. Das Kino ist immerhin ein Ort, an dem es nicht ohne Essen und Trinken geht. Mit maximal 100 Personen im Saal waren die Reihen schließlich leerer als gewohnt und 175 Plätze blieben leer, was die Wahl des Sitzplatzes zu keiner schwierigen Entscheidung machte. Anders als sonst waren auch die Programmslots in diesem Jahr an allen Festivalorten identisch. Somit konnten Zuschauer in Hamburg denselben Filmen zu den denselben Zeiten folgen wie Zuschauer in Stuttgart oder München.

Tag 1: The Mand Standing Next, The Intruder, True History of the Kelly Gang, The Vigil, We Summon the Darkness

Titel: The Man Standing Next (Südkorea, 2019)

Programmheft: Dass historische Ereignisse bewegender und schockierender als jede Fiktion sein können bewies der Publikumspreisgewinner Hotel Mumbai des letztjährigen Fantasy Filmfest. In diese Kerbe schlägt nun The Man Standing Next. Darin geht es um die Ermordung des koreanischen Präsidenten Park Chung-lee am 26. Oktober 1979 durch seinen eigenen Geheimdienstchef. Park hatte das Land fast zwei Jahrzehnte diktaturähnlich regiert und seine Demokratiebewegung eisern unterdrückt. Der Film beleuchtet die letzten 40 atemlosen Tage vor dem Anschlag, ein Countdown voller wahnwitziger Ereignisse, angestauter Emotionen und politstrategischer Manöver rund um den Globus. Schonungslos wird der Missbrauch der Macht entlarvt und ist dabei in seiner Darstellung so erschreckend zeitlos, gerade aus aktueller Perspektive.

Im liebevollen Retro-Design der 70er Jahre und mit internationalen Locations von Paris nach Washington ist The Man Standing Next aufwendig produziert, und in der Titelrolle hervorragend besetzt mit Schauspielstar Lee Byung-hun aus koreanischen Top-Blockbustern wie A Bittersweet Life, The Good the Bad the Weird und I saw the Devil.

Deutschland-Start: 14. August 2020 (Handel)

———-

Mit The Man Standing Next hat sich der obligatorische Südkoreaner im Programm niedergelassen. Besonders auf dem Fantasy Filmfest genießen südkoreanische Titel Hochkultur. Die diesjährige Wahl wurde als einer der letzten Filmtitel bekanntgegeben und ist in ihrem Heimatland mit mehr als 4,7 Millionen Zuschauern und ausschließlich positiven Kritiken ein finanzieller Hit. Trotz hoher Produktionswerte und einem beachtlichen Longshot ziehen sich die 114 Minuten geradezu in die Länge. Es ist nicht leicht, den Überblick darüber zu behalten, wer nun wen in wessen Auftrag abhört, aber die letzten 15 Minuten haben es in sich.


Titel: The Intruder (Argentinien, 2020)

Programmheft: Inés singt im Kirchenchor und verdient ihr Geld, indem sie die Opfer in abstrusen Slasher-Filmen synchronisiert. Nach einem Urlaub mit einem übergriffigen Freund spürt sie plötzlich einen Eindringling – in ihrer Wohnung, in sich selbst und vor allem in ihrer Stimme. Gemeinsam mit dem Orgelstimmer Alberto („120 BPM“-Shooting-Star Nahuel Pérez Biscayart) geht sie den unerklärlichen Vorkommnissen auf den Grund…

Nach Peter Strickland und seinem Berberian Sound Studio hat nun auch die argentinische Newcomerin Natalia Meta einen Horrorfilm in einem Tonstudio angesiedelt – wo in diesem Fall auch noch ziemlich fiese japanische Schundfilme synchronisiert werden. Herausgekommen ist dabei ein psychosexueller Trip mit einer finalen Wendung, über die anschließend noch fleißig in der Lobby diskutiert werden wird. Obwohl Horrorfilme bei A-Festivals traditionell wenig Beachtung finden, feierte The Intruder seine Weltpremiere im diesjährigen offiziellen Wettbewerb der Berlinale – eine extrem seltene, aber dafür umso verdientere Auszeichnung!

Deutschland-Start: unbekannt

———-

Das geradezu zahme Drama ist wohl die Mogelpackung des Festivals: Was hier als psychosexueller Trip verkauft wird, ist ein merkwürdiger Mix aus argentinischer Telenovela und dem Anspruch, einen Arthouse-Titel abzuliefern. Vielleicht ist es ein Warnzeichen, wenn das Programm der Berlinale, das sonst wenig auf Genre-Beiträge gibt, von einem “höchst originellen Psycho-Sex-Thriller” spricht. Atmosphärisch bekommt die Produktion keinen Schwung und hinterlässt das Gefühl einer seichten Vorabend-Serie mit einer nervigen Hauptfigur, der man einen schnellen Serientod wünscht.


Titel: True History of the Kelly Gang (Australien/Frankreich/Großbritannien, 2019)

Programmheft: „Nothing you’re about to see is true.” Mit dieser Einblende beginnt Justin Kurzels Film über die legendäre Kelly Gang. Ein kluger Einstieg für seine biografische Neuinterpretation, die ihrerseits auf einem Roman von Peter Carey basiert. Die Geschichte handelt vom Leben des Outlaws Ned Kelly. Als irisch-stämmiger Katholik, geboren in eine ärmliche Familie in Australien, geriet Kelly in den 1870er Jahren mit den Kolonialbehörden immer wieder in Konflikt. Mit unbändigem Stilwillen zeichnet Kurzel das Psychogramm eines jungen Mannes, der zwischen Verlorenheit, Wut und Wahnsinn pendelt. Der kleine Ned wird von seiner Mutter einer Art Mentor übergeben (Russell Crowe), der dem Kind Schießen und Morden beibringt. Von hier aus ist der Weg zum Gesetzlosen vorgezeichnet.

Eine quälend langsame Dramaturgie wechselt zu ebenso quälenden Gewaltspitzen. Die karge Wildnis wird mit Punkrock-Einlagen kontrastiert, komponiert von Kurzels Bruder Jed. Der intensive Cast (George MacKay, Charlie Hunnam, Thomasin McKenzie, Nicholas Hoult) rundet das Bild ab: Justin Kurzel hat zur Bestform zurückgefunden!

Deutschland-Start: 20. August 2020 (Handel)

———-

Die Geschichte über Australiens berühmtesten Bushranger basiert auf einem Buch von Buch von Peter Carey, der dafür den Booker Buchpreis erhielt. Erhabene Landschaftszenen, gelungene Kameraeinstellungen und intensiv gespielt. Nach einer brachialen ersten Hälfte verliert sich die zweite in ihrer eigenen Erzählung und immer dann, wenn mit dem Ende gerechnet wird, folgen nochmal zwei weitere Szenen. Entgegen des Titels legt dieser Film keinen Wert auf eine biografische oder gar authentische Darstellung, sondern vermittelt in erster Linie Coolness und ausdrucksstarke Bilder. Ein Film für die große Leinwand, dem ein deutsches Kino-Release verwehrt bleibt, da er direkt auf Disc erscheint.


Titel: The Vigil (USA, 2019)

Programmheft: Yavoc, ein junger Mann aus der jüdisch-orthodoxen Gemeinde von Brooklyn, hat seinen Glauben verloren. Doch obwohl er gerade vehement versucht, sich an ein säkuläres Leben zu gewöhnen, nimmt er, chronisch pleite, das lukrative Angebot eines Bekannten an, als „Shomer“ einzuspringen. Der Shomer wacht die erste Nacht über einen Verstorbenen, damit seine Seele in Ruhe den Weg ins Jenseits finden kann. Angekommen im Haus von Mrs Litvak, verzieht sich die schrullige, alte Witwe des Toten wortlos ins Obergeschoss und lässt Yavoc allein neben der in Bettlaken gehüllten Leiche sitzen. Schon bald beginnen Dunkelheit und Einsamkeit dem Armen zuzusetzen. Eine Nacht voller Schrecken und Wahnsinn breitet sich vor Yavoc aus.

Nicht von ungefähr erntete das zutiefst unheimliche Regiedebüt von Keith Thomas Vergleiche mit Nagelbeißer The Autopsy of Jane Doe. Auch sein Kameramann Zach Kuperstein bewies bereits mit The Eyes of my Mother mächtigen Stilwillen. The Vigil ist Haunted House-Grusel von seiner stärksten Seite.

Deutschland-Start: 23. Juli 2020 (Kino)

———-

The Vigil ist grundsolider und klassischer Jump-Scare-Horror, der in einem ungewöhnlichen Rahmen daherkommt. Die jüdische Nachtwache vereint all das, was man an dem Genre mag oder eben nicht mag: Mit fiesen Erschreckmomenten wird auf der Gruselklaviatur herumgehauen, während Klischees und Vorhersehbarkeiten ebenfalls nicht ausbleiben. Es ist schwierig, diesem Genre noch vollkommen neue Einträge hinzuzufügen. Für sich stehend und ohne Vergleich gehört The Vigil zu den besseren Erschreckern, der im Gegensatz zu einem großen Teil des Blumhouse-Katalogs auf Seriosität setzt.


Titel: We Summon the Darkness (USA, 2019)

Programmheft: Welche Katastrophe war es nochmal, die in den 80ern den Untergang der Zivilisation heraufbeschwören sollte? Na klar! Heavy Metal ist Schuld an der nahenden Apokalypse! Über die Prophezeiungen von Fernsehprediger Pastor John Henry Butler (Jackass-Veteran Johnny Knoxville, der Hohepriester des TV-Trash, in einer prägnanten Gastrolle) können Alexis, Val und Bev nur lachen. Sie sind auf dem Weg zum Konzert ihrer Lieblings-Stromgitarren-Kapelle Soldiers of Satan! Außer „Jesus Saves“-Bannerträgern und Tinnitus gibt es vor Ort auch ganz süße Jungs – und eine Sekte, die sie schon als Opfer ihres nächsten satanischen Rituals auserkoren hat. Wer lacht jetzt … ?

Mit My Friend Dahmer porträtierte Marc Meyers einen Serienmörder und die 1970er. Nun nimmt er sich des Folgejahrzehnts an. Jenes Jahrzehnt, in dem harte Rockmusik noch nicht Mainstream, sondern Teufelszeug und Ausdruck von Rebellion war. Entsprechend heftig geht es zur Sache, wenn sich die Nietengürtelträger zur Wehr setzen!

Deutschland-Start: 28. August 2020 (Handel)

———-

Auf den ersten Blick verspricht We Summon the Darkness ein klassischer Festival-Spaß der zweiten Reihe zu sein. Auf der Plus-Seite stehen 80er-Jahre-Flair mit passendem Soundtrack (für Heavy Metal-Fans aber wohl doch eine Enttäuschung) und eine kurzweilige Handlung, der man leicht folgen kann. Auf der Minus-Seite befindet sich dann alles andere: In erster Linie zu nennen der Handlungsverlauf, der davon lebt, seinen Zuschauern immer wieder Plot Twists um die Ohren zu jagen, deren Wirkung sofort wieder verpufft. Manche Gags zünden dann doch eher bei einem Festivalpublikum als im heimischen Wohnzimmer. Daher ein klassischer Titel für den nächtlichen Slot, der keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.


Tag 2: 32 Malasana Street, Hello World, Yummy, The Other Lamb, Follow Me

 

Titel: 32 Malasana Street (Spanien, 2020)

Programmheft: Mit all ihren Ersparnissen haben sich die Olmedos ihren Traum von einem Leben in der Stadt erfüllt und eine Wohnung in Madrid gekauft. Für die Familie aus einfachen Verhältnissen ein Riesenschritt und die große möblierte Wohnung mit für die 70er Jahre großem Luxus wie Plattenspieler und Fernseher, übertrifft ihre Erwartungen. Während die Eltern sofort ihre neuen Jobs antreten müssen, hat die große Schwester aller Hand zu tun mit dem kleinen Rafa und ihrem greisen Opa. Denn die zwei benehmen sich merkwürdig seit der Ankunft im Haus. Und plötzlich ist der Junge spurlos verschwunden …

Die Stärke des Films liegt im Detail. Newcomer Albert Pintó hat ein großartiges Gespür für Atmosphäre und creepy Locations. Lange, nervenaufreibende Kamerafahrten, knarrende Türen, dunkle Flure, flackernde Lichter, ein mysteriöses Telefon, ein spirituelles Medium – nichts aus der Grusel-Trickkiste wird ausgelassen und formt sich zu einem stimmig komponierten Geisterthriller mit hohem Gänsehautfaktor und wunderschönen spanischen Schlager-Songs on top.

Deutschland-Start: nicht bekannt

———-

Ein klassischer Horrorfilm, der gut geschrieben und emotional erzählt ist. Wie bei The Vigil ergibt sich innerhalb des Genres die Schwierigkeit, dass Zuschauer schon durch alle erdenkbaren Geisterbahnen und Schreckmomente gejagt wurden und die Herausforderung ist, frischen Wind zu erzeugen. 32 Malasana Street bringt dafür einige gelungene Einfälle mit, auch wenn die Geschichte in ihren Grundzügen nicht schwer vorauszuahnen ist. Das Ergebnis kann locker mit The Conjuring und Konsorten mithalten und bringt mit der ambitionierten Geschichte, dem faszinierenden Sound Design und den sympathischen Charakteren die richtigen Bedingungen dafür mit. Spätestens nach dem Film liebt man spanische Schlager.


Titel: Hello World (Japan, 2019)

Programmheft: Naomi ist ein sympathischer Tollpatsch und Bücherwurm. Nichts wünscht er sich mehr, als den Mut in der Schule mal ein hübsches Mädchen anzusprechen. Selbst bei der Außenseiterin Ruri gerät er ins Stottern. Doch eines Tages auf dem Nachhauseweg überschlagen sich die Ereignisse: Ein seltsames Leuchten erscheint am Himmel, dann stürzt eine freche Krähe auf ihn nieder und stiehlt sein Buch. Als er sie verfolgt beginnen Zeit und Raum plötzlich zu verschwimmen und wie aus dem Nichts steht ein mysteriöser Unbekannter im Hoody vor ihm: Naomis Alter Ego aus der Zukunft! Natürlich reiste der 10 Jahre ältere Naomi nicht ohne Grund zurück in die Vergangenheit zu seinem jüngeren Ich. Es gilt eine wichtige Mission zu erfüllen, das Abenteuer beginnt…

Tomohiko Itô, der schon als Assistant Director am wunderbaren Das Mädchen, das durch die Zeit sprang mitarbeitete, ist mit Hello World eine federleichte, farbensprühende Zeitreise-Sciencefiction gelungen. Mit viel Herz und coolen Songs der perfekte Gute-Laune-Film.

Deutschland-Start:  2020 (Handel)

———-

Zeitsprung-Filme bieten immer viele Möglichkeiten für “Was wäre, wenn…?”-Szenarios. Hello World bringt wenig Neues im Anime-Bereich mit und kombiniert eine handelsübliche Schulromanze aus dem Buche mit einem Sci-Fi-Einschlag. Das Ergebnis ist wenig innovativ, westliche Vorbilder wie Inception stehen dem Titel auf die Stirn geschrieben und das extrem bunte 2D-3D-Gemisch fällt nicht ausgegoren aus. Je nachdem, wie erfahren man im Anime-Sektor ist, dominiert entweder Langeweile aufgrund breitgetretener Klischees oder eben der Wow-Effekt ob des bunten Spektakels.


Titel: Yummy (Belgien, 2019)

Programmheft: Was tun, wenn man unter der Größe der Brüste leidet, aber das nötige Kleingeld für die Schönheitsoperation fehlt? Alison fährt nach Osteuropa. In der Klinik ihrer Wahl nimmt man es zwar mit EU-Bestimmungen nicht so genau, dafür ist die OP billig und das Motto des Chefarztes vertrauenerweckend: „Wir machen schöne Frauen noch schöner!“ Was sie nicht ahnt: Ein Ort, an dem Fettabsaugungen und Penisvergrößerungen an der Tagesordnung stehen, bietet die perfekte Nahrungsquelle für … Zombies!

Yummy ist der erste belgische Zombiestreifen überhaupt! Entsprechend motiviert gingen die Macher ans Werk und zeigen, worauf es ankommt: viel bösen Humor mit satirischen Seitenhieben sowie ausgefallene, handgemachte und blutige Effekte. Mit zunehmender Spielzeit verschiebt Yummy die humoristische Tonart hin zum spannenden Schocker mit ernsterer Note. Damit präsentiert sich Yummy als Sahnefiletstück unter den jüngeren Untotenfilmen. Wir bitten um Nachschlag!

Deutschland-Start: 23. Oktober 2020 (Handel)

———-

Yummy ist einer jener Titel, für die man ein Festival besucht: Übertrieben, blutig, temporeich, absurd und trashig. Zombies eignen sich schlichtweg immer, um alles zu erzählen, was sich zwischen Drama und Komödie einordnen will. In diesem Fall ist der Pegel ganz rechts auf Komödie eingestellt und mit einer Schönheitsklinik als Schauplatz sind Speerspitzen auf den vorherrschenden Schönheitswahn mitinbegriffen. Viel nackte Haut, Splattereinlagen, schwarzer Humor und sich selbst zu keiner Sekunde ernst nehmend ‒ Yummy ist ein Film, den man in großer Runde feiern muss.


Titel: The Other Lamb (USA, 2019)

Programmheft: Tief in den Wäldern lebt eine isolierte Gemeinschaft, jeglicher Zivilisation entsagend, ein Leben in religiösem Wahn. Für die willenlosen Frauen dreht sich alles um ihn – den Hirten. Er allein bestimmt die Regeln und regiert seine Sekte als düsterer Messias mit harter Hand. Andere männliche Mitglieder gibt es nicht. Die empfindsame Selah ist eine seiner vielen Töchter und dem Anführer treu ergeben. Bis Visionen sie zunehmend heimsuchen und der Tag kommt, an dem ihr eigenes Blut sie zur Unreinen macht. Da beginnt die Fassade allmählich zu bröckeln und das rebellische Mädchen daran zu zweifeln, ob der Weg zur Erlösung wirklich über den Hirten führt.

Die kompromisslose, polnische Starregisseurin Małgorzata Szumowska inszenierte mit The Other Lamb ein Meisterstück eiskalten Psychoterrors. Es ist ihr erster englischsprachiger Film und mit Raffey Cassidy als junge Selah landete sie einen Besetzungsvolltreffer. Derweilen findet Kameramann und Ex-Ehegatte Michal Englert intensive Bilder für das albtraumhafte Szenario. Ein Rausch von einem Film!

Deutschland-Start: nicht bekannt

———-

Ein düsterer Film über eine religiöse Gemeinschaft, Umgang mit Sexualität, Hingabe und Loyalität. Mit bedeutungsschwangeren Bildern und langsamen Pacing schreitet The Other Lamb voran. Leise wird der Film lauter, dreht aber zu keinem Zeitpunkt so wirklich auf. Sitzfleisch und Geduld werden vorausgesetzt, ebenso die Wertschätzung für Symbole und Parabeln auf die Entwicklung vom Mädchen zur Frau. 100 Prozent pures Arthouse-Kino, kein Titel für die breite Masse.


Titel: Follow Me (USA, 2019)

Programmheft: Cole ist ein Hipster-Twen, dessen VLOG „Escape From Life“ mit seinen extremen, Grenzen austestenden Aktionen sehr beliebt ist. Das Angebot eines stinkreichen Fans, den Social Media-Promi mit seinen Freunden nach Moskau einzuladen, um dort ganz besonders kickreichen Content zu gewinnen, kommt da genau richtig. Um was es sich handelt, soll erst vor Ort verraten werden. Die Moskauer High Society entpuppt sich für die Clique wie erhofft: Luxus, Wodka, schöne Frauen. Ihr Gastgeber Alexej lüftet dann schließlich das Geheimnis: In einen Escape Room soll die Reise gehen, aber anders als alle, die man kennt. Eine Bahn brechende, Leben verändernde Erfahrung wird ihnen versprochen. Ein Escape Room in einem streng geheimen Bunker, irgendwo in Russland? Was kann da schon schiefgehen, denkt sich Cole. – Eine ziemlich blutige Menge!

Clever spielt Follow Me zum einen mit allen Klischees, die zwischen Russen und Amis unterwegs sein mögen, und zum anderen mit Referenzen an moderne Horrorklassiker wie Saw oder Hostel. Besetzt mit jungem Serien-Cast aus Pretty Little Liars und Teen Wolf versteht der Haken schlagende Plot damit auch ausgebuffte Horrorfans abzuholen.

Deutschland-Start: 25. September 2020 (Handel)

———-

Viele Filme möchten in dieselbe Kerbe wie die Genre-Hits Saw und Hostel schlagen. In dieser Schublade ist Follow Me zumindest goldrichtig einzuordnen. Will Wernick hat mit seinem Escape Room (nicht zu verwechseln mit Sonys Erfolgshit Escape Room) bereits einen ähnlichen Titel produziert (und in den Sand gesetzt). Sein zweiter Film leidet unter Vorhersehbarkeit, nervigen Influencer-Charakteren und Logikschwächen. Sein Publikum wird der Titel ohne Frage finden, aber die Ansprüche hängen auf Fersenhöhe.


Es ist ein schönes Gefühl, trotz der widrigen Umstände wieder ins Kino gehen zu können und direkt Festival-Atmosphäre im kleinen Rahmen erleben zu dürfen. Das Programm der Fantasy Filmfest Nights 2020 ist ein durchwachsenes: Da gab es schon deutlich stärkere Jahrgänge. Ich würde mir weniger Arthouse-Filme wünschen (und wenn, dann ein besseres Händchen bei der Wahl der Titel, wie so etwas wie The Intruder ins Programm geraten konnte, ist mir ein großes Rätsel). Der Südkorea-Slot muss nicht immer stattfinden, auch wenn wir uns im Parasite-Oscar-Jahr befinden und vielleicht ein paar mehr Augen als sonst dorthin gerichtet sind. In Sachen Anime kann man schnell danebengreifen, denn die Akzeptanz für das Format ist nicht bei jedem Zuschauer vorhanden. Für ein Festival-Publikum könnte der Titel aufgrund seiner positiv-fröhlichen Ausrichtung auch einfach zu stark vom Gesamtkonzept abweichen. Mit The Vigil, Follow Me, Yummy und We Summon the Darkness sind Fantasy Filmfest Nights aber tatsächlich exakt so abgedeckt, wie das Publikum die inhaltliche Ausrichtung der Veranstaltung liebt. Als Kontrastprogramm dazu funktionieren True History of the Kelly Gang und The Other Lamb gut, doch insgesamt fehlte es an einem wirklich großen Titel, der noch lange nachhallen wird.

Reviews:

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments