Biao Ren: Blades of the Guardians (Staffel 1)

Eine staubige Landschaft und ein kleiner, sehr verlassener Ort mit einer heruntergekommenen Taverne, welche ein dunkelgekleideter Mann betritt. Suspekte Blicke folgen seinen Bewegungen und die Geräusche verstummen, als der Neuling mit einem Steckbrief herumwedelt. Doch Achtung! Wir sind mit diesem Szenario nicht etwa im Wilden Westen Amerikas unterwegs, sondern in den äußeren Provinzen Chinas und das im Jahre 607 nach der Geburt Christi. Biao Ren: Blades of the Guardians, welches auf dem gleichnamigen Manhua (chinessicher Manga) aus der Feder von Xu Xianzhe basiert, erfreut sich nicht nur im Land der aufgehenden Sonne großer Beliebtheit. Hierzulande erscheint die actionhafte Reise des Kopfgeldjägers, der in einen Staatsstreich verwickelt wird, beim Verlag Chinabooks. Die animierte Serienumsetzung lief legal und kostenlos von Juni bis September 2023 auf dem Youtube-Kanal TencentVideoAnimation. Bevor die zweite Staffel des Donghua (chinesische Anime-Serie) seine Schwerter schwingt, werfen wir einen genauen Blick auf die ersten 15 Folgen.

     

Wir schreiben das dritte Jahr der Daye-Ära (607 n. Chr.). Der Kaiser Yang Guang der Sui-Dynastie will sein Reich mit aller Macht ausweiten. Dafür schmieden seine Generäle alle noch so heimtückischen Listen, die es nur gibt, um vor allem in den äußeren Regionen die kleinen Stämme auszulöschen. Gerade in diesen unwirtschaftlichen Wüstengegenden reist der Kopfgeldjäger Daoma mit seinem kleinen Sohn Xiaoqi umher. Er steht im Dienst des Klan-Chefs Mo, der ihm einen allerletzten Auftrag erteilt, durch welchen er seine Schulden abbezahlt: Er muss den mysteriösen Mann Zhishilang in die chinesische Hauptstadt Chang’an eskortieren. Dabei begleitet ihn Mos tapfere Tochter Ayuya. Dieser vermeintlich einfache Job entpuppt sich schnell als sehr gefährliches Unterfangen. Nicht nur, weil in den Grenzgebieten allerlei Unholde ihr Unwesen treiben, sondern auch, weil Zhishilang ein Feuer der Revolution entfachen möchte, um dem tyrannischen Kaiser Einhalt zu gebieten.

Der Krieger und das Kind

Originaltitel Biao Ren: Blades of the Guardians
Jahr 2023
Episoden 15 in 1 Staffel
Genre Action, Historie, Drama
Regie Zhi Hui Deng & Juansheng Shi
Studio Colored Pencil Animation
Veröffentlichung: September 2023

Biao Ren: Blades of the Guardians lässt sich gut mit einer einfachen Glut vergleichen, die mit jeder Folge mehr Brennbares bekommt, um zu einem richtigen Feuer zu werden. So beginnt die Serie mit einzelnen Aufträgen, die vor allem Daomoas Scharfsinn und seine herausragenden kämpferischen Fähigkeiten präsentieren. Und gerade Letztere sind ein Fest für die Sinne. Fließende Animationen mit nur wenigen Schnitten, die dafür sorgen, dass das Gefühl entsteht, eher einen realistischen Film anzuschauen als ein animiertes Werk. Doch wer dieser Mann wirklich ist, das bleibt vorerst im Dunklen. Die ersten kleinen Hinweise streut die Handlung immer wieder mit ein, was die Neugier weckt. Daoma gehört zu der Sorte charismatischer Krieger. Absolut nicht nervig ist sein Sohn Xiaoqi, da dieser schon lernte, auf sich Acht zugeben und auf seinen Vater zuhören.

Die Heldengruppe formiert sich

Bei diesem Gespann bleibt es nicht lange, denn mit der schönen Ayuya kommt etwas Weiblichkeit in die Runde. Zum Glück ist sie weit davon entfernt, das klischeehafte Damsel in Distress zu sein. Im Gegenteil, kann die junge Frau ordentlich austeilen, doch ihr Schicksal hält eine schwere Prüfung für sie parat, weswegen sie ihren eigenen Weg finden muss, was für uns zu einer packenden Reise mutiert. Was Zhishilang angeht, so ist er wie eine Wundertüte, aus der, wenn Daoma sie schüttelt, immer neue Geheimnisse herauspurzeln. Da steigt die Spannung natürlich, was dieser Mann noch so alles weiß, was vielleicht die Grundmauern des Reiches erschüttern kann.

Ying und Yang

In puncto Kampfkraft bekommt das ungewöhnliche Team Verstärkung in Form des komplett in Weiß gekleideten, mit einer Brandnarbe im Gesicht gezeichneten Mannes Shu. Dieser lässt sich nicht nur äußerlich als Gegenstück zu Daoma sehen, sondern vor allem durch seinen atemberaubenden Kampfstil. Schnell, wendig und zielgenau – für Zuschauende heißt es: ja nicht blinzeln! Actionfans kommen wahrlich bei Biao Ren: Blades of the Guardians auf ihre Kosten. Ansprechend animiert, nahe an der Vorlage und vor allem sehr abwechslungsreich bis zur letzten Episode. Denn so wartet nicht nur eine spannende Verfolgungsjagd durch einen Sandsturm, sondern auch ein Gefecht während eine Pferdeherde durchgeht, auf uns. Außerdem kommt eine Vielzahl an unterschiedlichen Waffen bei den Gegnern zum Einsatz, sowie beim Kopfgeldjäger, der einen ganzen Sack voll Klingen mit sich herumträgt. Der rote Lebenssaft fließt in Mengen und zimperlich geht niemand vor!

Viva la Revolution!

Nach und nach nimmt auch die politische Dichte zu, denn die Machenschaften eines Mannes nehmen Formen an und dass die Bedrohung Zhishilang noch immer Luft in seine Lungen pumpt, gefällt dem Kaiser so gar nicht. Machtgier steht Gerechtigkeit gegenüber und einige Figuren werden vor große Entscheidungen gestellt. Dabei überrascht, dass nicht jeder auf der Seite der Bösewichte bleibt. Andere hingegen mutieren zu wunderbar hassenswerten Objekte, denen unsere Helden einen Riegel vorschieben, was jedoch einfach nur klingt. Schließlich spielt nicht jeder mit offenen Karten. Leider endet die erste Staffel, wenn es gerade richtig losgeht und die Ereignisse die Flamme der Veränderung gerade erst entfacht haben. Bis dahin baut sich eine spannende Geschichte auf, deren Fortsetzung gar nicht lange auf sich warten lassen sollte.

Sand fällt auf die Haut

Realistische Farbspiele, gedeckte Farben und auch ein Charakter-Design, das nicht an die Standards japanischer Anime-Serien, sondern an westliche Produktionen erinnert, zeichnet Biao Ren: Blades of the Guardians aus. Dabei sind vor allem die Hintergründe alles andere als lieblos oder gar eintönig. Wir wandern zwar durch Wüstengegenden, doch dabei wird immer wieder einiges fürs Auge geboten, wobei gerade die Farbspiele den Unterschied machen. Fans der Vorlage erfreuen sich daran, dass das Studio Colored Pencil Animation das Charakter-Design von Daoma und Co. perfekt übernahm. Dass ab und an Soldatengruppen, Pferdeherden oder andere Dinge per Computer zum Leben erwachen, fällt unglücklicherweise auf, zieht dem Gesamtwerk aber nicht zu viele Punkte ab. Gerade das Opening ist ein kleines Kunstwerk der Bildsprache. Der klassische chinesische Song passt zur Serie, ist aber gewöhnungsbedürftig und so ergeht es wohl auch mit dem ruhigeren Ending. Der Soundtrack passt hingegen von der ersten bis zur letzten Note perfekt zu den Bildern.

Fazit

Dank seinen herausragenden Zeichnungen stellt Die Klinge der Wächter – so der deutsche Name der Manuha-Veröffentlichung – kein einfaches Werk für eine animierte Umsetzung dar. Doch dem Regieduo Zhi Hui Deng und Juansheng Shi gelang es, dem epischen Werk auf andere Art Leben einzuhauchen. Die dynamischen Kämpfe besitzen den filmischen Flair eines John Wick-Titels. Unterschiedliche Waffen krachen in fließend animierten langen Szenen ohne Schnitte aufeinander, weswegen Actionfans voll auf ihre Kosten kommen. Die politischen Intrigen ziehen hingegen in ihren Bann, denn das Schicksal der liebgewonnenen Figuren lässt einen nicht los und es warten noch so viele Gefahren, dass nicht immer klar ist, ob wir uns von jemandem verabschieden müssen. Visuell gibt es nur wenige kleine negative Punkte, sodass eine tolle erste Staffel zurückbleibt, die das Fundament für ein Epos setzt.

© TencentVideoAnimation

Aki

Aki verdient ihre Brötchen als Concierge in einem großen Wissenstempel. Nie verlässt sie das Haus ohne Mütze, Kamera oder Lesestoff. Bei ihren Streifzügen durch die komplette Medienlandschaft ziehen sie besonders historische Geschichten an. Den Titel Sherlock Holmes verdiente sie sich in ihrem Freundeskreis, da keine Storywendung vor ihr sicher ist. Dem Zyklus des Dunklen Turms ist sie verfallen. So sehr, dass sie nicht nur seit Jahren jeden winzig kleinen Fetzen zusammensammelt. Nein, sie hat auch das Ziel, alles von Stephen King zu lesen.

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