Westworld (Folge 3×06)

Butter bei die Fische: Die letzten Folgen von Westworlds dritter Staffel waren eine eher zähe Angelegenheit. Dolores versucht in Systeme einzudringen, reiche Leute machen zwielichtiges Zeug und Maeve sitzt auf der Wartebank. Folge 6 „Dekohärenz“ jedoch wartet mit zwei wirklich starken Charakter-Sequenzen auf: Hale löst sich von Dolores und beschreitet ihren eigenen Weg und William begibt sich in Therapie – mit sich selbst.

Nachdem sie in Folge 3×04 ihren Körper verloren hat, sitzt Maeve immer noch in der Cradle fest. Dort handelt sie mit Serac aus, dass sie für den Kampf gegen Dolores weitere Hilfe bekommt. Im Klartext heißt das: Weitere reale Hosts, die auf ihrer Seite stehen. Während ihre Perle (die Kontrolleinheit) und die Perlen ihrer neuen Mitstreiter darauf warten, in neu angefertigte Körper eingesetzt zu werden, sucht Maeve zusammen mit Lee Sizemore und Hector eine Kopie von Dolores auf, um sie zu konfrontieren. Unterdessen durchläuft William in Seracs Umerziehungslagern eine Psychotherapie, während der er mit seinen früheren Ichs in einen Raum gesperrt wird. Hale wiederum wird in die Ecke gedrängt, denn Serac übernimmt Delos Inc. und sucht nach dem anonymen Host, der sich in der Firma verstecken soll. Bei Hales Versuch, die Daten der Firma, ihre eigene Familie und sich selbst zu retten, geht die Familie leider drauf. Doch Hale überlebt, verbrannt und entstellt, und kann den Tod ihrer Familie (die ja eigentlich nicht ihre ist) kaum ertragen. Incoming Revenge Arc …

Und ewig grüßt die Maeve aus der Cradle …

Die Folge beginnt quasi im alten Trott: Maeve befindet sich wieder einmal in einer Simulation und durchlebt wieder einmal Erinnerungen an ihre Tochter. Bei ihr steht Serac, der wieder einmal versucht, mit seinem Geschwurbel die altehrwürdige Präsenz des einstigen Fords zu erreichen. Nach einem kurzen Stelldichein zwischen den beiden, startet Maeve wieder einmal in ihrer Storyline in Warworld und mischt Nazis auf. Alles schon gekannt, alles schon gehabt. Aber was soll Maeve auch anderes machen? Sie wartet halt darauf, dass ihre Perle in einen neuen Körper transferiert wird. Das einzige Einschneidende, was ihr in dieser Episode wiederfährt, ist das wirklich persönliche Gespräch zwischen ihr und einer Dolores-Kopie. Dabei kommt heraus, dass sie beide weder gut noch böse, sondern einfach nur Gegenpole sind, die versuchen, zu überleben. Hector überlebt diese Konfrontation im Übrigen nicht, diesmal endgültig – schwerer Schlag für Maeve. Ein Mitstreiter weniger in ihrem Team. Wenn wir die Folge im richtigen Moment anhalten, können wir die IDs ihrer anderen Gefährten sehen, die sich mit Maeve im Entstehungsprozess befinden. Eine ID ist unbekannt, die andere aber gehört zu Clementine, der Prostituierten aus dem Mariposa.

Der William-Therapiekreis

Untergebracht in Seracs Umerziehungslager „Inner Journeys“, stellt sich William seiner Vergangenheit und akzeptiert endlich, dass er seine Tochter gekillt hat. Er öffnet sich also tatsächlich, muss dann aber miterleben, wie die eigene Therapeutin weinend zusammen bricht und sich kurz darauf erhängt (wenn auch aus anderem Grund). Da hat William endlich seinen emotionalen Moment und so dankt man es ihm. Als Nächstes bekommt William eine AR-Therapie verpasst (AR= augmented reality). In einem Stuhlkreis, bestehend aus vier seiner früheren Ichs und seines Vaters James Delos (bekannt aus Folge 2×04), soll er den Ursprung seiner Gewaltfantasien finden. Wir sehen hier den kleinen William („Echt jetzt?“), den Jimmi-Simpson-William („Ich bin der Beste von allen!“), den Firmenboss-William („Wie konntet ihr das nur versauen?“), den Man-In-Black-William („Du hast dich innen Host verliebt, du Vollhonk.“), unseren Klappsen-William („Haltet die Klappe!“) und den Vater James („William, lass die anderen ausreden. Es geht hier nicht nur um dich.“). Dieser Stuhlkreis ist pures Charakter-Gold, die Dialoge sind zum Schießen.

William erkennt sein Selbst

Nach einer knackigen Gesprächsrunde mit seinen Ichs, die James Delos ziemlich amüsiert verfolgt, murkst unser Klappsen-William schließlich alle ab. Außer seinen Vater, denn der hat mit Williams Gewaltfantasien überraschenderweise gar nichts zu tun. Das angedeutete „Abusive Father“-Motiv (ein alkoholsüchtiger Vater schlägt sein Kind) wird hier umgedreht, denn Williams Gewalttätigkeit liegt schlicht und ergreifend in seiner eigenen Natur begründet. Nur deswegen hat sein Vater mit dem Trinken angefangen. Williams Natur schreibt es ihm vor, gewalttätig zu sein, sodass er nie wahrhaftig eine Wahl hatte. Indem sich William also gegen seine Natur stellt und zum „Good Guy“ wird, kann er sich selbst beweisen, dass er die Kontrolle hat. Damit beendet William sein Dilemma aus Folge 3×04.

Badass-Hale

Kommen wir zu Hale. Sie wird letztendlich als Host entlarvt – indem sie sich wie eine normale, fürsorgliche Mutter verhält. „Die echte Hale hätte sich in diesen stürmischen Zeiten niemals nach ihrem Sohn erkundigt“, sagt Serac. Was für eine schlechte Mutter muss denn die echte Hale bitte gewesen sein? Und so ganz nachvollziehen kann ich Seracs Argument eh nicht. Denn auch während des Delos-Massakers (eine ähnlich stürmische Zeit) gelten Hales letzte Gedanken ihrem Sohn, ausgedrückt in einer Videobotschaft (Folge 3×03). Warum also ist der Anruf so abwegig? Egal. Badass-Hale (diese Arme!) gelingt es natürlich, ihren Häschern zu entkommen. Ich habe schon immer ihr Outfit bewundert, diesen interessant geschnittenen Blazer, und jetzt erfahren wir auch, was man mit ihm alles anstellen kann: „dressed to kill“. Weiterhin erleben wir hier ein Paradebeispiel von Chekhovs Pistole. Der Riot Control Robot aus Folge 3×03? Der darf nun endlich in den Berserker-Modus schalten (ich mag seinen „Hallo, bin online!“-Sound). Hale demonstriert hier die titelgebende Dekohärenz: Als das isolierte Dolores-System, das sie ist, beginnt sie sich nun durch die individuellen Wechselwirkungen mit ihrer Umwelt anders zu entwickeln. Bleibt die Frage, wo ihre Loyalitäten letztendlich liegen werden.

Fazit

Sehr dufte Folge. Endlich hab ich mal nicht ständig auf die Uhr geguckt. Im Gegenteil: Nach jedem Szenen-Fade Out war ich sogar leicht in Sorge, dass es schon zu Ende sein könnte. Hale ist ne coole Sau. Jetzt, wo sie also verbrannt und entstellt ist und ihre Liebsten verloren hat, fehlt nur noch das Darth Vader-Kostüm und die Party kann beginnen („Where is my son? … Nooooooooo!“). Absolutes Highlight in dieser Folge natürlich der William’sche Therapiekreis mit dieser tollen Gruppen-Dynamik. Zu guter Letzt ein Detail, das mir aufgefallen ist: Eine Bande von Youngsters sprayt in den Straßen der Stadt ein Labyrinth-Graffiti an die Wand. Wir erinnern uns: Das Labyrinth war ursprünglich ein von Arnold designtes Spielzeug für seinen Sohn (und später für Dolores). Es repräsentiert seine Theorie über das Bewusstwerden, war aber in erster Linie ein Spielzeug. Akecheta (dieser wunderbare Charakter aus Folge 2×08) hat das Spielzeug gefunden und dessen Symbol während seiner eigenen Bewusstseins-Reise überall in Westworld verteilt. Diese Graffiti-Sprayer könnten eine Analogie zu Akecheta darstellen. Die Menschen verbreiten nun ihrerseits das Symbol, da sie von ihren Storylines befreit wurden und auf der Suche nach Freiheit und Wahrheit sind – sie werden sich ihrer bewusst.

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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