X-Men: Dark Phoenix

Lesezeit: 11 Minuten

Superheldencomics der großen Verlage, die seit Jahrzehnten laufen, haben alle eine Handvoll Titel, die immer wieder genannt werden, wenn es um Bestenlisten und absolute muss-man-gelesen-haben-Aufzählungen geht. Bei den X-Men gibt es einige, aber keine Story lebt so nachhaltig in Fanherzen weiter wie die Dark Phoenix Saga. Das Echo ist bis heute in den Comics zu finden. Was darf man also von einem Film erwarten, der sich Dark Phoenix nennt? Darf man hier vergleichbare Erwartungen haben oder besser nicht vom großen Namen blenden lassen?

1992, die Erde hat sich von den Ereignissen in X-Men: Apocalypse erholt und die Menschheit geht so positiv mit Mutanten um wie noch nie. Professor Xavier (James McAvoy) hat gar eine direkte Leitung zum Präsidenten der USA. Dieses besondere Telefon klingelt auch grade, denn die NASA hat mit dem Space Shuttle Endeavour ein paar Schwierigkeiten. Die X-Men gehen an die Belastungsgrenze ihres Jets und der eigenen Fähigkeiten. Sie können die Astronauten retten, müssen aber erkennen, dass hier keine einfachen Sonneneruptionen am Werk, sondern etwas durch und durch kosmisches das Shuttle getroffen hat. Diese Energie trifft Jean Grey (Sophie Turner) mit voller Wucht und sie sollte eigentlich tot sein. Doch tatsächlich sind ihre Kräfte gesteigert worden. Es fällt ihr allerdings schwer diese zu kontrollieren und es kommt zu Unfällen. Mit tödlichem Ausgang. Die X-Men sind entsetzt, die Menschheit angespannt und nebenbei reibt sich eine außerirdische Rasse die Hände. Unter der Führung von Vuk (Jessica Chastain) haben die D’Bari diese Energie gejagt und wollen sie nutzen, um sich eine neue Heimat zu erschaffen.

Das ist nicht die Dark Phoenix, die ihr sucht

Originaltitel Dark Phoenix
Jahr USA
Land 2019
Genre Action, Science-Fiction, Fantasy
Regisseur Simon Kinberg
Cast Jean Grey/Phoenix: Sophie Turner
Charles Xavier: James McAvoy
Erik Lensherr/Magneto: Michael Fassbender
Vuk: Jessica Chastain
Raven/Mystique: Jennifer Lawrence
Scott Summers/Cyclops: Tye Sheridan
Ororo Munroe/Storm: Alexandra Shipp
Hank McCoy/Beast: Nicholas Hoult
Kurt Wagner/Nightcrawler: Kodi Smit-McPhee
Peter Maximoff/Quicksilver: Evan Peters
Laufzeit 113 Minuten
FSK

Ohne lange um den heißen Brei zu reden, wer die „Dark Phoenix Saga“ gelesen hat und nun hofft eine adäquate Umsetzung der bekannten Story vorzufinden, wird zwangsläufig enttäuscht sein. Kein Hellfire Club, kein Shi’ar Imperium, keine langsame Manipulation an sowie Entwicklung von Jean, kein längerer Ausflug ins All. Allerdings war keiner der bisherigen X-Men Filme eine werkgetreue Adaption. Diverse Stories wie u.a. „Days of Future Past“ (Uncanny X-Men #141+142), „God Loves, Man Kills“ (Marvel Graphic Novel #5) oder „Gifted“ (Astonishing X-Men (2004) #1-6) sind eher Stichwortgeber gewesen. So wurde das Konzept des Dark Phoenix auch schon in X-Men: Der letzte Widerstand komplett verheizt, mit noch weniger Bezug zum Comic, abgesehen von der Tatsache, dass Jean ein paar Leute pulverisiert. Das Filmuniversum der X-Men ist eigenwilliger. So finden sich in Dark Phoenix nun auch nur gewisse Versatzstücke. Gelungen ist vor allem der Einstieg. Die Endeavour-Mission aus dem Jahr 1992 bietet eine schöne Gelegenheit, warum die X-Men kurz den Planeten verlassen, aber nicht weiter ins All vorstoßen. (Es ist schade, dass der Film hier keinen Tribut an die echte Crew zollt, mit Mae Jemison an Bord wurde Geschichte geschrieben.) Und irgendwie hat man ein Bündnis an Leuten, die sowohl als mysteriöse Gruppierung auftreten als auch die Aliens mit Agenda darstellen. Aber ansonsten gibt es einige Baustellen aus vorherigen Filmen, die hier bearbeitet werden und Zeit beanspruchen. Ein nicht einmal zweistündiger Kinofilm ist von vornherein viel zu kurz, um die Saga wirklich gerecht umsetzen. Zumal X-Men Apocalypse nur minimalen Vorbau liefert und eher Fragen offen lässt.

Grandioses Potenzial für Charakterentwicklungen

Seit X-Men: Erste Entscheidung die Handlung ins Jahr 1962 verlegte und die Kuba-Krise als geschichtlichen Ankerpunkt nutzte, sind mit jedem fortschreitenden Film etwa zehn Jahre vergangen. Es ist nicht zu viel verlangt, wenn eines der Drehbücher einfach mal gesagt hätte, dass Mutanten oft langsamer altern. Das würde erklären, dass Hank McCoy (Nicholas Hoult) 30 Jahre später kaum verändert wirkt. Schlimmer an diesen riesigen Sprüngen ist allerdings, dass die Charaktere in der Zwischenzeit nicht still stehen und so einige wichtige Dinge Off-Screen passieren. Wie hat die Welt sich nach Apocalypse‘ Auftritt dazu entschieden die X-Men mit offenen Armen zu empfangen statt sie als Mutanten für die angerichtete Zerstörung anzuklagen? Es ist wunderbar zu sehen, dass die X-Men als Team wie geölt funktionieren. Mystique (Jennifer Lawrence) gibt die Kommandos und Quicksilver (Evan Peters), Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), Cyclops (Tye Sheridan) und Storm (Alexandra Shipp) wissen diese sofort umzusetzen. Vor allem Mystique und Jean scheint ein engeres Band zu verknüpfen. Die zwei hatten in X-Men: Apocalypse schon eine gute Szene miteinander und wir sehen das Endprodukt voller Vertrauen und Fürsorge. Der geneigte Fan wird im Kopf schon die nötigen Zwischenschritte gehen, für gemäßigte Zuschauer klafft hier aber ein Entwicklungsloch. Liebe zum Detail und interessante neue Beziehungen untereinander sind da, aber sie wirken unausgereift, als würden immer wieder entscheidende Minuten fehlen. Einzig zwischen Jean und Charles gibt es das nötige Material in voller Länge.

Charles Xavier ist nicht unfehlbar

Comicleser wissen, dass Charles Xavier kein Unschuldslamm ist. Für seinen Traum von Frieden zwischen Mensch und Mutant hat er eine Menge zwielichtiger Entscheidungen getroffen. Bei genauerer Betrachtung ist die Entstehung der X-Men auch sehr fragwürdig. Da unterzieht er einfach fünf Jugendliche einem paramilitärischen Training und schickt sie in den Kampf. Am Ende des Tages ist Xavier aber klar der Gute. In X-Men: Zukunft ist Vergangenheit haben wir gesehen, wie Selbstzweifel ihn nahezu auffressen. Doch in Dark Phoenix ist seine Schule für Begabte angesehen, er genießt das Vertrauen der Bevölkerung und Regierung und nimmt auch gern einen Preis dafür entgegen. Und ein kleines bisschen steigt ihm das zu Kopf. Obwohl er immer genau weiß, dass ein schlechter Tag, ein großer Fehltritt eines Mutanten, die Stimmung schnell zum Kippen bringen kann. Dafür trifft er auch harte Entscheidungen, denn er hätte den Tod von Jean in Kauf genommen, um jemand anderen zu retten, während Raven sich zuerst um die X-Men selbst sorgt. In einem Nebensatz erwähnt sie noch mal die X-Men aus Erste Entscheidung, die mittlerweile verstorben sind. Dieser unterschwellige Konflikt zwischen den Pflegegeschwistern gibt Anlass für weitere Gedankenspiele, wie die Welt sich entwickelt hat und welchen Platz Mutanten wirklich haben. Die Stärken des Films liegen leider viel zu oft in den Dingen, die nur nebensächlich angeschnitten werden. Da die Reihe mittlerweile fast 20 Jahre alt ist, sind diese Charaktermomente ein wohlverdientes Recht.

Kleider machen Leute

Es ist bemerkenswert, dass Dark Phoenix wieder zu einer Einheitsuniform für das Team zurückkehrt. Das Ende von Apocalypse zeigte eine Szene im Gefahrenraum, bei der zum ersten Mal alle Figuren Kostüme trugen, die zu den bekanntesten Comics passen. Hier hat Fox seinen X-Men noch nie besonders vertraut und nur Magneto (Michael Fassbender) trägt erneut den bekannten Helm und hatte immerhin verschiedene schmucke Capes im Laufe der Zeit. Das blaue Kostüm mit überdimensionalem gelben X erinnert aber zumindest stark an das Design aus Grant Morrisons New X-Men von 2004. Da gingen die X-Men auch in die Offensive und machten ihre Schule als Ort für Mutanten publik. Statt Uniformen oder feschen Superheldenkostümen kommt in Dark Phoenix in der zweiten Hälfte aber sowieso Alltagskleidung zum Einsatz. Ob das dunkelrote Oberteil mit großzügigen V-Ausschnitt bei Jean Grey auf ihr Dark Phoenix Outfit anspielen soll, sei dahingestellt.

Mutanten-Action in Höchstform

Während die Kleidung die Charaktere weniger definiert als andere Superhelden, können die X-Men dafür mit einer Breitseite an eindrucksvollen Kräften aufwarten. Telepathie, Telekinese, Teleportation, Magnetismus, Wetterbeeinflussung, diverse Energiestrahlen, körperliche Mutationen – es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten dem Gegner was auf die Mütze zu geben. Und die Action in Dark Phoenix hat einige wunderbare Einstellungen abzuliefern. Zugegeben, ein Kampf zwischen Telepathen besteht meistens aus angestrengten Gesichtsausdrücken, die anderen Kräfte entschädigen dafür. Auch wenn Quicksilver keine Showeinlage mit Musikuntermalung abliefert. Sehr schön hier zum Beispiel, wenn Cyclops seinen Strahl mal klassisch abprallen lässt. Oft vergessen gehört es offiziell zu seiner Mutantenkraft, dass er automatisch wahrnehmen kann, welche Objekte geeignet sind, um seine Strahlen nützlich abzulenken. Ein Detail, das im Tumult verloren geht, wenn Magneto eine ganze U-Bahn zu Tage fördert oder Nightcrawler mit Wut im Bauch richtig mit Teleportationsangriffen loslegt. Als Actionfilm liefer Dark Phoenix ab. Zudem ist die Symmetrie schön gewählt. Im Rückblick sehen wir die junge Jean, die sich selbst während des Autounfalls unwissentlich mit einem schützenden Kraftfeld umgibt, ihre Mutter jedoch stirbt. Und zum Ende kann sie den kompletten Zug auseinandernehmen, aber jedes einzelne Mitglied ihrer Mutantenfamilie in einer Blase beschützen. Wer sich an solch kleinen Dingen erfreuen kann, wird bei diesem Film durchgehend unterhalten.

Eine verfluchte Produktion

Simon Kinberg gehört seit Der letzte Widerstand zu Fox‘ X-Familie. Das Drehbuch ist damals mit auf seinem Mist gewachsen, er hat sich aber spätestens mit dem Skript von Zukunft ist Vergangenheit rehabilitiert. Er fungiert seit Erste Entscheidung als einer der Produzenten sämtlicher X-Titel, inklusive Legion und The Gifted. Für Dark Phoenix hat er erstmals auf dem Regiestuhl Platz genommen (seine zweite Regiearbeit ist die Episode Blurryman der Twilight Zone, die passenderweise just ausgestrahlt wurde). Und wäre da nicht mitten in die Produktion dieses Films die Bombe von Disneys Fox‘ Kauf geplatzt, wäre Dark Phoenix höchstwahrscheinlich ein anderer Film. Zu Beginn schien es, als solle eine neue Trilogie eingeleitet werden und wenn man das Endprodukt betrachtet und die „Dark Phoenix Saga“ kennt, ist dafür genug Stoff vorhanden. Eine etwas personenbezogenere Storyline aufgeteilt in drei Akte. Tatsächlich wissen wir, dass das letzte Drittel von Dark Phoenix mit vielen Reshoots bedacht wurde, weshalb die Veröffentlichung des Films verschoben wurde. Ursprünglich hätte Dark Phoenix bereits im November 2018 anlaufen sollen, doch daraus wurde durch die Nachdrehs Februar 2019. Und weil der Trailer in China besser ankam, haben wir nun bis Juni 2019 warten müssen, da dieser Starttermin dort besser passt. Und statt eine neue Geschichte zu beginnen, ist Dark Phoenix nun der Abschluss einer Reise, denn Disney/Marvel wird schon fieberhaft Ideen umherwerfen, wie sie die Welt der Mutanten ins MCU integrieren können. Man darf also auch ein Auge zudrücken, dass die Vision von Kinberg einen riesigen Dämpfer bekam. Es ist zudem bekannt, dass das Finale des Films umgekrempelt wurde. Der Endkampf sollte im All stattfinden und es wird gemunkelt, dass es ausgerechnet an Captain Marvel liegt, dass hier erneut gedreht werden musste. Jean gegen Raumschiffe mit einer Energiekorona klingt doch zu ähnlich. Ebenso soll Vuks Rolle im Prozess der Produktion einige Änderungen erfahren haben, aber Jessica Chastain lässt kein böses Wort über ihre Lippen kommen. Zumal sie früh gesagt hat, dass sie vor allem wegen Simon Kinberg überhaupt dabei ist, weil sie mit ihm arbeiten wollte.  Dark Phoenix ist eine dieser Filmproduktionen, die Stoff für eine spannende 90-minütige Katastrophendoku bieten würde. Im Vergleich zu anderen wirkt das Endprodukt dafür gar nicht derart holprig.

Es ist nicht alles Gold was glänzt

Nach dem ersten Trailer wurde viel negatives über Mystiques Make-Up geschrieben und die Post-Production hat hier nichts retten können. Die ständigen Veränderungen von Film zu Film könnten eine charmante Andeutung sein, dass Raven sich zwischen all den Gestaltwandlungen selbst auch verändert. Dazu müsste allerdings eine konstante Qualität gewahrt bleiben. Wer über dieses Manko hinwegsehen kann, kriegt von Jennifer Lawrence aber eine ordentliche Performance. Vielleicht weil sie nur wenige, dafür aber sehr markante Szenen hat. Die Trailer ließen es erahnen und es wurde kein wirkliches Geheimnis um Mystiques Ableben gemacht. Die Art, wie sie Jean zur Seite stehen möchte und sich nicht vor ihr fürchtet, sind gelungen. Erneut, es hätte noch mehr Gewicht mit mehr Zeit zwischen den beiden im Vorfeld. Die CGI weist ebenfalls ein paar Mängel auf, doch es scheint, dass beim Budget genau darauf geachtet wurde, dass die wichtigen Szenen entsprechend gerendert werden konnten. Und für Comicleser gibt es immerhin einen wunderschön gestalteten Cameo.  Halston Sage spielt Dazzler, die Discokönigin, die Ton in Licht verwandeln kann. Das kleine Privatkonzert auf der Party erschafft für einen Augenblick eine ruhige Stimmung, so was wie gemütliches Beisammensein. Hätten die Mutanten sich auch verdient.

Fazit

Der erste X-Men Comic, den ich je gelesen hab, war die dritte Ausgabe von Condors Die Gruppe X und somit das erste Heft Uncanny X-Men #105. Mitten hinein in die „Phoenix Saga“, die der „Dark Phoenix Saga“ voraus ging, um Jeans neues Powerlevel zu etablieren. Ich habe im Kino daher eine gewisse Nostalgie verspürt, obwohl der Film inhaltlich keine ernsthaften Berührungspunkte zum Comic hat. Vielleicht weil ich mich schon vor vielen Jahren damit abgefunden habe, dass 20th Century Fox hier ein alternatives Universum präsentiert, das ich besser für das akzeptieren sollte, was es ist, als immer darauf zu schielen, was ich gern hätte. Dass es nun mit einer Jean-zentrierten Geschichte aufhört und die Zukunft eines Mutanten-Film-Franchises so ungewiss ist, lässt mich daher nicht kalt. Und die Schauspieler sind mir in ihren Rollen besonders ans Herz gewachsen. Was hier gesagt und gezeigt wird, gefällt mir insgesamt gut. Weh tut nur, dass so viel dazwischen passen würde. Ich finde es beispielsweise spannend, wenn Jean und Erik den Helikopter ins Visier nehmen. Hier rangeln sie nun miteinander, nachdem sie in Apocalypse gemeinsam die Schule aufgebaut haben. In vergleichbaren Posen. Da ich dem Bösewicht-Kult schon länger abgeschworen habe, möchte ich mich gar nicht zu viel mit Vuk beschäftigen. Ja, die Aliens sind irgendwie nur Kanonenfutter, aber der Film ist so kurz, da möchte ich auf die keine Zeit mehr verschwenden. Es reicht, dass ich darüber lächeln kann, dass die D’Bari in der „Dark Phoenix Saga“ vorkommen, wenn auch an anderer Stelle. Auch Mystiques Ausbruch, dass die Frauen ständig die Männer retten und mehr tun, bringt mich zum Schmunzeln. Nicht, weil es jetzt in ist, endlich mal Frauen vorzuschicken (der erste X-Men ist für die weiblichen Figuren gemessen an ihren Vorlage eine Katastrophe), sondern weil die X-Men sich besonders in den 80er Jahren durch starken Frauenfiguren auszeichnen. Ob Jean, Storm, Kitty, Rogue, Dazzler, Rachel oder Psylocke, die haben was bewegt. Ich wünsche mir Adaptionen, die besser darin sind die X-Men so zu porträtieren, wie ich sie kenne. Aber diese Version hat ihren Reiz und Dark Phoenix passt zu den bisherigen Filmen mit positiven Details. Es ist schade, dass Hans Zimmer in seinem bombastischen Score – der den Film sehr passend begleitet – das bekannte Thema von Michael Kamen nicht aufgreift, um die Familienzusammengehörigkeit zu signalisieren. Ist aber auch nur so ein kleiner Flüchtigkeitsfehler wie Storms in den Credits falsch geschriebener Name als Monroe statt Munroe. Ich komme allerdings wirklich nicht darüber hinweg, dass sie Sophie Turner ein Voice Over für Anfang und Ende einsprechen lassen und dann ein absolut essenzielles Zitat weglassen, das wie geschaffen scheint. „I am fire! And life incarnate! Now and forever – I am Phoenix!“ Wären diese Worte zu viel gewesen zu der Phoenix-Silhouette, die über den Himmel huscht? Mit Jeans Abgang an sich bin ich zufrieden, denn ein Phoenix kehrt immer irgendwann zurück. Das wissen die anderen nur noch nicht. Schönes Andenken die Schule ihr zu Ehren umzubenennen (was in den Comics von Wolverine getan wurde). Aber so muss ich mich auch fragen, ob Jeans Name in der Öffentlichkeit reingewaschen wurde und vor allem wie. Es ist schon ein sehr böser Plotpoint, wie schnell die Regierung die Verbindung zu den X-Men kappt und potenziell gefährliche Mutanten in Lager steckt. Wenigstens gibt’s was zu lachen Dank der MCU-Patches, die die Soldaten tragen. Ja, das MCU ist für das Verschwinden von Mutanten verantwortlich (eher die MCU, Mutant Control oder Containment Unit wird es bedeuten). Die 113 Minuten Dark Phoenix haben ein bisschen was von einem Buffetteller, auf dem jedes Häppchen schmeckt, aber es ist nur eine Auswahl und nicht alles.

Zweite Meinung

X-Men: Dark Phoenix hinterlässt einen äußerst durchschnittlichen Eindruck. Auf der einen Seite steht da endlich (wieder) der Charakterfokus, der gleichzeitig Wiedergutmachung des missratenen X-Men: Der letzte Widerstand ist. Jean, Charles, Erik, Raven, das sind gestandene Persönlichkeiten, die einmal mehr davon profitieren dürfen, dass die Reihe soviel Wert auf Zwischen…mutantliches legt. Sieht man davon einmal ab, treten nach und nach viele Fragen auf. Figuren treffen sprunghaft und aus Emotionen heraus eigenartige Entscheidungen, persönliche Bindungen werden ausgedehnt, die scheinbar im Off schneller vorangeschritten sind als in den Vorgängern. Und irgendwo dazwischen stapft eine Jessica Chastain mit einer Zombiehorde durch die Gegend. Nicht, dass ich dem Film vorwerfen möchte, er hätte sich zuviel vorgenommen. Viel schwieriger ist eher der furchtbar lineare Ablauf der Dinge und wie ein handlungsrelevanter Eckpunkt nach dem nächsten abgegrast wird. Jede Szene ist wichtig für die Handlung und so durchschaut man relativ schnell, wie die einzelne Szene ausgehen und wessen Charakterentwicklung in welche Richtung gedrängt wird. Insbesondere Charles und Hank sind leider Opfer der Brechstange geworden und auch um Erik gibt es nichts Besonderes zu erzählen. Das Drehbuch leiht ihn aus, wie es gerade so am besten passt und er bringt Handlanger mit, die den Morlocks in X-Men: Der letzte Widerstand in punkto fehlender Persönlichkeit in nichts nachstehen. In der zweiten Hälfte wird schließlich deutlich: Dieser Film hat ein Pacingproblem. Das Finale fällt derart überhastet aus, dass zwischenzeitig gar nicht klar ist, wer eigentlich gerade lebt und wer die Reihe nicht überstehen wird. Sophie Turner liefert eine eindrucksvolle Interpretation der Rolle, besitzt aber längst nicht die Leinwandpräsenz eines James McAvoy oder einer Jennifer Lawrence. Emotional mitreißende Szenen gehen eher auf die Konten anderer Figuren. Der Inszenierung selbst kann man nicht viel entgegensetzen: Hans Zimmer hat einen majestätischen Score parat und insbesondere Quicksilver und Nightcrawler verdeutlichen, weshalb Mutanten-Action noch immer die am aufregendsten anzusehende Superhelden-Action ist. Um noch etwas Positives zu ergänzen: Es hat nur 19 Jahre gedauert, bis Storm endlich mal ein paar coole Auftritte hinlegen darf.

© 20th Century Fox

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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Ayres
Redakteur

Ein kleines bisschen bricht es mir ja das Herz, dass Dark Phoenix aktuell an den Kinokassen scheitert. Obwohl ich den Film wirklich nicht besonders finde, sind die X-Men noch immer meine Lieblingsreihe und es fühlt sich so unbefriedigend als Ende an. Vor allem, wenn man nun überall die Forderungen nach einem Reboot innerhalb des MCU liest. Wozu ein Reboot? Es sind vier Hauptfiguren tot und die noch überlebenden jungen Figuren wurden auch erst frisch besetzt. Da muss man doch nicht schon wieder von vorne beginnen. Fantastic Four kann man gerne rebooten, aber doch nicht ein bereits wiederbelebtes Franchise wie X-Men…. Diese Besetzung hier empfinde ich schon als wirklich perfekt. Alexandra Shipp, Tye Sheridan, Kodi Smit-McPhee, … Es werden immer nur James McAvoy und Michael Fassbender (zurecht) gelobt, aber diese hier empfinde ich in ihren Rollen als wirklich passend besetzt.
Simon Kinberg wird gerade von allen Seiten mit Tomaten beworfen. Da ist es irgendwie schon bizarr, wenn man bedenkt, dass er diese Storyline schon einmal in den Sand gesetzt hat.

Ein paar wirre Gedanken ohne Reihenfolge:

Ein paar Tage sind vergangen seit dem Kinobesuch und mittlerweile finde ich vieles gar nicht mehr so schlimm. Es stört mich aber weiterhin, dass mit Selene und Ariki zwei totale No Names eingeführt werden, die absolut nichts reißen (dürfen). Zumal Selene auch noch eine Telepathin ist, aber viel zu sehen gibt es da nicht. Aber es passt irgendwo in die Zweidimensionalität des Drehbuchs. Genau das ist mit etwas Abstand zum Film das, was mich am meisten stört: Der nächste Schritt steht immer bereits fest. Jean spricht gar nicht erst mit irgendwem über ihre Probleme. Nein, da hauen wir einfach direkt ab und suchen Erik heim und dann schnell weiter. Sogar der Dialog zwichen Jean und John ist völlig nichtssagend.
Gefühlt hatten alle Figuren schonmal mehr Tiefe, aber hier kommt vieles wahnsinnig flach daher. Genauso wie Charles, der bislang immer eine Lichtgestalt war und plötzlich Ecken und Kanten hinzugeschrieben bekommt, die jeden in Zweifel stürzen. Weniger Vorschlaghammer hätte ich als angenehmer empfunden.

An dem Ende merkt man (insbesondere mit dem Hintergrundwissen, dass es neu gedreht wurde), dass vieles überstürzt wurde. Ich finde vor allem die Bubbles, mit denen alle aus dem Zug zum finalen Schauplatz transportiert werden, so provisorisch (und yes, fast Sailor Moon-like). Ich lese nun schon häufiger Kritik an einer “blassen” Jessica Chastain, aber was soll sie denn auch groß machen? Ihr Körper stellt einen Wirt dar für ein Alien, welches sonst getarnt kaum abhauen könnte. Schlimmer finde ich da eher das Tempo, mit dem dieses Alien lernt, wie die Welt funktioniert. Damit meine ich dann weniger Sprache, sondern auch Moralempfinden, um Jean einzureden, dass die anderen sie als Gefahr wahrnehmen…

Zu Dazzler muss ich sagen: Sie hatte ja bereits einen klitzekleinen Auftritt in Apocalypse (auf dem Plattencover im Schallplattenladen während des Shoppingtrips). Da finde ich es umso stimmiger, dass auch sie mittlerweile rekrutiert werden konnte und im Institut lebt.

Schade, dass aus den 90ern quasi nichts herausgeholt wird. Das klappt bei Captain Marvel um Welten besser. Ich meine, jetzt haben die X-Men schon so viele Jahrzehnte durchlebt und ausgerechnet hiervon bleibt nichts hängen, wie kann das denn sein?

Positiv während des Films vermerkte ich die Kampfschauplätze. Vor allem die ersten beiden (vor dem Haus von John und dann die Insel). Klingt blöd, aber ich kann diese Kämpfe in der Stadt nicht mehr sehen, in der alles kaputt geht, Autos umgeworfen werden und Bahnen entgleisen… wait, das folgt ja auch noch. Lässt mich auf der einen Seite völlig kalt, eine andere in mir fragt sich, wieso eigentlich immer soviel Schaden produziert werden muss. Deswegen finde ich auch den Zug derart over the top, dass ich innerlich schon abkotzen wollte, dass einfach mal gar nichts mehr davon übrig bleibt…

Jetzt bin ich wieder so im Fieber, dass ich mich freue, dass ich noch eine Staffel The Gited, eine Staffel Cloak & Dagger und zwei Staffeln Legion vor mir habe….. Und dann wollen auch sämtliche Zeichentrickserien noch geschaut werden. Kann nicht angehen, dass das Franchise in Sachen Bewegtbild nun solange pausieren soll…