X-Men

Lesezeit: 6 Minuten

Es war einmal eine Zeit, als nicht alle paar Monate ein bunter Superheld über die Kinoleinwand flog. Da ging 20th Century Fox mit Regisseur Bryan Singer (Die üblichen Verdächtigen) das große Wagnis ein und lieferte einen Film über ein ganzes Team mit irren Kräften ab. Passend zum Hype der Jahrtausendwende schenkte X-Men uns fantastische Action in engen Lederuniformen und Hugh Jackman (The Prestige) die Rolle seines Lebens.

 

Die Menschheit hat Angst. Immer wieder gibt es Berichte über Leute mit ungewöhnlichen Fähigkeiten, die jeden Moment das friedliche Miteinander zerstören könnten. US Senatoren gehen auf die Barrikaden, die Bedrohung durch die sogenannten Mutanten muss eingedämmt werden, ehe es zu einem Rassenkampf kommt! Erik Lensherr (Ian McKellen, Der Hobbit) hat als jüdisches Kind den Holocaust überlebt und sieht den neuerlichen Aufstieg von hasserfüllten Demagogen. Doch als Mutant Magneto, Herrscher über den Magnetismus, ist er dieses Mal nicht völlig hilflos. Er schmiedet einen Plan, mit dem er den Homo Sapiens zum Umdenken zwingen will. Sein alter Freund Charles Xavier (Patrick Stewart, Star Trek – The Next Generation) – der mächtigste Telepath auf Erden – versucht die Lage nüchterner einzuordnen. Menschen fürchten, was sie nicht verstehen, also will er beweisen, dass Mutanten sich für Schwache einsetzen können. Er trainiert seine X-Men, damit sie andere beschützen. Auch jene, die ihnen Furcht und Hass entgegen bringen.

Originaltitel X-Men
Jahr 2000
Land USA
Genre Action, Science-Fiction
Regisseur Bryan Singer
Cast Charles Xavier: Patrick Stewart
Erik Lensherr/Magneto: Ian McKellen
Logan/Wolverine: Hugh Jackman
Jean Grey: Famke Janssen
Scott Summers/Cyclops: James Marsden
Marie D’Ancanto/Rogue: Anna Paquin
Ororo Munroe/Storm: Halle Berry
Mystique: Rebecca Romijn
Laufzeit 104 Minuten
FSK

Superhelden im Kino? Unerhört!

Es ist für manchen jüngeren Filmschauer vielleicht kaum vorstellbar, aber im Jahr 2000 waren Superhelden fast nur in Comics und Cartoons zu finden. Der letzte große Realfilm zuvor war Joel Schumachers Batman & Robin, der sich im Grunde wie ein langer Werbefilm für Spielzeug anfühlte. Und den Vampir-Actioner Blade nahm kaum jemand überhaupt als Comicadaption wahr. Noch nicht mal die Fernsehserie Smallville mit den Jugendjahren von Clark Kent hatte begonnen. Die Ankündigung, dass es wirklich und wahrhaftig einen Film mit den X-Men im Kino geben würde, sorgte für Vorfreude und Skepsis gleichermaßen. Beides absolut berechtigte Emotionen, die selbst nach dem Ansehen noch verbleiben. Es gibt genug, das sich negativ auslegen lässt. Los geht es mit der Optik, denn die X-Men laufen einfach in schwarzen Lederuniformen rum. Magneto hat zwar seinen schicken Helm und sogar ein kleines Cape, aber von bunten Kostümen fehlt jede Spur. Vor allem nach heutigen Maßstäben ein Unding. Aber in so einem kleinen Detail zeigt sich die verhaltene Rangehensweise ans Genre. Das Publikum lieber nicht gleich überfallen mit einem blau-gelbem Spandex Wolverine. Immerhin findet sich im Dialog eine bissige Bemerkung dazu. Superhelden mussten dem breiteren Publikum erst langsam wieder schmackhaft gemacht werden. Zwei Jahre später kam mit Sam Raimis Spider-Man ein bunterer Nachfolger, aber das Kostüm des Green Goblin zeigt die damaligen Grenzen gut auf. Filmtechnische Entwicklungen gibt es nicht nur bei CGI, sondern auch bei Kostümen und Make-Up, sowie der immer besser werdenden Verschmelzung aller Effekte.

Freie Interpretation der Figuren

Leider ist es schwieriger zu erklären, warum X-Men als Adaption die zugrundeliegenden Charaktere so sehr mit Füßen tritt. Mit diesem Aspekt hat Fox sich eine Menge Comicleser als Fans verprellt, die danach lechzen, dass Marvel die Rechte an den Mutanten endlich zurück erhält und eine Neuauflage startet. Besonders die Frauenfiguren sind hier arg gebeutelt worden. Mystique (Rebecca Romijn, The Quest) wird zu einer besseren Handlangerin, Jean Grey (Famke Janssen, GoldenEye) stößt schon an die Grenzen ihrer Kräfte, wenn sie Cerebro benutzt, Storm (Halle Berry, Stirb an einem anderen Tag) lässt es rundum an Präsenz vermissen und Rogue (Anna Paquin, True Blood) wurde um ihre komplette Herkunftsgeschichte betrogen. Cyclops (James Marsden, Westworld) wird sowieso immer nur als Pfadfinder abgestempelt und entspricht somit den Erwartungen. Wer die X-Men aus den Comics möchte, ein schillerndes Team mit Ecken und Kanten, muss eben weiterhin die Comics lesen. Die Filmreihe startet hier bei null und baut sich eine eigene Interpretation des Mutantenstoffes auf. Wer eine Verfilmung als eigenständiges Werk betrachten kann, wird hier aber mit einer in sich stimmigen Geschichte belohnt, die viel Potenzial birgt, was im Laufe der Reihe mehr und mehr genutzt wird. Ein Highlight ist dabei von Anfang an die angedeutete Historie zwischen Xavier und Magneto. Ganz klar ist Magneto der Bösewicht des Films. Er geht über Leichen, was schwer verzeihlich ist. Die eintätowierte Nummer aus seiner Zeit in Auschwitz ist aber ein immer präsentes Mahnmal, zu was die Menschheit fähig ist. Magnetos Handeln ist verständlich, für sein Anliegen kann Sympathie aufgebracht werden, wenn auch nicht für seine Methoden. Und bei seinem irren Plan ist ihm die letztliche Konsequenz auch nicht bewusst. Und damit ist X-Men im Kern ja doch eine gelungene Adaption. Mutanten sind sozialkritische Metaphern, die für Randgruppen und Außenseiter stehen. Etwas läuft schief in der Gesellschaft und die X-Men sind mittendrin.

Ich könnte mich stundenlang darüber auslassen, was an X-Men nicht stimmt, und ich habe eine lange Liste mit Dingen, die für eine bessere Adaption dringend erforderlich sind. Aber ich erinnere mich noch gut, wie ich am Premierentag ganz kribblig ins Kino bin. Und am folgenden Tag musste ich sofort ein zweites Mal rein. Ich kann zum größten Teil nachvollziehen, warum der Film eben ist, wie er ist, und es fühlte sich damals an, als wäre ich in einer Oase gelandet. Da ist es auch egal, wenn das Wasser einen komischen Beigeschmack hat. Hugh Jackman ist vom Typ im Grunde überhaupt kein Wolverine. Der ist klein und behaart, weniger hübsch anzusehen. Aber die Filme erschaffen sich halt eine eigene Welt, und der erste Blick hinein macht Lust auf mehr. Die Story ist einfach gehalten, was sich als weise entpuppt. Ich ließ mich damals auch gut ins Bockshorn jagen. Magneto will doch bestimmt Wolverine für irgendwas. Bis heute rechne ich es dem Film hoch an, dass es hier ausnahmsweise nicht um ihn geht, sondern Rogue der Schlüssel ist, und ich liebe diese Szene im Zug, angefangen bei dem ruhigen Dialog zwischen den beiden. Mit Rogue und Wolverine kriegen wir zwei sympathische Reisebegleiter in die Welt der X-Men, und dieser charakterbezogene Aspekt weiß mir bis heute sehr zu gefallen.

Zweite Meinung:

Wer hätte anno 2000 schon gedacht, dass Superhelden jemals ein derart herausragendes Kino-Erlebnis werden würden wie Marvels Siegeszug mit den Avengers? Das blieb den X-Men zwar verwehrt und vor allem wirkt die Reihe bei Weitem weniger durchdacht. Trotzdem ist es beachtlich, mit welcher Eigenständigkeit der erste Teil den Grundstein für die folgenden Filme legte. Gealtert ist X-Men dennoch schlecht, denn die Kostüme und Perücken tragen noch den vollen 90er Zeitgeist (dort entstand das Skript bereits) mit sich und vor allem aus technischer Sicht ist der erste Teil altbacken geraten. Für Charaktermomente bleibt leider wenig Zeit und umso trauriger ist es vor allem für Fans des Comics, dass nicht nur die Gegner, sondern auch Hauptfiguren flach ausfallen. Vor allem an Toad und Mystique wird überdeutlich, dass sie vermutlich nur einmalig als Punchball vorgesehen waren und weitere Fortsetzungen vielleicht nicht ausgeschlossen, aber wenig denkbar waren. Als Auftakt von etwas Größerem ist die Reihe in Ordnung, als eigenständiger Film an vielen Ecken und Enden eher ungelenk. So bleibt das Gedankenspiel, wie ein heutiger erster Teil ausgesehen hätte.

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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