X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

Lesezeit: 8 Minuten

Fans der X-Men Filme müssen schon einiges ertragen, was widersprüchliche Ereignisse und Charakterisierungen angeht. Und welches Xavier/Magneto-Duo ist denn das bessere? Patrick Stewart/Ian McKellen oder lieber James McAvoy/Michael Fassbender? Wie wäre es da, mit Days of Future Past eines der umjubelsten Comicabenteuer zu nehmen und ein Kinoabenteuer draus zu stricken, das alles bisher Gesehene unter einen Hut bringt? X-Men: Zukunft ist Vergangenheit hegt große Ambitionen für einen großen Cast.

    

Die Zukunft finster aus. Sentinels jagen Mutanten unbarmherzig. Riesige Maschinen, die sich den Kräften anpassen können und tödliche Gegenmaßnahmen entwickeln. Auch Menschen, die Mutanten zu Hilfe kommen, landen in Internierungslagern und finden meist den Tod. Die wenigen X-Men, die noch leben, sind verstreut und kämpfen um ihr Überleben. Kitty Pryde (Ellen Page, Juno) hat zum Glück eine neue Kraft entwickelt. Sie ist in der Lage, die Psyche eines Menschen in sein früheres Ich zu versetzen. Immer wenn die Sentinels sie und ihr kleines Grüppchen finden, schickt sie Bishop (Omar Sy, Ziemlich beste Freunde) ein Stückchen in die Vergangenheit, um rechtzeitig zu fliehen. Für Charles Xavier (Patrick Stewart, Fletchers Visionen) ist klar, dass dies ein Weg ist, um die Geschichte grundlegend zu verändern. In den 70er Jahren verübte Mystique (Jennifer Lawrence, Die Tribute von Panem) ein Attentat auf einen Mann namens Bolivar Trask (Peter Dinklage, Game of Thrones). Sie wurde gefangen genommen und ihre spezielle Mutation wurde zum Schlüssel, um die heutigen Sentinels zu perfekt wandelbaren Tötungsmaschinen zu machen. Dieses Schlüsselereignis zu verhindern, könnte die Mutanten retten. Die Reise zurück ist für den Geist aber anstrengend und so kommt nur Wolverine (Hugh Jackman, Les Misérables) für den Trip in Frage. Seine Selbstheilungskraft kann dagegen halten und in seinem jüngeren Körper kann er Charles (James McAvoy, Abbitte) finden, um Mystique aufzuspüren. Doch Charles hat in dieser Zeit seinen Optimismus verloren und seine Schule geschlossen. Überredungskunst ist gefragt, während die Zeit verrinnt.

Alles oder Nichts!

Die Story klingt zunächst hanebüchen kompliziert, wird aber einfach aufbereitet. Vor allem das Zeitreiseelement ist ein wenig anders als gewohnt. Keine tolle Apparatur, keine physische Reise zurück. Der zukünftige Wolverine erwacht in seinem eigenen früheren Körper. Solange Kitty die Verbindung hält, kann er sich seiner Mission widmen und die beiden Zeiten existieren gleichzeitig. Sobald Wolverine in der Zukunft zu sich kommt, wird sich die Zeit neu sortieren und alle Änderungen fassen Fuß. Dann gibt es keinen zweiten Versuch. Das zieht die Spannungsschraube an und der Zuschauer darf zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her springen. Denn natürlich haben die zukünftigen X-Men Sorge, dass die Sentinels sie jederzeit finden und angreifen könnten. Wenn Wolverine dann noch nicht die nötigen Änderungen herbei geführt hat, könnte alles sogar noch viel schlimmer enden. Gleich zu Beginn wird klargestellt, dass hier ein großer Eingriff stattfindet, an dessen Ende eine ganze Zeitlinie aufhört zu existieren. Vielleicht werden einige der Helden sogar niemals geboren. Aber dieses Opfer nehmen sie in Kauf.

Ein Comic-Klassiker wird verfilmt

Im Gegensatz zu den meisten anderen X-Men Filmen, liegt hier klar eine Comicvorlage zugrunde. 1981 brachte das Autoren-/Zeichner-Trio Chris Claremont, John Byrne und Terry Austin Uncanny X-Men #141 und #142 zu Papier. Unter dem Titel „Days of Future Past“ erzählen sie, wie Kitty Pryde aus einer dystopischen Zukunft in die Gegenwart kommt, um das Schicksal der Mutanten zu ändern. Die Idee, den Verstand in einen früheren Körper zu schicken, bleibt bei der Adaption erhalten, aber die Hauptfigur wird geändert. Für die Filme bietet sich Wolverine einfach an, da er nur langsam altert und Jackman ihn in beiden Zeitlinien darstellen kann. Und für das Franchise ist es ideal, um die in X-Men: Erste Entscheidung vorgestellten jüngeren Versionen von Xavier und Magneto mit ihren älteren Ichs direkt zu verbinden. Manche Comicleser sind bis heute mit den Änderungen nicht glücklich, da einiges unter den Tisch fällt, für die Filme ist aber die bestmögliche Lösung gefunden worden, um dem Geist der Story treu zu bleiben und gleichzeitig einige unliebsame Vorkommnisse vergangener Teile auszumerzen.

Alte Bekannte, neue Ära

Originaltitel X-Men: Days of Future Past
Jahr 2014
Land USA
Genre Action, Science-Fiction
Regisseur Bryan Singer
Cast Charles Xavier: James McAvoy/Patrick Stewart
Erik Lensherr/Magneto: Michael Fassbender/Ian McKellen
Raven/Mystique: Jennifer Lawrence
Logan/Wolverine: Hugh Jackman
Dr. Bolivar Trask: Peter Dinklage
Hank McCoy/Beast: Nicholas Hoult
Ororo Munroe/Storm: Halle Berry
Kitty Pryde: Ellen Page
Laufzeit 132 Minuten
FSK

Bryan Singer, der X-Men einst auf den Weg brachte, kehrt auf den Regiestuhl zurück. Vielleicht wäre eine engere Zusammenarbeit mit Matthew Vaughan, der X-Men: Erste Entscheidung abgedreht hatte, eine interessante Alternative gewesen, um die beiden Zeitstränge zu vereinen. Aber zumindest lieferte Vaughan noch einen Teil des Drehbuchs ab. Und die Art einen realen, historischen Hintergrund einzuflechten blieb erhalten. Denn für Wolverine geht es zurück in die 70er und Präsident Nixon (Mark Camacho, Arrival) hockt im Amt. Der Vietnam-Krieg ist zu Ende und Friedensverträge werden unterzeichnet. Und mittendrin sitzt Bolivar Trask, der die Regierung von seinem ersten Sentinel-Programm und der Existenz von Mutanten überzeugen will. Damit schafft X-Men: Zukunft ist Vergangenheit es, die dystopische Zukunft der Comics und gleichzeitig einen historischen Anker einzubauen. Singer erschafft mehr als eine bunte Gut gegen Böse-Story und zeigt, zu was Comicadaptionen in der Lage sind.

Die Zukunft

Der Film beginnt mit der düsteren Zukunft und schnell wird klar, wie schlecht es um die Mutanten und große Teile der Menschheit steht. Kitty ist mit einigen Leuten unterwegs, die dem Zuschauer, abgesehen von Iceman (Shawn Ashmore, The Following), unbekannt sind. Schnell ist klar, dass sie die Reihen auffüllen und eher Kanonenfutter sind. Dennoch ist es schön, dass wenigstens hier ein bisschen international vorgegangen wird. Spezielles Augenmerk darf auf Blink gelegt werden, die von Fan Bingbing gespielt wird. In China ist sie ein Superstar und wurde klar gecastet, um auf dem dortigen Markt die Werbetrommel anzukurbeln. Sie hat wenig zu sagen, dafür aber grandiose Actionmomente. Die sind im zukünftig angesiedelten Teil des Films deutlich wichtiger, wenn die Exposition geschafft ist. Um mit einem Knalleffekt zu beginnen, sterben die jungen X-Men reihenweise, ehe Kitty und Bishop die Vergangenheit ändern. Es gibt auch ein Wiedersehen mit Halle Berry (Extant) als Storm, die bei ihrem fünften Anlauf endlich eine gute Frisur abbekommen hat.

Die Vergangenheit

Den Löwenanteil macht der Trip ins Jahr 1973 aus. Neben Hugh Jackmans blankem Hintern ist der erste gelungene Hingucker Wolverines Einsatz seiner Krallen. Die sind noch pure Knochen, der sein Skelett nicht mit Adamantium überzogen ist. Logan muss sich zurechtfinden, was für ein wenig Humor sorgt, den der Film als Ausgleich vertragen kann. Es gestaltet sich nicht nur schwierig den Professor zu überzeugen, auch Magneto muss gefunden werden. Hier greift X-Men: Zukunft ist Vergangenheit nochmal derbe in die Geschichtskiste, denn der Gute steckt in einem Hochsicherheitsgefängnis. Nicht wegen der Ereignisse in Kuba, nein, ihm wird nichts Geringeres als das Kennedy-Attentat zur Last gelegt. Erik gibt später an, dass er Kennedy habe retten wollen, da er auch ein Mutant gewesen sei.  Ein wunderbarer Kniff, um die Welt der X-Men noch realer zu machen. Die Flucht aus dem Gefängnis sorgt für eine spektakuläre Effektszene, unterlegt mit „Time in a Bottle“ von Jim Croce, die sich wunderbar zum immer wieder ansehen eignet. Eindrucksvolle Zurschaustellung von Mutantenkräften gibt es in der Vergangenheit reichlich, aber eben nicht, um blanke Action zu liefern. Das Finale in dieser Zeitlinie ist vor allem von Dialogen geprägt, die Charles, Erik und Raven als Charaktere zu Gute kommen. Insbesondere Charles und seine Entwicklung stehen im Fokus, ist er anfangs doch in Selbstmitleid gefangen, da sein erster Versuch eines Teams so kläglich scheiterte. Und während Erik seine Einzelhaft absitzt, ist Raven in der Welt unterwegs, um Mutanten zu helfen. Sie ist Trask und seinen Experimenten auf die Schliche gekommen und steht vor diesem letzten Schritt, jemanden für ihre eigenen Ziele zu töten. Nur weiß sie nicht, dass sie mit ihren besten Absichten, die Jagd auf Mutanten in späteren Jahren verschlimmert. In diesen Momenten hat Wolverine nur wenig zu melden, da er als Katalysator seine Aufgabe erfüllt hat und auf ein Ergebnis warten muss.

Der Rogue Cut

Wer den Film kaufen möchte, wird beim Stöbern über zwei Versionen stolpern. Eine einfache DVD/BD, die den Titel des Films trägt und eine andere mit dem Zusatz „Rogue Cut“. Die Kinofassung ist auf beiden erhältlich. Weshalb die letztgenannte sich in jedem Fall lohnt, da sie einen Mehrwert ohne Nachteile besitzt. Verlängerte Heimkinoauswertungen sind Gang und Gebe. Bei X-Men: Zukunft ist Vergangenheit war schnell klar, dass es eine alternative Schnittvariante geben würde. Bryan Singer und sein Editor John Ottman (der auch die Filmmusik komponierte) nennen es aber bewusst nicht Director’s Cut, denn sie sind mit der Kinoversion als fertigem Produkt zufrieden. Es blieben aus Pacing-Gründen aber einige Szenen liegen, die sie nicht nur als Bonus beifügen wollten. So wurde eine zweite Schnittfassung erstellt, bei der auch die Musik perfekt angepasst wurde und einige Spezialeffekte nachbearbeitet werden mussten, weshalb diese Arbeit nochmal fast ein halbes Jahr verschlang. Der Name Rogue Cut ist dabei eine augenzwinkernde Anspielung auf die Figur Rogue (Anna Paquin, Trick ‘r Treat), die im Trailer zu sehen war, deren Szenen im Kino aber fast gänzlich fehlten. Neben erweiterten und zusätzlichen Szenen, verändern sich auch ein paar Abläufe im Finale. Der Netto-Laufzeitunterschied beträgt stolze 17 Minuten.

Ich möchte meine Meinung an dieser Stelle kurz halten, sonst höre ich gar nicht mehr auf zu schreiben. Ich halte Days of Future Past gleich neben The Dark Knight für eine der gelungensten Comicadaptionen überhaupt. Nicht wegen direkter Vergleiche, sondern weil eine bekannte Story perfekt genutzt wurde, um eine bestehende Filmreihe auszubauen. Natürlich freut es mich diebisch, wie besonders X-Men: Der letzte Widerstand zunichte gemacht wird, aber mehr noch ist es ein Vergnügen zu sehen, wie die Interpretationen der Figuren zusammen kommen. Es gibt eine Szene, in der der junge Charles über Wolverines Verstand Kontakt zu seinem älteren Ich aufnehmen kann. Die erste Szene, die McAvoy zu spielen hatte, am letzten Drehtag für den Zukunftscast. Und er harmoniert großartig mit Stewart, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Das Geschenk der Hoffnung wird durch die Zeit gereicht und aus einem grausam dystopischen Vernichtungskampf erwächst Optimismus. Ich kann Stunden über die Figuren und Einzelszenen schwärmen (allein Blinks Portale), aber vor allem ist es diese Balance. Es steht alles auf dem Spiel – und zwar nicht gegen einen einzelnen übermächtigen Superschurken – und doch gibt es ein bisschen Humor, ein Licht am Ende des Tunnels. Nicht so knallbunt und familientauglich wie das MCU. Nicht so grimdark und bleischwer wie das DCEU. Hier hat FOX die Nase für mich vorn.

Zweite Meinung:

Was liebe ich diesen Film. Bryan Singer jongliert souverän mit Handlungssträngen und Personal, ohne dass der Film je kompliziert wird, dafür aber immer angenehm komplex bleibt. Ebenso erfreulich wie das Beibehalten geschichtlicher Ereignisse ist der Umgang mit Figuren (die nicht unbedingt X-Men zweiter Reihe genannt werden wollen), deren Screentime nicht ganz so hoch ist. Iceman und Blink haben starke Momente und auch Bezüge vergangener Filme wie etwa das Dreieck Bobby, Rogue und Kitty werden mit kleinen Szenen bedacht. Vor allem aber die Entwicklung der Figuren Charles, Erik und Raven sind vorbildlich. Sie sind mittlerweile richtige Persönlichkeiten geworden und stehen dem Zuschauer zu diesem Zeitpunkt nahe. So gibt es eine Szene, die mich jedes Mal richtig ins Herz trifft: Nämlich, wenn der junge Charles mit seinem älteren Ich spricht. Was würden wir unser zukünftiges Ich fragen?  Was gegenüber älteren Filmen besser funktioniert: Entweder begeistern die Charaktere mit ihren Geschichten (Charles, Erik, Raven, Wolverine) oder zumindest mit ihren Fähigkeiten (Quicksilver, Blink, Sunspot).

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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