Der Wolkenatlas

Lesezeit: 8 Minuten

Was haben ein Notar, ein Komponist, eine Journalistin, ein Verleger, ein Klon und ein Ziegenhirte gemeinsam? Wenn man bedenkt, dass die Figuren in David Mitchells (Chaos) Roman Der Wolkenatlas in verschiedenen Jahrzehnten (oder sogar Jahrhunderten) leben, ist diese Frage noch schwieriger zu beantworten. Doch obwohl auf diesen 667 Seiten sechs Personen ihre jeweils eigene Geschichte erzählen, werden schnell unerwartete Verbindungen deutlich, die eine enorme Spannung hervorbringen. Eine besondere Bekanntheit erreichte der Roman von 2004 durch die Verfilmung unter dem Originaltitel Cloud Atlas.

Sechs Lebenswege, die sich unmöglich kreuzen können, aber doch ein einziges Abenteuer bilden. Darunter ein Ozeanien erforschender amerikanischer Notar, ein britischer Komponist auf der Flucht um Geld zu verdienen, eine aufstrebende Journalistin, die eine Atom-Intrige entlarvt, ein in einem Altersheim festsitzender Verleger. Ein koreanischer Klon mit dem Wunsch, ein Mensch zu sein sowie ein Mann, der sich in einer postapokalyptischen Welt übernatürlichen Kräften entgegenstellt. Ob Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft: in einer Spannbreite von rund 500 Jahren sind diese Figuren aufs Engste miteinander verbunden, ohne es zu wissen und sich persönlich zu kennen.

Tagebucheinträge und Briefe

Die Gesamthandlung ist nicht einfach zu beschreiben, da es sich auf den ersten Blick um völlig verschiedene Geschichten handelt. Das Buch lässt sich allerdings in sechs Einzelhandlungen zerlegen: zu Beginn die in Form eines Reisetagebuches geschriebene Reise des Notars Adam Ewing. Zum Zeitpunkt der Geschichte befindet er sich auf einer Seefahrt, um in Australien Erbangelegenheiten zu klären. Seine Erlebnisse kommentiert er in seinem Tagebuch. Es geht dabei um Zwischenstopps, die Freundschaft zu dem Arzt Henry Goose und Beziehungen zu Eingeborenen der Moriori. Nach einiger Zeit auf See will er so schnell es geht zu seiner Familie nach Hause, doch dann erkrankt er schwer. Der zweite Teil dreht sich um die Beziehung des jungen Musikers Robert Frobisher. In ständigem Briefwechsel unterhält er sich mit seinem Freund und Geliebten Rufus Sixsmith. Frobisher hat finanzielle Probleme und aus diesem Grund möchte er nach Belgien, um dem berühmten, jedoch schwer erkrankten Komponisten Vyvyan Ayers zu assistieren. Er schafft es, doch obwohl er harte und erfolgreiche Arbeit leistet, wird sein Name kein einziges Mal in der Öffentlichkeit erwähnt. Dies ist für ihn kaum zu ertragen und er versucht aus diesem Grund sein wertvollstes Projekt, das „Wolkenatlas-Sextett“ zu beschützen.

Betrügerei, Mord und Komödie

Originaltitel Cloud Atlas
Ursprungsland Großbritannien
Jahr 2004
Typ Roman
Bände 1
Genre Drama, Science-Fiction, Fantasy
Autor David Mitchell
Verlag Rowohlt

Mit der jungen Journalistin Luisa Rey kommt die Geschichte nun in der Gegenwart an. Mehr oder weniger zufällig wird sie auf mysteriöse Vorgänge in einem Atom-Reaktor aufmerksam gemacht. Sie betreibt Nachforschungen und stellt dabei, fest dass der Reaktor eine Gefahr ist. Den Betreibern ist das Ganze bewusst,  doch sie versuchen alles, um dies geheim zu halten. Dabei würden sie sogar über Leichen gehen, wie Luisa feststellen muss. Nach diesem Krimi geht die Handlung nun über zu einer Komödie. Die Leser begegnen im vierten Teil dem verschuldeten britischen Verleger Timothy Cavendish. Plötzlich wird eines seiner Bücher ein riesiger Erfolg, da der entsprechende Autor einen Mord begeht. Durch ein paar üble Schläger gerät Timothy ebenfalls in Gefahr und flieht. Unbeabsichtigt entlarvt sich seine Zufluchtsstätte, die er für ein Hotel hielt, als Altenheim, aus dem es kein leichtes Entkommen gibt.

Futuristische oder postapokalyptische Zukunft?

Während Timothy Cavendishs Geschichte noch ungefähr in der heutigen Gegenwart angesiedelt ist, machen wir nun einen Sprung in die dystopische Zukunft Koreas. Klone sind nicht mehr wegzudenken und wurden gezüchtet um den Menschen zu dienen und anstrengende Arbeiten zu verrichten. Zu ersteren gehört auch Sonmi-451, die als Kellnerin in einem Restaurant arbeitet. Den Klonen wird eingeprägt, dass sie 12 Jahre arbeiten müssen, bevor sie ins Elysium übergehen dürfen, um ein normales menschliches Leben zu führen. Die Gedanken sind stark reduziert und als Nahrungsmittel dient ihnen eine Flüssigkeit namens Seife. Allerdings erfährt Sonmi durch eine Kollegin von der Existenz eines anderen Lebens und so wird sie aus dem Restaurant geholt um zu erkennen, dass sie in Wirklichkeit nur Teil eines Experimentes war. Nach Sonmis Geschichte die Handlung in den letzten Teil in eine ganz ferne Zukunft über. Diese spielt allerdings nicht mehr in einer futuristischen Großstadt, sondern in einer primitiven Welt auf einem sich in einem postapokalyptischen Zustand befindenden Hawaii. Zachry lebt als Ziegenhirte auf der Insel. Alle Bewohner führen ein primitives an die Steinzeit erinnerndes Leben, da nach dem Krieg keine Technologie mehr existiert. Noch immer existieren auf der Insel kriegerische Gruppenm die Sklaven treiben und zudem die Prescients, die von einer anderen Insel stammen, auf der noch ein wenig Technologie aus alten Zeiten erhalten ist. Eines dieser Stammesmitglieder der Prescients lernt Zachry kennen, was sein Leben verändert.

Der Aufbau des Buches

Auf den ersten Blick handelt es sich um sechs völlig verschiedene Geschichten mit jeweils eigenem Hauptcharakter haben. Alle Handlungen spielen in einem unterschiedlichen Zeitalter. Zudem sind sie chronologisch angeordnet, allerdings mit einem besonderen Ausgang. Jede Geschichte wird bis zu ihrem Höhepunkt erzählt (etwa zur Hälfte), dann beginnt ganz plötzlich das nächste Kapitel um eine andere Figur. Bereits beim ersten Abschnitt kann dies zu Verwirrungen führen, wenn man den Aufbau des Buches nicht kennt. Denn während Adam Ewing sein Reisetagebuch schreibt, endet sein Kapitel mitten im Satz und es geht auf der nächsten Seite mit den Briefen von Robert Frobisher weiter. Fragezeichen sind bei den Lesern durch diesen Beginn vorprogrammiert. Wenn man allerdings dran bleibt, kann man irgendwann feststellen, dass die Geschichte des Notars Ewing genau an der Stelle des Satzes weitergeht, bei der sie abgebrochen wurde. So setzt sich schließlich der Handlungsaufbau des Buches zusammen: Fünf Geschichten werden bis zur Hälfte erzählt, einzig die sechste rund um Zachary ist am Stück erzählt. Anschließend geht es in umgekehrter Reihenfolge mit der zweiten Hälfte genau an der Abbruchstelle weiter. Wenn man den Aufbau kennt, besteht die Möglichkeit durch zielgerichtetes Blättern durch das Buch, alle Handlungen am Stück zu lesen. Ob dies allerdings sinnvoll ist, bleibt zu überdenken, denn es ist für ein besseres Verständnis notwendig, alle Charaktere kennengelernt zu haben.

Verbindung zwischen den Welten

Spätestens ab der zweiten Hälfte wird der Einfluss der Hauptfigur in der einen Geschichte auf den Protagonisten der nächsten deutlich. So liest Robert Frobisher Adam Ewings Tagebuch. Frobishers Briefe an Sixsmith werden von Luisa Rey in die Hand genommen, zudem hört sie eine Schallplatte, auf der das „Wolkenatlas-Sextett“ ist. Über den ersten Fall von Luisa liest wiederum Cavendish einen Roman. In der Zukunft sieht der Klon Sonmi eine Verfilmung von Cavendish und Zachry bekommt eine Aufnahme von Sonmi zu sehen. Das ist aber noch lange nicht alles. Es bestehen viele Verbindungen zwischen den Personen weshalb es lohnenswert ist, den Roman von David Mitchell auch ein zweites Mal zu lesen, um viel mehr zu erkennen. So verschieden die einzelnen Geschichten auch sein mögen, haben die Protagonisten neben einem kometenförmigen Muttermal allerdings noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie befinden sich in einer ausweglosen Situation. Ob Unterdrückung, Bedrohung, Lügen, Verzweiflung oder Gefangenschaft aus der sie einen Ausbruchversuch starten, um glücklich zu sein. Besonders die Blicke in die Zukunft regen sehr zum Nachdenken an. Die Möglichkeit zu klonen und dadurch Duplikate zu erschaffen, ist durchaus eine realistische Vision. Aber sehr erschreckend ist der Blick Richtung Zachry. Dass er in einer Welt lebt, in der alles, das wir heute kennen, verschwunden ist und die Menschheit zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt ist, regt durchaus zum Nachdenken an.

Ein Autor mit sechs Geschichten

Stünde nicht als einziger Name David Mitchell über dem Titel “Der Wolkenatlas”, könnte man meinen, dass verschiedene Autoren hier eine Geschichtensammlung verfasst haben. Jedes Kapitel besitzt einen unterschiedlichen Aufbau. Zu Beginn in Form eines Tagebuchs mit Datum oder Tageszeiten als Überschrift, danach geht es über zu dem Briefwechsel zwischen Frobisher und Sixsmith. Auch hier sind Daten und die Anschrift des Absenderortes  enthalten sowie die Grüße des Absenders. Luisa Reys Fall gleicht dem Aufbau eines Kriminalroman oder Thrillers. Cavendishs Erzählung wirkt auch wie ein mit Witz geschriebener Roman. Sonmis Geschichte in einer dystopischen Zukunft ähnelt einer Befragung und dem daraus entstandenen Protokoll. Und der letzte Teil rund um Zachry ist ein sehr anspruchsvoll zu lesender Monolog. Mitchell liefert ein sprachliches Meisterwerk ab. Jeder der sechs Teile besitzt einen eigenen Schreibstil und eine zur entsprechenden Zeit der Handlung passende Art. So ist das Tagebuch von Adam Ewing beispielsweise etwas geschwollen formuliert und enthält einige Abkürzungen in den Sätzen (durch die man sich nicht irritieren lassen darf), welche auf Dauer allerdings etwas störend wirken können. Für die Geschichten in der Zukunft gibt es sogar einen eigenen Sprachstil mit einer Terminologie, für welche der Leser zum Teil sehr zum Mitdenken aufgefordert wird. Teilweise wären hier Erklärungen sinnvoll gewesen, da es auf Dauer anstrengend werden kann, Zachry zu verstehen. Durch die verschiedenen Abenteuer und Geschichten ist es auch nicht einfach, den Roman als gut oder schlecht zu bezeichnen, da für jeden Geschmack etwas dabei ist, eventuell aber auch eine Geschichte, die einem weniger zusagt.

Die Umsetzung auf der Leinwand

Nach vielen Aussagen galt der Roman als unverfilmbar. Das Regie-Trio Tom Tykwer (Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders) mit Lana und Andy Wachowski (Matrix) versuchte sich an dem Projekt und das Ergebnis feierte 2012 Premiere. Mit Darstellern wie Tom Hanks (Forrest Gump), Jim Broadbent (Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück), Halle Berry (X-Men), Hugo Weaving (Der Herr der Ringe), Susan Sarandon (Die Hexen von Eastwick) und Hugh Grant (Notting Hill) besteht der Film aus einem großen Staraufgebot, das zum Großteil positive Kritik verzeichnete. Vergleicht man den Roman mit dem Film, bestehen einige Veränderungen betreffend der Reihenfolge. Die Szenen im Film zwischen den Kapiteln wechseln öfters als in der Vorlage. Ein positiver Punkt ist allerdings, dass ein Darsteller in einer Geschichte die Hauptperson spielt, aber auch in jeder anderen als Nebenfigur auftaucht.

Fazit

Es ist schon lange her, dass ich Der Wolkenatlas von David Mitchell zum ersten Mal las. Auf alle Fälle wurde ich erst aufmerksam, als die Verfilmung angekündigt wurde, und daraufhin habe ich nach dem Buch gegriffen. Den Film habe ich allerdings erst angesehen, nachdem ich die Geschichte kannte. Am Anfang war ich schon sehr durcheinander. Ich muss leider auch sagen, dass die Abkürzungen im ersten Teil, die sich durch das Tagebuch ziehen, mich sehr gestört haben und zu meiner Verwirrung beitrugen, als dann mitten im Satz ohne Punkt und Komma Ewings Geschichte vorbei ist. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vorgeblättert habe um zu schauen, wo es weiter geht. Allerdings habe ich dann die nächste Geschichte weitergelesen, denn ich war beruhigt, dass ich noch erfahren würde, was mit dem Notar Ewing passiert, auch wenn es eine Weile dauern würde. Die einzelnen Handlungen sind angenehmerweise nicht sehr in die Länge gezogen. Für jeden Genre-Geschmack ist etwas dabei: Komödie, Abenteuer, Krimi, Science-Fiction. Ein übergreifendes Thema ist daher schwer zu bestimmen. Am besten gefallen mir zum einen die wie ein Krimi aufgebaute Erzählung von Luisa Rey und der Teil von Timothy Cavendish, bei dem man auch lächeln kann, da Witz enthalten ist. Die sechste Geschichte um Zachry ist zwar die einzige am Stück erzählte, aber für mich ist es, die mit der ich mich aufgrund seines Sprachstils am schwersten getan habe. Vor allem ist es heftig zu sehen, wie sich die Welt hinsichtlich der Klone entwickelt und der Übergang von dieser hochtechnologisierten Welt in eine Zeit, in der die Erde zerstört wurde und die Menschheit sich wieder zurückentwickelt, ausfällt.

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