The Gifted (Staffel 1)

Lesezeit: 7 Minuten

Die X-Men sind eine Gruppe von Superhelden, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, auch die Leute zu beschützen, die ihnen Hass entgegen bringen. Aber was ist mit den anderen Mutanten in dieser Welt? Nicht jeder zieht los, um einen Schurken zu bekämpfen, sondern muss das eigene Überleben sichern. Wie fühlen sich denn die Teenager, die plötzlich unkontrollierbare Kräfte haben und von der Regierung gejagt werden? Die Serie The Gifted lüftet den Vorhang und erzählt von einer Familie, die in eine ungewisse Zukunft blickt und sich dem Widerstand gegen ein mutantenfeindliches System anschließt.

    

Mutanten sind Menschen mit einem sogenannten X-Gen, das ihnen die verschiedensten übermenschlichen Kräfte verleiht (oder einfach nur das Aussehen erheblich ändert). Ein Mutant zu sein, ist in den USA nicht illegal. Diesen Status zu verstecken oder gar seine Kräfte in der Öffentlichkeit zu benutzen, aber schon. Deshalb gibt es die “Sentinel Services”, eine Regierungsbehörde, die einen Schnelltest durchführen kann und gegebenenfalls Mutanten aus dem Verkehr zieht. Zum Wohle der Bevölkerung und streng nach Gesetzen – sagt sie. Daran glaubt auch Reed Strucker (Stephen Moyer, True Blood), der als Staatsanwalt arbeitet und täglich mit Mutanten zu tun hat. Er will das Gesetz achten und nimmt an, dass es gerecht zugeht. Dabei ahnt er nicht, dass seine eigenen Kinder das X-Gen besitzen. Tochter Lauren (Natalie Alyn Lind) hat ihre Kraft vor einiger Zeit entdeckt und übt heimlich. Sie kann Moleküle manipulieren, was ihr mit Luft am einfachsten fällt, um Schilde oder Druckwellen zu erzeugen. Ihr Bruder Andy (Percy Hynes White) manifestiert seine Mutation dummerweise zum ersten Mal auf einer Schulveranstaltung. Als er mal wieder gemobbt wird, entlädt sich seine ganze Wut in einer telekinetischen Attacke, die das Gebäude fast zum Einsturz bringt. Lauren kann Andy beruhigen und zu Hause erzählen sie Mutter Caitlin (Amy Acker, Person of Interest) alles. Während sie kaum fassen kann, was sie hört, klopft es bereits an der Tür. Agent Jace Turner (Coby Bell) von den Sentinel Services hat da ein paar Fragen. Was in der Schule passierte, wird wie ein terroristischer Akt behandelt. Da seine eigene Familie plötzlich im Kreuzfeuer steht, sieht Reed als einzigen Ausweg die Flucht. Wenigstens ist ihm durch seine Arbeit bekannt, dass es einen Untergrund für Mutanten gibt, die dabei helfen Leute aus dem Land zu schleusen.

So wie für uns die Zahl 9/11 eine Bedeutung hat, ist es In The Gifted das Datum 7/15. Am 15. Juli 2013 hatte es eine eigentlich friedliche Demonstration für Mutantenrechte gegeben. Die Situation eskalierte und es kam zu Krawallen, die zum Tod von Tausenden führten. Seither sind die Kontrollen strenger und die Regierung greift gegen Mutanten hart durch. Die X-Men verschwanden von der öffentlichen Bildfläche und zurück blieben kleine Grüppchen des Widerstands, die versuchen Mutanten zu schützen. Lorna Dane (Emma Dummont, New in Paradise), Marcos Diaz (Sean Teale, Reign) und John Proudstar (Blair Redford, The Lying Game) mischen dabei ganz vorne mit. Sie sind zu Beginn der Pilotfolge damit beschäftigt, eine junge Frau namens Clarice Fong (Jamie Chung, Once Upon a Time) aufzuspüren, der es gelang aus einer Sentinel Services Einrichtung zu fliehen. Eine seltene Begebenheit. Die Wege der Mutanten, die das Leben als Außenseiter längst kennen, und der bis dato Bilderbuchfamilie kreuzen sich und die Struckers sind bald ungewollt an vorderster Front im Kampf ums Überleben.

Die Welt der X-Men ohne X-Men

Originaltitel The Gifted
Jahr 2017
Land USA
Episoden 13 (in 1 Staffel)
Genre Science-Fiction, Drama, Fantasy
Cast Reed Strucker: Stephen Moyer
Kate Strucker: Amy Acker
Lauren Strucker: Natalie Alyn Lind
Andy Strucker: Percy Hynes-White
Lorna Dane/Polaris: Emma Dumont
Marcos Diaz/Eclipse: Sean Teale
Clarice Fong/Blink: Jamie Chung
John Proudstar/Thunderbird: Blair Redford
Jace Turner: Coby Bell
Roderick Campbell: Garret Dillahunt

The Gifted ist eine Koproduktion von 20th Century Fox mit Marvel Television. Die von Matt Nix (Burn Notice) kreierte Serie spielt dabei in Fox’ bekanntem Filmuniversum, das sich ohnehin durch alternative Zeitlinien auszeichnet und Platz für Erzählungen bietet, die nicht mit allen Geschehnissen der Filme konform gehen müssen. Am einfachsten ist es, The Gifted als Art Vorgeschichte zur dystopischen Zukunft in X-Men: Zukunft ist Vergangenheit anzusehen. In der Serie wird beispielsweise an einem Programm namens Hound gearbeitet, ein Wort direkt aus der Comicvorlage Days of Future Past entnommen. Hier werden Mutanten gehirngewaschen und als Spürhunde beziehungsweise Waffen eingesetzt. Der Bezug zu diesem Teil des Films wird sogar mit der Auswahl der Figuren unterstützt, denn Clarice und John, alias Blink und Thunderbird, tauchen im Film (selbstverständlich mit anderen Darsteller) auf. Da waren sie eher dazu da, um Plätze aufzufüllen und hier können sie sich als Figuren entfalten. Die X-Men Comics bieten noch genug kaum bis gar nicht genutzte Charaktere, um diese Serie lange am Leben zu halten, ohne die offiziellen X-Men einbinden zu müssen. Was genau aus Xaviers Lieblingsschülern wurde, wird in der ersten Staffel nicht erwähnt, aber sie sind irgendwo dort draußen. Der Untergrund, der versucht sich den Behörden zu entziehen und Fluchthilfe leistet, hat ganz eigene Sorgen.

Alles ist anders, wenn es einen selbst betrifft

Die Struckers sind für den Zuschauer der Einstieg in diese Welt. Zunächst eine typische Familie, für die Mutanten eher eine jenseitige Angelegenheit sind. Andy selbst gebraucht noch das abfällige Wort „Mutie“, vor dem Lauren bereits zurückweicht. Reed hält sich nicht für einen bösen Menschen, denn die Mutanten mit denen er zu tun hat, haben ja alle irgendwie das Gesetz gebrochen. Er hat selbstverständlich nichts gegen Mutanten per se. Caitlin ist Krankenschwester und hegt durchaus Empathie für Mutanten, ist aber zunächst überfordert zu erfahren, dass es ihre eigenen Kinder betrifft. Plötzlich geht es nicht mehr um theoretische Ethik und Moral und für jeden der vier Struckers beginnt eine ganz eigene Entwicklung. Die 13 Episoden der Staffel sind dicht an dicht erzählt, wie es bei Serien heutzutage üblich ist, und doch enthält jede auch eine geschlossene Handlung, die den Figuren viel Raum zur Entfaltung gibt. Direkt zu Beginn wird Andy noch in der Schule gemobbt und es ist schnell klar, dass dies ein langanhaltendes Problem ist. Jetzt findet er heraus, dass er das Potenzial besitzt, andere Menschen nur mit seinen Gedanken zu verletzen. Er kann sich erstmals wehren und ist anderen überlegen, da ist die Versuchung groß Rache zu üben oder gegenüber einem Polizisten Gewalt anzuwenden. Lauren hat ihren Mutantenstatus bisher verborgen und kann zum ersten Mal offen über ihre Gabe sprechen. Sie hat ihrer Familie sogar einst das Leben gerettet, als sie einen Autounfall verhindern konnte. Obwohl sie als Teenager an der Schule weniger Probleme hatte als Andy, ist es befreiend diesen Teil von sich ausleben zu können und sie findet schnell Anschluss. Reeds Entwicklung führt ihn in seine Vergangenheit. Die Familiengeschichte der Struckers wird zu einem wichtigen Puzzleteil des übergreifenden Plots. Tatsächlich ist er selbst ein Mutant, aber sein Vater, ein Wissenschaftler, hat bereits vor Jahrzehnten daran geforscht dieses zu unterdrücken.  Caitlin bietet natürlich ihre medizinischen Kenntnisse an und ist schockiert darüber, wie viele Leute Schutz im Geheimversteck des Untergrunds suchen. Sie hat viele Gespräche mit Marcos, die ihr die Augen öffnen, wie schlimm es um prinzipielle Menschenrechte für Mutanten steht.

Eine bekannte Figur als Anführerin

Für Comicleser ist die Serie ein großer Spaß, da so mancher Name sofort Erwartungen schürt und das Vorlagenwissen schon einiges erahnen lässt. Die Autoren haben es aber bestens im Griff, nicht für eine bestehende Fanbasis zu schreiben und entwickeln ihre Enthüllungen mit genug Erklärungen. Aber unter den Mutanten sticht eine doch hervor. Lorna Dane alias Polaris hatte ihren ersten Comicauftritt bereits 1968, noch ehe Wolverine oder Storm erschaffen wurden. Sie kontrolliert Magnetismus und nach langen Jahren der Spekulation wurde offiziell bestätigt, dass sie Magnetos Tochter ist. Zum Ende der Staffel wird dieser Umstand aufgegriffen und spielt eine Rolle bei Lornas Entscheidungen. Sie ist aber mehr als ein Stand-in für ihren bekannten Vater. Die unterschiedlichen Philosophien, die Xavier und Magneto immer wieder durchspielen, sind dennoch ein gewisses Streitthema unter den Mutanten bei The Gifted, da sie fundamentale Fragen aufwerfen. Auf das Beste hoffen? Optimismus wahren? Zum Gegenangriff übergehen? Aktiv Stärke zeigen? Lorna und Marcus sind ein Paar und Lorna hat soeben erfahren, dass sie schwanger ist. In was für einer Welt wollen sie ihr Kind großziehen?

Als ewiger Fan der X-Men bin ich von The Gifted ziemlich begeistert, denn der Hass auf Mutanten, der so wichtig ist, um ihnen diesen speziellen Status zu geben, kommt gut zur Geltung und funktioniert als sozialkritische Metapher bestens. Die Trennung von X-Men und Avengers durch unterschiedlich verteilte Adaptionsrechte hat auch ihr Gutes. Es gibt keine umjubelten Superhelden, es gibt nur die Andersartigkeit und Angst vor theoretischer Gewalt. Die emotionale Seite spricht mich da sehr an und ich bin mit der Aufarbeitung bisher zufrieden. Und als Leser habe ich irre Spaß an diesen Versionen bekannter Figuren. Vor allem freut es mich, dass auch Blink mit von der Partie ist. Nachdem Fan Bingbing sie in X-Men: Zukunft ist Vergangenheit spielte, hat man sich erneut für eine asiatisch-stämmige Darstellerin entschieden und Jamie Chung macht ihren Job wunderbar (ich mochte sie bereits als Mulan in Once Upon a Time sehr). Und der größte Knaller ist dieses Telepathenmädchen, das zum Untergrund stolpert. Ich habe mir zunächst kaum etwas dabei gedacht und dann dämmerte es mir, dass wir tatsächlich die Stepford Cuckoos bekommen, die hier als Frost Sisters vorgestellt werden. Die kleinen Zieh-Klone von Emma Frost in einer Serie! Und wie meisterlich Esme doch alle manipuliert, um ihre Schwestern zu befreien. Mit einem solchen Plot hätte ich nicht gerechnet. Und Skylar Samuels (Scream Queens) hat ordentlich zu tun.  Das Finale der Staffel hat mich sehr mitgerissen, denn da sind schwere Entscheidungen getroffen worden, die ich auf lange Sicht für sehr bedenklich halte, aus der Situation heraus aber gut nachvollziehen kann. Die Serie bietet mehr als Gut und Böse. Ich bin gespannt, wie es weitergehen wird. (Da Stephen Moyer mit Ex-True-Blood-Kollegin Anna Paquin verheiratet ist, wäre es sicherlich nicht zu schwer, sie mal für eine Woche zum Set zu kriegen und mit Rogue könnte eine Filmfigur auftreten. Aber das bleibt wohl Wunschdenken.)

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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Ayres
Redakteur

Mega Review, das ordentlich Lust auf die Serie macht. Melde mich, wenn ich sie durch habe. Hatte erst die Befürchtung, dass die X-Men komplett außer Acht gelassen werden, aber das mit Blink ist dann doch irgendwie ein rettender Anker.