Legion (Staffel 1)

Lesezeit: 5 Minuten

Wer bringt einem bei, normal zu sein, wenn man einzigartig ist? Wer spontan mit Superkräften ausgestattet wird, muss sich in der Gesellschaft meist ein wenig umorientieren. Legion beginnt aber in der Psychiatrie mit Leuten, die bereits abgestempelt sind als Spinner, Querulanten und Störenfriede. Ihre Sicht auf die Welt ist eigen, was die Kamera mit vielen Tricks und Spielereien einfängt. Noah Hawley (Fargo) nimmt sich in seiner neuen Serie eine handvoll von Marvels Mutanten und erlaubt dem Zuschauer einen Blick in ihr unangepasstes Inneres. Ein audiovisueller Trip, der mit einer im Grunde simplen Story beginnt.

    

David Haller (Dan Stevens, The Guest) ist Dauerpatient in Clockworks, einer psychiatrischen Klinik. Momentan geht es ihm dabei sogar recht gut. Seine Schwester besucht ihn manchmal, die Stimmen in seinem Kopf verhalten sich ruhig und es gibt nicht mal diese verstörenden Episoden, bei denen er sich fühlt als würde er die Welt um sich herum zerreißen. Was natürlich alles Einbildung ist, wer kann schon Dinge mit seinen Gedanken bewegen. Obendrauf hat er sich verliebt und Syd Barrett (Rachel Keller) stimmt zu, eine feste Beziehung einzugehen. Solange er sie bloß nicht anfasst, denn das mag sie gar nicht. Da passieren ihr immer schlimme Dinge. Als Syd entlassen wird, kommt es aber doch zu einem Kuss und der stellt alles auf den Kopf, was die zwei für Realität hielten. Plötzlich interessiert sich eine zwielichtige Behörde sehr für David, die Psychiatrie gleicht einem Escher Gemälde und Syd schließt sich einem Grüppchen Mutanten an. Ja, Mutanten, denn manche Menschen können die Gesetze der Physik ganz allein außer Kraft setzen und vielleicht sind nicht alle so verrückt, wie sie anfangs scheinen.

Einordnung hinter den Kulissen

Originaltitel Legion
Jahr seit 2017
Land USA
Episoden 19 ( in 2 Staffeln)
Genre Science-Fiction, Fantasy
Cast David Haller: Dan Stevens
Syd Barret: Rachel Keller
Lenny: Aubrey Plaza
Cary Loudermilk: Bill Irwin
Kerry Loudermilk: Amber Midthunder
Melanie Bird: Jean Smart
Ptonomy Wallace: Jeremie Harris
Clark: Hamish Linklater

Comicleser kennen David Haller als Sohn von Professor Charles Xavier, dem Gründer der X-Men. Auch das Logo von Legion enthält ein extra X, um den Bezug herzustellen. Produziert wird die Serie vom Sender FX, der zu 20th Century Fox gehört, die die X-MenFilme auf die Leinwand bringen. Interessanterweise in Zusammenarbeit mit Marvel Television, die sonst kein einziges Krümelchen vom Mutantenkuchen abbekommen. Da ging das Rätselraten schnell los, wie sich Legion in die bekannten Universen einordnen lassen soll. Dieser ganze Wust an Informationen entpuppt sich zum Glück als zweitrangig. Im Verlauf der acht Episoden umfassenden ersten Staffel wird auf Davids Vater verwiesen, aber es ist gar nicht von Belang fürs Verständnis oder den Unterhaltungsfaktor. Tatsächlich strampelt sich Serienschöpfer Noah Hawley möglichst frei vom Ballast und möchte Comic-Fans eine ganz eigene Erfahrung bieten.

Stil mit Substanz

Legion ist vor allem ein buchstäblicher Hingucker. Farben, Formen, Outfits, Sets, Kameraperspektiven – jede Szene bietet etwas fürs Auge und nicht selten würden einzelne Standbilder ein perfektes Panel in einem Comic abgeben. Dabei stellt sich sehr schnell die Frage, wann die Serie überhaupt spielt. Das sollte ursprünglich die ganz normale Gegenwart sein, aber als es für die Produktion ans Eingemachte ging, entwickelte sich ein Eigenleben. Besonders die Sechzigerjahre halten für die Optik her, bunte Kleidung, Pop Art Decor und klassische Autos. Doch der Vintage Look mischt sich mit der Moderne und ist keine wirkliche Reise in die Vergangenheit. Zumal die Technik eher einer Form von Retro-Futuristik entspringt. Einige Apparate, die Wundersames vollbringen, was auf heutigem technischem Stand noch nicht möglich ist, wirken wie aus Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum entlehnt. Diese Verwirrung hebt aber etwas Wichtiges hervor – David Haller ist ein unzuverlässiger Erzähler. Der Zuschauer sieht die Welt, wie er sie wahrnimmt und hält sie nicht an Spielregeln einer allgemeingültigen Wahrheit. Dieses Wirrwarr, komplettiert mit Tanzeinlagen, Stummfilmmontagen und psychedelischen Trips in Traumwelten, bietet ein grandioses Sehvergnügen, in dem die Hauptstory sehr verschachtelt erzählt wird. Es geht aber nicht darum ständig mit Enthüllungen zu schocken oder Zuschauer in die Irre zu leiten, um sich einen möglichst pseudo-elitären Fankreis heranzuzüchten. Es bedarf nur ein wenig Geduld, um die Fäden zu entwirren und einer im Grunde simplen Geschichte um Besessenheit und Identitätsfindung zu folgen. Und den Charakteren werden immer wieder genug Erklärungen und Zusammenfassungen in den Mund gelegt, damit der eine rote Faden nicht in dieser schönen bunten Welt verloren geht.

Wer bin ich und wenn ja wie viele

Telepathie ist eine spannende Superkraft, die meist recht unspannend in Film und Fernsehen genutzt wird. Schauspieler starren sich angestrengt an und die Metaebene des Verstands ist meist ein doch bekannter Ort, wo es vielleicht mal mysteriöse Türen und Treppen gibt, die untersucht werden. Legion gestaltet diese Trips surreal, denn die Gedanken sind frei. Lineare Zeitabläufe werden durchbrochen, wenn etwa in der äußeren Welt eine Pistolenkugel eine tödliche Bahn zieht, im Inneren aber ein scheinbar tagelang andauerndes Katz-und-Maus-Spiel läuft. Jede dargestellte Kraft wird zelebriert und nicht nur für actionreiche Zerstörung genutzt. Der Zuschauer soll staunen und sich auch ein bisschen gruseln. Besonders wenn David wieder von einem gelbäugigen Dämonen verfolgt wird. Hier haben Comicleser die Nase vorn, denn da wird auf einen passenden Schurken zurückgegriffen. Der Shadow King hat seine Finger im Spiel. Ein großartiger Gegner wird hier gebührend eingeführt.

Ich empfehle, die Staffel als Gesamterzählung möglichst am Stück zu schauen, aber nicht unbedingt alles an einem einzigen Tag. Ein bisschen Zeit zur Verdauung ist gut, doch bei nur einer Folge pro Woche können viele kleine Details leider schnell verloren gehen. Mir gefällt Legion vor allem auf Grund der Optik und weil es keiner typischen Gut-gegen-Böse Story folgt. Frischer Wind im Superkräfte-Genre. (Wenn jede Serie so wäre, wäre das aber äußerst ermüdend.) Die langsame Offenlegung der Mutantenfähigkeiten ist besonders gelungen und konnte selbst mich noch überraschen. Dazu kommt eine rundum gelungene schauspielerische Leistung, denn egal was für Merkwürdigkeiten passieren, die Darsteller bringen die Emotionen auf den Punkt.

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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