Kenshin

Lesezeit: 8 Minuten

Der herrenlose Samurai Kenshin Himura schwor sich, nie wieder jemanden zu töten. Dafür trägt der mit einer kreuzförmigen Narbe im Gesicht Gezeichnete extra ein Schwert mit verkehrter Klinge mit sich. Doch seine dunkle Vergangenheit holt ihn immer wieder aufs Neue ein, weswegen seine Waffe nicht lange in der Scheide bleibt. Nobuhiro Watsuki (Buso Renkin) erschuf den Krieger mit dem traurigen Lächeln für seinen Manga Kenshin, welcher ab 1994 fünf Jahre lang erfolgreich im Shonen Jump-Magazin erschien. Auch heute ist sein Werk nicht in Vergessenheit geraten und so kommen immer wieder neue Umsetzungen oder Ableger auf den Markt. Seit 2016 erscheint die Fortsetzung Rurouni Kenshin: Hokkaido Arc in Japan. Doch was ist dran an dem Titel, dass ihn der Strudel der Zeit nicht verschlang?

 

Wir schreiben das Jahr Meiji 11, als der Ronin (=herrenloser Samurai) Kenshin Himura in Tokio eintrifft. Als er mit seinem Schwert bewaffnet durch die Straßen zieht, greift ihn plötzlich eine junge Frau an. Sie beschuldigt ihn, der mordende Attentäter Battosai zu sein. Das Missverständnis klärt sich zum Glück schnell auf, denn Kenshin ist nur ein wandernder Vagabund, der gerade erst in der Stadt ankam. Mit den grausamen Morden hat er nichts zu tun. Doch wie das Schicksal es so will, hilft er der Frau, die sich als Kaoru Kamiya vorstellt. Sie leitet seit dem Tod ihres Vaters ein Dojo. Da der Attentäter sich aber als einer der Schüler ausgibt, bleiben die anderen der Schwertschule fern. Schnell ist klar, dass ein alter Bekannter von Kaorus Vater der Strippenzieher hinter der Sache ist und dass er es auf das Gelände des Dojos absieht. Kenshin kann jedoch den Machenschaften ein Ende setzen und nachdem der Bösewicht samt Gehilfen verhaftet ist, kehrt endlich wieder Ruhe ein. Der Ronin möchte daraufhin weiterziehen, doch Kaoru bittet ihn zu bleiben. Zwar fand sie heraus, dass Kenshin der echte Battosai ist, ein Attentäter, der in der Bakumatsu-Zeit Leute tötete, jedoch hat sie Gefühle für ihn entwickelt. So beginnt das Zusammenleben der beiden, welches nicht lange ruhig bleibt, denn die Ereignisse aus der Vergangenheit holen den Krieger mit dem traurigen Lächeln immer wieder ein.

Ein Held mit einem längeren Lebenslauf

Originaltitel Rurouni Kenshin: Meiji Kenkaku Romantan
Jahr 1994 – 1999
Bände 28
Genre Action, Drama, Historie
Autor Nobuhiro Watsuki
Verlag Egmont Manga (2000 – 2004)

Kenshin ist ungefähr 28 Jahre alt, als die Handlung des Mangas einsetzt. Ungewöhnlich für einen Helden, dessen Abenteuer in Japans berühmten Shonen Jump-Magazin, welches eher eine jüngere Zielgruppe anpeilt, erschienen sind. Doch genau darin liegt der Reiz der Figur. Der Vagabund erlebte viel in seinem Leben und daher bringt er Erfahrung und Kampfkraft mit. Nicht zu töten stellt jedoch die große Herausforderung dar, denn der Ronin muss sich bei den Gefechten zurückhalten. Verliert er die Kontrolle, kann es passieren, dass er seinen Schwur bricht und davor hat er Angst. Er möchte um jeden Preis verhindern, wieder zu dem zu werden, der er einst war. Aber was passierte damals, dass er beschloss von seinem damaligen Pfad abzuweichen? Kenshins interessante Vergangenheit entblättert sich nur langsam, dafür aber mit sehr viel Spannung. Perfekt verschmilzt Nobuhiro Watsuki die Ereignisse der Gegenwart mit der früheren Lebensgeschichte seines Helden in Kenshin. Oft sind es alte Gegenspieler, die erneut auf der Bildfläche erscheinen, nach Rache dürsten und damit die friedlichen Tage im Dojo zerstören. Kenshin stellt sich ihnen und lernt dabei noch einiges dazu. Nicht nur in punkto Kraft, sondern auch in Sachen Psyche reift er noch weiter, was dafür sorgt, dass es zu keinem charakterlichen Stillstand kommt. Viele Denkanstöße kommen durch die neuen Menschen, denen er begegnet und wovon einige bei ihm bleiben. Während er oft eher eine traurige-sanfte Aura verströmt, ist Kenshin aber auch zu humorvollen Einlagen bereit. Gerade sein ständiges geschocktes “Oho” (im japanischen Oro) ist ein markantes Merkmal und findet sich stolze 98 Mal in den Bänden wieder.

Liebe in schweren Zeiten

Kenshin ist nicht nur die Geschichte eines wandernden Ronin, der ein Zuhause findet, sondern auch die vieler anderer lebendigen Figuren. Allen voran Kaoru, die dank ihres neuen Mitbewohners nun nicht mehr alles alleine schultern muss. Bemerkenswert an ihr ist, dass sie dank ihres Vaters kämpfen lernte und damit sich auch selbst in Gefechten unter Beweis stellen kann. Etwas, das für die damalige Zeit nicht alltäglich war. Doch viel mehr ist es ihre mit Worten unterstützende Art, die vor allem Kenshin immer wieder an seinen Schwur erinnert. Die Beziehung zwischen den beiden baut sich glaubhaft auf und verläuft immer mehr zu einem liebevollen innigen Band, das sich allen Gefahren stellt. Trotzdem müssen die beiden bis zum Ende der Geschichte sehr viel durchstehen. Nicht nur, dass Kenshin Kaoru einmal Lebewohl sagt, weil er sich einer sehr gefährlichen Mission stellen muss, nein, viel eher wollte Autor Watsuki dem Paar ein Ende setzen. Als Enishi Yukishiro Kaoru entführt, hatte der Mangaka überlegt, seine Heldin sterben zu lassen. Zum Glück entschied er sich doch anders und so sehen wir auf der letzten Seite der Geschichte Kenshin und Kaoru mit ihrem Sohn Kenji glücklich vereint.

Nicht einfach nur schwarz und weiß

Im Dojo wird es nach und nach sehr lebhaft, denn mit Yahiko bekommt Kaoru endlich einen neuen Schüler, mit Megumi eine erfahrene Ärztin und mit Sanosuke einen Dauergast, der sich den Magen vollschlägt. Gerade Letzterer stellte sich Kenshin als Gegner in den Weg, wurde besiegt und dann zu einem Kampfgefährten. Daher ist es immer wieder spannend, wenn neue Gegenspieler erscheinen, denn nicht immer bleiben sie auf der Seite der Bösewichte. Der Ninja Aoshi Shinomori zum Beispiel hat einen guten Grund Kenshin zu töten, doch von einem Feind wird auch er zu einem Gefährten, der auf der Seite der Guten steht. Etwas undurchsichtig bleibt der Einzelgänger Hajime Saito, der einst als Mitgleid der Shinsengumi mit Battosai die Klingen kreuzte. Da er aber in der neuen Zeit ein Polizist ist, kämpft er oft gegen die gleichen Feinde. Er spricht davon, Kenshin für seine früheren Taten noch zur Rechenschaft zu ziehen. Diese Fehde zieht sich bis zum Ende der Geschichte, was es immer wieder spannend macht, wenn beide Charaktere sich erneut wiedersehen. Eine strikte Einteilung in Gut und Böse ist hier nur selten gegeben. Viele Charaktere durchlitten viele Qualen, wodurch klar wird, warum sie auf der gegnerischen Seite stehen. Daher verteilen sich auch viele Sympathien an Kenshins Widersacher. Und ist es nicht auch so, dass unser Titelheld keine strahlend weiße Gestalt ist? Schließlich klebt auch an seinen Händen viel Blut. Eine Grundsituation, die nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch Kenshin abseits der Standartheldenabenteuer verlaufen lässt.

Keine gute Geschichte ohne herausragende Bösewichte

Während Kenshin sich zu Beginn eher kleineren Aufgaben stellt, wird unser Held irgendwann beauftragt, nach Kyoto zu reisen. Er soll dort Makoto Shishio aufhalten, der Kyoto brennen sehen will. Damit folgt der erste längere Abschnitt, der vor allem deswegen bei Lesern gut ankommt, weil der Feind dieses Mal kein 08/15-Krimineller ist. Shishio ist extrem charismatisch und stark, weiß was er will und besitzt ein ungewöhnliches Aussehen mit all seinen Verbänden. Damit ist er selbst schon kein leichter Gegner und seine Untergebenen, die zehn Schwerter, haben es genauso faustdick hinter den Ohren. Zu packen weiß daher dieser Storyabschnitt, denn selbst Kenshin geht hier an seine Grenzen. Viele spannende Kämpfe erwarten uns hier, wovon gerade zwei besonders hervorstechen, welche nicht ohne Grund zu den besten der Mangareihe gehören. Besonders der finale Kampf wartet mit einer großen Überraschung auf, weswegen er unvergesslich bleibt. Unglücklicherweise kann Enishi Yukishiro als zweiter großer Gegenspieler nicht mithalten. Neben Shishio wirkt er eher blass und einzig seine Vergangenheit, die eng mit der unseren Helden verbunden ist, gibt ihm wenigstens eine kleine eigene Note. Enttäuschend sind Enishis Untergebene, die allesamt etwas sehr abgedreht sind. Während es also nicht die Kämpfe sind, die hier besonders ziehen, sind es zwei andere Dinge: Kenshin erzählt in einem längeren Abschnitt von seinen früheren Erlebnissen und er selbst durchlebt seine letzte Charakterentwicklung.

Bezüge zur realen Geschichte Japans

Während Nobuhiro Watsuki ein paar Figuren frei erfand, finden wir im Laufe der Reihe einige Namen oder gar Charaktere vor, die wirklich existiert haben. Mit Hajime Saito treffen wir eine sehr berühmte Persönlichkeit, da er als Mitglied der Schutztruppe Shinsengumi in die Geschichte einging. Gerade Kenshins Vergangenheitspart führt uns sogar direkt in die Zeit des Umsturzes. Mit all den Konflikten eine faszinierende Periode, in der es mitunter blutig zur Sache geht. Nur wenige humorvolle Szenen lockern die ernsten Situationen auf. Kein Wunder also, dass dieser Abschnitt nicht mehr für die Animeserie umgesetzt wurde, sondern eine eigene OVA-Umsetzung erhielt, die sich an ein älteres Publikum richtet. Wer sich mit der damaligen Zeit auskennt, wird hieran seine Freude haben. Shinsengumi, Choshu-Rebellen und der berühmte Ikedaya-Vorfall sind nur einige Begriffe, die fallen. Für alle Neulinge bieten die deutschen Bände Infoseiten, die uns in erster Linie die geschichtlichen Gegebenheiten erklären. Recht lesenswert sind auch die Kommentare des Autors, weil er viel darüber schreibt, wie die Figuren entstanden sind. So erfahren wir, dass zum Beispiel Kenshin auf der Vorlage eines real existierenden Attentäters erschaffen wurde.

Er sieht ein wenig wie eine Frau aus

Kenshin ist Watsukis erste längere Mangareihe. Kein Wunder also, dass sich im Laufe der Bände sein Zeichenstil noch verbesserte. Gerade zu Beginn sieht Kenshin extrem weiblich mit der schlanken Gestalt und den buschigen, langen Haaren aus. Zum Teil ist das Absicht, aber zum Glück werden die Zeichnungen noch klarer und damit unser Held als Figur auch optisch attraktiver. Was dem Zeichner von Anfang an gelingt, ist eine gute Panelaufteilung und ein individuelles Charakterdesign für seine Figuren. Damit macht der Manga visuell einiges her. Dynamische, ausdrucksstarke Kämpfe und detaillierte Hintergründe runden das Bild ab. Besonders schick sind die Pinselzeichnungen im Stil der Kalligrafie, die oft als Kapitelbilder zu finden sind. Hierzulande erschienen die 28 Bände bei Egmont Manga. Wer also neugierig auf die Reihe ist, kann zu diesen greifen. Ansonsten existiert auch noch eine 22-bändige Perfect Edition, die es in Deutschland nicht gibt. Die beinhaltet die Farbseiten, neue Cover und anderes Bonusmaterial, wer also französisch beherrscht, kann bei diesen zuschlagen. Bei dem Kenshin Kaden handelt sich um ein Guidebook, welches auch hierzulande erschien. Neben Farbseiten und jede Menge Zusatzinfos lockt dieses Buch mit einer kleinen Bonusgeschichte, die nach dem Ende von Kenshin spielt.

Fazit

Es war eher spontan, dass ich mir 2003 die ersten drei Bände von Kenshin kaufte. Aus heutiger Sicht bin ich sehr froh darüber, denn ich habe mich von den ersten Seiten an in diese Geschichte verliebt. Kenshin als Figur ist auch heute noch interessant und vor allem für mich emotional so aufwühlend, wie kaum eine andere. Seine Vergangenheit ist tragisch und zieht sich durch sein komplettes Leben, weswegen es mich einfach nur freut, wie er dank Kaoru und den anderen sein Zuhause findet. Gerade die Beziehung zwischen Kenshin und ihr ist einfach nur liebenswürdig. Daher musste ich Laufe der Bände wirklich leiden, denn was den beiden so passiert, ist kein Zuckerschlecken. Sano, Yahiko und viele andere Figuren schloss ich auch ins Herz und für mich ist der Titel dank ihnen so lebendig. Die Story ist natürlich auch nicht ohne und gerade der Abschnitt mit Shishio sorgte dafür, dass ich die Bände kaum noch zur Seite legen konnte. So einen Gegenspieler wünsche ich mir in vielen anderen Reihen auch. Er ist alles andere als eindimensional und mit seinem Charakter ein wunderbarer Gegenpart zu Kenshin. Da wurde der Finalkampf zwischen den beiden zur Zitterpartie. Schließlich gehen beide Kontrahenten bis an ihre Grenzen und unvergesslich bleibt, dass im Grunde Kenshin am Ende nicht einmal gewinnt. Shishios Selbstentflammung sorgt für ein unerwartete Wendung, die sich regelrecht ins Gedächtnis brennt. Dass Enishi da nicht mithalten kann, finde ich verkraftbar. Immerhin erfahren wir dank ihm, was Kenshin für eine grausame Vergangenheit hat. Daher passt es wunderbar, dass er der letzte große Gegner ist und unser Held symbolisch mit seinem früheren Leben abschließen kann. Vor allem danke ich Watsuki, dass er sich dafür entschloss, Kaoru am Leben zu lassen. Ich weiß noch wie geschockt ich war, als die Stelle mit der falschen Leiche kam. Kenshin daran dann fast zerbrechen zu sehen, geht mir so nahe, wie keine andere Szene. Ihn daher am Ende mit Frau und Kind zu sehen, macht mich einfach glücklich. Er verdient es nach all den Jahren. Auch wenn ich die Zeichnungen zu Beginn nicht wirklich hübsch finde, verändert sich der Stil zum Glück in eine positive Richtung. Das spätere klarere Design entspricht mehr meinem Geschmack. Wünschen wurde ich mir die Perfect Editon auf deutsch, denn mir gefallen einige der neuen Cover. Außerdem würde ich Kenshin auch noch ein zweites Mal ins Regal stellen, denn ich liebe diese Reihe, da sie nicht nur meine Leidenschaft für Samurai-Geschichten entfachte, sondern auch, weil ich sie klasse finde.

© Egmont Manga

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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