The Grudge (2020)

Remake, Reboot, Sequel. Früher oder später tauchen alle Franchises wieder auf, um mit bekanntem Namen nochmal Kasse zu machen. Ob sich das inhaltlich auch rechtfertigen lässt, steht dabei immer auf einem anderem Blatt. Der von Horror-Profi Sam Raimi produzierte Der Fluch – The Grudge kam 2004 als Remake des japanischen Ju-On: The Grudge auf die Leinwände, konnte die Kritiker nicht wirklich überzeugen, spielte aber dennoch eine stattliche Summe ein. Sehr wahrscheinlich ist das auch der Popularität von Sarah Michelle Gellar zu verdanken, die bis 2003 in Buffy – Im Bann der Dämonen zu sehen war. Die 2020er Ausgabe von The Grudge kommt ohne jeglichen Titelzusatz oder Nummerierung daher. Dabei spielt der Film von Nicolas Pesce (Piercing) zeitlich parallel zu den ersten beiden Teilen in den Jahren 2004 und 2006. Wie dem auch sei: Der Film fiel weltweit beim Publikum durch. Nach einem Kino-Start im Januar 2020 wurde die Veröffentlichung des Films lange Zeit zurückgehalten, um im beliebten Horror-Monat Oktober vielleicht nochmal als Kaufversion etwas reißen zu können.

 

Eine übel zugerichtete Leiche in einem mitten im Wald abgestellten Auto führt Detective Muldoon (Andrea Riseborough, Mandy) zu einem Haus, dem nachgesagt wird, es würde dort spuken. Dort ist allerdings nur eine alte Dame anzutreffen. Die geistig verwirrte Faith Matheson (Lin Shaye, Insidious) kann wenig Auskunft geben. Als Muldoon die Leiche ihres Mannes auf dem Fernsehsessel findet, wird die Polizei aufmerksam. Während Muldoons Partner, Detective Goodman (Demián Bichir, The Nun), von einem Mord ausgeht, verfolgt Muldoon einen anderen Ansatz. Sie findet Hinweise auf einen Fluch und diverse Vermisste. Dabei ist sie selbst diesem Fluch mittlerweile viel näher als ihr lieb ist …

Ein Fluch um den Fluch der verfluchten Reihe wiederzubeleben

Originaltitel The Grudge
Jahr 2020
Land USA
Genre Horror
Regie Nicolas Pesce
Cast Detective Muldoon: Andrea Riseborough
Detective Goodman: Demián Bichir
Peter Spencer: John Cho
Nina Spencer: Betty Gilpin
Faith Matheson: Lin Shaye
Lorna Moody: Jackie Weaver
Detective Wilson: William Sadler
Laufzeit 94 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 15. Oktober 2020

In den 2000ern waren The Grudge und The Ring der Anstoß für den Siegeszug der Remakes japanischer Horrorfilme. Die Geistermädchen Sadako (bzw. Samara) und Kayako erfreuen sich vor allem in Japan derart riesiger Beliebtheit, dass mit Sadako vs. Kayako ein Crossover erschien. Im Westen ebbte die Faszination nach wenigen Jahren wieder ab. The Grudge 3 erschien 2009 nur noch als Direct-to-DVD und der Versuch, The Ring 2017 mit Rings nochmal wiederzubeleben, ging gründlich in die Hose. Vielleicht hätte dies ein Warnschuss sein können, doch davon unbeirrt setzte Sony alle Hoffnung auf Nicolas Pesce, dem mit The Eyes of My Mother ein anerkanntes Horror-Drama gelang. Sam Raimi tauchte nur noch als Produzent auf, wirkte aber nicht mehr kreativ ein.

Konsistenz? Fehlanzeige

Was darf von einem Teil einer Reihe mindestens erwartet werden? Dass zentrale Charakteristika erfüllt werden und sich keine Widersprüche ergeben. Eine absolute Basis-Anforderung, an der The Grudge kläglich scheitert. Denn das Drehbuch nimmt sich nur die Idee des Rachegeistes vor, ignoriert aber vollkommen alle anderen Regeln, die in drei Filmen aufgestellt wurden. Selbst das ikonische Knacken, das Kanako von sich gibt, verkommt hier zum einen Ekel- und Selbstzweck. Schließlich baut das Geräusch auf Kanakos Todesursache, einem Genickbruch, auf und ergibt an dieser Stelle, so wie es Pesce einsetzt, überhaupt keinen Sinn. Auch stilistisch bildet dieser Ableger eine Ausnahme und bleibt den anderen Teilen der Reihe nicht treu: Anstatt auf subtil-verstörenden Grusel zu setzen, sind es 2020 dann nur noch Ekel-Momente, abgehackte Körperteile und Jump Scares, die zum Gruseln anregen sollen. Das ist vollkommen legitim, macht sich nur nicht als Teil einer Reihe gut, die für das völlige Gegenteil bekannt wurde.

Dramaturgische Fehlentscheidungen

Ein Motiv zieht sich allerdings wie ein roter Faden durch die Reihe und auch The Grudge von 2020 kommt dem nach: Der Fluch steht symbolhaft für den Zerfall der Gesellschaft und trifft immer Menschen, die beruflich für andere da sind: Helfende, Pflegende, Polizisten. Nicolas Pesce nimmt sich sogar recht viel Zeit für seine Figuren, um deren Lebensumstände und Geschichten unter die Lupe zu nehmen. Das ist grundsätzlich ein erwünschtes Unterfangen. Da The Grudge aber ein Episodenfilm ist, wirkt dieser Versuch fehl am Platz und mehr Substanz bekommt die Geschichte im Endeffekt dadurch auch nicht. Die größte kreative Fehlentscheidung ist es, die Geschichten parallel zu erzählen. Das bedeutet, es gibt vier Anfänge, vier Mittelteile, vier Enden. Aus dramaturgischer Sicht ein Genickbruch, der lauter knacken sollte als bei Kayako. Denn die vier Anfänge ziehen sich in die Länge, die Mittelteile hängen durch und wenn zum Ende hin mal ein bisschen Zunder in den Film kommt, geht das Konzept dennoch nicht auf.

Es liegt nicht an den Darstellern

Die prominente Besetzung mit Andrea Riseborough, Demián Bichir, Lin Shaye und John Cho (Star Trek – Beyond) lenkt schnell davon ab, dass The Grudge keinerlei Anspruch verfolgt. Alle Darsteller geben ihr Bestes, können aber nicht mehr aus dem machen, was überhaupt vorhanden ist. Dabei sind sie in der Gesamtbetrachtung des Franchises sogar das wohl am stärksten aufspielende Ensemble und umso trauriger ist, dass ihren Figuren eigentlich genügend Zeit zugestanden wird, sie zu profilieren. Doch unterm Strich kommt dabei nicht viel herum. Einzig Demián Bichir kann einen Hauch von Interesse bei dem Zuschauer erwecken.

Fazit

The Grudge ist eine von vorne bis hinten durchkalkulierte Produktion, deren Handlungsverlauf genauso berechenbar bleibt. Jump Scares lassen sich bereits im Vorfeld erahnen und Pesce trägt wenig dazu bei, den Überraschungseffekt zu wahren. Als Geschichte sollte besser schnell ein Haken an diese Wiederbelebung gesetzt werden: Das Drehbuch bemüht sich noch nicht einmal, die groben Züge des Franchise zu berücksichtigen und da ist es noch das kleinste Problem, dass Kayako nicht einmal mehr weiß geschminkt ist. Das kann einer jungen Teenager-Generation, welche die vorherigen Teile nicht kennt, sicherlich egal sein. Fans der Reihe werden sich von The Grudge aus 2020 ignoriert fühlen und das Ergebnis ebenso mit Ignoranz quittieren. Wer im Jahr 2020 mehr von The Grudge bzw. Ju-On möchte, ist mit der Netflix-Serie Ju-On: Origins besser beraten.

© Sony Pictures Entertainment


Veröffentlichung: 15. Oktober 2020

 

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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