Timelie

Die Zeit zurückzudrehen hätte wirklich etwas für sich, oder nicht? Das Marmeladenglas fällt runter? Schwupp. Safe and sound. Ein Dachziegel erschlägt den Haushamster? Hohoho, kein Kindheitstrauma heute! Das thailändische Indie-Entwickler-Studio Urnique Studio hatte allerdings weder Hamster noch Marmelade im Sinn, als es im Mai 2020 gemeinsam mit Publisher Milk Bottle Studio die namenlose Protagonistin (fortan ‘Kitty’ getauft) von Timelie mit besagter Power und Patienten-Nachthemd ausgestattete. Statt mümmelnde Nager vor abrupten Steinschlägen zu bewahren, muss sie sich mit einer Katze zusammentun, eine surreale Zwischenwelt erkunden und vermeiden von Schlagstock bewehrten Wachrobotern zu einer Intensivpräsentation eingeladen zu werden. Anfang Oktober 2020 machte der kostenlose DLC “Hellloop” das Leben von Kitty & Cat noch ein gutes Stückchen angenehmer. Grund genug sich zu fragen, ob er seinen Namen verdient, ob Timelie die Zeit insgesamt wert ist oder ob man hinterher lieber auf ‘Rewind’ drücken möchte.

     

Ein blondes Mädchen in einem flattrig dünnen Krankenhaushemd erwacht auf einem leidlich bequemen Bett in einem Raum, der irgendwo im Nirgendwo herumschwebt. Einzig anderer Ausweg als ein Sturz in schwummrige Tiefe ist eine leuchtende Tür. ‘Geh ins Licht’ ist eine Anweisung, die man in so einer Situation kaum gerne hört, aber aufgrund mangelnder Alternative tappst Kitty durch die Tür und findet sich in einer surrealen Welt wieder, die teils Labor, teils Fabrik, teils fragwürdige Riesenuhr ist und sieht sich bald einer alles andere als hilfsbereiten mechanischen Wachmannschaft gegenüber, die sie am Vorankommen hindert. Ganz allein ist sie aber nicht, denn bereits sehr früh muss sie feststellen, dass sie einige seltsame Kräfte besitzt, mit der sie Raum und Zeit beeinflussen kann. Und dann wäre da noch eine Katze, die laut miaut und angenehm wuscheliges Fell hat. Zwei wahrhaft ebenbürtige Werkzeuge auf ihrem Weg, die Geheimnisse der Welt zu ergründen.

Zeit für Gameplay

Originaltitel Timelie
Jahr 2020
Plattform PC
Genre Zeitverdrehendes Puzzle-Adventure
Entwickler Urnique Studio
Publisher Urnique Studio, Milk Bottle Studio
Spieler 1
Veröffentlichung: Mai 2020 (Hautspiel), Oktober 2020 (DLC)

Wobei Ergründung und Erkundung an sich ein falsches Bild vermittelt, Timelie ist maßgeblich auf sein Gameplay fokussiert, während die leicht angedeutete Geschichte mehr für eine emotionale Rahmung sorgt, die zudem vollkommen stumm abläuft. Es gibt wenige Zwischensequenzen und diese stellen maßgeblich die Beziehung zwischen Kitty und Cat in den Vordergrund. Wobei diese ähnlich wie die Grafik generell simpel gehalten ist. Die Umgebungen und Charaktere strotzen nicht vor Details, sind aber keineswegs einfallslos und lieblos, sondern haben eine bedächtig geschaffene Qualität an sich. ‘Bedächtig geschaffen’ ist dabei auch das Zauberwort mit Hinblick auf das Leveldesign und das generelle Gameplay, das gerade zum Ende hin eine nette und eindrucksvolle Spielerei aufweist. Mittels eingesammelter Reliquien kann zudem ein geheimes Ende freigeschaltet werden, um all dem Geschehen ein wenig mehr Kontext oder zumindest eine andere Perspektive einzuhauchen. Aber Moment: Leveldesign, Reliquien, was passiert hier denn eigentlich? Daher also …

… Nochmal von vorn

Die inititale Türschwellenüberschreitung bereitet Kitty meisterhaft auf das vor, was sie fortan in der circa fünf bis sechs stündigen Spielzeit (+ etwa noch einmal so viel durch den DLC) machen darf: Raum betreten, leuchtendes Portal finden, Raum verlassen. Simpel. Aber wie so oft ist der Weg das Ziel oder in dem Fall der (roboterhafte) Felsen, der dir zwischen die Beine geworfen wird. Jeder Raum in Timelie ist eine eigene Rätselkammer, die es mit den gegebenen Werkzeugen zu überwinden gilt. Maßgeblich die anfangs erwähnte Zeitmanipulation, die sich in einer sichtbaren Zeitlinie äußert, die am unteren Bildschirm brav darauf wartet, hin- und hergerissen zu werden. Prinzipiell steht das Geschehen zunächst still. Ihr habt dabei generell einen Überblick auf das gesamte Level ähnlich wie in rundenbasierten oder echtzeitigen Taktikspielen. Wenn ihr Kitty oder später auch Cat einen Befehl gebt, tapsen sie an Ort und Stelle, drücken einen Schalter, laufen durch Türen oder Miauen auf Befehl (leider nur eine von beiden). Auf der Zeitlinie bewegt sich entsprechend, ähnlich wie bei einem Video, der ‘Ihr seid hier’-Noppel (Fachwort für ‘Fortschrittsanzeigepunkt auf der Leiste’) mit, welchen ihr, erneut wie bei einem Video, verschieben könnt, was entsprechend die Zeit zurückdreht oder nach vorne schnellen lässt. Soweit so unsuper, aber euer maßgeblicher Vorteil gegenüber den Gefahren und Rätseln der Welt besteht quasi in einer Art von Editing.

Windows Time-Line Maker

Denn ihr könnt zu jedem Zeitpunkt die Befehlen durch neue ersetzen, um eventuelle Fehler auszubügeln, die euch bei der Kalkulation des Geschehens unterlaufen sind. Ein Beispiel: Ihr ordert Kitty am Ende eines Ganges nach links zu laufen, was sie auch in grenzenlosem und fehlgeleiteten Gottvertrauen zu euren Stealth-Künsten tut, aber der Robo-Wächter, den ihr im Auge hattet, dreht sich doch schneller um, als ihr wolltet und der Schlagstock senkt sich schon nieder. Doch keine Sorge: Mit der Power of Editing wird alles gut. Ihr lasst schlicht die Zeit zurücklaufen oder schiebt den ‘Ihr seid hier’-Noppel ein wenig nach hinten und befehlt Kitty statt nach links nach rechts zu laufen, um so dem erstaunlich wachsamen Zyklopenauge des Wachdroiden zu entkommen. Das ist das zentrale Gameplay-Element mit dem ihr die Puzzle-Kammern überwinden müsst. Selbstverständlich gibt es weitere Bestandteile abseits von einer blechernen Wachmannschaft mit Hang zum aggressiven Besuchertackeln, die euch das Leben erschweren. Namentlich Türen, die sich nur durch bestimme Terminals öffnen lassen, Türen, die eine innige aber kurzlebige Beziehung mit Druckschaltern führen und … eigentlich sind in gewisser Weise Türen euer größter Feind und Freund zugleich. Seltsam.

Mission Pawsible

Egal, wie eure Sicht auf die allgegenwärtigen Raumbegrenzer aussehen mag; ihr müsst sie überwinden, um voranzukommen. Dabei hilft euch auch euer pelziger Kumpan, den ihr ab einem gewissen Punkt ebenfalls separat steuern könnt. Ihr wechselt dabei per Tastendruck zwischen den Figuren hin und her. Kitty kann dank ausgeprägten Fingern und unvergleichlicher Tür-Öffnungs-Expertise bestimmte Tastenfelder bedienen kann, an der Cat nur sinnlos hinaufmiauen würde, dafür ist sie aber auch etwas langsamer und, mit Verlaub, zu breit, um durch manche schmale Öffnungen zu passen. Die Stärken und Schwächen sind dabei sehr intuitiv verteilt; vielleicht abseits von Cats Fähigkeit auf Kommando zu miauen, was die anscheinend extrem felinophob programmierte Wachmannschaft zur sofortigen Untersuchung des Geräuschs beordert. Aus diesen Elementen speisen sich die teils unscheinbaren Situationen, die zu haushohen Herausforderungen werden, sowie unmöglich zu durchdringende Wachaufgebote, denen man durch eleganten (und zurückspulbaren) Sichtkegeltango entgeht. Für noch mehr Würze sorgen die erwähnten Reliquien, die durch das Erfüllen von Zusatzbedingungen innerhalb eines Raumes verdient werden können.

Millisekundenarbeit

Allerdings sollte man ein gewisses Maß an Geduld aufbringen, denn die Rätsel sind nicht einfach kleine Stolpersteine, sondern können zu ausgewachsenen Stolperbergen heranwachsen. Gerade der DLC “Hellloop” macht seinem Namen alle Ehre. Bereits die ersten der rund 30 zusätzlichen Puzzleboxen erfordern präzises Timing, stetes Umdenken und den Willen sehr, sehr, sehr, sehr oft hin- und her zu spulen. Und hin und her. Und hin und her … Frustration kann da leicht an der Tagesordnung stehen, insbesondere wenn eine Situation immer wieder an dieser einen Millisekunde scheitert, die Kitty braucht, um endlich um die Ecke zu laufen bevor Onkel Schraubenhaufen mit gerollter Zeitung ausholen kann. Zudem könnte es auch leichte Ermüdungserscheinungen geben, je nachdem, wie sehr man sich mit dem Kern-Gameplay anfreunden kann. Es sei aber auch sofort betont, dass Urinque Studios einen großartigen Job beim Design der Herausforderungen und dem Leveldesign gemacht hat. Es mag auf den ersten Blick kaum raffiniert wirken, aber die Level sind extrem präzise erstellt und die Rätsel sind niemals von Glück abhängig. Und wenn dann letztlich, wenn man sich durch die Tür gepuzzelt hat, das ganze Level in einem nicht unterbrochenen Gameplay-Film vor einem abläuft, kann man nicht anders, als sich eine mentale Zigarre in den Mundwinkel zu schieben und ‘Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert’ zu murmeln.

Fazit

Timelie ist ein angenehmes, sehr gut durchdachtes, wuschelig miauendes Puzzlepaket, das für Freunde des gepflegten Herumknobelns und Zeitmanipulierens speziell durch den DLC ordentliche Herausforderungen bereit hält. Die Hauptgeschichte ist im Vergleich moderater, aber alles andere als ein müdes Durchklicken halbgarer Rätseleien. Wer daran Spaß hat, bekommt ein kompaktes, mit einem schönen, leicht melancholischen Piano-Soundtrack untermaltes Abenteuer von einem kleinen Zeitreise-Mädchen und ihrer mysteriösen Katze. Ich persönlich hatte definitiv meinen Spaß, aber auch meine Frustmomente, vor allem, weil ich den Verdacht hege, dass Kitty nicht mit Herz und Seele dabei ist. Wie oft nur noch ein gefühlter Zipfel gefehlt hat, um vor dem Blickkegel der Roboterbelegschaft zu entkommen … Aber statt ordentlich die Beine in die Hand zu nehmen, schlendert sie in aller Gemütsruhe dahin und ruiniert meinen perfekten und selbstverständlich absolut fehlerfreien Plan. Ein Unding! Geduld und ein Wille zum Herumprobieren sind definitiv erforderlich. Das Time-Line-Feature ist eine elegante wie clevere Idee, aber kann mitunter doch etwas friemelig (Fachwort für: ‘in der Bedienweise bedingt unpräzise’) werden, wenn man auf der Zeitleiste minutiös zur exakt passenden Sekunde versucht, den nächsten Bewegungsbefehl weg vom Untergang zu geben. Mit der Zeit hat sich da bei mir eine gewisse Müdigkeit eingestellt, aber die Spielzeit überschreitet nicht das generelle Wohlwollen und wer sich richtig in das Spiel verbeißen will, hat mit dem DLC einen ordentlichen und obendrein kostenfreien Kauknochen erster Güte. Kein Zurückspulen notwendig!

© Urnique Studio

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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