Family Dinner

Die Familie als Horror. Klingt lustig, ist oftmals aber Realität und wird selbstverständlich genauso häufig als Motiv in Horrorfilmen aufgegriffen. Das perfide Family Dinner von Peter Hengl stammt aus Österreich sieht auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlich aus, hat es aber faustdick hinter den Ohren. Das deutsche Publikum, das mit deutschsprachigen Produktionen bekanntlich immer besonders kritisch ist, kann dabei aufatmen: Family Dinner ist über weite Strecken gelungen und begeisterte bereits auf dem Fantasy Filmfest 2022.

Simi (Nina Katlein) ist 15 Jahre alt und nutzt ihre Osterferien, um ihre Tante Claudia (Pia Hierzegger, Wilde Maus) zu besuchen, welche abgeschieden auf einem Bauernhof lebt. Claudia besitzt in Österreich Popularität als Ernährungsberaterin und Buchautorin. Nicht ganz uneigennützig ist Simi angereist, denn insgeheim erhofft sie sich Tipps von ihrer Tante gegen ihr Übergewicht. Doch nach der Ankunft ist sie erstmal wenig begeistert, denn sie muss sich das Zimmer mit ihrem Cousin Filipp (Alexander Sladek) teilen, der sie nicht leiden kann. Auch Claudias Lebensgefährten, den Fitnessfreak Stefan (Michael Pink, Now or Never), findet Simi seltsam. Obendrein herrscht auch noch eine angespannte Stimmung in der Familie und es steht nur noch der kommende Karfreitag im Mittelpunkt. Simi wird mit jeder Nacht klarer, dass hier etwas nicht stimmen kann …

Perfider Kommentar auf den Diäten-Wahnsinn

Originaltitel Family Dinner
Jahr 2022
Land Österreich
Genre Horror, Drama
Regie Peter Hengl
Cast Simi: Nina Katlein
Claudia: Pia Hierzegger
Stefan: Michael Pink
Filipp: Alexander Sladek
Laufzeit 97 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2022

Family Dinner baut ein ernstes Szenario mit angespannter Stimmung auf, um diese Atmosphäre immer wieder selbst zu durchbrechen. Sei es als Kommentar auf Bodyshaming und Schlankheitswahn oder als Auswuchs der Pubertät, in der Jungen einfach Mädchen hassen müssen. Souverän jongliert Peter Hengl mit den einzelnen Stimmungen und baut ganz nebenbei ein interessantes Szenario auf: Obwohl Simi merkt, dass etwas im Argen ist, hat sie jederzeit die Möglichkeit, wieder abzureisen, macht dies aber nicht. Das nimmt der Geschichte ein wenig Fallhöhe, uninteressanter wird sie dadurch allerdings nicht. Zu groß ist die Neugier auf Seiten der Protagonistin wie auf der der Zuschauer:innen, was hier eigentlich los ist. Obendrein hat Simi eine nachvollziehbare Motivation bekommen, die auch nur für diesen Charakter funktioniert und dementsprechend zur Glaubhaftigkeit beiträgt. Noch dazu ist sie keine Hauptfigur der Marke unbedacht und unbeholfen, sondern beobachtet ganz genau und reflektiert das Erlebte.  Denn das eigensinnige Geschehen steht ganz im Kontrast zur trockenen und spröden Atmosphäre.

Geradliniges Drehbuch

Bei all dem Familiendrama ist nicht zu vergessen, dass Family Dinner in erster Linie noch immer ein Horrorfilm ist. Der Horror besteht hier vor allem aus der Ungewissheit, wem man in dieser Familie glauben kann und was im Verborgenen geschieht. In der zweiten Hälfte verpasst Family Dinner allerdings die Möglichkeit, mit Überraschungen aufzutrumpen. Wer schon ein paar Horrorfilme gesehen hat, ahnt schnell, worauf die Geschichte hinausläuft. Dass der Film trotz seines Slow Burn-Charakters nicht langweilt, ist nicht nur der schrittwiesen Offenlegung der Dinge zu verdanken, sondern auch den exzentrischen Figuren Claudia und Stefan, bei denen man sich das eine ums andere Mal fragen muss, wie schmal der Grat zwischen Nettigkeit und Seltsamheit sein kann. Hauptdarstellerin Nina Katlein überzeugt in ihrer ersten Filmrolle durch zurückgenommenes Spiel, das es leicht macht, sich mit ihrer Position zu identifizieren. Handwerklich ist das alles souverän aufbereitet und die entsättigten Farben tragen ungemein zur tristen Landöde bei.

Fazit

Family Dinner ist ein (un)angenehmer Überraschungstitel aus Österreich, der Horrorfilm und Sozialkommentar stimmig unter einen Hut bringt. In einer beinahen Kammerspiel-Produktion schreitet die Handlung mit zahlreichen Spitzen in allerlei Richtungen voran und unterhält mit satirischen Einwürfen. Das Finale, auf das sie zusteuert, fällt dann leider ziemlich ernüchternd aus, doch trotzdem macht es bis dahin Spaß, an Simis Seite zu bleiben. Von ihren Reflektionen kann sich so manche Scream Queen eine Scheibe abschneiden.

© WTFilms

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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