Return of the Obra Dinn

Lesezeit: 4 Minuten

Er ist in der Indie-Szene kein Unbekannter: Lucas Pope. Mit seiner Kontrolleur-Simulation Papers, Please erschuf er 2013 einen Smash-Hit, der sich innerhalb eines Jahres eine halbe Million Mal verkaufte. Nun legt er mit Return of the Obra Dinn nach. Ausgezeichnet mit dem Game Award 2018 für Best Art Direction entführt uns das Spiel auf das Totenschiff Obra Dinn. Mithilfe logischer Schlussfolgerung und einer Memento Mortem-Taschenuhr versuchen wir herauszufinden, wem – oder was – die Obra Dinn samt Besatzung zum Opfer fiel. Ein investigatives Puzzle-Spiel mit einzigartigem Art Design.

    

1802 bricht das Handelsschiff Obra Dinn mit 200 Tonnen Handelsfracht von London in den Orient auf. Als es sechs Monate später den Treffpunkt am Kap der Guten Hoffnung nicht erreicht, wird es offiziell für vermisst erklärt. Am Morgen des 14. Oktober 1807 taucht die beschädigte Obra Dinn unerwartet in den Gewässern bei London wieder auf – ein Geisterschiff voller Toter. Der Spieler schlüpft in die Rolle einer namenlosen Versicherungsermittlerin und soll nun im Auftrag der Britischen Ostindien-Kompanie das Schicksal der Obra Dinn und ihrer 60 Mann starken Besatzung aufklären.

Ein Versicherungsabenteuer in minimaler Farbe

Originaltitel Return of the Obra Dinn
Jahr 2018
Plattform Windows, macOS
Genre Adventure, Puzzle
Entwickler 3909 LLC
Publisher 3909 LLC
Spieler 1

Die Geschichte von Return of the Obra Dinn liest sich erst mal ziemlich konventionell, besitzt aber eine fantastische Komponente. Mithilfe einer Memento Mortem-Taschenuhr, die der Spieler vom Auftraggeber erhält, kann man die letzten Lebensmomente einer Person nacherleben, vorausgesetzt, man hat den entsprechenden Toten vor Augen. Zu Beginn sind die Leichen noch nicht alle zugänglich, sondern müssen über „Leichen-Links“ gefunden werden. Dabei bewegt man sich über eine in schönster Monochromie gehaltene Obra Dinn, deren Grafik-Design trotz Dithering irgendwie an die Vektorgrafik aus den 80ern erinnert. Ein weiteres Schmankerl für Nostalgiker ist die Farbausgabe in vier möglichen Modi: Commodore 1084, IBM 8503, LCD oder Macintosh.

Der statische Tatort

Während man sich von Leiche zu Leiche hangelt und versucht, Querverbindungen zu schaffen, stellt sich der Spieler die immer gleichen Fragen: Wer ist der Tote und was hat ihn umgebracht? Die Erkenntnisse notiert der Spieler in einem Ermittlungsbuch und darf dabei zwischen etlichen Todesarten auswählen. Dabei entfaltet sich die Geschichte der Obra Dinn immer nur stückchenweise. Befasst man sich mit einer Leiche eingehender, zieht die Taschenuhr den Spieler in die Vergangenheit. Man hört eine kurze prämortale Audioszene (mit durchweg genialem Sounddesign), bevor man urplötzlich in einem Diorama des Todeszeitpunktes steht. Jetzt liegt es am Spieler, die Szene zu deuten. Diese Dioramen sind dabei häufig größer angelegt, als es zunächst den Anschein hat. Deswegen lohnt es sich, auch abseits der Kernszene nach Hinweisen zu suchen.

„Haben Sie diesen Mann gesehen?“ & Memento

Die Identitäten der Besatzung festzustellen, ist die Krux von Return of the Obra Dinn. Manche Personen sind nur allzu leicht zu benennen, weil sie in den Audioszenen bei ihrem Namen gerufen werden. Bei anderen ist es sackschwer, und das obwohl sie auffällig designt und in etlichen Erinnerungen anzutreffen sind. Da muss man dann wirklich sämtliche Register ziehen und auf alles achten: Akzent, Kleidungsstil, Position in Gruppen, versteckte Hinweise in den Dioramen, Tattoos, kulturelle Eigenheiten etc. Und als wäre der Identitäten-Salat nicht schon genug, stellt auch die Narrative eine Herausforderung dar: Ähnlich wie im Film Memento wird die Geschichte der Obra Dinn von hinten nach vorne aufgerollt. Ein Paradies für Gehirnakrobaten.

Fazit

Am Anfang war ich kurz überfordert. Man landet auf der Obra Dinn, kriegt ‘ne karge Anleitung für das Ermittlungsbuch (erst viel zu spät hab ich das mit den Erinnerungs-Markern gecheckt) und wird dann auch schon mit den Mechanismen der Taschenuhr und den Leichen-Links konfrontiert. Bei Steam hat einer schon nach 30 Minuten das Handtuch geworfen, weil ihm das zu blöd war. Aber hey, learning by doing, gell. Letztendlich hat mir Return of the Obra Dinn elf Stunden lange, harte und absolut erlebenswerte Detektivarbeit beschert. Und obwohl man die Obra Dinn-Besatzung nie in Bewegung sieht, kommt sie einem dank des tollen Sounddesigns und der noch viel tolleren Synchronsprecher lebendig vor. Return of the Obra Dinn ist in allen Belangen ‘ne runde Sache. Bemerkenswert, dass Lucas Pope von der Programmierung bis hin zur Musik alles alleine gemacht hat.

 

 

©  3909 LLC

 

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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