Kowloon High School Chronicle

Wie hätte eigentlich Indiana Jones’ Schulzeit ausgesehen, wenn er ein japanischer Schatzjäger gewesen wäre, der als Mitglied der Geheimorganisation “Rosetta-Society” an eine typische Highschool geschickt wird, um seine jugendlichen Ausgrabungs- und Fallenentschärfungsskills in den institutionseigenen Friedhofs-Katakomben zu beweisen? Eine Frage, die vermutlich schon viele von einem Abenteuer-Filmmarathon und Chips-Dunst leicht benebelten Gelegenheitsphilosophen Nachts um 2:30 Uhr wach gehalten hat. Dabei wurde die Antwort bereits 2004 von Atlus und Shout! Design Works in Form von Kowloon High-School Chronicle geliefert, welches nun thematisch passend von Publisher PQube und Entwickler Toybox Inc. remastered ausgegraben und im März 2022 für die Öffentlichkeit ausgestellt wurde. Aber ist die mit Hieroglyphen gefüllte Schul- und Dungeon-Crawler-RPG-Zeit des japanischen Nachwuchsabenteurers ein bedeutender Fund oder hätte es niemanden geschadet, wenn sie stattdessen in einer verschmierten Vitrine verstaubt?

   

*Hier Name einfügen*-Protagonist – nennen wir ihn Robert Toomb – hat sich schon in so manche Gruft und Grabmäler abgeseilt, um die Klienten der Geheimorganisation Rosetta Society fröhlich grinsen zu lassen, auch wenn er nicht einmal alt genug ist, um die ausgemalten Szenarien, was die Leute mit besagten Artefakten anstellen, im Alkohol zu ertränken. Geschweige denn all das widernatürliche Monstergezücht zu vergessen, in dessen Wohnzimmer er sich Maschinengewehr feuernd hineinpurzeln lässt. Trotzdem hält es den extrem schweigsamen Robert nicht davon ab, ebenfalls extrem effizient in seinem Job zu sein, oder zumindest soweit, das eine feindliche leicht an Nazis erinnernde Feindorganisation ihn bisher nur einmal sterbend in der Wüste zurückgelassen haben. Aber das ist Sand im Schuh von gestern; eine neue Mission steht an: Robert soll als gewöhnlicher Austauschstudent die leicht abgelegen angesiedelte Kamiyoshi Academy in Tokio infiltrieren, um ihre Geheimnisse in schatzartiger Form, die sich maßgeblich in dem Schulhof angrenzenden pyramidisch angehauchten Friedhofskatakombenlabyrinth befinden, in die Finger zu bekommen. Natürlich stellt sich heraus, dass diese Mission weitaus schwieriger ist als gedacht, denn die Schule hat viele finstere Geheimnisse und – Friedhof sei Dank – mehr als genug wortwörtliche Leichen im Keller.

Spiel als Serie

Originaltitel Kuuron Youma Gakuen-Ki
Jahr 2022
Plattform PlayStation 4, Nintendo Switch
Genre RPG, Adventure, Dungeon-Crawler
Entwickler Toybox Inc.
Publisher PQube
Spieler 1
USK
Veröffentlichung: 18. März 2022

Wer bei der Handlungsbeschreibung das unbestimmte Gefühl hat, dass es sich hier glatt um einen Action-Abenteuer-Anime handeln könnte, bei dem im Pitch-Meeting mal wieder dieser eine Kerl dabei war, der alle zwei Sekunden lauthals ‘Schul-Setting!’ in den Raum blökt, bis alle entnervt nicken und darauf hoffen, dass er sich in der Cafeteria den Hals bricht, liegt tatsächlich noch weitaus näher dran als derjenige selbst vermuten würde. Denn Kowloon High School Chronicles rahmt seine im Visual Novel-Style gehaltenen Geschichtssequenzen und Unterhaltungen als episodische Serie komplett medium-typisch mit Opening- und Ending-Sequenz. Wobei erstere dank ihres Stils und jazziger Musikrichtung nicht nur ein wenig an einen gewissen “bebopigen” Space-Cowboy erinnert. Leider kann die Geschichte selbst mit der durchaus interessant gedachten Präsentation nicht wirklich mithalten. Es ist im Bestfall eine dieser typischen netten etwas düsteren Anime-Serien für Zwischendurch, bei der sich die Logik mitunter so stark auf dem Liegestuhl zurücklehnt, das sie mit dem Kopf im Sand erstickt. Die Serie unterstreicht das mit einem durchaus merklichen Augenzwinkern, was einen davon abhalten sollte, allzu scharf über die Geschehnisse nachzudenken. Was allerdings auf Kosten der eher düster-unheimlichen Atmosphäre und Monsterdesigns geht, die sich nur mit viel Augenzudrücken mit dem restlichen stirnrunzelnden Wahnsinn vereinbaren lassen.

Emotionales Chaos

Generell lässt sich Kowloon High School Chronicles als einen von coolen Konzepten geprägten aber gleichzeitig störrisch unhandlichen Mix beschreiben. Es ist quasi als ob es einem regelmäßig freudestrahlend Bonbons reicht, aber verlangt, dass man sie im Handstand isst, während man einen Fisch mit den Füßen balanciert. Ein perfektes Beispiel dafür ist der Emotionskringel bzw. das ‘Emotional Input System’, das es einem immer wieder innerhalb der Visual Novel Gespräche mit anderen Charakteren erlaubt, anhand eines Auswahlrads sich für eine von acht verschiedenen Gefühlsreaktionen zu entscheiden: ‘Somber’, ‘Cold’, ‘Amity’, ‘Joy’ sowie jeweils die stärkeren Varianten ‘Grief’, ‘Anger’, ‘Love’ und ‘Hot’. Wer jetzt denkt ‘Wow, das ist ziemlich viel Auswahl und ich weiß ehrlich gesagt nicht, werter Schreiber, was ich mir mitunter darunter vorzustellen habe, da bräuchte ich eine Erklärung!’ dem sei mit einem deutlichen ‘HA!’ geantwortet und besagtes Bonbon samt Fisch gereicht. Bereits das Entziffern der jeweiligen Optionen ist eine Aufgabe für sich, wenn das Rad unvermittelt aufploppt, da der verwendete Schriftsatz anscheinend von einem schwungvollen Schnörkel-Liebhaber ausgewählt wurde, der irgendwann einmal altdeutsche Buchstaben gesehen hat und dachte ‘Da geht noch was’. Darüber hinaus ist je nach Situation alles andere als klar, was welche Reaktion genau heißen wird. So meint beispielsweise ‘Love’ nicht das man eine beständige Option zum spontanen Heiratsantrag hat, sondern eine überbordend positive Reaktion auf das momentan besprochene Thema. Gleichwohl führt gerade diese anfängliche (und durchaus dauerhafte) Gefühlsverwirrung auch zu unfreiwillig witzigen Situationen. Es ist ein wirklich cooles Konzept, da es den eigenen Charakter nicht zum hin und wieder stumm nickenden Randzuschauer verdammt, kann aber aufgrund mangelnder Erklärungen auch frustrierend wirken.

Schritt, Schritt, Pew Pew, Wenden

Der Visual Novel-Part ist aber selbstverständlich nur eine Häflte der Gleichung, denn immerhin ist man nur an der Oberfläche emotional in mehr als einem Sinne verwirrter Teenager und eigentlich maßgeblich Undercover-Schatzjäger. Und das bedeutet: Dungeon-Crawling. Wie angemerkt dreht sich ein Hauptteil der Handlung um die Erkundung der Schuluntiefen, die sich rein optisch in einem maßgeblich ägyptisch-pyramidigen Stil präsentieren, aber auch immer wieder japanische Mythologie und Geschichte hineinmischen. Die Erkundung selbst verläuft aus der Ego-Perspektive und man schreitet in Echtzeit Feld für Feld voran. Sollte der gruftige Spaziergang durch mässig von der Ruhestörung begeisterte Monster unterbrochen werden, wechselt man ins Kampfgeschehen, wobei ‘Wechsel’ nicht ganz korrekt ist. Prinzipiell läuft es rundenbasiert ab, aber nicht in typischer JRPG-Manier, stattdessen bleibt man weiterhin in den Räumlichkeiten und bewegt sich wie zuvor über die Felder, aber besitzt ein gewisses Kontingent an Aktionspunkten. Jede Bewegung und jede Drehung, generell alle Handlungen, kosten Punkte und sind die aufgebraucht, sind die bis dahin hübsch auf ihren Feldern verharrenden Gegner an der Reihe, deren Design übrigens in das wunderschön-grotesk-mythologisch-animemäßige geht, wie man es bspw. aus den gut vergleichbaren Shin Megami Tensei-Titeln kennt, zu denen auch die Persona-Reihe gehört. Schatzjäger kämpfen allerdings nicht mit schnöder Magie oder herbeibeschworenen Dämonen, sondern lassen sich Maschinengewehr, Granaten und Jagdmesser samt Munition aufs Zimmer liefern, um sich dem Weg in die Schatzkammer freizuschießen. Unterstützung kann man bei alldem zusätzlich von Mitschülern erhalten, die man für das ‘Herabsteigen in Todesgefahr’ begeistern konnte, die dann mit Tennisaufschlägen helfen oder buffend um die Wette rauchen. Wie gesagt: Augenzwinkern und nicht zu genau darüber nachdenken.

Gekonntes Dungeoneering

Rohe Waffen- oder Tennisarmgewalt wird allerdings nicht helfen, um jeweils zum Boss des jeweiligen Abschnitts vorzudringen. Denn es stehen zudem allerlei Rätsel an, bei denen korrekte Gegenstände gebracht, Statuen verschoben und Amulette in amulettig große Öffnungen gestopft werden müssen. Es ist gerade dieser Dungeon-Crawling-Part, in dem Kowloon High-School Chronicles maßgeblich glänzt; jeder Raum wurde mit Bedacht gestaltet, alles wirkt notwendig groß, mysteriös und düster. Das Kampfsystem ist solide und der Umstand, das man wenig an der Hand zur Dungeon-Besichtigung genommen wird, lässt jeden Erfolg, jeden versteckten Schatz umso besser schmecken (nicht immer im übertragenden Sinne, man findet erstaunlich Trockenfleisch, Hamburger und Reisgerichte in den Katakomben). Aber wie erwähnt; wann immer ein Bonbon gereicht wird, droht der Kopfstand.

Frustrierend fummelige Faszination

Zwar sind die Rätseleinlagen schön abwechslungsreich und angenehm in die Umgebung integriert, aber man knirscht so manches Mal mit den Zähnen, wenn man für einen bestimmten Gegenstand an einen Checkpoint zurückmarschieren muss, an denen man in magischer Weise mit seiner Zimmertruhe in Verbindung steht und Items austauschen kann, nur um eine Rolle aus Mineralwasser und Leinentuch hergestelltes Klebeband – Point & Click-Adventure-Helden erblassen vor Neid – mitzunehmen. Das Knirschen wird dabei umso lauter, weil das Inventar-Management sich den Begriff ‘fummelig’ vermutlich als Orden anheftet. Jeder einzelne Platz muss einzeln angewählt und bestückt werden, jedes Nachladen außerhalb der Kämpfe ist ein Klick auf die Munition, ein Klick zum Anwenden und ein Klick zum Nachladen. Ärgerlichkeiten auf der Oberfläche, die sich aber summieren. So gibt es beispielsweise ‘Hol-und-bring-mir’-Nebenaufgaben, die jeweils in einem verrätselten ‘Reim’ dazu auffordern bestimmte Dinge an bestimmten Orten im Dungeon zu machen, um zum Beispiel eine Portion Pommes oder Spaghetti zu erhalten, welches der Premierminister von Japan in seinen politischen Schachzügen benötigt. Und leider kann ich nicht damit glänzen, mir dieses Beispiel ausgedacht zu haben. Das wirkliche Problem ist hier auch nicht der inhaltliche Wahnsinn, sondern das die erwähnten Reime … mysteriös sind. Zwar werden Tips zur Interpretation gegeben, trotzdem knarzt es da auf textlicher Ebene häufig, was sich auch in so manchen Fehlerchen in der Lokalisierung niederschlägt. So fordert einen beispielsweise jeder erwähnte Quest auf: ‘Get Tresure!’

Fazit

Kowloon High-School Chronicles ist ein einzigartig wirkendes, faszinierendes aber auch widerborstiges JRPG, das sich zwar gerne streicheln lassen will, aber auch immer wieder zubeißt. Es gibt vieles, das man mögen kann. So gefällt mir beispielsweise das der Waffen-Shop als Internetseite aufgemacht ist, auf die man zugreift, ähnlich wie die Nebenquest-Annahmestelle oder das die Skills des Charakters in einer Art Zeugnis mit unterschiedlichen Fächern dargestellt werden. Coole Präsentation! Nicht ganz so cool: Die Beschreibungen der einzelnen Fähigkeiten und Werte sind ziemlich oberflächlich, was gerade, wenn es um effektive Punkteverteilung geht einen wieder vor den Schulbus wirft. Ebenfalls mag ich das Anime-Serien-Flair und die Tatsache, das man derart viele ‘Buddies’ für seine Unternehmungen rekrutieren kann, nur kommen die Charakterisierungen in ihrer Villain-of-the-Day-Episoden-Variante viel zu kurz und besagte Freundschaftsschließungen sind sehr spezifisch. Es ist ein stetes Geben und Nehmen, wobei das Spiel gerade bei dem Erklärungspart sich dem ‘Geben’-Aspekt eher enthält. Hier werden keine Händchen gehalten. Cool. Aber man fühlt sich gerade auch am Anfang (und über weite Strecken) immer wieder vor den Kopf gestoßen. Nicht so cool. Trotzdem: Wer an Dungeon-Crawlern interessiert ist und sich von den Kränkeleien nicht abschrecken lässt, bekommt hier ein einzigartig wirkendes und mit vielen interessanten Konzepten aufwartendes Abenteuer präsentiert. Nur nicht vergessen, Peitsche und Hut jeweils einzeln auszurüsten, und ein wenig Fisch-Balancieren üben.

© PQube

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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