See For Me

Horrorfilme, in denen Menschen mit Beeinträchtigung bedroht werden, um dann schließlich doch über sich hinaus zu wachsen und aus ihrer vermeintlichen Schwäche einen Vorteil schlagen, haben sich in den letzten Jahren gehäuft. Etwa die gehörlose Protagonistin in Hush auf Netflix, der blinde Mann in Don’t Breathe oder das taube Mädchen samt gehörgeschädigter Mutter in Midnight. Zu ihnen gesellt sich die blinde Sophie (Skyler Davenport) in dem kanadischen Home Invasion-Thriller See For Me, in dem die Handlung dank cleveren Smartphone-Einsatzes doch anders verläuft, als man es für üblich gewohnt ist. Seinen deutschen Einstand feierte der Film auf dem Fantasy Filmfest 2021, mit einem Blu-ray Release ist durch die Lizenzierung von Atlas Film zu rechnen.

 

Sophie war einst eine erfolgreiche Nachwuchssportlerin im Ski. Ihre Karriere wurde abrupt beendet, als sie bei einem Unfall ihr Sehvermögen verloren. Seitdem sind ihre Möglichkeiten des Geldverdienens eingeschränkt, weshalb sie dann und wann auf Katzen und Häuser reicher Menschen aufpasst, wenn diese verreist sind. Ihr nächster Auftrag ist die Luxus-Villa von Debra (Laura Vandervoort, Rabid). Doch ausgerechnet während Sophies Aufenthalt hat es ein räuberisches Trio auf das abgelegene Haus abgesehen …

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Originaltitel See For Me
Jahr 2021
Land Kanada
Genre Thriller
Regie Randall Okitas
Cast Sophie: Skyler Davenport
Kelly: Jessica Parker Kennedy
Debra: Laura Vandervoort
Cam: Keaton Kaplan
Rico: Kim Coates
Cabbie: Matthew Gouveia
Deputy Brooks: Emily Piggford
Laufzeit 92 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2021

Regisseur Randall Okitas (The Lockpicker) hat sichtlich Spaß daran, die Spannungsschraube um seine Protagonistin Sophie zuzudrehen. Wenn sie nur mit Taschenlampe und Smartphone bewaffnet durch das große und teilweise auch dunkle Haus wandelt, treten Atmosphäre und Spannung gleichermaßen auf. Ganz alleine ist Sophie nicht (alleine schon der Dialoge wegen), denn sie hat ihren Freund Cam (Keaton Kaplan), mit dem sie videotelefonieren kann und der sie durch moderne App-Technik auch (mehr oder minder sicher) durch das große Anwesen navigiert. Dabei entsteht vor allem der Nervenkitzel, dass die zweite Protagonistin, Blindenhelferin Kelly (Jessica Parker Kennedy, Black Sails), Sophie per Videotelefonie immer nur beschreiben kann, was sie selbst sieht, und somit Sophie den letzten Schritt selbst gehen muss. Das Haus ist zudem verwinkelt und bringt eine stattliche Größe mit, die es erlaubt, dass sich Sophie und das einbrechende Trio nicht alle zwei Minuten über den Weg laufen. Die Grundbedingungen sind also in See For Me fein aufeinander abgestimmt, um einen lupenreinen Home Invasion-Thriller loszulassen.

Unglaubwürdigkeit als größte Stolperfalle

Der Teufel steckt ausnahmsweise mal nicht im Detail, sondern in der Prämisse des Films. Welcher Mensch kommt auf die Idee, eine blinde Housesitterin einzustellen? Wer fährt weg, ohne die zuständige Person vorab einzuweisen und verlässt sich auf ein unfreundliches “Ich komm schon klar”? Sophie könnte sich verletzen, sie könnte die Treppe hinunterfallen, sich aussperren (…), Wertgegenstände beschädigen oder über die Katze fallen. Es gibt so viele Möglichkeiten und Gründe, weshalb der gesamte Plot ein hohes Maß an Suspension of Disbelief voraussetzt. Für Zuschauer:innen, die also nur auf Gelegenheiten warten, um ein “unrealistisch” herauszubrüllen, ist See For Me ein gefundenes Fressen. Denn auch die vielen und zahlreichen Haken, die die Handlung schlägt, machen es nicht besser. Sophie hat mehr Glück als Verstand (und zwar in einem wenig sympathischen Verhältnis). Ihre sture Persönlichkeit stellt zwar eine echte Ausnahme zu den klassischen sympathisch-unschuldigen Protagonistinnen dar, es wird nur nicht einfacher, ihr auch wirklich die Daumen zu drücken. Wobei ihre Gegenspieler auch reichlich dämlich und zudem noch lebensmüde sind. An der Inszenierung gibt es dafür wenig zu bemängeln. Das stimmungsvoll ausgeleuchtete Haus bildet die richtige Kulisse für einen Film, der davon lebt, dass sich die Figuren immer wieder aus dem Weg gehen und dann doch wieder in die Arme laufen müssen. Randall Okitas setzt auf  Kameraperspektiven, um das Maximum an Spannung herauszuholen. Auf technischer Ebene gibt es rein gar nichts zu bemängeln und die Videotelefonie fügt sich als digitales Element stimmig in die Handlung ein.

Fazit

See For Me ist ein künstliches Konstrukt, das man mit heruntergeschraubten Ansprüchen annehmen kann. Realistisch ist hierin rein gar nichts, aber die 92 Minuten Spielzeit sind durchgehend spannend. Ist man in der Lage, über all alle Unstimmigkeiten und die darum konzipierten Zufälle hinwegzusehen, bekommt man einen grundsoliden Film, an dem am außergewöhnlichsten ist, dass die Protagonistin eine solch ambivalente Figur ist. Das Figurenensemble überzeugt indes, allen voran Emily Piggford (Hemlock Grove).

© Atlas Film

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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