A Place further than the Universe

Wer ‘Antarktis’ hört, denkt vermutlich nicht an ein verlockendes Reiseziel, außer man ist ein wanderfreudiger Eisbär oder hat eine leidenschaftliche Liaison mit einem Pinguin (der Anzug machts). Dennoch kannte im Winter 2018 das Animationsstudio Madhouse (Death Note) kein Erbarmen und verbannte unter der unbarmherzigen Aufseherin/Regisseurin Atsuko Ishizuka (No Game No Life) vier harmlose Schülerinnen ins schneereiche Exil, ohne sich im Geringsten zu schämen. Müssen sie allerdings auch nicht, denn die 13-teilige Slice-of-Life Serie A Place Further than the Universe ist eine der schönsten Reisen voller Freundschaft, Verlust und dem Mut, diesen einen berühmten Schritt zu wagen. Also, auf auf … to A Place Further than the Universe.

   

Mari ist im zweiten Jahr der Highschool. Mit dem Abschluss ihrer Schul-und Jugendzeit am gar nicht allzu fernen Horizont, stürzt sie in eine verfrühte Teen-Life-Crisis. Denn ihre persönliche ‘Was ich unbedingt tun will’-Liste hat hinter jedem einzelnen Punkt noch ein dick unterstrichenes ‘irgendwann’ dahinter. Selbst die kleinsten Kleinigkeiten wie das erfolgreiche Schwänzen eines Schultags starren vorwurfsvoll und unabgehakt auf das leere Kästchen neben ihnen. Mari fürchtet um all die vergeudete Zeit und so fasst sie sich schließlich endlich ein Herz, um all das anzugehen, und … schafft es nicht. Bis sie eines Tages auf ein anderes Mädchen trifft: Shirase. Anders als Mari hat sie ein großes Ziel vor Augen, auf das sie unerbittlich hinarbeitet. Ein Ziel voller Schnee, Eis und Pinguinen: eine Reise in die Antarktis. Denn dort warten die Fußstapfen ihrer Mutter, die vor einigen Jahren auf einer Forschungsexpedition im ewigen Eis verschollen ist. Von ihrem Tatendrang beeindruckt, ergänzt Mari ihre persönliche Wunschtatenliste um einen Unterpunkt und entschließt sich, Shirase zu helfen. Und die Hilfe ist durchaus willkommen, denn es warten viele Hindernisse aber auch neue Bekanntschaften auf sie. Es ist nämlich tatsächlich gar nicht so einfach, in die Eiswüste geschickt zu werden.

Ein Schelm, wer Süßes dabei denkt

Originaltitel Sora Yori mo Tooi Basho
Jahr 2018
Episoden 13 in 1 Staffel
Genre Slice of Life, Drama
Regie Atsuko Ishitzuka
Studio Madhouse
Veröffentlichung: 18. April 2020

Auf den ersten flüchtigen Blick könnte der Eindruck entstehen, dass A Place Further than the Universe (im Folgenden wohlmeinend als ‘Antarktika’ abgekürzt) eine dieser Anime-Serien ist, die sich ein Bündel mehr oder minder knuffiger Girlies schnappen und sie nach kurzem Suchen mit der Aufforderung ‘Do cute stuff!’ in mal glaubwürdigere, mal … seltsamere … Situationen werfen. Sei es das Spielen in einer Band (K-ON!), das Spielen in Panzern (Girls & Panzer) oder das Angeln interstellarer Flugfische (Between the Sky and Sea). Gegen diese ehrenwerte Tradition des ‘Cutegirlings’ von Aktivitäten gibt es nichts einzuwenden, aber ‘Antarktika’ funktioniert gänzlich anders. Die Figuren werden nicht nach kurzem ‘Hallo!’ in die Antarktis geworfen, damit sie an der Knuffigkeit von Baby-Pinguinen verzweifeln, sondern im Zentrum stehen die Vorbereitung sowie die eigentliche Reise selbst. Mari und Shirase sowie die bald dazustoßenden Hinata und Yuzuki müssen für ihr gemeinsames Ziel, das sie aus ganz eigenen Motiven verfolgen, ordentlich die Ärmel hochkrempeln. Es bleibt nicht bei einem schnell dahergesagten ‘Glaubt an euch und ihr könnt es schaffen!’; die Serie brüllt einen Zusatz hinterher: ‘Glaubt an euch und ihr könnt es schaffen, aber bemüht euch gefälligst!’.

Spaß muss sein

Womit nicht gesagt sein soll, dass die Serie eine bierernst angelegte, hochrealistische Reiseanleitung für einen Bibberurlaub im Land aus Schnee und Eis sei; es ist vor allem auch eine leichtherzige humorvolle Serie, die aber gleichzeitig wunderbar mit emotionalen Elementen jongliert. Jede der Figuren hat ihre eigenen Probleme, die sich ‘Antarktika’ stets mit einem freundlich lachenden aber auch einem ernsten Auge widmet. Die Päckchen, die sie jeweils mit sich tragen, sind dabei nie zu vollbeladen; keine düsteren Vergangenheiten epischen Ausmaßes oder gar ein heimtückischer Bösewicht, der ihnen dazwischen funken will. Es sind teilweise triviale, teils persönliche Unsicherheiten, mit denen sie umgehen müssen. Der unangefochtene Fokus liegt dabei auf Shirase (Kana Hanazawa, Kanade in Angel Beats!) und das zurecht, denn sie ist eine großartige Figur. Mit starkem Willen gesegnet, aber sozial nicht immer so treffsicher, wild entschlossen, aber von Zweifeln geplagt, mit einem klaren Ziel vor Augen, bei dem sie aber vielleicht selbst nicht ganz genau weiß, warum sie es erreichen will. Die anderen Figuren müssen sich keineswegs hinter ihr verstecken, aber Shirases Entwicklung ist definitiv das emotionale Highlight der Serie.

Lachend weinen

Erneut driftet dabei die Serie aber nie in pures Tränenmelken ab. Es geht nicht um gnadenloses Melodrama, genauso wenig um überbordende Comedy-Einlagen. Überhaupt hat der Anime eine angenehm zurückgenommene Atmosphäre und hält den Ablauf möglichst realistisch. Man sieht, wie sich die vier auf ihre Reise vorbereiten, wie sie trainieren, wie sie sich auf die Zeit in der Antarktis vorbereiten und dabei ganz neue Erfahrungen machen. Sei es im Freien zu campen, sich im möglichen Schnee zu orientieren oder in fremden Städten ihre Pässe zu verlieren. Das alles mit einer ordentlichen Portion gut getimeten Humor versehen. Die Serie schafft diesen besonderen Spagat zwischen leichtherzigem Comedy-Slice of Life auf der einen und emotionalen Momenten auf der anderen Seite, ohne zu hektisch zwischen den Tonlagen zu hüpfen. Es ist ungemein einfach die Hauptcharaktere, aber auch die Nebenfiguren ins Herz zu schließen, die maßgeblich aus der Forschungscrew bestehen, mit der Shirases Mutter ursprünglich unterwegs war. Jeder hat seine Daseinsberechtigung.

Antarktis sehen und staunen

Als wäre all das nicht schon genug, um das Anime-Fanherz einen Hüpfer machen zu lassen, liefern die 13 Folgen bis zum Finale eine ungemein hohe Qualität ab. Madhouse hat bei der Reise keine Kosten gespart und zaubert so manch schönes Landschaftsbild auf den Bildschirm. Animationen wirken wie aus einem Guss, das Charakter-Design von Takahiro Yoshimatsu (HunterxHunter 2011) hebt sich mit einer gewissen Eigenwilligkeit von anderen Serien ab und auch bei der musikalischen Untermalung gibt es nichts zu meckern. Yoshiaki Fujisawa (Dimension W) liefert den Soundtrack, das positiv-energiereiche Opening “The Girls are alright (they really are)” stammt von Saya, während das zurückgenommere Ending “Koko kara, koko kara” von den vier Synchronsprecherinnenen der Hauptcharaktere geträllert wird. Dass die übrigens auch abseits des Endings einen guten Job machen, muss hier vermutlich nicht mehr großartig erwähnt werden.

Fazit

Ich bin kein riesiger Slice-of-Life-Fan und eher durch Zufall auf A Place Further than the Universe gestoßen. Als ich den Crunchyroll-Katalog durchstöbert habe, ist mir die Serie ins Auge gefallen und ich dachte, ‘Ach gibst du dem Ding mal eine Chance’. Well, hui. Ich bin ziemlich froh, dass ich es getan habe, denn die Reise in die Antarktis hat mir weitaus besser gefallen, als ich es jemals gedacht hätte, faktisch hat sie mich ziemlich begeistert. Es ist ein großartiger Mix aus Spaß und Ernst, mit tollen Charakteren und einer regelrecht motivierenden Energie. Auch wenn ich sicherlich nicht die Tage in die Antarktis wandern werde (wobei der Sommer einen durchaus dazu treiben kann), bringt der Anime eine beschwingende Note mit. Das ‘Glaub an dich’-Motto ist altbekannt und die Kraft der Freundschaft sowieso, aber hier wirken diese Qualitäten echt. Die Charaktere arbeiten hart für ihr Ziel und die Reise schweißt sie auf natürliche Weise zusammen. Die finalen Folgen sind auch tatsächlich der emotionale Höhepunkt, der sich verdient und befreiend anfühlt. Kurzum: A Place Further than the Universe führt zwar ins Land des ewigen Eises, entlässt einen aber mit diesem gewissen warmen Gefühl im Herzen, mit dem der eigene Zynismus eine ganze Weile zu kämpfen haben wird. Außerdem: Pinguine. Wie soll man da bitte noch nein sagen?

© KSM Anime


Seit dem 18. April 2020 im Handel erhältlich:

 

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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2 Comments
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Aki
Aki
23. Juni 2020 21:22

Danke für den Artikel. Ich dachte auch immer, dass ist einer dieser Animes mit netten Mädels die irgendwelche süßen Sachen machen. Wenn es aber hier wirklich um die Reise geht und dann noch ein paar ernste Probleme existieren, dann bin sofort interessiert. Bin ja selbst eine leidenschaftliche Reisende, mit Ziele die gerne mal etwas kälter sind 😀