House of Gucci

Gucci ist eine Mode-Marke, die wohl jeder Person namentlich etwas sagt, auch wenn sich die luxuriösen Hochpreis-Artikel sicher nur wenige Menschen leisten können (oder auch schlicht wollen). 1921 von Guccio Gucci gegründet, hat das Mode-Label heute nichts mehr mit dessen Familie zu tun, nachdem das Unternehmen wegen familiärer Streitigkeiten in den 1990er-Jahren an Dritte verkauft wurde. Das wohl bekannteste Ereignis um die Familie Gucci ist aber nicht etwa der Verlust des Familienunternehmens, sondern ein ganz anderes: Nämlich die kaltblütige Ermordung von Guccio Guccis Enkel Maurizio Gucci durch einen Auftrag von dessen Ex-Frau Patrizia Reggiani im Jahr 1995. Basierend auf dem 2001 erschienenen Roman GUCCI: Mode, Mord und Business von Sara Gay Forden wird diese tragische Geschichte in dem 2021 veröffentlichten Film House of Gucci porträtiert. Regisseur Ridley Scott (Alien: Covenant) schildert darin den langsamen Untergang des Familienunternehmens und die komplizierte Beziehung zwischen Maurizio Gucci und Patrizia Reggiani. Anfang Dezember 2021 in den deutschen Kinos gestartet, erscheint das komplexe Krimi-Drama am 10. März 2022 auf Blu-ray und DVD.

Italien, 1978: Die junge Patrizia Reggiani (Lady Gaga, A Star is Born), Tochter eines Lastwagen-Unternehmers, lernt durch Zufall auf einer Party Maurizio Gucci (Adam Driver, Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers) kennen, einen Erben des Modehauses Gucci. Maurizio ist von der selbstbewussten Frau sofort fasziniert und auch Patrizia sieht in dem Jura-Studenten die Chance, ein Teil des Gucci-Imperiums zu werden und so in die High Society aufsteigen zu können. Doch Maurizio hat wenig Interesse an dem Unternehmen und ist sogar bereit, sein luxuriöses Leben zu verlassen und bei Patrizias Familie zu arbeiten. Gegen den Willen seines Vaters Rodolfo heiratet Maurizio später Patrizia, die von Maurizios Onkel Aldo Gucci (Al Pacino, Der Pate) sofort ins Herz geschlossen wird. Aldo führt Patrizia in das Modehaus ein und wenig später entschließt sich Maurizio doch, in das Familienunternehmen einzusteigen …

Patrizia Gucci, die ausgefuchste Strippenzieherin

Originaltitel House of Gucci
Jahr 2021
Land USA
Genre Drama, Krimi
Regie Ridley Scott
Cast Patrizia Reggiani: Lady Gaga
Maurizio Gucci: Adam Driver
Paolo Gucci: Jared Leto
Aldo Gucci: Al Pacino
Rodolfo Gucci: Jeremy Irons
Domenico De Sole: Jack Houston
Giuseppina “Pina” Auriemma: Salma Hayek
Tom Ford: Reeve Carney
Laufzeit 158 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 10. März 2022

Die Charaktere des Filmes sind tatsächlich allesamt bis zum Abspann eher keine Sympathieträger, was aber wohl auch beabsichtigt ist. Lediglich Paolo Gucci (Jared Leto, Suicide Squad) wirkt mit seiner exzentrischen und verspielten Art noch irgendwie sympathisch. Wobei auch Patrizias Wahrsager-Freundin Pina Auriemma (Salma Hayek, Eternals), die allerdings nur als Nebenfigur auftritt, mit einer coolen und lässigen Attitüde dargestellt wird, die sie in den kleinen Momenten überraschend sympathisch machen. Patrizias Motiv (sozialer Aufstieg, Macht) sorgt von Anfang an dafür, dass man ihr als Zuschauer:in skeptisch gegenübersteht und dass sie mehr an Reichtum und Prestige anstatt Maurizio als Person interessiert ist, wird schnell klar. Auch ist deutlich, dass sie beim Gucci-Unternehmen schnell zu einer heimlichen Strippenzieherin wird, die ihr Umfeld genau so manipuliert, wie ihr es gefällt. Maurizio wirkt da zunächst wie das Gegenteil: ein junger Jurist, alles andere als versnobt und auf der Suche nach Liebe. Dass Patrizia aus bescheidenen Verhältnissen stammt und ihm sein Vater Rodolfo Gucci (Jeremy Irons, Assassin’s Creed) mit Enterbung droht, sollte er sie tatsächlich heiraten, ist ihm egal. Mit den Jahren und dem höheren Involvement im Unternehmen verwandelt sich Maurizio aber quasi in eine Version seines Vaters: Das Unternehmen steht an erster Stelle und er setzt sich alleine in die Schweiz ab. Patrizia und die gemeinsame Tochter kommen zwar nach, aber schon kurz darauf folgt der komplette Bruch, in dem sich Maurizios Verhalten als ziemlich kaltschnäuzig präsentiert.

17 Jahre Unternehmens- und Beziehungsgeschichte

Spannend ist, dass die Handlung von House of Gucci über einen langen Zeitraum von etwa 17 Jahren spielt. Das Vergehen dieser Zeit wird nicht explizit angegeben, konkrete Jahreszahlen finden sich lediglich zu Beginn und zum Ende des Filmes. Stattdessen wird auf einen fließenden Verlauf gesetzt, bei dem sich vor allem an dem Erscheinungsbild der Figuren, Dialogen und dem Alter von Maurizios und Patrizias Tochter orientiert werden muss. Diese Darstellung funktioniert erstaunlich gut. Es gibt allerdings dennoch einige Momente, die Fragen aufwerfen und entsprechend gehetzt wirken, da die Entscheidungen der Charaktere zu abrupt scheinen. Auch deshalb ist es wichtig, über die gesamte Laufzeit auf den Film konzentriert zu sein, denn auch die komplexen Intrigen sind ansonsten nur schwer zu verstehen. Doch zum Großteil ist diese Erzählweise sehr angenehm und das Vergehen der Zeit wirkt ausgesprochen natürlich. Auch ist der lange zeitliche Rahmen für die Entfaltung der Geschichte absolut notwendig, schließlich erstreckt sich das Geschehen nun einmal über viele Jahre. Zudem können die Figuren so über lange Zeit verfolgt und in ganz verschiedenen Lebenslagen ihre Charaktereigenschaften deutlich gemacht werden.

Ein wilder Genre-Mix

House of Gucci einem Genre zuzuordnen, ist tatsächlich schwieriger, als es zunächst scheint. Grundsätzlich ist der Film wohl ein perfides Familiendrama inklusive vieler Machtspielchen und Manipulation. Oft wird der Titel zwar auch als “Kriminalfilm” ausgewiesen, aber während er natürlich die Geschichte eines echten Verbrechens zeigt (und somit durchaus in das Genre fällt), kommt dafür der eigentliche Auftragsmord viel zu kurz. Der Großteil der Laufzeit konzentriert sich auf Maurizio und Patrizia, die schwierigen Familienverhältnisse, der unausweichliche Bruch in der Ehe und natürlich die Machtkämpfe um die Führung des Hauses Gucci. Dadurch dass viele der Figuren aber überzeichnet wirken (insbesondere Paolo Gucci, dessen Darstellung von seiner Tochter auch klar kritisiert wurde) und auch einige Szenen eher unfreiwillig komisch aussehen, hat der Film eigentlich auch komödiantische bis gar satirische Züge. An einigen Stellen kann das schon einmal irritiert sein, wie etwa eine explizite Sexszene zeigt, die in ihrer übertriebenen Darstellung wohl eine Reaktion zwischen Fremdscham und schallendem Gelächter auslösen wird. Fest steht, dass im Film alles ein wenig übertrieben und aufgebauscht wirkt, fast wie ein Musterbeispiel dafür, wie sich der Durchschnittsmensch eine reiche Unternehmerfamilie wie die Guccis vorstellt. An manchen Stellen nimmt das fast Züge einer Parodie auf die High Society an, was aber gerade mit den eigentlich ernsten Momenten des Filmes kollidiert. Somit ist der Film eine echte Wundertüte aus verschiedenen Genres, die mal besser und mal schlechter miteinander harmonieren.

Wie viel Wahrheit steckt in dem Film?

House of Gucci setzte eine wahre Geschichte um, allerdings auf der Basis eines Romans. Die Geschichte des Zerfalls eines Familienunternehmens und dem tragischen Ende einer Ehe, in der Patrizia Gucci ihren Ex-Mann ermorden lässt. Freiheitsstrafen zwischen 19 und 29 Jahren waren das Ergebnis dieses grausamen Auftragsmordes für Patrizia Reggiani und ihre Komplizen (sie selbst verbrachte jedoch nur 18 anstatt der verhängten 29 Jahre auch tatsächlich im Gefängnis). Doch die Verfilmung lässt sich einige Freiheiten im Vergleich zur Realität, wie einige Beispiele zeigen: So stimmen die Jahreszahlen merkwürdigerweise nicht überein, denn während sich Patrizia und Maurizio im Film 1978 kennenlernen, war das in der Realität bereits 1970 der Fall. Diese Änderung könnte wohl auch mit der Umsetzbarkeit zutun haben, schließlich altern die Schauspieler:innen während der Laufzeit des Filmes nicht, dennoch soll glaubwürdig gezeigt werden, wie viele Jahre vergehen. Auch haben die beiden im Film nur eine Tochter namens Alessandra, tatsächlich war diese jedoch nach der ersten Tochter Allegra bereits das zweite Kind. Das sind natürlich nur Kleinigkeiten und es ist auch kein Geheimnis, dass die Gucci-Nachfahren alles andere als glücklich sind, dass diese Familientragödie zu einem Spielfilm verarbeitet wurde. Ob man diese Praxis (Profit aus einer echten Familientragödie schlagen) akzeptabel findet oder nicht und wie man dazu konkret im Falle der Guccis steht, muss jede:r für sich selbst entscheiden.

Eine wahre Oscar-Party als Cast

Schon der offizielle Trailer macht kein Geheimnis aus der Tatsache, dass House of Gucci absolut stark besetzt wurde. Ein Großteil des Casts besteht aus Gewinnern sehr bekannter Auszeichnungen und das zieht sich bis in die eher rudimentär auftretenden Rollen hindurch. Tatsächlich lässt sich weder bei der schauspielerischen Leistung noch bei den Kostümen Kritik finden, auch wenn das Schauspiel teilweise etwas überzogen wirkt (was allerdings beabsichtigt scheint). Das fällt gerade bei Lady Gaga auf, die in A Star is Born zeigen konnte, was für dramaturgische Qualitäten sie besitzt. Die Schauspieler:innen sehen ihren echten Vorbildern aber tatsächlich erstaunlich ähnlich und Darsteller wie etwa Jared Leto als Paolo Gucci sind kaum noch wiederzuerkennen. Lediglich der Umstand, dass die Figuren optisch in dem gezeigten Zeitraum kaum altern (können), ist etwas schwierig, gerade am Anfang fällt es schwer, Lady Gagas Patrizia abzunehmen, dass sie nicht einmal Mitte 20 sein soll. Das gesamte Erscheinungsbild des Titels ist prunkvoll, schick und einfach ein echter Augenschmaus. Zwar erreichen die gezeigten Modestücke keinesfalls auch nur ansatzweise die kreativen Dimensionen eines Cruella (was aber sicherlich auch daran liegt, dass der Fokus vollkommen anders gesetzt ist und es sich nun einmal um eine echte Mode-Marke handelt), aber dennoch wird auch bei der Mode und den Outfits viel geboten. Gerade Lady Gaga als Patrizia präsentiert zahlreiche Modestücke. Auch akustisch greift House of Gucci aus den Vollen, denn die Musik von Komponist Harry Gregson-Williams (The Last Duel) präsentiert eine sehr gelungene Mischung aus Popmusik und populären italienischen Opern.

Fazit

House of Gucci ist ein wildes Zusammenspiel vieler Elemente, die nicht immer absolut harmonieren wollen, aber dennoch schafft der Film es, über die lange Laufzeit eine spannende Geschichte voller Intrigen, Machtspielchen und dramatischen Höhepunkten zu erzählen. Langeweile kommt nicht auf und gerade die komplexen Prozesse im Gucci-Unternehmen sind ausgesprochen faszinierend. Die unerwartet komödiantische Note in vielen Momenten sollte man jedoch schon zumindest tolerieren können, um an dem Film Freude zu haben. Klares Highlight sind aber die starke Besetzung und beeindruckende Präsentation, sodass auch über inhaltliche Schwächen hinweggesehen werden kann. Wer sich für Intrigen und innere Machtkämpfe begeistern kann, sollte dem Film eine Chance geben. Und wer sich irgendwie für die wahre Geschichte hinter dem tragischen Gucci-Mord und dem Besitzwechsel des Unternehmens interessiert, wird um House of Gucci trotz kreativer Freiheiten sowieso nicht umhin kommen.

© Universal Pictures


Veröffentlichung: 10. März 2022

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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