Hit the Road

Die besten Kurzgeschichten sind wie Pralinen: Schnell vermampft, aber man denkt mit Freude und vielleicht einer gewissen Wehmut daran zurück, insbesondere wenn man sofort die ganze Schachtel verschlungen hat. Die One-Shot Graphic Novel Hit the Road von Autor Dobbs und Zeichner Afif Khaled, die im Februar 2022 im Splitter Verlag erschien, ist dagegen ein Action-Thriller-Käsehäppchen. Es ist nicht überraschend, man weiß, was man bekommt und ehe man fertig gekaut hat, sucht man schon nach anderen Sachen am Buffett. Wer dennoch zubeißt, wird kaum etwas beanstanden, außer er verschluckt sich am Zahnstocher.

Zur Feier seiner Entlassung aus seiner vorherigen Behausung, die eine unheilige Obsession mit schwedischen Gardinen hatte, freut sich der Ex-Verbrechersyndikat-Helfer Clyde auf zwei Dinge: ein blutiges Steak und gleichfalls blutige Rache. Denn seine ehemaligen Arbeitgeber der unmoralischen Sorte haben ihn doch glatt übers Ohr gehauen, was in der Branche sich nun wirklich nicht gehört. Um der ‘Familie’ eins auszuwischen, will er sie um einen matriarchalischen Kopf kürzer machen. ‘Granny’, die diesen cleveren Spitznamen nicht aufgrund einer makabren Vorliebe für Arsen-Plätzchen bekommen hat, sondern weil sie schlicht und ergreifend Großmutter ist, soll den Weg aller Gangster-Oberhäupter gehen, die es sich mit einem Anti-Helden verscherzen, der aber doch ein gutes Herz hat. Irgendwo. Aber Clyde ist nicht alleine, denn er darf auch der jungen Vicky, die in den Verbrecherstrudel geraten ist, den Weg zu einer besseren Zukunft freischießen.

Fad

Originaltitel Hit the Road
Jahr 2020
Ursprungsland USA
Bände 1
Genre Action, Thriller
Autor Dobbs
Zeichnungen Afif Khaled
Verlag Splitter (2022)
Veröffentlichung: 26. Januar 2022

Hit the Road ist einer dieser Actionfilme, bei denen man schlicht eine nette Zeit erwartet, mittendrin einschläft und nach einem aufschreckenden Erwachen vermutlich vergessen hat, warum man überhaupt mit schmerzendem Nacken und einem beeindruckenden Spuckefaden vor dem flimmrigen Bildschirm sitzt. Das mag harsch klingen, aber auf den knapp 50-Seiten, in der sich die Handlung entfaltet, passiert schlicht nichts, das sich ins Gedächtnis brennen könnte. Clyde ist ein Charakter, dessen Profil sich mit ‘Hardass und so’ zusammenfassen lässt, Vicky ist schlicht vorhanden, damit er etwas zu retten hat und bei seinem Treiben ein wenig moralischen Aufwind erfährt und die illustre ‘Granny’ könnte vermutlich nur dann eine Bedrohung werden, wenn es sich bei ihr eigentlich um einen Wolf im Rüschen-Nachthemd handeln würde. Faktisch ist die interessanteste Person des ganzen Comics und diejenige, die im Gedächtnis bleibt, ein Wegwerf-‘Nach-Dem-Weg-frag’-NPC, die mit einem Goldfischglas in einer Allee herumlungert. Warum sitzt sie da? Warum mit ihrem Goldfisch? Geht sie mit ihm Gassi? Oder wollte sie ihn gar wegschütten und feige ermorden? Wie heißt der möglicherweise in Lebensgefahr schwebende Fisch? So viele interessante Fragen.

Nette Zeichnungen

Aber so wenig Antworten und leider auch nicht allzu viel, das einem davon ablenken könnte, dass man sie nicht bekommt. Denn optisch präsentiert sich Hit the Road zwar solide, mitunter können die Panels aber etwas klein oder vielmehr schmal geraten daherkommen, was es leicht anstrengender zu lesen macht als nötig. Bis auf eine Ausnahme gibt es entsprechend auch mit Blick auf den Stil nichts, was einer hervorgehobenen Erwähnung Not täte, abgesehen von einer Sequenz in Zusammenhang mit einer Beinahe-Abtreibung, die im Fortlauf einen leicht seltsamen Nachgeschmack bekommt. Nicht aufgrund einer zu graphischen Darstellung, sondern schlicht, weil es sich nicht in den Gesamtkontext einfügt und die ganze Thematik bis zum Ende wieder fallen gelassen wird. Apropos ‘Ende’. Das war’s auch schon.

Fazit

Hit the Road fühlt sich als One-Shot ziemlich unbefriedigend an und würde sich vermutlich eher in einer Anthologie-Sammlung zu Geschichten aus den wüsten Weiten Amerikas zu Hause fühlen. Es bietet mit seiner kurzen, wenig bemerkenswerten Handlung nichts, was in irgendeiner Form im Gedächtnis hängen bleibt und kann auch nicht mit einem etwas anderen Artstyle oder netten Spielereien aufwarten, die einem zumindest ein leicht anerkennendes Nicken abringen. Prinzipiell ist an Genre-Geschichten nichts auszusetzen, Tropes und formelhafte Abfolgen sind nicht inhärent zu verteufeln, immerhin kann man trotzdem Spaß damit haben. Aber Hit the Road ist weder ein transkontinentaler Roadtrip noch eine knatternde Fahrt durch die Prärie, sondern eher eine kurze Einkaufstour, um Milch zu besorgen, nur um mittendrin schon wieder zu vergessen, warum man jetzt eigentlich im Laden steht. Kein Grund, einen Blick zu riskieren, auch wenn er kurz und schmerzlos ist.

© Splitter Verlag


Veröffentlichung: 26. Januar 2022

 

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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