Pokémon-Legenden: Arceus

Der 25. Februar 2021 war für Pokémon-Fans ein kleines Fest: Denn in dem Event “Pokémon Presents” wurde nicht nur das 25-jährige Jubiläum des weltberühmten Franchises gefeiert, sondern auch glatt zwei neue Games rund um die Taschenmonster für die Nintendo Switch angekündigt. Neben dem von Fans schon lange geforderten Remake der 4. Generation, das im November 2021 erschien, wurde auch eine überraschende, ganz neue Richtung präsentiert. Pokémon-Legenden: Arceus sollte in der Sinnoh-Region der Vergangenheit angesiedelt sein und ohnehin ganz anders als das werden, was Fans der Games seit einem Vierteljahrhundert kennen. Doch erste Bilder versprachen vor allem eines: Skepsis. Fans und Fachpresse blickten voller Sorge auf das Game, denn in Trailern präsentierte sich die in kleine Open World-Abschnitte unterteile Spielwelt vor allem als karg, detailarm und schlicht alles andere als zeitgemäß. Am 28. Januar 2022 erschien nun das von Game Freak entwickelte Pokémon-Legenden: Arceus für Nintendo Switch. Die Frage aller Fragen: Ist der Pokémon-Ableger, der sich als Action-RPG einordnen lässt, nun tatsächlich die versprochene Revolution oder doch eher der befürchtete schnelle Cash-Grab?

   

Unser Protagonist fällt im Auftrag von Arceus von der Sinnoh-Region der Gegenwart durch einen Riss im Raum-Zeit-Gefüge in die Vergangenheit und findet sich in der Hisui-Region wieder, der Sinnoh-Region der Vergangenheit. In Hisui leben die Menschen noch voller Angst vor den Pokémon und Technik wie Pokébälle wurden gerade erst erfunden, werden jedoch kaum genutzt. Der Protagonist findet in der Siedlung Jubeldorf Zuflucht und tritt dem Forschungstrupp bei, um so die verschiedenen Gebiete zu erkunden. In diesen Gebieten herrscht jeweils ein sehr mächtiges Pokémon, genannt “König” bzw. “Königin”. Durch einen Blitz aus dem Riss in dem Raum-Zeit-Gefüge werden sie in Rage versetzt und somit gefährlich. Nur der Protagonist kann diese wieder besänftigen. Wie hängt der mysteriöse Riss im Raum-Zeit-Gefüge mit dem Auftauchen des Protagonisten zusammen?

In einer Region vor unserer Zeit

Originaltitel Pokémon Legends: Arceus
Jahr 2022
Plattform Nintendo Switch
Genre Action-RPG
Entwickler Game Freak
Publisher Nintendo
Spieler 1
USK
Veröffentlichung: 28. Januar 2022

Pokémon-Legenden: Arceus versetzt die Umgebung in die Vergangenheit. Eine Zeit vor der friedlichen Koexistenz von Mensch und Pokémon. Das ist nicht nur eine sehr interessante Entscheidung, weil so die Lore der Game-Welt ausgebaut wird, sondern sorgt auch für gänzlich neue Möglichkeiten. Wer Pokémon Diamant/Perle (ob nun auf dem DS oder der Switch) gezockt hat, wird viele Orte wiedererkennen oder zumindest, was aus ihnen mal sein wird. Das trifft vor allem auf bedeutende Kulissen wie die drei Seen oder auch den Kraterberg zu. Schade hierbei ist, dass nicht das volle Potenzial ausgeschöpft wird. So bekommen manche legendäre Pokémon nur recht simple Fang-Aufgaben anstatt einer interessanten Geschichte spendiert, was schlichtweg vergeudetes Potenzial darstellt. An der Stelle hätte Game Freak gerne mehr auf die Geschichte und die Legenden eingehen können. Der wohl am besten und interessantesten gemachte Aspekt sind der Diamant- und der Perl-Clan sowie ihre jeweiligen Oberhäupter Diam und Perla. Jedes von ihnen verehrt den Schöpfer des Universums, aber der Diamant-Clan als Herr der Zeit und der Perl-Clan als Herr des Raumes, weswegen es immer wieder zu Reibereien zwischen ihnen kommt. Auch erinnern viele Charaktere des Games auffallend an solche aus Diamant/Perle und sind somit wohl als Vorfahren dieser einzuordnen. Unsere wahlweise männliche oder weibliche Spielfigur weist in ihrem standardmäßigen Aussehen beträchtliche Ähnlichkeit zu jener aus den beiden Games auf, kann allerdings diesmal auch wieder vollkommen individuell gestaltet werden. Dazu zählen Frisuren, Haarfarbe, Augenfarbe und natürlich Klamotten, also sind der Fantasie hier kaum Grenzen gesetzt.

Eine spannende Geschichte mit viel Potenzial

Die etwa 25 Stunden umfassende Handlung von Pokémon-Legenden: Arceus lässt sich vor allem mit denen der Spin-off-Reihe Pokémon Mystery Dungeon vergleichen: Die Spielfigur findet sich durch mysteriöse Umstände plötzlich in einer ihr unbekannten Welt wieder und wird dabei von der Umwelt entweder freundlich aufgenommen (meist das direkte Umfeld) oder skeptisch begutachtet. Tatsächlich präsentiert sich die Handlung auch als ausgesprochen interessant, obwohl durchaus mehr Potenzial vorhanden gewesen wäre. Kurz gesagt: Einen Oscar gewinnt die Geschichte immer noch nicht, aber sie ist cool inszeniert und wirkt zumindest nicht so, als würde sie nur nebenbei ablaufen. Zudem erwartet Spieler:innen nach dem Abspann noch ein umfangreiches Post-Game mit weiteren Hauptmissionen und interessanten Wendungen, die man allerdings gerne auch ausführlicher in der Hauptgeschichte hätte behandeln können. Denn die Credits laufen ausgesprochen plötzlich ab und hinterlassen erst einmal ein “Das war’s?!”-Gefühl, bevor danach eben doch noch weitere Hauptmissionen folgen. Aber neben der eigentlichen Geschichte gibt es ohnehin noch satte 94 Nebenmissionen, die von simplen Sammelaufgaben bis zu durchaus coolen kleinen Geschichten reichen. Besonders schön ist auch, dass sich Fans auf viele Easter Eggs freuen dürfen. So taucht in einer Nebenmission ein junger Mann mit einem Lucario auf, der verdächtig an Sir Aaron aus dem Film Pokémon: Lucario und das Geheimnis von Mew erinnert. Auch die eigentliche Geschichte, in der wir von Arceus in die Vergangenheit geschickt werden, um einen wichtigen Auftrag zu erfüllen, erinnert auffällig an einen Pokémon-Film, nämlich Arceus und das Juwel des Lebens, auch wenn dort Dialga die Zeitreise ermöglicht. Dadurch wird deutlich, dass in das Game durchaus Herzblut geflossen ist und auch tatsächlich bei einigen Details bewusst an langjährige Fans gedacht wurde.

Ein Gameplay, das Fan-Herzen höher schlagen lässt

Die größte Neuerung findet sich aber ohne Frage im Gameplay, das zum ersten Mal nicht nur in Open World-Abschnitten stattfindet, sondern auch ermöglicht, dass die eigene Spielfigur von den umliegenden Pokémon angegriffen wird. Denn die Gebiete sind mit frei umherstreifenden Pokémon bestückt, die wahlweise mit dem Wurf eines leeren Pokéballs gefangen werden können oder zunächst mithilfe eines Kampfes, der durch den Wurf eines gefüllten Pokéballs ausgelöst wird, geschwächt werden. Stecken wir hierbei zu viel Schaden ein, färbt sich der Rand des Bildschirms zunächst schwarz und dann blutrot, bevor es heißt, dass wir in Ohnmacht gefallen sind. Das sorgt für Nervenkitzel, denn viele der umherstreifenden Pokémon sind ausgesprochen aggressiv. Das trifft interessanterweise gerade auf eigentlich unscheinbare Pokémon wie Paras zu, die mit ihrem Gift ordentlich zusetzen können. Wohl auch deshalb gehört das Game zu den sehr wenigen Titeln im Pokémon-Franchise, die mit einer USK ab 12 Jahren bewertet wurden. Tatsächlich gibt es nur wenige Kämpfe mit anderen Pokémon-Trainern (was aber Sinn ergibt: Trainer in diesem Sinne existieren noch gar nicht und die meisten Menschen haben entweder Angst vor Pokémon oder ziehen eines selbst auf, jedoch nicht zum Kampf), der Fokus liegt auf dem Fangen der Pokémon. Besonders positiv ist hierbei aber auch der flüssige Übergang zum Kampfbildschirm, denn in den Open World-Arealen wird man nicht erst auf einen anderen Bildschirm weitergeleitet, sondern mit dem Auswurf des eigenen Pokémon geht es sofort los. Zudem können wir unsere Spielfigur noch immer frei bewegen und damit sogar aus dem Kampf fliehen, in dem wir uns einfach zu weit entfernen. Kämpfe gibt es aber ohnehin eher für unsere Spielfigur, da die Könige bzw. Königinnen eines Gebietes mit Ruhegaben besänftigt werden müssen. Doch während wir diese den mächtigen Pokémon zuwerfen und deren Wutleiste verringern, werden wir mit starken Angriffen attackiert. Ein weiterer großer Pluspunkt: Der Schwierigkeitsgrad des Games ist durchaus moderat bis teilweise fordernd, womit auf die langjährige Kritik der zu einfachen Spiele reagiert wird.

Schnapp’ sie dir alle in neuer Tradition

Das Ziel des Games ist es, den allerersten Pokédex zu vervollständigen. Das gestaltet sich jedoch deutlich umfangreicher als sonst, denn es müssen dafür verschiedene Aufgaben erfüllt werden, für die es Stufen und Punkte gibt. Diese bestehen aus Anweisungen wie “Fange es einmal, zweimal … 25-Mal”, “Besiege es mit einer Attacke von Typ Elektro”, wobei das Erfüllen der Aufgaben erstaunlich motivierend ist. Erst wenn ein Eintrag Stufe 10 erreicht hat, gilt dieser als vollständig und es wird der kleine Info-Text angezeigt. Für Stufe 10 müssen jedoch nicht alle Aufgaben eines Eintrages erfüllt werden, das wäre wohl auch etwas utopisch. Besonders ist, dass die Pokémon endlich über die Statuswerte hinaus deutlich individueller gestaltet sind. Denn sie alle weisen unterschiedliche Größen- und Gewichtsangaben auf, noch dazu gibt es sogenannte “Elite-Pokémon”. Diese werden mit rot leuchtenden Augen dargestellt und sind nicht nur sehr groß, sondern auch überaus mächtig. Jedes Pokémon, auch etwa ein zartes Waumpel, gibt es noch als Elite-Version, was den Sammeldrang besonders befeuert. Zum Voranschreiten der Haupthandlung werden vor allem bestimmte Forscherränge verlangt, die wir mit einer vorgegebenen Anzahl Punkten erreichen. Diese gibt es wiederum durch das Erfüllen von Pokédex-Aufgaben und der Berichterstattung bei Professor Laven, einem ausländischen Pokémon-Professor, dem wir direkt zu Beginn des Games begegnen. Insgesamt 242 Pokémon gibt es in dem Game zu entdecken und zu fangen, wobei unser Starter-Pokémon diesmal aus einer Mischung der Generationen ausgewählt wird: Zur Auswahl stehen Feurigel (2. Gen), Ottaro (5. Gen) und Bauz (7. Gen), wobei sie allesamt eine veränderte finale Hisui-Entwicklung bekommen haben. Ohnehin können wir in Hisui eigentlich bekannte Pokémon in ganz neuen Formen entdecken, wie etwa Hisui-Fukano oder Hisui-Zorua.

Die Open World-Areale: Eine Zeitreise der unschönen Art

Bereits die ersten Teaser und Trailer des Games sorgten für negative Schlagzeilen. Egal ob Fachpresse oder Fan-Communities, der Konsens lautete: Das Gezeigte kann doch nicht ernst gemeint sein. Eine leere Welt versprachen die Trailer und auch das fertige Game strotzt nicht gerade vor Details. Das ist grundsätzlich weder schlimm noch unlogisch, schließlich handelt es sich bei den Gebieten zu großen Teilen um unberührte Natur, da ist klar, dass viel lediglich von Bäumen geziert wird. Auch sind Aussagen, dass das Game wie ein Spiel aus den frühen 2000ern aussehen würde, natürlich maßlos übertrieben. Ein großes Problem besteht aber und das lässt sich auch nicht leugnen: Die Open World-Abschnitte sind schlicht alles andere als schön oder stabil, selbst Jubeldorf sieht nicht gerade gut aus. Insbesondere die ständig nachladenden Texturen und die aufploppenden Pokémon und Objekte knabbern ordentlich an der Atmosphäre. Deutlich wird das vor allem, wenn mit Washakwil durch die Lüfte gesaust wird. Für ein Game der Marke Pokémon ist das im Jahr 2022 außerordentlich peinlich und es ist klar, dass sich Game Freak an der Stelle wohl besser noch ein paar Monate für den Feinschliff gegönnt hätte. Denn auch wenn Nintendo Switch keine besonders leistungsstarke Konsole ist, kann aus dem Gerät definitiv mehr herausgekitzelt werden. Abseits des technischen Aspektes sind die verschiedenen Areale aber durchaus cool gestaltet, obwohl es sich lediglich um Klassiker wie etwa Wüsten, Strände und Schneelandschaften handelt. Da die Gebiete aber mit Fortschritt der Handlung immer mehr erforscht werden können, laden diese dazu ein, sie mehrfach genau zu erkunden.

Tolle Zwischensequenzen und starker Soundtrack

Obwohl die technische Seite des Games damit ziemlich ernüchternd ausfällt, gibt es durchaus auch schön inszenierte Aspekte. Der Cel Shading-Look ist etwa ziemlich schick und unsere Spielfigur war noch nie so expressiv unterwegs wie in Pokémon-Legenden: Arceus, das Dauergrinsen aus früheren Games ist also endgültig Geschichte. Die Zwischensequenzen sind gerade dadurch stark inszeniert und wissen mitzureißen. Die hektischen Bosskämpfe können sogar zum Staunen bringen. Auch der Himmel, insbesondere in der Nacht, ist wundervoll anzuschauen und lädt zum Schießen von Screenshots ein. Ebenso sind die Ladezeiten angenehm kurz, das Zocken fühlt sich also durchaus sehr flüssig an. Besonders beeindruckend sehen auch die Pokémon-Kämpfe aus, da die Attacken gelungen animiert wurden, sodass man sich fast ein wenig wie in der Anime-Serie fühlt. Besonders dynamisch wirken hierbei auch die Kraft- bzw. Tempotechniken, die bei der Meisterung einer Attacke verfügbar werden. Für zwei AP ist die Krafttechnik besonders stark, während die Tempotechnik zwar schwächer, aber dafür womöglich mehrfach ausgeführt wird. Außerdem rückt selbst die hakelige Präsentation des Games mit einigen Spielstunden in den Hintergrund, da das Gameplay schlicht sehr packend ist und die Stunden wie Minuten vergehen. Ebenso ist der Soundtrack wieder recht erinnerungswürdig. Er ist sehr stark an Diamant/Perle angelehnt (man könnte ihn jetzt wohl glatt als “Sinnoh-Soundtrack” betiteln) und übernimmt einige Musikstücke sogar komplett, doch dieser Soundtrack ist auch einfach sehr gelungen. Zudem werden bestimmte Tracks gespielt, etwa wenn man sich in der Nähe eines Elite-Pokémon aufhält (dieser Track ist quasi furchteinflößend, was zu den mächtigen, rotäugigen Pokémon gut passt).

Fazit

Pokémon-Legenden: Arceus ist auf technischer Seite teilweise eine recht dürftige Angelegenheit (und das leider zu einem Punkt, unter dem auch die Atmosphäre leidet), aber das ist auch der einzige große Kritikpunkt. Denn das Game bietet ein absolut motivierendes Gameplay, eine interessante Geschichte und setzt vor allem viel um, was sich Fans schon seit Jahren wünschen. Auch die freien Bewegungs- und Erkundungsmöglichkeiten machen sehr viel Spaß und die Pokémon-Kämpfe wirken durch den nahtlosen Übergang glatt noch einmal packender. Besonders schön sind die so unterschiedlichen Pokémon und der angenehme Schwierigkeitsgrad, der zwar nie frustrierend, aber durchaus auch mal fordernder sein kann. Das Setting in der Vergangenheit bietet zudem natürlich spannende Informationen rund um die Sinnoh-Region. Für Pokémon-Fans ist der neueste Streich aus dem Hause Game Freak damit absolute Pflicht. Aber auch, wer mit den Taschenmonstern zumindest etwas anfangen und über die mäßige Präsentation hinwegsehen kann, sollte unbedingt einen näheren Blick auf das revolutionär andere Pokémon-Game werfen.

© Nintendo


Veröffentlichung: 28. Januar 2022

 

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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