Employee of the Month

Männer, Frauen, Arbeitsplatz. Wer kennt sie nicht, die männlichen Kollegen, die sich für enorm wichtig halten und von ihren Kolleginnen nur stets frischen Kaffee, klaglose Zuarbeit und Beifall für ihre anzüglichen Scherze erwarten? In ihrem ersten eigenen Kinofilm Employee of the Month lässt die belgische Regisseurin Véronique Jadin ein wahres Gruselkabinett der toxischen Chefs und Mitarbeiter entstehen. Bis die Entrechteten sich erheben und die mustergültige Angestellte Inès all die schmierig-arroganten Mistkerle ins Jenseits befördert. Employee of the Month ist auf dem Fantasy Filmfest 2022 zu sehen.

 

Inès (Jasmina Douieb, La Trêve) ist Mitte 40 und in der kleinen Putzmittelfirma für einfach alles zuständig: Kundenkontakt, Bestellungen, Produktberatung, Kaffeekochen, Toilettenpapier besorgen, Praktikantenbetreuung … Kurz, den Laden am Laufen zu halten, während ihre männliche Kollegen sich wichtig geben und sich umsorgen lassen. Das Ganze ohne Anerkennung, ohne Beförderung und ohne Gehaltserhöhung. Zum Dank meckern die Kollegen höchstens über den Kaffee oder malen schweinische Bildchen auf ihre Unterlagen. Jahrelang hat Inès das alles klaglos und demütig ertragen. Doch als Chef Patrick (Peter Van den Begin, King of the Belgians) bei einer Verkettung unglücklicher Umstände zu Tode kommt und Inès plötzlich mit einer Leiche im Chefbüro dasteht, entwickelt die graue Büro-Maus ungeahnte kriminelle Energie. Zusammen mit Praktikantin Melody (Laetitia Mampaka) kümmert sie sich um die Leichenentsorgung und beseitigt nebenbei einen unsympathischen Kollegen nach dem anderen.

A roaring Rampage of Revenge?

Originaltitel L’Employée du Mois
Jahr 2021
Land Belgien
Genre Komödie, Krimi
Regie Véronique Jadin
Cast Inès: Jasmina Douieb
Melody: Laetitia Mampaka
Patrick: Peter Van den Begin
Nico: Alex Vizorek
Jean-Paul: Achille Ridolfi
Jean-Pierre: Christophe Bourdon
Inspektorin Van Duyne: Ingrid Heiderscheidt
Inspektor Boss: Philippe Résimont
Laufzeit 78 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2022

Weibliche Selbstbefreiung mit der Knarre in der Hand. Kennt man, etwa von Quentin Tarantino. Aber da Inès Büroangestellte ist und nicht Ex-Auftragskillerin ist ihr Rachefeldzug längst nicht so stylisch und triumphal. Kein Zweifel, all die miesen Kerle haben es redlich verdient, dass da ein geknechtetes Wesen aufsteht und sie alle umnietet. Doch Inès, die schüchterne Büropflanze im fliederfarbenen Office-Kostümchen und ihre Mitstreiterin Melody, die Praktikantin mit der Null-Bock-Haltung tun sich erst einmal schwer damit, weibliche Harmoniebedürftigkeit hinter sich zu lassen und diesen im Verborgenen schlummernden Wunsch in die Tat umzusetzen. Was einen guten Teil der Komik des Films ausmacht. Der erste Todesfall ist noch eine hübsch in Szene gesetzte Slapsticknummer, wo durch Melodys Eingreifen eine Kettenreaktion der durcheinanderpurzelnden Objekte in Gang gesetzt wird und bewirkt, dass ein spitzes Objekt sich in den Schädel des fiesen Chefs bohrt. Doch das Englische kennt den schönen Ausdruck “accidentally on purpose”. Und so rutscht jeder neue Todesfall ein wenig weiter weg von “aus Versehen” hin zu “mit Absicht”. Bis Inès triumphierend mit gezogener Waffe da steht. Ein kurzer Moment, dann fällt sie angesichts des Kommissars, der ebenso arrogant-herablassend ist wie ihre toten Kollegen, wieder in ihre alte Unterwürfigkeit zurück. Doch auch in dieser Rolle kann man noch dafür sorgen, dass es den miesen Kerlen an den Kragen geht und man selber mit dem Geld entwischt. Es ist eine Freude, Jasmina Douieb ( The Break – Jeder kann töten) bei diesem Auf und Ab zuzusehen.

Schwarzer Humor mit kleinem Budget

Viel kann dieser kleine Film aus Belgien nicht gekostet haben. Ein Kammerspiel, das sich auf wenige Figuren konzentriert und die Büroräume der kleinen Firma kaum verlässt. Und wie sich das in einem solchen Krimi-Setting gehört, sind am Schluss, wenn der Inspektor kommt, die meisten der kleinen Gruppe in dem kleinen Raum tot. Bis auf den Mörder und einige Verdächtige. Der Film spielt zwar mit Genreversatzstücken, die durchaus ins Geld gehen könnten, wenn man es in Special Effects, Kunstblut und Latex anlegen möchte. Blut, zerschmetterte Schädel, in Säure aufgelöste Leichen. Employee of the Month lässt diese Momente bewusst eher dilettantisch aussehen. Ein Pfütze sehr rotes Zeugs, eine Wanne mit grünlichem Wasser, das reicht schon, um das Motiv anzuteasern. Was Spaß macht, ist die Interaktion der unbeholfen mordenden Sekretärin, ihrer wider Willen ins Geschehen gezogenen Mitstreiterin und der ahnungslosen Todeskandidaten, die offensichtlich den Begriff “toxische Männlichkeit” noch nie gehört haben. Und die kleinen, makabren Scherze, die sich im Detail verstecken. So ist etwa der spitze Gegenstand, der den Chefschädel durchbohrt, ausgerechnet seine Siegestrophäe als Arbeitgeber des Monats. Oder das Aquarium. Da haust auch ein Mann, der versorgt sein will, ohne sich je zu bedanken. Jean-Philippe, der Goldfisch. Und zumindest im Aquarium ist die Männerherrschaft ohne Ende: auf Jean-Philippe VI folgt Jean-Philippe VII.

Fazit

Genderpolitisch bringt Employee of the Month nichts wirklich Neues: Männer sind Schweine. Am Arbeitsplatz und überhaupt. Doch als Aufhänger für eine unterhaltsame Krimikomödie mit zwei zentralen Frauenfiguren funktioniert das allemal. Wer seinen Humor gern schwarz mag, sich über das Jonglieren mit Genre-Versatzstücken freut und gern mal schaut, was in anderen europäischen Ländern so an Filmen entsteht, wird an diesem 78 Minuten kurzen Film viel Spaß haben.

© Reel Suspects

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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