Die Insel der besonderen Kinder

Bestseller sind eine stets gerne gesehene Vorlage, wenn es darum geht, eine massentaugliche Filmproduktion in die Kinos zu bringen. Steht dann auch noch der Name Tim Burton dahinter, ist das Zielpublikum schnell gefunden. Ob Edward mit den ScherenhändenSleepy Hollow oder Charlie und die Schokoladenfabrik: Seine Adaptionen besitzen stets fantastische Welten mit Hang zur Düsternis. All diese Merkmale treffen auch auf Die Insel der besonderen Kinder zu, die 2016er-Film-Adaption des Romans Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children von Ransom Riggs. Nicht nur spielte die Produktion direkt am ersten Wochenende wieder die Hälfte ihrer Produktionskosten ein, auch thematisch bildet sie ein Gegenstück zu all den Superhelden-Geschichten, die seit den 2010ern regelmäßig das Kino überschwemmen. Denn Superkräfte kamen nie wirklich aus der Mode, lediglich in der Darstellung wurde es irgendwann monoton. Diesen Umstand vermag dieser Film zumindest für kurze Zeit zu beheben.

   

Bei einem geheimnisvollen Einbruch kommt Jakes Großvater Abe (Terence Stamp, Wall Street) ums Leben. Jake (Asa Butterfield, Hugo Cabret) fand ihn schon immer sonderbar, doch er erfährt erst jetzt, welches Geheimnis der alte Mann all die Jahre mit sich herumtrug. Mit seinen letzten Worten hat er eine Bitte an seinen Enkel: Jake soll eine Insel mit besonderen Kindern in einem Kinderheim besuchen. Dort wuchs auch Abe auf. Gemeinsam mit seinem Vater Frank (Chris O’Dowd, Loving Vincent) macht sich Jake auf den Weg dorthin – nur um zu zeigen, dass der Großvater kein Spinner war, sondern die Wahrheit sprach. Wie sich herausstellt, existiert jenes Kinderheim und die Kinder darin sowie deren Leiterin Miss Peregrine (Eva Green, Dumbo) befinden sich in einer Zeitschleife des 3. Septembers 1943 gefangen. Allerdings freiwillig und zum Schutz vor dem bösen Barron (Samuel L. Jackson, Captain Marvel).

Ein unerwartet düsteres Schauermärchen

Originaltitel Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children
Jahr 2016
Land USA
Genre Fantasy
Regie Tim Burton
Cast
Jacob Portman: Asa Butterfield
Emma Bloom: Ella Purnell
Miss Alma LeFay Peregrine: Eva Green
Barron: Samuel L. Jackson
Miss Avocet: Judi Dench
Psychiaterin Dr. Golan: Allison Janney
Vater Franklin Portman: Chris O’Dowd
Großvater Abraham Portman: Terence Stamp
Mutter Maryann Portman: Kim Dickens
Laufzeit 127 Minuten
FSK

Tim Burtons Filmografie umfasst mehr als 30 Einträge. Nicht alle davon wurden zu großen Hits (man erwähne an der Stelle nur Dark Shadows), doch jeder trug ein bisschen zu seinem Ruf als schräg-düsterer Filmemacher bei, den Burton in der Öffentlichkeit genießt. Mit der Roman-Adaption Die Insel der besonderen Kinder konnte er allerdings wieder einen erfolgreichen Film produzieren. Ein klassischer Stoff mit übergeordnetem Superkräfte-Thema, das die volle Bandbreite bedient: Zeitreisen, außergewöhnliche Helden, fantastische Welten, bedrohliche Schurken und die richtige Prise Romantik und Horror. Stellenweise wird es sogar unerwartet morbide, wenn etwa eine Horde Untoter nach den Augäpfeln der Besonderen dürstet. Das klingt nicht nur für das Zielpublikum besonders ekelig, es sieht auch so aus. Gerade jüngere Zuschauer*innen könnten hier böse überrascht werden.

Unverkennbare individuelle Handschrift und glückliches Händchen beim Cast

Was gleich zu Beginn von Die Insel der besonderen Kinder auffällt, ist die Art und Weise, wie Burton seine Fantasy Story visuell einfängt. Wir haben es hier nicht mit einer Horrorkomödie oder einem leichtfüßigen Phantastikgewächs zu tun, sondern mit einem bildschönen Fantasy-Epos. Der Höhepunkt ist eine erstaunliche Unterwassersequenz, die in ihrer bizarren, morbiden Schönheit regelrecht Eindruck hinterlässt. Nicht nur das Haus, sondern die gesamte Insel ist liebevoll aufgezogen und lässt erahnen, wieviel Spaß Burton damit hatte, hierin aus dem Vollen zu schöpfen. Auch wenn Burton im actionreichen Finale auf einem Rummelplatz etwas zu sehr den Turbo anschaltet, ist es vor allem der sorgfältige Aufbau mit all den schillernden Charakteren, der einen nachhaltig an das Geschehen fesselt. Asa Butterfield, der inzwischen längst die 20 hinter sich gelassen hat, erweist sich als idealer Teenager-Darsteller. Eva Green gibt die Gothic-Version einer Mary Poppins und mit Judi Dench (Cats) sowie Terence Stamp sind zwei Altstars vertreten. Das insgeheime Highlight stellt wohl Samuel L. Jackson dar, der im Overacting seines Bösewichts voll aufgeht. Und auch die jüngsten Darsteller, Pixie Davies (Humans) und Raffiella Chapman (Die Habenichtse), glänzen in ihren Rollen. Besonders zauberhaft ist aber Ella Purnell als Emma, ein Mädchen, das leichter als Luft ist und deswegen an einer Leine gehalten wird. Es ist allerdings auch dem jugendlichen Blickwinkel von Jake geschuldet, dass sie idealisiert wird.

Dramaturgische Schieflage

Als wirklich ausgefeilt zeigt sich die Geschichte in ihrer filmischen Version nicht, was auch Anhänger des Romans heftig kritisierten. Burton kompensiert diesen Umstand zwar mit schillernden Figuren, insgesamt nagt die schnelle Erzählgeschwindigkeit allerdings frühzeitig am Drehbuch. Besonders zu Beginn entfallen wichtige Szenen zwischen Jake und Abe, die dazu beigetragen hätten, die enge Bindung zwischen Großvater und Enkel noch viel stärker zu intensivieren. Das müssen schließlich Rückblenden irgendwie wieder auffangen, was dank Terence Stamp auch gelingt. Es ist aber nur eine von vielen Szenen, in denen mehr Zeit eine wünschenswerte Option gewesen wäre. Stoff für einen Zweiteiler gibt die Vorlage wohl her, doch am Ende siegt eben die Wirtschaftlichkeit. Auch die Logik der Zeitspielerei sind solch ein Fall: Obwohl sie nachvollziehbar erklärt wird, muss man wohl doch unfreiwillig einen Moment länger darüber nachdenken, um sich verschiedene Optionen ausmalen zu können. Doch da ist Die Insel der besonderen Kinder dann auch schon wieder weitergesprungen. Dieses Vorgehen steht beispielhaft für alles, an dem man gerne länger verweilen möchte, während das Drehbuch einem im Nacken sitzt und daran erinnert, dass nur bedingt Zeit zur Verfügung steht.

Ode an die Andersartigkeit

Ähnlich wie in X-Men geht es auch es auch in dieser Produktion um Außenseitertum. Herausragend sind die Kräfte der Kinder zugegebenermaßen allerdings nicht: Feuer, Luft und Pflanzen beeinflussen, für solche Einfälle braucht man nicht wirklich viel Fantasie und zahlreiche Superhelden-Produktionen des letzten Jahrzehnts haben mehr Kreativität darin bewiesen. Das soll aber nicht störend ins Gewicht fallen, immerhin geht es nicht darum, die innovativste Superkraft darzustellen. Und letztlich haben die Fähigkeiten der Kinder auch weniger mit dem Rambazamba-Action-Kino zu tun, das Marvel und DC auffahren. Hier überwiegt der phantastische und handlungsrelevante Aspekt.

Fazit

Auch wenn es sich bei Buchadaptionen immer anbietet, über die Änderungen zu motzen, ist Die Insel der besonderen Kinder kein seelenloser Lieblos-Blockbuster. Gleichzeitig aber auch weniger schrill und extravagant, als man das von einem Burton erwarten würde. In einem dicht besiedelten Feld irgendwo zwischen X-Men und Harry Potter ist es aber naturgemäß auch einfach schwer, nachhaltig einen wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Am Ende bleibt der Wunsch nach mehr, denn das Potenzial der Geschichte in Verbindung mit dem starken Cast erscheint gewaltig. Tatsächlich ist diese zauberhafte Welt des sich in einer Zeitschleife befindlichen Waisenhauses so faszinierend, dass es beinahe schade ist, dass man nicht einfach nur zwei Stunden lang den liebenswert-schrulligen Bewohnern zuschauen kann und die Story eben voranschreiten möchte.

 © Walt Disney

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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