Captain Marvel

Lesezeit: 9 Minuten

Kaum ein Filmfranchise ist so erfolgreich und beliebt wie Marvels riesiges Superheldenuniversum. Das mittlerweile 21. Kinoabenteuer des MCU heißt Captain Marvel und hat bereits im Vorfeld für ungeheure Wellen gesorgt. Für die einen neben Black Panther der Weg in eine breiter aufgestellte Zukunft. Für die anderen der Anfang vom Untergang. Frauen in Führungspositionen erhitzen die Gemüter immer recht flott, mehr noch, wenn sie Energiestrahlen aus ihren Händen abfeuern können. Die Tagline „Schneller. Höher. Weiter.“ verspricht einfach ein rasantes Actionabenteuer der komparativen Art.

Tief im Weltall tobt schon Ewigkeiten ein Krieg. Das Imperium der Kree wehrt sich gegen die Skrull, eine formwandelnde Spezies, die sich unbemerkt auf Planeten breit machen kann, um die Macht zu ergreifen. Ein hinterlistiger Feind. Das muss auch die Kriegerin Vers (Brie Larson, Raum) erfahren, als sie zusammen mit ihren Starforce Kameraden in einen Hinterhalt gerät. Vers kämpft seit Jahren für die Kree und möchte sich beweisen, allerdings plagt sie ein massiver Gedächtnisverlust. Sie weiß nicht, woher sie stammt und warum sie über außergewöhnlich starke Kräfte verfügt, die sie kaum kontrollieren kann. Die Skrull durchforsten ihre bruchstückhaften Erinnerungen, da sie glauben, bei ihr etwas Wichtiges finden zu können. Das endet mit einer Bruchlandung auf dem Planeten C-53. Auch bekannt als Erde. Hier schreibt man das Jahr 1995. Der S.H.I.E.L.D. Agent Nick Fury (Samuel L. Jackson, Glass) wird ausgesandt, um die komische Frau in Augenschein zu nehmen, die durch das Dach einer Videothek gekracht ist. Und ungewollt ist er mitten in einem intergalaktischen Konflikt, der sein Weltbild ins Wanken bringt. Was suchen die Skrulls? Wer ist Vers? Und wo kommt eigentlich die Katze her?

Geburtshilfe mit bekannten Gesichtern

Originaltitel Captain Marvel
Jahr 2019
Land USA
Genre Action, Science-Fiction
Regisseur Anna Boden, Ryan Fleck
Cast Vers/Carol Danvers/Captain Marvel: Brie Larson
Nick Fury: Samuel L. Jackson
Yon-Rogg: Jude Law
Talos: Ben Mendelsohn
Maria Rambeau: Lashana Lynch
Minn-Erva: Gemma Chan
Oberste Intelligenz/Wendy Lawson: Annette Bening
Ronan: Lee Pace
Phil Coulson: Clark Gregg
Laufzeit 124 Minuten
FSK

Captain Marvel ist im Grunde eine Originstory. So wie der erste Thor oder Doctor Strange. Eine ungewöhnliche Person sieht sich mit großen Herausforderungen konfrontiert und muss sich entscheiden, entweder wegzusehen oder über sich selbst hinauszuwachsen, um die Welt zum Besseren zu verändern. Die Geburtsstunde eines neuen Superhelden eben. Allerdings ist das filmische Marvel-Universum mittlerweile gut bevölkert und Captain Marvel kriegt eine besondere Position. Samuel L. Jackson ist als Nick Fury schon seit Iron Man aus dem Jahr 2008 dabei und hat die Avengers Initiative auf den Weg gebracht. Hier trifft das Publikum ihn vor seiner Zeit als Direktor von S.H.I.E.L.D. Jünger, ohne Augenklappe, noch nicht vertraut mit den Wundern des Universums. Endlich bekommt auch er mehr Hintergrund spendiert. Phil Coulson (Clark Gregg, (500) Days of Summer) tritt ebenfalls als frischgebackener Agent auf. Und weil dieser Film chronologisch vor Guardians of the Galaxy spielt, ist es sogar möglich. einen bekannten Kree zu zeigen. Oberbösewicht Ronan, der Ankläger (Lee Pace, Der Hobbit – Eine unerwartete Reise), taucht erneut auf, und zur Starforce Gruppe gehört auch Korath (Djimoun Hounsou, Aquaman), der sich mit den Guardians angelegt hat. Anlegen wird. Angelegt gehabt haben wird. Oder so. Wer alle Marvel-Filme verfolgt, wird sich freuen, wie gut hier alles miteinander verbunden ist. Aber keine Angst, Captain Marvel schafft den Spagat und erklärt alles Wichtige in Ruhe, so dass der Film auch alleinstehend Sinn ergibt. Einmal mehr wird der Unterhaltungsfaktor durch Hintergrundwissen ein wenig gesteigert. Im Kern ist dies aber eine abgeschlossene Story, und wer Guardians of the Galaxy schon verdrängt hat, verpasst nichts.

Zurück in die 90er

Momentan stecken wir noch in einer Welle der 80er-Jahre Nostalgie, wie Stranger Things oder Summer of ‘84 zeigen. Captain Marvel geht aber schon mal einen Schritt weiter und lässt die 90er aufblühen. Videokassetten, lange Ladezeiten am Computer und vor allem die Musik versetzen den Zuschauer zurück. Mit der Mode wird nicht zu sehr übertrieben, so dass der Trip in die Vergangenheit als solcher nicht von der Story ablenkt. Aber Poster für die Smashing Pumpkins, ein Nine Inch Nails-T-Shirt und Songs von TLC, No Doubt, Garbage oder Nirvana sind ein deutliches Statement, wann der Film spielt. Mit Samuel L. Jackson ist zudem ein Schauspieler dabei, der während dieser Dekade eine Menge Arbeit hatte. Das kommt dem Effekteteam von Captain Marvel zugute, da sie Nick Fury problemlos digital verjüngen können. Marvel Studios haben diese Technik schon öfter angewandt, zuletzt etwa um Michael Douglas und Michelle Pfeiffer in Ant-Man & the Wasp für eine Rückblende ins passende Alter zu versetzen. Für Nick Fury ist dies ein Dauerzustand und man vergisst als Zuschauer vollkommen, dass auch Samuel L. Jackson mittlerweile ein wenig älter geworden ist. Die perfekte Illusion.

Viel Lärm um Nichts

Aber wie ist das denn nun mit dieser fetzigen Kontroverse, die das Internet mal wieder zum Lodern bringt. Als der erste Trailer erschien, häuften sich die Kommentare, dass Captain Marvel viel zu ernst guckt und doch mal lächeln könnte. Mal beiseite geschoben, wie oft Frauen sich so einen Spruch anhören müssen, wird beim Ansehen des Films schnell klar, dass das absolut haltlos ist. Die Titelfigur lächelt oft, sie lacht sogar manchmal. Der Trailer zeigte halt ein paar angespannte Momente. Tatsächlich ist Vers ein Charakter, der gern Sprüche reißt. Und die Suche nach ihrer menschlichen Identität hält sie nicht davon ab, sich mit Nick Fury einen Schlagabtausch zu liefern. Die Chemie zwischen Brie Larson und Samuel L. Jackson (die die beiden auch auf der Oscarverleihung bewiesen) sorgt für wunderbare Momente, die an Buddy-Cop-Duos erinnern. Was wiederum perfekt ins 90er-Jahre Setting passt. Ein anderer Stein des Anstoßes ist die Tatsache, dass das Marketing betont, dass hier eine Frau im Mittelpunkt steht. Tatsächlich ist das aber das größte Alleinstellungsmerkmal des Films. Der 21. (einundzwanzigste!) Teil von Marvels Filmuniversum ist der erste, dessen Titel allein der weiblichen Hauptfigur gebührt. Ant-Man & the Wasp war der kleine Schritt zuvor zum geteilten Ruhm. Wer sich in den letzten Jahren im Kino umgesehen hat, wird festgestellt haben, dass viele Frauen und Mädchen sich die Abenteuer der Avengers ansehen. Und sie dürfen auch die Hauptrolle spielen. Um Empathie für eine fiktive Figur aufzubringen, sich für sie zu interessieren und mitzufiebern, muss man nicht Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Sexualität teilen. Aber es fühlt sich gut an, einen kleinen Aspekt von sich präsentiert zu sehen. Black Panther und Spider-Man: A New Universe haben das ebenfalls bewiesen.

Das bekannte Marvel-Rezept

Am Ende des Tages ist Captain Marvel einfach der neueste Eintrag im MCU und folgt der üblichen Formel. Hübsch anzusehende Popcornunterhaltung mit guter Action, familienfreundlichem Humor und sympathischen Charakteren, für die man wiederkommt. Daran hat sich seit Iron Man nichts geändert. Wer das bisher nicht mochte, wird bei Captain Marvel nicht von den Socken gehauen. Das spannendste ist vor allem der intergalaktische Ausbau des Universums. Wer sich für die Kree als außerirdische Rasse interessiert, hat hoffentlich die fünfte Staffel Agents of S.H.I.E.L.D. gesehen und kriegt hier wieder ein paar Häppchen wie etwa die Heimatwelt Hala. Gänzlich neu sind die Skrulls, die in den Comics formidable Gegner sind und immer wieder für gemeine Überraschungen sorgen. Wenn Gestaltwandler im Spiel sind, steigt die Paranoia. Ben Mendelsohn (Rogue One: A Star Wars Story) spielt den Skrull Anführer Talos und reiht sich zunächst in die Liste an wenig beeindruckenden Gegenspielern. Der größte wiederkehrende Kritikpunkt am MCU sind die Bösewichte, die selten einen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber Talos hat da einen netten Kniff in petto. Aufmerksame Beobachter können ahnen, dass die Kree mit ihren imperialistischen Bestrebungen einfach nicht gut wegkommen können. Aber der Kree-Skrull Krieg, der in den Comics eine so wichtige Basis für Konflikte ist, wird hier neu beleuchtet, da die gezeigten Skrulls Flüchtlinge sind. Sie bringen durchaus andere um und greifen zu drastischen Maßnahmen, aber eigentlich sind sie die Gejagten, die eine neue Heimat suchen. Vielleicht ist es dieser Teil des Films, der bei einigen als zu politisch aufstoßen wird, aber das hat der Trailer so nicht vorher gezeigt. Es ist eine nette Nuance, die der Reise von Vers zur Superheldin Captain Marvel dienlich ist.

Stan Lee Cameo und die End Credits

Es gehört zum guten Ton, dass Stan Lee in einem Marvel-Film auftaucht (im Falle von Teen Titans Go! To the Movies hat er sich sogar bei DC blicken lassen). Leider ist der Mann, dem wir so viele Superhelden verdanken, 2018 verstorben. Für Captain Marvel drehte er noch eine kleine Szene.  Er ist ein Fahrgast in der Bahn, wobei er das Skript zu Kevin Smiths Mallrats in Händen hält. Damit spielt er sich hier offiziell selbst. Aber Marvel Studios geht zu seinen Ehren hier einen Schritt weiter. Das Logo zu Beginn, in dem sich sonst Captain America & Co tummeln, besteht nur aus Stan Lee-Momenten. Ein würdiger Abschied. Ebenfalls wichtig sind die Szenen nach dem Ende des Films. Hier gibt es zwei davon. Eine handlungsrelevante für den kommenden Avengers: Endgame kommt während des Abspanns. Steve, Natasha, Rhodey und Bruce haben Furys Pager gefunden und das Signal weiterhin geschickt. Jetzt kehrt Carol zurück. Und zum Schmunzeln gibt es ganz am Ende auch noch was. Goose würgt den Tesseract wieder hoch. Charmant wie eine Katze, die ein Haarknäuel ausspuckt. Verstörend und niedlich.

Fazit

Ich liebe Superhelden und lasse mir keinen der Filme entgehen. Auf Captain Marvel habe ich mich aber besonders gefreut, weil Carol Danvers zu meinen Lieblings-Avengers zählt und ich sehr gespannt war, wie diese Einführung gelingen kann. Das Endergebnis macht mich einfach unglaublich glücklich. Die Versatzstücke ihrer ursprünglichen Entstehungsgeschichte aus den Comics sind da, werden aber geschickt neu verbastelt. Gedächtnisverlust ist schon fast ein Running Gag mit ihr und ist eine gute Basis für eine solche Originstory. Da erkenne ich dann auch das Gerüst aus Iron Man wieder. So wie Tony einen derben Schlag brauchte, um zu erkennen, was es bedeutet, Waffenlieferant zu sein, muss Carol erkennen, dass das Kree Imperium und die Oberste Intelligenz nicht einfach die Guten sind. Das wichtigste sind mittlerweile vor allem die Figuren und ihre Beziehungen untereinander. Und da liefert Captain Marvel für mich eine volle Breitseite. Am Ende findet sich ein tolles Team zusammen, dem ich gern zujubel und von dem ich mehr möchte. Die menschliche Seite wird durch Maria Rambeau (Lashana Lynch, Still Star-Crossed) und Tochter Monica super abgedeckt. Comicleser wissen, dass Monica Rambeau selbst Superheldin wird und man darf wohl die Hoffnung haben, dass wir sie in einem späteren Film als Erwachsene erneut treffen. Einen Love Interest gibt es dieses Mal nicht, aber wenn wäre das wohl Marias Aufgabe. Und dann ist da natürlich noch Katze Goose, der heimliche Star des Films. Es ist traurig zu wissen, dass Brie Larson eine extreme Katzenallergie hat, während Carol Danvers eine Katzenlady ist. Oder eher Flerkenlady. In den Comics ist es Rocket Raccoon, der das flauschige Geheimnis enthüllt. Hier im Film einfach herrlich, wenn sich der ach so böse Skrull Talos vor einer angeblichen Katze fürchtet. Mich entließ der Film auf einer euphorischen Note, die darauf basiert, dass alle meine Erwartungen an eine Lieblingsfigur auf ihre Art erfüllt wurden. Ich kann mich über viele kleine Details noch lange unterhalten. Schon im Trailer gibt es diese Montage, wie Carol oft fällt, aber immer wieder aufsteht. Und dieser definierende Charaktermoment verliert nichts von seiner Kraft. Beim Versuch, Captain Marvel nüchtern einzuordnen, muss die technische Seite einmal mehr gelobt werden, und nichts an diesem Film ist ein Abfall des gewohnten Qualitätsstandards eines Marvel-Films. Die erste Actionszene erscheint mir etwas zu dunkel, aber das ist beim Finalkampf wieder vergessen. Zwei Stunden Spiel, Spaß und Spannung.

Zweite Meinung

Ich bin ein wenig zweigeteilt: Auf der einen Seite ist Captain Marvel alles andere als ein Desaster, wie so manche Stimmen nach den ersten Pressevorführungen laut werden ließen. Auf der anderen Seite und mit Gesamtblick auf die bisherigen MCU-Produktionen siedelt sich der Film doch eher irgendwo in der Mitte ein. Origin Storys haben es immer schwerer: Entweder sie gefallen oder sie gefallen nicht, aber soviel Support durch etablierte Figuren wie bei Spider-Man: Homecoming ist eher die Ausnahme. Captain Marvel ist da eigenständiger unterwegs und teasert immer wieder an, wie die Zukunft aussehen könnte. Die Geschichte als solche ist dabei gar nicht einmal so bahnbrechend, sondern sogar weitgehend vorhersehbar. Dafür ist sie gelungen erzählt und punktet mit vielen humorvollen Einlagen. Die 90er hätte man dafür gerne stärker einbeziehen können bzw. sogar weit mehr aus der Zeit herausholen dürfen. Positiv fällt auch aus, dass Captain Marvels irdische Ankunft nicht die Geschichte von Thor wiederholt. Obwohl ihr alles fremd ist, arrangiert sie sich viel besser mit dem neuen Umfeld und durchlebt dadurch bereits eine kleine Entwicklung. Wenngleich ihre Persönlichkeit auch zum Ende des Films noch nicht so stark ausgeprägt ist wie die ihrer männlichen Vorgänger. Da jedoch bereits bekannt ist, dass wir auch über diesen Film hinaus noch eine Menge von ihr haben werden, bleibt genug Zeit, ihre Figur auszubauen. Dafür gibt es immerhin einen der besten Bösewichte bislang und mit Goose den ultimativen Sidekick. Wie konnte man bislang noch nicht von dem unendlichen Charme, den Katzen naturgemäß besitzen, zehren?

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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Hero Kage
Redakteur

Der Stan Lee Cameo war auch deshalb etwas besonderes weil Captain Marvel kurz aus der Rolle fällt und Lee anlächelt. Das Lächeln wurde erst nach Stan Lees Tod so eingebaut und die Szene ist für mich deswegen umso mehr in Erinnerung geblieben.
Ein schöner Abschied für die Ikone, auch weil wir vielleicht nach Endgame keinen Cameo mehr bekommen.