Summer of ’84

Lesezeit: 4 Minuten

„Jeder Serienkiller hat auch irgendwen zum Nachbarn!“. Um den Vergleich mit Stranger Things kommt mittlerweile kein Film und keine Serie mehr herum, die in den 80ern spielen und Teenager ein (manchmal übernatürliches) Abenteuer erleben lassen. Nicht immer muss das mit Geistern zusammenhängen, wie etwa in Our House. Filme wie Super Dark Times erzählen, wie das Abenteuer direkt draußen vor der Türe wartet. Und so ist es auch mit Summer of ’84, dessen Titel bereits bei manch älterem Zuschauer wohlige Erinnerungen weckt. Uraufgeführt auf dem Sundance Film Festival und dort positiv angekommen, erschien der Retro-Trip im Oktober 2018 auch im deutschen Handel. Auch in einer schicken Retro-Edition im VHS-Look.

  

Sommer 1984: Vier Freunde schlagen ihre Zeit in einem Vorstadtidyll tot. Zwischen wilden BMX-Fahrten und gemeinsamen Abhängens im Baumhaus (ganz im Sinne eines Losers’ Clubs) ist die Zeit für Davey (Graham Verchere, Fargo), Dale (Caleb Emery, Gänsehaut), Curtis (Cory Gruter-Andrew, Okja) und Tommy (Judah Lewis, The Babysitter) eher dröge. Gelegentliche Erzählungen von Pornos und Fantasiererei über die ältere Nikki (Tiera Skovbye, Riverdale). Doch es gehen Gerüchte um einen Serienkiller um. Genannt: Der Schlächter von Cape May. Um dem Täter auf die Schliche zu kommen, verwandeln die Jungs ihr Geheimversteck in eine Einsatzzentrale. Angeführt von dem Verschwörungstheoretiker Davey schreiben sie sich auf die Fahne, den Schlächter zu finden. Davey hat bereits den Nachbarn Wayne Mackey (Rich Sommer, GLOW) im Visier…

“Muschis sind magisch” – zieht der Nostalgie-Bonus?

Originaltitel Summer of ’84
Jahr 2018
Land USA
Genre Thriller, Coming-of-Age
Regisseur François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell
Cast Davey Armstrong: Graham Verchere
Tommy ‘Eats’ Eaton: Judah Lewis
Dale ‘Woody’ Woodworth: Caleb Emery
Cory Gruter-Andrew: Cory Gruter-Andrew
Nikki Kaszuba: Tiera Skovbye
Wayne Mackey: Rich Sommer
Laufzeit 106 Minuten
FSK

Retro ist in. Diesen Zug wollten auch das Regie-Trio François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell (Turbo Kid) nicht verpassen. Die Zutaten sprechen für sich, sodass die richtige Zielgruppe auch nicht verfehlt werden kann. Die vier Kids werden gemächlich eingeführt und entsprechen alle mehr oder minder einem bestimmten Stereotypen, der sie genau jene Dinge sagen oder machen lässt, die man ihm zuordnet. Störend fällt das nicht auf, bis auf das stellenweise aufdringliche Gerede um Pornos, und auch Davey besitzt hohes Nervpotenzial. Weniger glaubhaft fällt dagegen die Chemie zwischen Davey und Nikki aus, deren Begegnungen nur so vor käsigem Pathos triefen. Spannender ist da die Gestaltung der Kinderzimmer, die das eine oder andere zeitgenössische Requisit entdecken lassen. Der 80er Look wird nicht nur mit viel Popkultur aufgeladen, sondern auch von einem dekadentypischen Synthie-Sound begleitet. Somit stimmt das Look & Feel also schon einmal und wirkt stets organisch, auch wenn das durchgestylte Bild für manchen Zuschauer zu professionell wirken könnte.

Funktionierender Mystery-Plot

Die Idee, den Nachbarn als möglichen Serienkiller darzustellen, kennen Zuschauer bereits aus Disturbia oder Das Fenster zum Hof. Dabei kann die Geschichte wirklich lange ihre Spannung halten. Ist Mackey nun ein Killer oder nicht? Die Jungs kommen immer wieder in brenzlige bis peinliche Situationen. Den Gipfel bildet eine Erziehungsmaßnahme von Daveys Vater Randell (Jason Gray-Stanford, A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn). Anstelle den Sorgen seines Sohns ein offenes Ohr zu schenken, zwingt er ihn, sich bei Mackey zu entschuldigen. Doch nicht nur das. Peinlicherweise folgt Daveys Entschuldigung die Aufdeckung des Verdachts. Mitfühlenden Zuschauern wird es an dieser Stelle die Nackenhaare aufstellen, denn mit dieser Aktion tritt ein regelrechter Gamechanger auf den Plan und ein Katz- und Mausspiel entbrennt.

Mehr Thrill als Coming-of-Age

Im letzten Akt sorgt Summer of ’84 für eine überraschende Wendung, welche man eher nicht kommen sieht. Hier beweist das Regie-Trio Mut und trifft eine Entscheidung, die untypisch für das Genre ist. Eines der Kinder, Dale, wird umgebracht.  Der unerwartete Stilbruch wirkt positiv auf das Gesamtwerk ein und verleiht dem Titel einen Wiedererkennungswert. Entwicklungstechnisch ist bei den Charakteren bis zu diesem Zeitpunkt ohnehin alles abgeschlossen, sodass sich die Handlung auf das Wesentliche konzentrieren kann.

Summer of ’84 umgarnt nicht nur Fans der 80er, sondern entpuppt sich auch als stilbewusster Paranoia-Thriller.  Immerhin wird die Gefahr, irgendwo zwischen Stranger Things und Super 8 stecken zu bleiben, gar nicht erst eingegangen. Denn mit konstant dichter Erzählweise und Mitfieber-Potenzial für den Zuschauer macht der Film alles richtig. Die Dynamik der vier Jungs flammt im weiteren Verlauf immer stärker auf, und auch der Zuschauer darf eine Weile im Dunkeln tappen bzw. beginnt, sich selbst Fährten zu suchen. Die FSK16-Freigabe mag man zunächst kaum glauben, doch sie erweist sich als angebracht.

© Pandastorm Pictures

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Misato
Redakteur

Ich war freudig auf den Film gespannt, weil die 80er Nostalgie-Welle für mich wie geschaffen ist. Besonders da immer mehr Produktionen es schaffen, diese ganz spezielle Atmosphäre richtig einzufangen. Das Ziel verfehlt Super 8 z.B. total. Aber bei Summer of ’84 ist das ganz sicher eine Stärke. Vor allem der Score überzeugt mich da (die New Retro Wave hat da aber auch einige Knaller Songs in den letzten Jahren rausgehauen, die Band The Midnight spielt ganz vorne mit). Die Sets, Kostüme und Requisiten sind optimal genutzt, richtig schick anzusehen der Film.

Leider finde ich die Charaktere komplett für die Tonne und das hat mir viel versaut. Ich bin immer offen für Stereotype/Archetypen und auch wiederkehrende Tropes. Die helfen, um einiges einzuordnen, ohne dass jeder Film/jedes Buch immer wieder alles detailliert selbst erklären muss. Das sind gute Abkürzungen. Aber hier grenzt das einfach an purer Faulheit beim Drehbuch.

Spoiler
Eats und Farraday sind zwei der überflüssigsten Figuren, die mir seit langem untergekommen sind. Wofür sind die überhaupt dabei? Eats ist der typische “bad boy” der Gruppe und Farraday soll wohl noch etwas nerdiger sein als Davey. Und weiter? Eats Privatleben wird nebensächlich eingeworfen und bringt keinen zusätzlichen Mehrwert. Ein Schloss zu knacken ist da nix besonderes. Und Farraday zeichnet sich durch Ignoranz aus, wenn er die Überwachung abbricht und sagt, es sei vorbei.

Natürlich könnte der Film eine Aussage darüber machen, wie eine langjährige Freundschaft zerbricht, weil sie sowieso nur noch Gewohnheit war. Aber dafür kommt am Ende nix mehr. Wenn Farraday und Eats verschwinden und Davey und Woody im Stich lassen, sind sie raus. Der letzte Blick beim Ende ist keine Aufarbeitung oder sonst was.


Dass Frauen im Film entweder Mütter oder laufende Brüste sind, haut mich da auch nicht um. Selbst die generische kleine Schwester a la E.T. oder The Monster Squad bringt sich besser ein. Nikki ist leider ziemlich drauf geklatscht. Ich will mal unter den Teppich kehren, wie merkwürdig es sich anfühlt, dass die Schauspielerin sieben Jahre älter ist… und wie dämlich ist dieses “sie war seine Babysitterin” finde. Dabei wäre der Film an der Charakterfront super einfach zu retten.
Spoiler
Man stelle sich vor, dass Davey, Woody und Nikki seit Kindertagen befreundet sind. Jetzt hat jeder von ihnen eine ganz eigene Familiendynamik daheim, was sie ein wenig entfremdet. Wir sehen es ja schon. Bei Davey ist alles recht üblich, Nikkis Eltern stecken in einer fiesen Scheidung, was zu ihrem Wegzug führt und Woody kümmert sich um seine Mutter, die neben der Arbeit nur noch den Alkohol hat. Das Baumhaus ist für sie alle ein Rückzugsort.

Die Freundschaft zwischen Davey und Woody fand ich schon ziemlich gut und ist der stabilste Bezugspunkt. Woody ist super, denn der lässt niemandem zurück. Dass er am Ende stirbt, ist ein Schock, aber umso ärgerlicher finde ich es, dass eben die ganze Zeit noch so zwei vollkommen austauschbare Typen mitgeschleppt werden. Als wenn der Film aus der Idee für das Ende entsprang und einfach eine Clique zwangsaufgefüllt wurde, weil wir Jungs dauernd in Quartetts sehen.

Ich mag Turbo Kid. Der Film ist super abgefahren und höchst bizarr. Trotzdem kann ich mit den Figuren mitfühlen und bin an ihrem Wohlergehen interessiert. Bei Summer of ’84 sind mir die meisten einfach nur egal. Und das kann der wirklich gut erzählte Mystery Plot nicht allein auffangen. Nach dem Aufwiegen der Pro und Kontras bleibt Mittelmaß.