Tropes erklärt: Badass & Child

Irgendwo in der Medienlandschaft ist jeder schon einmal auf eine Geschichte gestoßen, in der ein knallharter Schlagetot mit einem kleinen Kind gemeinsame Sache macht. Zwei Pole, die sich diametral entgegenstehen und gerade deshalb so eine spannende Konstellation abgeben. In unserem neuen Format »Tropes erklärt« nehmen wir von Geek Germany die Klischees der Medienkultur genauer unter die Lupe und setzen genau hier unseren Startpunkt: beim »Badass and Child«.

»Trope« ist der englische Begriff für »Tropus«, eine Bezeichnung, welche ursprünglich aus der Literatur kommt und eine bestimmte Klasse sprachlicher Stilmittel meint. Im modernen Verständnis wird das »Trope« mittlerweile als allgemeines Synonym für »Klischee« benutzt. Ein Trope bezeichnet demnach konventionelle Erzählungselemente, bei denen es sich um stereotype Motive, Storywendungen, Dialogabläufe oder Rollenbilder handeln kann. Die Liste dieser Tropes ist ellenlang und manchmal wird man sich erst nach Sichtung eines Trope-Lexikons bewusst, dass man just im Film XY auf ein solches gestoßen ist. Wir von Geek Germany nehmen das zum Anlass, den Tropes auf den Grund zu gehen und allmonatlich eines vorzustellen.

Unter der Lupe

Badass and Child

Dieses Trope bezeichnet eine besondere Form der Figurenkonstellation. Der Name ist hierbei Programm: Ein Badass tut sich (überwiegend unfreiwillig) mit einem Kind zusammen. Der Badass ist kampferprobt, meistens pragmatisch und stoisch und verfügt – wenn überhaupt – über eine trockene Form von Humor. Meistenteils ist der Badass männlich. Das Child ist jung und schutzbedürftig, häufig rein und unschuldig – ohne den Badass wäre es in der rauen Welt zweifelsohne aufgeschmissen. Obwohl das Child zu Beginn beim Badass meistens keinen höheren Stellenwert als den des berühmten »Klotz am Bein« besitzt, verkehrt sich das mit Fortschreiten der Handlung und der Badass erkennt, dass auch er auf das Child angewiesen ist. Häufig stellt in solchen Narrativen die Vaterschaft ein vitales Element dar. Hierbei sei hervorgehoben: die gelebte Vaterschaft, keine tatsächliche. In diesen Narrativen ist der Badass ein »gebrochener Mann«, der nur in der Rolle als Retter und Beschützer – also durch die Übernahme einer Vaterschaft – einen Sinn in seinem Leben oder gar Buße bzw. Läuterung erfahren kann.

Léon – Der Profi (Film, 1995)

Worum geht es?

Léon ist Auftrakskiller der Italo-Mafia in New York. Als die Familie seiner Nachbarstochter Mathilda getötet wird, flüchtet sie zu Léon. Um sich an den Mördern ihres kleinen Bruders rächen zu können (der Rest ihrer Familie konnte sie eh nicht leiden), lässt sie sich von Léon zum Killer ausbilden.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Der Badass Léon ist ein emotionsloser Auftragskiller. Er lebt alleine mit seiner Zimmerpflanze und seiner täglichen Routine (jeden Morgen ein Glas Milch). Dass die 12-jährige Mathilda in einer dysfunktionalen Familie mit einem gewalttätigen Vater lebt, schert ihn zunächst nicht. Erst als die Familie ermordert wird, nimmt er (sehr zögerlich) das Mädchen auf. Ihre Anwesenheit verunsichert ihn und er zieht sogar in Erwähnung, sich ihrer zu entledigen. Er kommt dann aber doch ihrer Bitte nach, sie im Morden zu unterrichten – das Einzige, in dem er ihr ein Lehrmeister sein kann. Sie hält im Gegenzug die Hütte auf Vordermann. Die beiden entwickeln eine Bindung, die bei Mathilda sogar soweit geht, dass sie Léon ihre Liebe gesteht. Mathilda als “Child” ist generell nicht so rein und unschuldig wie es die Urform vorgibt. Sie ist eine Form von Lolita (frühreif, rauchend, mit scharfen Bob und einem engen Lederhalsband) und sieht in Léon weniger einen Vater denn vielmehr ihren Geliebten. Ähnlich wie in Game of Thrones (s.u.) wandeln die beiden auf dem Killer/Rache-Pfad. Léon allein hätte daran nie etwas Verwerfliches gesehen. Mit Mathilda an seiner Seite erkennt er aber, dass dieser Lebensweg vielleicht für einen Typen wie ihn okay ist, für ein junges Mädchen aber nicht, und dass es in seiner Verantwortung liegt, Mathilda von diesem dunklen Pfad abzubringen.

© Studiocanal

Guardian of the Spirit (Anime-Serie, 2007)

Worum geht es?

Auf Befehl des Kaisers soll sein eigener Sohn, Prinz Chagum, getötet werden, um das Reich vor einer katastrophalen Dürre zu bewahren. Der Zufall will es, dass die Kriegerin Balsa das Attentat auf den Prinzen verhindern kann. Daraufhin wird Balsa von Chagums Mutter beauftragt, mit ihrem Sohn zu fliehen und ihn vor dem Kaiser und seinen Jägern zu schützen.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Guardian of the Spirit ist einer jener Vertreter, die von einem weiblichen Badass erzählen. Balsa ist um die 30, stark, eigensinnig, geschickt darin, lebensbedrohliche Situationen zu lösen und wirkt in ihrer Ernsthaftigkeit manchmal geradezu kühl. Sie ist zudem ein Badass mit starker Selbstkontrolle (was bei diesem Trope keine Selbstverständlichkeit ist). Aufgrund ihrer Ideale, achtet sie darauf, ihre Gegner niemals zu töten. Die “Mutterschaft” für Chagum übernimmt sie nicht, weil sie gebrochen nach Selbstläuterung oder einen höheren Sinn in ihrem Leben sucht, sondern weil sie prinzipientreu ist und das, was sie begonnen hat, auch beendet. Sie wurde als Leibwächterin angeheuert und nimmt Chagum solange in ihre Obhut, bis sie ihren Auftrag erfüllt hat. Weiterhin spielt bei dieser Entscheidung ihre Vergangenheit eine wichtige Rolle, denn auch Balsa wurde einst als Kind von einem Badass aufgezogen. So wie Jiguro (so sein Name) damals Vater für Balsa war, ist Balsa nun Mutter für Chagum. Sie hat es so gelernt und gibt ihre Erfahrungen weiter.
Chagum als das Child erfüllt seine Rolle in Reinform: liebenswert, hilfsbereit und gerecht. Unerfahren mit der Welt da draußen und unwissend, dass das Leben mühsam und rau ist, ist er auf Balsa angewiesen. Mit der Zeit entwickelt er eine starke Bindung zu Balsa. Und auch wenn diese pubertätsbedingt durch ein bisschen Rebellion aufgepeppt wird, trübt das noch nie sein Vertrauen in sie und seine Achtung vor ihr. Von all den “Badass and Child”-Beispielen vertritt Guardian of the Spririt eine bemerkenswert positive Form – welche natürlich nicht minder bewegend ist.

© LEONINE

Game of Thrones (Serie, 2011–2019)

Worum geht es?

Sieben Königreiche bevölkern den Kontinent Westeros. Kriege, Intrigen und Morde zwischen den Königshäusern stehen auf der Tagesordnung. Fernab dieser Ränkespiele wartet jenseits der Kontinentmauer eine Armee Untoter darauf, ins Land einzufallen. Das juckt aber erst mal keinen, da jeder mit den Machtverschiebungen innerhalb der Mauern beschäftigt ist und zusehen muss, wo er bleibt. So auch der in Ungnade gefallene Leibwächter des Königs, Sandor Clegane, der durch die Lande streift und zufällig über die Prinzessin eines der vielen Königshäuser stolpert: Arya Stark. Er wittert das große Geld.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Die Partnerschaft ist in diesem Falle mehr als sonst unfreiwillig. Clegane kidnappt die junge Prinzessin Arya, weil er auf das Lösegeld scharf ist. Clegane ist ein gebrochener Mann, vom Leben gezeichnet und sehr zynisch. Dennoch verspürt er nicht das Verlangen nach Läuterung. Er ist immun gegen irgendeinen Wunsch nach Sinn oder Rechtschaffenheit – er will einfach nur überleben, und das Lösegeld hilft ihm dabei. Häufig lernt der Badass durch das “reine und unbedarfte” Child eine sensiblere, bessere Seite an sich selbst kennen. Bei Clegane ist das nicht so. Zumal die Rolle des Childs von Arya Stark untergraben wird. Sie ist ein Wildfang und alles andere als hilflos und unschuldig. Sie ist nahezu besessen von Rache und ihre Obsession, die sie auf einen dunklen Pfad treibt, wird durch Clegane noch verstärkt. Das erinnert erst einmal an Léon – Der Profi, doch die Abwärtsspirale, die die beiden hier gehen, reicht tiefer, denn Arya wird tatsächlich zur Killerin. Zudem entwickelt Ayra niemals romantische Gefühle für Clegane. Stattdessen werden die beiden zu Komplizen. Erst ganz zum Schluss gelangt Clegane zu einer ähnlichen Einsicht wie Léon und bewahrt sein Child davor, dem Wunsch nach Rache komplett anheim zu fallen.

© Warner Bros.

The Last of Us (Game, 2013)

Worum geht es?

Die Apokalypse ist über die USA eingebrochen. Eine pilzähnliche Infektion befällt die Menschen und verwandelt sie in aggressive Mutanten. Unter diesen Umständen finden der gealterte Texaner Joel und das junge Mädchen Ellie zueinander. Gemeinsam versuchen sie ihre Reise durch die Ruinen der Menschheit zu überleben.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Die Beziehung zwischen Joel und Ellie entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu einer reinen Vater-Tochter-Beziehung. Es gibt keine amorösen Anbandelungen und auch keine Lösegeldforderungen. Da Joel vor langer Zeit seine eigene Tochter verloren hat, erfüllt er das Klischee des gebrochenen, verbitterten Mannes, der durch eine neue gelebte Vaterschaft nach Erlösung sucht. Für Ellie wird er damit zur Vaterfigur, die sie nie hatte. Das und ihre Angst vor dem Alleinseein erklärt Ellies schnelle Bindungsbereitschaft. Sie ist ein impulsives Mädchen mit großer Klappe, das durch Joels Engagement mit der Zeit lernt, sich nicht nur verbal, sondern auch körperlich behaupten zu können. Joels Gefühle für Ellie wandeln sich so wie die Urform des Tropes es vorsieht: Zu Beginn ist Ellie nur Teil eines Eskortauftrages, den er übernimmt. Mit der Zeit aber wird sie quasi zu seinem Lebensinhalt, für den zu beschützen er alles geben würde.

© Sony Interactive Entertainment

Logan (Film, 2017)

Worum geht es?

Im Jahre 2029 gibt es kaum noch Mutanten, darunter auch die beiden gealterten Freunde Professor X und Logan. Doch die Menschen planen mit Hilfe neu erschaffener Mutanten eine Superwaffe zu entwickeln. Logan macht sich auf, dies zu vereiteln und rettet in diesem Zuge die junge Laura, die – zu Logans Überraschung – über ähnliche Kräfte verfügt wie er selbst.

Wie wird das Trope umgesetzt?

Der Badass Logan befindet sich quasi in Rente. Seine Selbstheilungskräfte haben stark nachgelassen. Zudem beginnt sein Adamantium-Skelett Logan langsam aber stetig zu vergiften. Er ist also ein Badass mit Alters- und Krankheitsschwäche. Die junge Laura dagegen ist so frisch wie der Morgentau und erscheint beinahe genau so stark wie Logan zu seiner Blütezeit. Sie wurde unter Zuhilfenahme von Logans DNA von einer Leihmutter geboren und ist somit Logans biologische Tochter (in diesem Falle hätten wir also einen seltenen Fall von “tatsächlicher Vaterschaft”, auch wenn das Logan zunächst nicht klar ist). Isoliert aufgezogen, weiß sie nichts von der Welt außerhalb. Lauras Sozialkompetenz ist gleich null. Wenn sie sich nicht durchsetzen kann, greift sie zur Gewalt, sofern Logan sie nicht davon abhält. In diesen Momenten ist es nicht das Child, das dem Badass Besonnenheit beibringt, sondern umgekehrt. Auch wenn sie und Logan ihre Differenzen haben, verspürt sie wahrhaftige Trauer, als Logan stirbt. Der Badass bringt hier also das ultimative Opfer für sein Child (was häufig bei diesem Trope vorkommt). Auf dem Sterbebett erkennt Laura Logan als ihren Vater an, so dass der gebrochene Mann friedlich sterben kann.

© 20th Century Fox

Sollte nicht unerwähnt bleiben:

Lone Wolf & Cub

Gilt als der Urvater dieses Tropes. Eine japanische Samurai-Serie aus den 70ern, in der ein Auftragsmörder mit seinem kleinen Sohn durch die Lande streift. Allerdings handelt es sich bei dem Child um ein Baby und, wie gesagt, um den tatsächlichen Sohn.

The Mandalorian

Quasi die moderne Sci-Fi-Western-Variante von Lone Wolf & Cub (dass Baby Yoda nicht Mandos tatsächliches Kind ist, sollte aber klar sein)

Bioshock

Hier existiert das Trope in Form von Big Daddy und Little Sister. Zu erwähnen sei, dass die Paarbindung durch Konditionierung erzwungen wird. Für mehr Details: Elternschaft in Bioshock

Golden Kamuy

Der Soldat Sugimoto tut sich mit der jungen Ureinwohnerin Asirpa zusammen, um gemeinsam nach einem verschollenen Schatz zu suchen. Allerdings ist Asirpa als Child genau so kampferprobt und fähig wie Sugimoto.

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