Killing Stalking

Killing Stalking, das schwarze Schaf im Boys Love-Sektor. Nach drei Jahren ist der extrem populäre und umfassend umstrittene Manhwa von Koogi also auch 2021 hierzulande geendet. Erzählt wird die Geschichte eines bemitleidenswerten Stalkers, der seine Profession eher mäßig beherrscht und seinem Stalking-Opfer in die Falle geht. Und als sei das nicht schon schlimm genug, entpuppt sich jenes »Opfer« auch noch als mustergültiger Serienmörder. Was folgt, ist eine Geschichte voller Missbrauch, den Strudel immer abwärts. Nur geeignet für den geneigten Fan über 18.

 

Der schwächliche Bum Yoon ist ein Außenseiter – schüchtern, seltsam und mit einer verqueren Ansicht von Liebe, die man schon als krankhaft obsessiv bezeichnen kann. Als er in seiner Wehrdienstzeit von seinem Ausbilder gepeinigt wird, kommt ihm Kamerad Sangwoo zu Hilfe. Monate später trifft Bum erneut auf seinen Retter, verfällt ihm, beginnt ihn zu stalken und bricht schließlich in sein Haus ein. Was er dort unten im Keller findet hat er jedoch nicht erwartet: Eine gefesselte Frau fleht Bum an, ihr zu helfen. Doch noch ehe Bum reagieren kann erscheint Sangwoo. Bum sitzt in der Falle und ist der vermeintlichen Liebe seines Lebens hilflos ausgeliefert. Es entwickelt sich eine seltsam missbräuchliche Beziehung, die hart zwischen den Extremen pendelt.

Aus Webtoon mach Print

Originaltitel Killing Stalking
Jahr 2016–2019
Bände 14
Genre Psychological, Boys Love, Drama
Mangaka Koogi
Verlag Altraverse (2019–2021)
Seit Juli 2021 vollständig im Handel

Die Reise von Killing Stalking startete ganz bescheiden im Internet als sogenanntes »Webtoon« auf dem koreanischen Webtoon-Portal Lehzin Comics. Eine Eigenheit dieser Webtoons ist ihre vertikale und umbruchfreie Leserichtung, die eine völlig neue Form des Leseflusses ermöglicht; es gibt nämlich keine Einzelseiten. Zwar geht jener Lesefluss bei Killing Stalking durch die Adaption ins gedruckte Format (die hierzulande durch den Altraverse-Verlag geschieht) größtenteils flöten, kann aber durch einen anderen Pluspunkt der Webtoons wieder aufgewogen werden: Killing Stalking ist komplett in Farbe, gedruckt auf hochwertigen, fast schon seidigem Papier. Das Artwork ist realistisch, detailliert und explizit und die visuelle Charakterisierung superb. Koogi hängt sich voll rein bei der Darbietung der kleinsten emotionalen Nuancen und Bizeps-Blitzer und verzichtet überdies auf Glanzeffekte in den Augen, was vor allem Sangwoo einen wunderbar toten Blick beschert und ihn zum unberechenbaren Mordbrenner macht. Generell fängt das Artwork die dunkle verstörende Stimmung, wie sie beim ultimativen Showdown zwischen den Berufszweigen »Killer« und »Stalker« natürlicherweise entsteht, sehr gut ein.

»Brich mir die Beine, Daddy!«

Killing Stalking wird als Boys Love vertrieben, hebt sich aber mit seiner knallharten Grausamkeit von der sonst üblichen Fluffigkeit ab. Es lässt sich zudem darüber streiten, wo sich in dieser Geschichte die charakteristische »Love« finden lässt. Vordergründig kleidet sich Killing Stalking in einem Gewand des psychologischen Horrors. Beide Protagonisten sind aufgrund ihrer von Missbrauch geprägten Vorgeschichte mental stark beeinträchtigt. Man könnte auch sagen: Beide leben die »Shitshow« ihres Lebens. Ihre Beziehung zueinander gestaltet sich manipulativ und extrem labil. Eine Romanze ist das (wie bereits im First Look festgestellt) per Definition nicht. Freilich gibt’s aber innerhalb der Fan-Base die »Hardcore-Shippers«, die es schaffen, auch den kleinsten Knochenbruch zu romantisieren (zugegeben, Songwoo schaut aber auch ‘HOT’ dabei aus, gell). Die Fans sehen hier zwei gebrochene Seelen, die sich in ihrer Shitshow gegenseitig heilen. Hat man die Geschichte allerdings durch, weiß man: Sie heilen sich nicht. Sangwoo repliziert vielmehr seine Vergangenheit und nutzt Bum als Gefäß zur Traumaverarbeitung, während Bums Begriff von Liebe dermaßen verbogen wurde, dass er Liebe von psychologischem Missbrauch nicht mehr unterscheiden kann. Für Bum ist klar: Sangwoo braucht ihn zum Überleben – und auf einen ungeliebten Außenseiter wie Bum wirkt ein solcher Stellenwert quasi wie Dope (Stichwort »Traumabindung«). In einem Interview mit der italienischen Wired (Abruf 25.08.2021) lässt Koogi verlautbaren, dass sie Killing Stalking nicht als »Romantic Story« gedacht habe (auch wenn die Charaktere unfassbar ‘HOT’ ausschauen, gell). Vielleicht wurde Koogi sogar von der Intention geleitet, die typischen Tropes des Boys Love-Genres einmal komplett auf links zu drehen und die für gewöhnlich positiv besetzte »Hotness« mit etwas ganz und gar Abscheulichem zu verbinden. Dass das nicht immer aufgehen muss, sah man schon beim Hype um den Serienmörder Ted Bundy.

Koogis (mäßiger) Versuch einer Gratwanderung

Auch in Killing Stalking fallen Diskrepanzen auf, wenn man das (angenommene) hehre Ziel von Koogi nimmt und mit der visuellen Darstellung vergleicht. Davon abgesehen, dass durch die Adaption von Webtoon zu Print ohnehin viel weißer Leerplatz entstanden ist, gibt es auch zahlreiche unnötige Panels, in denen die Körper von Bum und Sangwoo massiv verehrt werden. Wie im First Look bereits angesprochen, entspricht das Charakterdesign nicht unbedingt dem Boys Love-Standard – es gibt Rippen, die sich durch unterernährtes Fleisch drücken, zentnerschwere Augenringe, Spucke, Urin und Schweiß. Und doch fließt das alles mit hinein in eine Form von Fetischisierung. Bums dürrer, androgyner Körper wird durch anzügliche Posen quasi in einer Tour sexualisiert, der Folterporno in Band 2 gestaltet sich als recht ausführlich und auch die Vergewaltigung in Season 2 Band 4 wird so gerahmt, dass Bum sie im Nachhinein nicht mehr als Vergewaltigung empfindet. Im weiter oben verlinkten Interview erwähnt Koogi ihre damalige Furcht davor, in eine »Romantisierung der Opfer/Täter-Dynamik« zu verfallen, so wie sie in anderen Werken häufig vorkomme. »Dieser Fehler darf mir nicht unterlaufen!« Man kann aber nicht unbedingt behaupten, dass ihr das geglückt ist. Vor allem in Anbetracht der Bonuskapitel, die zwar nicht kanonisch sind, in denen aber dennoch so manche romantische Fantasie ausgelebt wird wie z. B. »die schicksalhafte Begegnung während der Kindheit«. Nicht zu vergessen das Weihnachtsspecial. Himmel, ohne Weihnachtsspecial ist doch kein Franchise komplett! Aber auch wenn wir innerhalb des Kanons bleiben: Durch die zahlreich eingestreuten sexuellen Momente wirkt Killing Stalking häufig dann doch mehr wie degenerierter Boys Love mit Schwerpunkt romantischer Fetischisierung denn wie ein ernsthafter Psychothriller.

Alle doof, bis auf das Trio Infernale

Die Charaktere in Killing Stalking sind (bis auf das Main-Duo und den Polizisten Seungbae) recht vergessenswert und zudem extrem asozial gezeichnet. Sie dienen vor allem dem Zweck, durch ihre gelebte Indifferenz (oder Grausamkeit) die Grenzen von Bums und Sangwoos Kokon zu festigen. Bum ist am interessantesten: eine tragische Figur, isoliert und depressiv, mit gut ausgearbeiteten Symptomen seiner mentalen Störung und einem in Grau getauchten moralischen Kompass. Sangwoo präsentiert sich als narzisstischer, psychopathischer, homophober (!) Mysogonist und wurde mit einem nahezu göttlichen Zeitmanagement betraut, wenn man mal in Betracht zieht, was er neben seiner Morde noch so alles leistet und dabei ungefasst bleibt. Er wird als charismatisch und extrem smart dargestellt, aber eigentlich ist es die strunzdoofe Polizei, die ihn so omnipotent wirken lässt (und die die Geschichte unnötig in die Länge zieht). Sangwoos Motivationen sind zum Schluss hin schwieriger nachzuvollziehen als die von Bum, im Vergleich ist er also ein eher schwacher Charakter – und zudem ein abscheuliches Arschloch, aber dennoch der ultimative TikTok-Magnet, denn (ich weiß nicht, ob es schon genug erwähnt wurde): Er ist verdammt ‘HOT’.

Spannungskurve: durchwachsen

Tatsächlich sind die auf Sangwoo konzentrierten Rückblenden in Season 3 wenig aussagekräftig und machen das Ganze recht langatmig. Season 1 von Killing Stalking glänzt durch ihre erschreckende Härte. Durch die Tabubbrüche, Mind Games und die Anspannung, die man als Lesende*r empfindet bei Bums Versuchen, dieser Shitshow zu entkommen: Jedes Kapitel hat etwas zu bieten. Season 2 verliert etwas an Tempo. Es geht weniger um Fluchtversuche, denn viel mehr um obskure Flitterwochen, während der Bum allmählich von Sangwoos Welt verschlungen wird. Hier ist es vor allem die Interaktion mit der Umwelt, die für Spannung sorgt. Parallel dazu läuft die Ermittlung des bemitleidenswerten Undercover-Cops Seungbae (der nebenbei die einzige moralisch einwandfreie Figur ist). In Season 3 geht es schließlich um die Abwärtsspirale von Sangwoo: ein forciertes Drama, für das ganze zwei Bände mehr als üblich anberaumt werden, während der Cop für seine Untersuchungen wieder einmal zu wenig Screentime bekommt – genau das könnte die Langatmigkeit erklären. Verglichen zum starken Auftakt, ist die dritte Season von Killing Stalking also ein eher schwacher Ausklang mit abnehmender dramaturgischer Stringenz.

Fazit

Nach insgesamt fünf Jahren (seit der erstmaligen Erscheinung) ist die Abwärtsspirale von Killing Stalking also geendet. Der Manhwa hatte seinerzeit eine extreme Sogwirkung auf mich, da er zu einer völlig unberechenbaren Achterbahnfahrt wurde. Killing Stalking startet mit einer packenden ersten Season als Psychothriller, in dem es um Missbrauch, Manipulation, Mind Games, Vergewaltigungen und Morde geht – um das ultimative Aufeinandertreffen von Stalker und Killer, wer macht hier das Rennen?! Im Verlauf der Geschichte kann die viszerale Spannung aber nur bedingt gehalten werden. Es mutet eher so an, als wolle Koogi mit der »Psychothriller-Deepness-Klamotte« lediglich kaschieren, dass die Geschichte im Grunde ihres Herzens doch »nur« aufmerksamkeitsheischender Boys Love ist, der (auch wenn Koogi das offiziell nicht beabsichtigt) all die schlechten Dinge romantisiert und/oder fetischisiert. Killing Stalking ist also nicht jedermanns Sache. Wer Boys Love mit einem Happy Ending möchte, ist hier falsch. Wer jedoch aufgeschlossen ist, ein Faible für grausame Geschichten hat, nach etwas Geschmacklosem fernab der Norm sucht, ein feines Artwork genießen und den Unterschied zwischen Realität und Fiktion erkennen kann: Bitte, warum auch nicht. In dieser Hinsicht hat Killing Stalking das Bimmel-Bingo definitiv gewonnen.

© Altraverse

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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