The Mandalorian (Staffel 1)

Sandor und Arya (Game Of Thrones), Logan und Laura (Logan), Léon und Mathilda (Léon – der Profi) – sie alle sind typische Paradebeispiele des “Badass and the Child”-Klischees. „Dieses Trope wollen wir auch in petto haben!“, dachte sich Disney und haute rechtzeitig zum amerikanischen Start von Disney+ das Serien-Flaggschiff The Mandalorian raus – einen Space-Western über einen Kopfgeldjäger, der gemeinsam mit einem Baby Abenteuer erlebt. Hierzulande kommt die geneigte Zuseherschaft am 24. März 2020 in den Genuss der ersten Staffel des neuen Star Wars-Ablegers.

 

Jahre nach dem Untergang des Galaktischen Imperiums, verdingt sich der Mandalorianer (Pedro Pascal, Prospect, Game of Thrones) als Kopfgeldjäger in den äußeren Kreisen der Galaxis. Er entstammt einer altehrwürdigen Rasse von Kriegern und gab sich bislang damit zufrieden, die Traditionen seines Volkes aufrecht zu erhalten. Dann aber erhält er von seinem Auftrags-Dealer Greef Carga (Carl Weathers, Das Gesetz der Straße) einen neuen mysteriösen Job, der ihn in Kontakt mit einer Splittergruppe des Imperiums bringt. Der Mandalorianer soll eine Zielperson cashen und abliefern (alternativ: töten), die sich als 50 Jahre altes Baby einer geheimnisvollen Spezies entpuppt. Sonst immer pragmatisch und gefühllos drauf, überkommen dem Mandalorianer allmählich Zweifel. Schließlich wendet er sich gegen seine Auftraggeber, nimmt das Kind unter seine Fittiche und flieht in dem Vorhaben, seinen neuen Spross, komme was da wolle, zu beschützen.

Ins Dunkel

Originaltitel The Mandalorian
Jahr 2019
Land USA
Episoden 8 in Staffel 1
Genre Science-Fiction, Western
Cast Der Mandalorianer: Pedro Pascal
Greef Carga: Carl Weathers
Auftraggeber: Werner Herzog
Cara Dune: Gina Carano
Kuiil: Nick Nolte
Moff Gideon: Giancarlo Esposito
Seit dem 24. März 2020 auf Disney+ verfügbar

The Mandalorian spielt fünf Jahre nach dem Fall des Galaktischen Imperiums und ist damit chronologisch zwischen Die Rückkehr der Jedi-Ritter und The Force Awakens angesiedelt – quasi im Niemandsland zwischen zwei Trilogien, das einst bewohnt wurde von etlichen Werken aus dem Expanded Universe und seit der Übernahme durch Disney wie leer gefegt wirkt, da das Expanded Universe nicht mehr zum offiziellen Kanon gehört. Während die Filme ein Generationen übergreifendes Sci-Fi-Märchen über „the chosen one“ erzählen, ist The Mandalorian ein Spin-Off, das das Universum abseits der ganzen Epicness porträtiert. Fans der Mos Eisley Cantina und der sonst nur sporadisch angeschnittenen Unterwelt kommen hier ganz auf ihre Kosten, denn The Mandalorian ist eine schmutzige und grobkörnige Geschichte, die genau von diesem dreckigen Unterwelt-Feeling erzählt. Bereits 2009 hatte man Pläne gefasst, besagtes Feeling in Serienformat auf den Markt zu bringen (Stichwort Star Wars: Underworld), allerdings wurden die mit dem Verkauf an Disney über den Haufen geworfen. Auch Solo – A Star Wars Story, welches ja von Verbrecher-Syndikaten und Schmugglerleben erzählt, schafft es nicht, dieses Feeling gescheit zu erzeugen. Vorhang auf also für The Mandalorian.

Clint Eastwood mit Blaster und Helm

The Mandalorian fühlt sich an wie ein Spaghetti-Western (ein in Italien produzierter Western der 60er) und wie es sich für einen gescheiten Spaghetti-Western gehört, ist unsere Titelfigur ein Mann ohne Namen – ein einsamer Revolverheld, der von allen nur Mando gerufen wird, und dessen Gesicht wir nie zu sehen zu bekommen. Er wirkt wie ein Clint Eastwood und hat passend dazu einen moralisch fragwürdigen Charakter. Auf der einen Seite geht er auf Bitten ein, tötet keine Babys und umgeht Gefechte mit Diplomatie, auf der anderen Seite pflegt er einen fanatischen Rassismus gegen Droiden und will in besonders launischenen Momenten Jawas verbrennen. Mando ist eine stoische, stolze Krieger-Type, der in vielen Situationen, neben einer moralischen Fragwürdigkeit, auch eine unfreiwillige Komik entfaltet, denn er kann nicht gescheit reiten, spricht nur mäßig Jawa und stellt sich auch beim Sozialisieren nicht sonderlich gut an. Davon abgesehen ist er freilich auch als Babysitter keine Glanznummer. Es birgt ohnehin eine dramatische Ironie, dass Mando – anders als die Zuseher – die Spezies seines Schutzbefohlenen nicht kennt.

“Das ist der Weg”

Wenn man sich Mando so betrachtet, werden bei vielen wohl nostalgische Erinnerungen an Boba Fett wach gerufen. Boba Fett ist seit Das Imperium schlägt zurück aus dem Jahre 1980 einer der Fanlieblinge und hat die mandalorianische Rüstung berühmt-berüchtigt gemacht, obgleich er kein Mandalorianer ist, sondern ein auf Kamino geborener Klon (das erklärt vermutlich auch, warum er von einem blinden Mann mit einem Bootpaddel getötet werden konnte, ZWINKERSMILEY). The Mandalorian nun befasst sich mit den echten Mandalorianern – jener esoterischen Gemeinschaft, die frenetisch den alten Wegen des Mand’alor folgt und deren Angehörige vor anderen niemals ihren Helm abnehmen. Oft fallen in der Serie kryptische Hintergrundreferenzen, die von einer „großen Säuberung“ sprechen, während derer die Imperialen die Mandalorianer gejagt, getötet und deren Beskar, den wertvolle Rohstoff ihrer Rüstungen, gesammelt haben. Wie vollständig diese Säuberung gelungen ist, ist unklar. Das Beskar jedenfalls hat in der Serie den Status von Nazigold und Mando ist bestrebt, es zurück zu erlangen.

Selbstironisches Star Wars-Feeling

Was The Mandalorian ganz hervorragend wuppt, ist das Erzeugen von Star Wars-Feeling, obgleich es keine Skywalkers und Jedis und Palpatines gibt (oder vielleicht gerade deswegen?). Manchmal sind es die kleinen Details, die einer Szene ihre Seele verleihen. An einer Stelle verdingt sich ein EV Überwachungsdroide als Barkeeper, an anderer Stelle darf der Zuseher mit den Jawas im Cockpit eines Sandkriechers sitzen, und nach jeder Episode rollen die End Credits durch verschiedene Concept Arts, die noch einmal die Höhepunkte der letzten Folge visualisieren und in ihrer Machart an die Werke des Konzeptdesigners Ralph McQuarrie erinnern – jener McQuarrie, der maßgeblich verantwortlich war für den Look des klassischen Star Wars. Darüber hinaus wird in The Mandalorian auch genug mit den Augen gezwinkert, wenn es z.B. in Episode 4 heißt „Nix kann die Beine eines ATMs zerstören!“, oder an anderer Stelle zwei Scouttruppler das Zielschießen üben und kläglich darin scheitern. Anspielungen auf die seit Jahrzehnten gestellte Frage: Warum sind die Sturmtruppler eigentlich so dermaßen beschissene Schützen?

Plotmäßige Hängematte

Der Handlungsbogen von The Mandalorian lässt sich mit einer Hängematte vergleichen. Während sich die ersten drei Episoden noch stark auf den Staffel-Plot mit „Baby Yoda“ (so hat das Internet das Kind getauft) und den Imperialen fokussieren, hängt der Plot in der Mitte dann doch eher durch – was aber nicht heißt, dass es nicht aufregend und prächtig anzuschauen ist. In der Mitte wird sich nur eher auf die Charakterentwicklung konzentriert, auf den „case of the week“ und die stete Erkenntnis, dass Mando und das Kind nirgends sicher sind. Es gibt also keine Cliffhanger und keine Kontinuität. Erst in den letzten beiden Episoden erlangt die Plot-Hängematte wieder ihre Spannkraft und die Serie präsentiert die Konklusion des Staffel-Arcs. Viele Fragen aber bleiben noch unbeantwortet (Was haben die Imperialen mit Baby Yoda vor? Wer ist der imperiale Offizier Moff Gideon? Wer ist der Mandalorianer? Was ist die Säuberung?), doch wer in der letzten Folge aufpasst, dem entgeht nicht, dass The Mandalorian eine augenscheinliche Verbindung zur Animationsserie Star Wars: The Clone Wars pflegt.

Fazit

Star Wars ist episch, The Mandalorian ist klein und schmutzig – und mir gefällt’s. Es tut dem Franchise gut, mal die abseitigen, weniger glorifizierten Felder zu erkunden. The Mandalorian ist ein Spaghetti-Western und mit seiner Musik und seinen Motiven eine Hommage an Sergio Leone – und es fängt das Gefühl von Star Wars perfekt ein ohne auch nur ein einzigen Lichtschwertkampf zu zeigen. Die Serie ist ein interessanter Mix aus zusammenhängenden und episodenhaften Folgen (und damit The Witcher gar nicht unähnlich). Ich mag diese Mischung, da man durch die „Monster of the Week“-Folgen ein bisschen Pause vom Drama bekommt und es darüber hinaus die perfekte Kombination für eine zweite Staffel voller Möglichkeiten und Abenteuer ist. Und dafür, dass es um einen wortkargen Kopfgeldjäger geht, der gegen die schlimmsten Typen der Galaxis antritt, ist die Serie – dank Baby Yoda – gar nicht mal so unniedlich.

© Disney+

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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