Invincible (Staffel 1)

Zwischen den Heldenschmieden von Marvel und DC bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch Platz für andere. Dabei gibt es sie! Ein Beispiel dafür ist die Superhelden-Saga Invincible von The Walking Dead-Schöpfer Robert Kirkman, die von Image Comics in 144 Ausgaben zwischen 2003 und 2018 veröffentlicht wurde. Darin geht es um den Teenager Mark Grayson, der in die Fußstapfen seines Vaters tritt, des mächtigsten Helden auf Erden. Amazon Prime Video hat die Story mit viel Liebe zur Vorlage als Zeichentrickserie für Erwachsene adaptiert. Schließlich ist Adult Animation seit geraumer Zeit gefragt und so erschien die erste Staffel zwischen März und Mai 2021 auf dem Streaming-Dienst. Ob der blutreiche Auftakt überzeugt?

 

Der junge Mark Greyson (Steven Yeun) ist der Sohn seiner menschlichen Mutter Debbie (Sandra Oh) und seines außerirdischen, übermächtigen Vaters Noah (J.K. Simmons), der als Omni-Man bekannt ist. Er ist das  stärkste Wesen der Erde, vielleicht der Galaxie. Als auch Mark in seiner Pubertät endlich übermenschliche Fähigkeiten entwickelt, muss er schnell feststellen, dass die Welt leider nicht nur schwarz oder weiß ist und auch Helden alles andere als unsterblich sind. Oder gar immer eine weiße Weste haben. Als Marks Vater bei einem Superhelden-Massaker als einziger überlebt, beginnen sich die Dinge zu verändern …

Brutalität als hervorstechendes Merkmal

Originaltitel Invincible
Jahr 2021
Land USA
Episoden 8 (in Staffel 1)
Genre Action, Drama
Cast Mark Grayson/Invincible: Steven Yeun
Debbie Grayson: Sandra Oh
Nolan Grayson/Omni-Man: J. K. Simmons
Samantha Eve Wilkins/Atom Eve: Gillian Jacobs
Rex Sloan/Rex Splode: Jason Mantzoukas
Darkwing: Lennie James
Holly/War Woman: Lauren Cohan
Josef/Red Rush: Michael Cudlitz
Kate Cha/Dupli-Kate: Malese Jow
Damien Darkblood: Clancy Brown
Auf Amazon Prime Video verfügbar

Nicht erst seit dem Marvel Cinematic Universe sind Superhelden auf dem Vormarsch. In Comic-Form erfreuen sie sich seit Jahrzehnten größter Popularität. Deshalb ist es von hoher Bedeutung für den einzelnen Titel, irgendwie aus der Masse hervorzustechen, denn wenn sich etwas schnell über den Kamm scheren lässt, dann Superhelden-Stoffe. Invincible hat seinen USP dort gefunden, wo man ihn zunächst gar nicht erwarten würde: In der expliziten Gewaltdarstellung. Wo man bei Marvel eher (vergleichsweise) Kuschelkurs fährt und DC vor allem mit seiner Düsternis auftritt, gibt sich Invincible ziemlich bunt – und damit unscheinbar für das, was bereits in Folge 1 eintritt: Ein echtes Blutbad, das an keinen Details spart. Nun kann man argumentieren, dass es weder neu noch originell ist, Erwachsene mit Blut anzulocken. Völlig korrekt, denn es wäre zu simpel gedacht, erwachsene Ansprüche (ausschließlich) mit Gewalt gleichzusetzen.

Was macht Erwachsenenanimation erwachsen?

Ganz so banal lässt sich die Frage nicht beantworten, ob sich Invincible überwiegend per expliziter Darstellung definiert. Denn was die Serie (allerdings wenig überraschend) zu bieten hat, sind Fragen hinsichtlich Identität, Zugehörigkeit und des Erwachsenwerdens. Damit bewegt sie sich inhaltlich eher in Coming of Age-Gewässern als in einer wirklich anspruchsvollen Grundsituation, die nun ein Publikum über 18 Jahren anspricht. Auch wenn Mark mit seinen 17 Jahren nicht weit davon entfernt ist. Nur sind die Themen Erfolgsdruck und Versagensangst, wenn es darum geht, in Omni-Mans Fußstapfen zu treten, eben nicht derart hochtrabend, dass jüngere Zuschauer*innen sie nicht verstehen könnten. Das liefert einen etwas faden Beigeschmack, denn am Ende setzt sich Invincible mit keinen von Grund auf anderen Themen auseinander als etwa Spider-Man. Nur dass der Härtegrad ein anderer, in vielen Augen wohl realistischerer ist.

Wie sieht es aus an der Charakter-Front?

Gleich zu Beginn lernt das Publikum das Super-Team namens “Guardians of the Globe” kennen, das ganz offensichtlich an die berühmte Justice League angelehnt ist. Der blitzschnelle Red Rush erinnert an Flash, der düstere Darkwing an Batman, War Woman an die Amazone Wonder Woman. Parallelen und Ähnlichkeiten sind zumeist der Tatsache geschuldet, dass man das Rad nicht immer wieder neu erfinden kann. Trotzdem fehlt es Invincible im Besonderen an Charakteren, die im Gedächtnis bleiben. Klar, da gibt es Invincible und Omni-Man, die sowieso im Rampenlicht stehen. Darüber hinaus sind aber die interessantesten Figuren vor allem Marks Normalo-Love-Interest Amber (Zazie Beetz) und sein homosexueller Normalo-Kumpel William (Andrew Rannells), mit denen Mark in seiner freien Zeit abhängt und die natürlich auch in Gefahr geraten. Alle weiteren Figuren bleiben, zumindest in der ersten Staffel, blass und austauschbar. Bei der Menge an Nebenplots, die Staffel 1 eröffnet, wäre es wünschenswert gewesen, erst einmal den Figuren mehr Profil zu verleihen.

In den ruhigen Momenten stärker

Auch wenn Invincible seinen Fokus auf die Action-Szenen legt, sind es die ruhigen und emotionaleren Momente, die stärker überzeugen. Diese wurden zum Teil über die Comic-Vorlage hinaus hinzugeschrieben. Da schwebt Mark in einer Szene mit seinem Vater hoch über der Welt, ein Baseball wird zu Trainingszwecken mit selbstverständlicher Nebensächlichkeit einmal rund um den Globus geworfen, und sie unterhalten sich über die Angst und Unsicherheit, die mit Superkräften einhergeht. Das sind echte Lichtblicke, denn die Handlung lässt fernab solcher Szenen immer wieder ein Gespür für Timing und Plot vermissen. Da gibt es Kämpfe mit außerirdischen Invasoren, die plötzlich einfach auftauchen und auch sonst keine Rolle mehr für die weitere Handlung spielen. Leider wird das mehr als nötig in die Länge gezogen, während im Hinterkopf immer eine Frage bleibt: Wer sind denn nun die ganzen Superhelden, die hier über den Bildschirm turnen?

Hochglanz-Zeichentrick

Lassen muss man Invincible, dass es sich um eine faszinierend aussehende Hochglanz-Zeichentrickserie handelt. Während die Superhelden-Cartoons der 90er schlecht gealtert sind und viele Werke ab 2005 vor allem ein jüngeres Publikum ansprechen sollen und visuell simpel gehalten sind, lässt Invincible Träume wahr werden. Die Serie sieht exakt so aus, wie man sich einen lebendigen Comic vorstellt. Rauhe Animation mit aufwändigen Hintergründen und ausdrucksstarken Figuren. Insbesondere im Westen der Welt, wo das Vorurteil noch immer besteht, dass Zeichentrick nur für Kinder sei, sticht die visuelle Umsetzung der Serie positiv hervor. Tonal ist die Serie nämlich gar nicht einmal so weit von The Boys entfernt, während die Qualität der Hochglanz-Animationen vor allem an den östlichen Anime erinnert. Vor allem in den USA wird zudem der Voice Cast ein Anreiz sein: Mit J.K. Simmons, Steven Yeun, Zachary Quinto, Sandra Oh oder Zazie Beetz prominent besetzt, strahlen die Namen der beliebten Darsteller*innen für sich. Comic-Fans dagegen werden je nach eigenem Anspruch geteilter Ansicht sein: Auch wenn die technische Umsetzung gelungen ist, liegen die Schwerpunkte in der Tonalität ein wenig anders. Die Comics leben von der aberwitzigen Gegenüberstellung von Superheldenjob und normalem Leben, die mit allem Ernst durchgezogen wird, während die Serie an einigen Stellen ein unausgewogenes Verhältnis zwischen Humor und Ernst mit sich bringt.

Fazit 

Es gibt eine alte Weisheit, die besagt, dass man die stärkste Eigenschaft von einer Sache wegnehmen muss, um zu schauen, wann dann noch bleibt. Bei Invincible sind das dann vor allem Baustellen: Hat man sich erst einmal an die abgerissenen Arme und explodierten Köpfe gewöhnt, ist der erste Wow-Effekt von Invincible auch schon verpufft. Liegt der Anspruch auf der Suche nach unkonventionellen Superhelden alleine auf dem Härtegrad, ist man hier goldrichtig. Hinsichtlich Charakterentwicklung, Plot-Auf- und Ausbau sowie tonaler Konsistenz muss Staffel 2 einiges nachlegen. Staffel 1 hinterlässt einen mittelprächtigen bis soliden Eindruck, der stärker von äußeren als von inneren Werten zehrt. Trotzdem besitzt die Serie einige unterhaltsame Episoden, in denen sich dank einer Spielzeit von rund 45 Minuten auch einiges erzählen lässt. Nur ist der Unterhaltungswert eben nicht durchgehend hoch genug, um das zu einem runden Erlebnis der ersten Staffel zu machen.

© Amazon Prime Video

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Totman Gehend
8. Juni 2021 12:58

Ich find dieses “Opening” von Invincible so dermaßen beschissen 😀 😀
“Mein Name ist In-[Titeleinblendung]!”

Last edited 12 Tage her by Totman Gehend