The Boys

Lesezeit: 8 Minuten

Superhelden sind großartig! Sie retten Menschen, tun Gutes, sehen schön aus, machen tolle Filme und sind strahlende Werbeikonen, die einem alles verkaufen können. Verehrt Superhelden! Außer natürlich hinter dieser kapitalistischen Vermarktung steckt ein Megakonzern, der nur Geld scheffelt und alles genau inszeniert. Amazon Primes Serie The Boys basiert auf dem gleichnamigen Comic von Garth Ennis (Preacher) und zeigt die unmoralischen Schattenseiten hinter der strahlenden Fassade.

 

In den USA kommen seit Jahrzehnten Babies mit außergewöhnlichen Kräften zur Welt. Die Firma Vought International hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese organisiert zu vertreten und möglichst wirksam im Land zu verteilen. Steigt in einer Stadt die Kriminalitätsrate, kann ein Vertrag ausgehandelt werden, um den passenden Superhelden zu bekommen. Der bekämpft Verbrechen und bringt Fans mit. Die Elite dieser Helden sind die Seven. Sieben der allerbesten Helden, angeführt vom stärksten unter ihnen, Homelander (Antony Starr). Einer dieser sieben geht nun in den Ruhestand und an seinen Platz rückt ein vollkommen neues Gesicht. Starlight (Erin Moriarty) hat das Casting gewonnen, denn sie überzeugt sowohl mit ihrem Kräfteset, als auch ihrem Image als gläubiges Mädchen vom Land, die unbedingt die Welt verbessern will. Für sie scheint ein Traum wahrzuwerden, doch bereits kurz nach ihrem ersten Auftritt, muss Annie, so ihr bürgerlicher Name, erkennen, dass hinter dem glamourösen Superheldenalltag vor allem Marketing steckt. Und einer ihrer Kollegen zwingt sie am Arbeitsplatz zunächst zum Sex, unter Androhung, dass sie sonst direkt wieder gehen kann. Ähnlich desillusioniert wird auch der Elektronikverkäufer Hughie Campbell (Jack Quaid). Er ist mit seiner Freundin Robin (Jess Salgueiro) unterwegs und von einer Sekunde auf die andere ist von ihr nicht mehr viel übrig. Der Speedster A-Train (Jessie T. Usher) ist einfach durch sie hindurch gerannt. Vought International bietet Hughie im Gegenzug für Stillschweigen Schadensersatz an, es war schließlich ein Unfall. Hughie ist nicht interessiert und möchte lieber Rache. Da erscheint ein Mann namens Bill Butcher (Karl Urban) auf der Bildfläche. Er gehört zu denen, die längst erkannt haben, dass diese Supers gefährlich sind. Sie machen, was ihnen gefällt und kommen mit allem davon. Aber Butcher arbeitet schon lange daran, sie zu Fall zu bringen und nun stolpert Hughie mitten in diesen ungleichen Kampf.

Vorsicht, Arschbombe!

Originaltitel The Boys
Jahr 2019
Land USA
Episoden 8 (in 1 Staffel)
Genre Action, Science-Fiction
Cast Billy Butcher: Karl Urban
Hughie Campbell: Jack Quaid
Homelander: Antony Starr
Annie January/Starlight: Erin Moriarty
Queen Maeve: Dominique McElligott
A-Train : Jessie T. Usher
Frenchie: Tomer Capon
Madelyn Stillwell: Elisabeth Shue

Wer einen Trailer zu The Boys gesehen hat, weiß, dass es hier ordentlich zur Sache geht in punkto Gewalt. Das Blut spritzt in rauen Mengen und Superkräfte werden brutal eingesetzt. Die Art und Weise der Erzählung ist immens wichtig als Alleinstellungsmerkmal und wer mit plakativer Präsentation von Mord und Totschlag nicht viel anfangen kann, wird sich hier streckenweise sehr unwohl fühlen. Was angesichts der Idee hinter der Story schade ist. Wer aber eine Wendung wie “jemandem das Hirn rausvögeln” gern mal wortwörtlich sehen möchte oder bei einer Arschbombe nicht an einen Sprung ins Wasser denkt, ist hier goldrichtig. Und wird obendrauf mit der interessanten Prämisse konfrontiert, wie Kapitalismus das Auftauchen von Superhelden beeinflussen kann.

Woher stammen die Kräfte?

Eine wichtige Frage ist sicherlich, warum ein paar wenige Leute mit übermenschlichen Kräften ausgestattet sind. Recht beiläufig erklärt The Boys, dass es einfach gottgegebene Geschenke sind. Damit gibt sich die Bevölkerung zufrieden. Denn rein zufällig tritt dieses Phänomen nur in den USA auf, wo die Evangelisten schon lange Glauben in die Politik mischen. Der tatsächliche Hintergrund ist aber Teil der Geschichte und Butcher muss mit seinem zusammengewürfelten Team einige erschreckende Entdeckungen machen. Da ist der Zuschauer so verblüfft wie die Protagonisten. Da kommt Spannung auf.

Zerrbilder bekannter Helden

Einen großen Teil der Unterhaltung zieht The Boys aus der Tatsache, dass die vorgeführten Superhelden nahezu alle bekannten Vorbildern zuzuordnen sind. Vor etwa zehn Jahren wäre eine Verfilmung vermutlich weniger spaßig gewesen, doch heutzutage sind die Superhelden von DC und Marvel omnipräsent. Da ist Homelander, der in seiner vorwiegend blauen Uniform, mit Laseraugen und dem Image als idealistischer Vorzeigeschwiegersohn eine Karikatur von Superman ist. Dem Zuschauer wird aber schnell klar, dass es besonders bei ihm unter der Oberfläche sadistisch brodelt. Die Seven sind insgesamt der Justice League nachempfunden und ziehen sie ein wenig durch den Kakao. Das bekommt hier vor allem The Deep (Chace Crawford) zu spüren, über den jeder schlechte Aquaman-Witz aus der Tonne geangelt wird. Er wird nicht mal von seinen Kollegen ernst genommen und entpuppt sich leider schlecht darin, seine tierischen Freunde zu retten. Ein Fest für alle, denen die Dauerbeschallung durch Superhelden auf die Nerven geht. The Boys vereint die fiesesten Parodien und präsentiert sie als missratene Medienmarionetten. (Das MCU bekommt mit der Verballhornung VCU, Vought Cinematic Universe, sein Fett weg, die Comics haben aber noch ein spezielles Avengers-Pendant parat. Da kann noch aus den Vollen geschöpft werden.)

Superkräfte beim Militär

Stories, in denen das Militär geheime Experimente durchführt, um eine Art Supersoldaten zu schaffen, gibt es wie Sand am Meer. (Hoppla, das ist ja die Origin von Captain America.) Bei The Boys geht es einen interessanten Schritt weiter. Die Firma Vought möchte einen Vertrag mit der Regierung schließen und Superhelden nicht nur an Städte vermieten, sondern sie zum Teil der Streitkräfte machen. Der Kongress sagt bisher nein zu diesem Vorhaben, aber mit gekonnter PR und einigen gut gestreuten Reden von Liebling Homelander, ist ein Großteil der Bevölkerung fast begeistert. Leider wird dieser Punkt kaum aufgegriffen, um mögliche Konsequenzen durchzuspielen. Grade da sich der Film The First Avenger: Civil War um die Frage dreht, welche Befugnisse ein Team von selbsternannten Beschützern haben sollte, wäre es interessant, dieses Gedankenspiel endlich breit getrampelt zu verfolgen. Hier verschenkt die Serie das Potenzial einer Dekonstruktion und zeigt lieber, dass Homelander an sich schon eine Gefahr darstellt. Eine der besten Szenen der Staffel hat dabei mit der Rettung eines Flugzeugs zu tun, einer Spezialität von Superman. Homelander und Queen Maeve können problemlos an Bord kommen und die Terroristen überwältigen. Aber sie sind nicht ausgebildet genug, um vorab darauf zu achten, dass das Flugzeug intakt bleibt. Und es einfach so auf Händen zu tragen ist physikalisch nicht so einfach, weshalb Homelander erkennt, dass er nicht alle retten kann. Und wenn er nur ein paar rettet, werden die Überlebenden sagen können, wie genau die zwei versagt haben- Also müssen alle Passagiere sterben. Hier verlässt sich The Boys nicht nur auf Blut und Gewalt, sondern gibt eine emotionale Komponente hinzu, was die Qualität direkt steigert.

Sehr viel Schatten, ein wenig Licht

Es ist etwas merkwürdig, dass zu Beginn die Seven per Casting aufgefüllt werden und kein Held aus einem anderen Team nachrückt. Doch die Ankunft von Starlight im Team gibt dem Zuschauer die Gelegenheit, gemeinsam mit ihr die Kehrseite der Medaille zu entdecken. Starlight glaubt wirklich daran, dass sie Menschen helfen kann und möchte der klassische Superheld sein. Das Marketing, das ihr bald ein sexy Kostüm aufdrückt und absegnet, welche Verbrechen sie bekämpfen darf, ist ihr zuwider. Damit ist sie gleichzeitig der Hoffnungsschimmer, dass vielleicht nicht alle Supers von Natur aus schlecht sind. Denn genau diese Position vertritt Billy Butcher ohne den geringsten Zweifel. Er möchte sie alle aus der Welt schaffen. Zur Überraschung von niemanden, der ein paar Stories dieser Art kennt, steckt ein persönliches Trauma dahinter, bei dem seine Ehefrau eine Rolle spielt. Deshalb erscheint ihm Hughie als perfekter Kandidat, um ihm zu helfen. Doch zufällig haben sich Hughie und Starlight, in zivil als Annie, kennengelernt. Wo Vought International und Butcher die Extreme vertreten, sind Hughie und Annie offen für einen Mittelweg.

Großartige Schauspieler in ausbaufähigen Rollen

Ein ganz klarer Pluspunkt von The Boys sind die ausgewählten Schauspieler. Karl Urban gibt einen wunderbar grimmigen Billy Butcher ab. Wer den O-Ton einschaltet, bekommt den Neuseeländer nun mit einem Cockney Akzent zu hören. Dieses Detail ist an der Figur ein wenig interessanter als die absolute 08/15 Backstory. Die durch das Ende mit der lebenden Ehefrau eine krasse Wendung bekommt.   Das Skript gibt nur wenigen Charakteren herausragende Momente, aber wenn, sind diese klasse vorgetragen. Elisabeth Shue ist als Madelyn Stillwell eine knallharte Geschäftsfrau, die die unbehaglichen Blicke von Homelander gekonnt herunterspielt und zu Manipulation greift. Der Jackpot wurde mit Jack Quaid gezogen, der den sympathischen Typ von nebenan perfekt beherrscht. Hughie wird von Panikattacken verfolgt, seit er gesehen hat, wie Robin gestorben ist und muss sich mit seinen eigenen Rachefantasien erst abfinden. Das besondere ist, dass Hughie im Comic Ähnlichkeit mit Simon Pegg hat. Er war Vorbild für die Rolle, doch mit der Verfilmung hat es zu lange gedauert, damit er sie spielen kann. Dennoch findet sich hier ein Plätzchen für Pegg als Hughies Vater. Karen Fukuhara spielt The Female, die nie ein Wort sagt und Menschen im Handumdrehen in Einzelteile zerlegen kann. Doch mit etwas Mimik verleiht sie auch ihr eine verletzliche Seite, die das Drehbuch mit einer unmenschlichen Behandlung ihrerseits andeutet.

Lose Comic-Adaption

Wer den Comic von Autor Garth Ennis und Zeicher Darick Robertson gelesen hat, wird schnell feststellen, dass die Vorlage nur sehr lose umgesetzt ist. Im Zentrum steht der Konflikt zwischen den Boys und den Seven, aber viele Elemente sind neu zusammen gewürfelt, was schon beim Ursprung der Superhelden beginnt. Der Comic, der 2006 erstmals veröffentlicht wurde, nutzt beispielsweise auch die Geschehnisse von 9/11 und verpackt diese neu. Der Serie reichen ein paar handelsübliche Terroristen und es wird auf politische Verbindungen verzichtet. Es gibt gänzlich neue Figuren wie den unsichtbar-werdenden Translucent (Alex Hassell) oder den gedanken-lesenden Mesmer (Haley Joel Osment) und zwei entscheidende Charakter sind nun weiblich statt männlich — Stillwell und Mallory. Einige Fans werden sicherlich enttäuscht sein, dass einige bekannte Dinge fehlen, können sich aber auf eine alternative Erzählung freuen, die noch ganz eigene Überraschungen parat hat. Der Wissensvorsprung aus den Comics kann in die Irre führen.

Fazit

Ich bin doch ein wenig ernüchtert vom Ergebnis. Auf alle Fälle gefällt mir die Serie im Einstieg besser als der Comic, viele der Änderungen kommen mir sehr entgegen. Aber ich habe das Gefühl, dass der Inhalt dieser acht Episoden in der Hälfte der Zeit hätte erzählt werden können und die eigentliche Story erst jetzt so richtig beginnt. Es ist ein Prolog. Die Figuren sind teils ein kleines bisschen angekratzt, aber können sich noch in alle möglichen Richtungen entwickeln. Klingt natürlich gut, hat für mich aber einen Beigeschmack von austauschbar. The Deep ist eine schlechte Witzfigur und Queen Maeve hat eine verdammt gute Szene, bekommt aber sonst nichts zu tun. Da ist mir zu viel Leerlauf. Mit der zerplatzten Robin anzufangen, ist sehr werbewirksam und die Serie telegrafiert früh, was man an Gewalt zu erwarten hat. Für die Erzählung wäre es aber vermutlich besser gewesen, die augenscheinlich heile Seite dieser Welt für die erste halbe Stunde darzustellen. Um dann den Vorhang aufzuziehen und laut “ätsch” zu rufen. Hughie ist zu Beginn ja auch ein typischer Superhelden-Fan. Die kleinen Einspieler über Werbung und Filme, sowie ein Blick hinter die Kulissen von Vought, die alle Einsätze inszenieren, sind echte Highlights. Um Dekonstruktion zu betreiben, sollte man vorher zeigen, worum es genau geht. Eine Vorführung unserer Besessenheit mit dem Trend Superhelden liegt nicht vor, da wir fiktive Figuren (inklusive dieser) umjubeln und eben keine echten Menschen. Das lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Und als jemand, der so ziemlich jeden Superheldenkram guckt, bietet mir The Boys nicht wirklich etwas nie dagewesenes. Mystery Men hatte schon 1999 einen werbewirksamen Superman-Verschnitt. Alan Moores Watchmen ist die Vorführung von Macht und zu extremen getriebenen Ideologien. Die Serie Legion begleitet überpowerte Leute auf philosophische Art. Und Doom Patrol hat skurrile Ideen, Gewalt und Witz in einer unterhaltsameren Weise. Dafür, dass die PR The Boys als total anders verkauft, ist es mir doch zu gewöhnlich. Das Ende der ersten Staffel — das sich so weit von den Comics entfernt wie möglich — verspricht aber schon sehr viel interessantes für Staffel 2, auf die ich inhaltlich gespannt bin. Vielleicht bekommt dann die nervige Fliege Bedeutung.

© Amazon Prime

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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