Ice Fantasy

Lesezeit: 5 Minuten

Ein Königreich des Eises und ein Königreich des Feuers. Die Bewohner des Eislandes sind edelmütig und ihre jungen Männer sehen alle aus wie Legolas. Lieblingsfarben sind hellblau und silber. Die Bewohner des Feuerreiches bevorzugen Grausamkeit und Hinterlist sowie die Farben Rot und Schwarz und beenden ihre Dialogpassagen gern mit einem munteren “Muahahaha!” Die chinesische Serie Ice Fantasy nimmt sich der ganz großen und ganz einfachen Fantasy-Motive an und spinnt sie über epische 62 Folgen fort. Dank Netflix kommen seit Ende 2016 auch westliche Zuschauer in den Genuss dieser Verfilmung des chinesischen Fantasy-Bestsellers City of Fantasy. Autor Guo Jingming (L.O.R.D.: Legend of Ravaging Dynasties) war bei Erscheinen des Buches im Jahr 2003 gerade einmal 20 Jahre alt und ist seitdem in China Erfolgsautor, Regisseur und Teenie-Idol.

    

Eigentlich wünscht sich Ka Suo, der Kronprinz des unsterblichen Eis-Klans, ein freies, selbstbestimmtes Leben. Fern von den Zwängen der Königswürde. Sein kleiner Lieblingsbruder Yin Kon Shi würde ihm so gern dazu verhelfen. Aber als zu Ka Suos 130-jährigem Geburtstag ein Prinz des Feuer-Klans zum Gratulieren hinzukommt, ein magisches Duell vom Zaun bricht, die das Reich schützende Eismauer sabotiert, Ka Suos Braut belästigt und kurz darauf von einem hämisch lachenden Zaubernebel umgebracht wird, bricht der uralte Konflikt zwischen Eis- und Feuer-Klan wieder auf und Ka Suo muss sich seinen Pflichten stellen. Um die marode Eismauer zu retten muss er in die Welt der Sterblichen reisen und die sechs Splitter eines magischen Eiskristalls finden. Unterwegs lernt er die Welt der Menschen kennen, findet Gefährten bei den anderen magischen Klans dieses Universums und verliebt sich in die sterbliche Kämpferin Li Luo. Währenddessen macht sein Halbbruder Yin Kon Shi, eigentlich magisch unbegabt und als Sohn einer Konkubine von der Thronfolge ausgeschlossen, erstaunliche Wandlungen durch und avanciert zum ernstzunehmenden Konkurrenten um den Thron…

Die Magie der Familienbande

Originaltitel Huàn Chéng
Jahr 2016
Land China
Episoden 78 in 2 Staffeln
Genre Fantasy
Cast Eis-Prinz Ka Suo: Feng Shaofeng
Eis-Prinz Yin Kon Shi: Ma Tianyu
Eis-König Lin Chao: Shao Bing
Eis-Königinmutter Fen Tian: Cheng Peipei
Konkubine Lian Ji: Kim Hee-sun
Feuer-König Huo Ji: Hu Bing
Feuer-Prinzessin Yan Da: Zhang Meng
Wächterin Li Luo: Victoria Song
Meerjungfrauen-Prinzessin Lan Shang: Madina Memet

Kein Zweifel: Ice Fantasy hangelt sich inhaltlich von einem bewährten Versatzstück des Genres zum nächsten. Finde die sechs Dingse des magischen Dingsda. Entfessle das magische Schwert. Bestehe die Prüfungen des magischen Lotos, besiege zuerst die vier Wächter. Was die Geschichte über 62 Folgen hindurch antreibt, sind jedoch nicht solche Handlungsbausteine, sondern die familiären Beziehungsgeflechte, die über tausende von Sendezeit-Minuten hinweg üppig wuchern können. Auch wer kein Wort Mandarin kann, hat nach ein paar Folgen die Worte für Vater oder Bruder gelernt. Und es sind deutlich nicht-westliche Familienstrukturen, wo die Beziehung zu den Eltern oder Geschwistern mindestens genauso wichtig ist wie romantische Liebe. Die gibt es auch, sicherlich, sie ist ja auch gar zu leinwandtauglich. Aber dass Eltern, zumal königliche Eltern, Ehen arrangieren und man aus dieser Nummer nur mit einer Menge Schuldgefühlen, Herzschmerz und Überredungskunst herauskommt, ist in diesem Universum die Norm. Das wirkt für westliche Augen ungewohnt, funktioniert aber als Konfliktgenerator und Handlungsmotor richtig gut.

Inkonsistenzen

Insgesamt halten einen die Verwicklungen und Loyalitätskonflikte um Väter und Söhne, Mütter und Töchter, große und kleine Brüder, Ehefrauen und Konkubinen emotional gut bei der Stange. Leider neigt die Dramaturgie zu häufigem Einsatz von grobem Out of Character. Ob es nun Gestaltwandel ist oder Gedächtnisverlust oder Körpertausch oder einfach nur “ich kann nicht darüber sprechen, warum unsere Liebe scheitern muss, darum verhalte ich mich abweisend, dann hältst du mich für ein Arschloch und leidest nicht so sehr”, die Gelegenheiten, wo sich Figuren konträr zu dem verhalten, was bisher etabliert wurde, häufen sich auf geradezu ärgerliche Art und Weise. Hinzu kommt, dass in einem Erzähluniversum, in dem Magie ein fester Bestandteil ist, der Tod eine relative Angelegenheit ist. Gerade die mysteriöse Superwaffe, das seelenfressende Schwert, ist komplett dysfunktional, da so gut wie jeder, der davon durchbohrt wird, wieder ins Leben zurückgeholt wird. Außer, die Handlung braucht gerade einen Todesfall. Dann ist er tot, Magie hin oder her.

Der Herr der Ringe made in China

Optisch besticht Ice Fantasy durch die Unbekümmertheit, mit der sich das Produktionsdesign bei Peter Jacksons Herr der Ringe bedient. Kein Wunder, denn dafür wurde Dan Hennah engagiert, der sowohl an Der Herr der Ringe als auch an Der Hobbit beteiligt war und für Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs einen Oscar gewann. In der Tat sieht das Eisland aus wie Minas Tirith mit mehr Architekturgeschnörkel, bewohnt von Elben und im ewigen Eis. Nur, dass alles viel niedlicher, plüschiger und trashiger aussieht und auch mal ein rosa blühender Kirschbaum im Schnee steht. Und der König, eigentlich stilsicher ein Elbenfürst, auch mal einen Zwergenkopfputz trägt. Aber hui, hübschen chinesischen Nachwuchsstars stehen langes weißes Haar und blaue Kontaktlinsen fast noch besser als einst Orlando Bloom seine blonden Zöpfchen.

Durchgehalten wird das Designkonzept nicht konsequent. Schon das Feuerreich und seine Bewohner stammen eher aus der Mottenkiste für generische Reiche des Bösen und deren finstere Herrscher. Die Länder der anderen Klans sind deutlich asiatisch geprägt und bei manchen Tierwesen rutscht das Niveau auf Kindertheater oder Faschingskostüm. Immerhin, man erlebt an jeder Ecke Überraschungen. Auch die Qualität der Special Effects variiert. Mal sehen magische Duelle und das Schweben an unsichtbaren Drähten richtig gut aus, dann wieder hat es den Charme des Unvollkommenen.

Fazit

Ice Fantasy bietet großen Kitsch, große Gefühle und jede Menge Eye Candy der allersüßesten Sorte. Außerdem den Reiz des Ungewohnten, den ein Blick in eine andere Kultur mit sich bringt. Trotz aller Brüche und Trash-Elemente hat es so viel erzählerischen Schwung, dass ich mit allen 62 Folgen ziemlich schnell durch war. Die zweite Staffel hat mich allerdings nicht mehr gereizt. Nach der Inhaltsbeschreibung ist das eine Art Sequel, wo die Figuren in der Gegenwart wiedergeboren werden und sich allmählich an ihre Identität als Eiskrieger oder Feuerprinzessinnen erinnern. Da haben die Jungs ja keine weißen Haare und stehen nicht im Schneetreiben unter blühenden Kirschbäumen.

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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