Castle Rock (Staffel 2)

Annie Wilkes. Stephen Kings psychopathische Krankenschwester lässt beim Erklingen ihres Namens einige Nackenhaare zu Berge stehen, denn die Dame verabreicht nicht nur abhängig machende Medikamente, sondern amputiert auch gerne mit einer Axt. Für ihre zweite Staffel schicken die beiden Drehbuchautoren Sam Shaw und Dustin Thomason (The Evidence) eine jüngere Version dieser Frau ins nicht wirklich beschauliche Jerusalem’s Lot. Ein weiterer Ort aus dem King-Universum, das einst Schauplatz einer Vampir-Plage wurde. Ob in der zweiten Staffel der Anthologie-Serie Castle Rock Produzent J. J. Abrams (Star Treck) mit einem ähnlichen Problem aufwartet oder noch andere Elemente des Horrorkönigs Stephen King in den Topf wirft, können wir seit der Disc-Veröffentlichung am 26. November 2020 herausfinden.

Zusammen mit ihrer Tochter Joy (Elsie Fisher, Eighth Grade) reist Annie Wilkes (Lizzy Caplan, Das Boot) durch die Staaten. Als sie eines Nachts in der Nähe von Jerusalem’s Lot einen Unfall haben, stranden die beiden für eine Weile dort und müssen ein Haus bei dem aggressiven Ace Merrill (Paul Sparks, The Greatest Showman) mieten. Ungewollt geraten die beiden dadurch in einen Bandenkrieg zwischen ihm und Abdi Howlwadaag, einem farbigen Bauunternehmer, der Aces Kunden wegschnappt und den Iren Pop Merrill als seinen Nachfolger sieht. Während Annie im Krankenhaus an ihre Medikamente gegen Wahnvorstellungen heranzukommen versucht, lernt sie die Ärztin Nadia Howlwadaag (Yusra Warsama, Cold Feet) kennen, die sie in ihrer Not nicht anzeigt, sondern hilft. Doch nach einer verhängnisvollen Nacht, in der Annie eine Leiche beseitigen muss, erweckt sie etwas unter der Stadt, das lieber hätte weiter ruhen sollen.

Mit Annie Wilkes legt man sich besser nicht an

Originaltitel Castle Rock
Jahr 2019
Land USA
Episoden 10 in Staffel 2
Genre Horror, Mystery, Fantasy
Cast Annie Wilkes: Lizzy Caplan
John ‘Ace’ Merrill: Paul Sparks
Abdi Howlwadaag: Barkhad Abdi
Dr. Nadia Howlwadaag: Yusra Warsama
Reginald ‘Pop’ Merrill: Tim Robbins
Joy Wilkes: Elsie Fisher
Chris Merrill: Matthew Alan
Chance: Abby Corrigan
Veröffentlichung: 26. November 2020

Für ihre Rolle als Annie Wilkes gewann Kathy Bates in der Verfilmung Misery einen Oscar. Große Fußstapfen, in die Lizzy Caplan hier tritt, jedoch beweist sie schon nach der ersten Folge, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen ist und dass diese Frau nicht unterschätzt werden darf. Lügen, betrügen und morden stehen bei ihr auf der Tagesordnung. Und gerade weil sie unberechenbar ist, zieht sie die Blicke auf sich. Es bleibt schlicht immer wieder spannend, wie sie sich durch die größer werdende Katastrophe kämpft und dabei eine blutige Spur hinter sich herzieht. Manch dunkles, unerwartetes Geheimnis gerät dabei an die Oberfläche. Zur Freude der King-Leserschaft finden sich im Story-Verlauf der zweiten Staffel von Castle Rock sehr viele Elemente der Romanvorlage Sie ‒ Misery wieder. Allerdings in vielen neuen Gewändern, so dass Überraschungen vorprogrammiert sind.

Von Vampiren keine Spur, aber …

Ähnlich verhält es sich mit Jerusalem’s Lot (der Stadt aus dem Roman Brennen muss Salem), dem Nachbarort von Castle Rock, in dem nicht nur ein Bandenkrieg ausbricht, sondern noch eine unheimliche Gestalt aus den Tiefen emporsteigt. Nachdem Ace nämlich der guten Annie zu dicht auf die Pelle rückt, lernt er die Radieschen von unten kennen. Jedoch nur für sehr kurze Zeit. Was allerdings mit ihm genau passiert, lüftet sich nicht zu schnell, wodurch die schon spannungsgeladene Luft in der Stadt noch lange anhält. Viel eher sorgt sein neues Verhalten für noch mehr Zündstoff, was aber nur ein Element der Serie ausmacht. Während die erste Staffel nämlich handlungstechnisch sehr vor sich hin dümpelte, legt die zweite ein ordentliches Tempo vor, so dass keine Langeweile aufkommt. Viele verschiedene Erzählteile wie ein komplexes Familiensystem, eine psychopathische Krankenschwester mit blutiger Vergangenheit und eine dunkle auferstehende Macht fügen sich zu einer packenden Geschichte zusammen.

Die irische Mafia

Zwar nicht im ganz großen Stil, aber doch mit den bekannten Mitteln, herrscht der alte Pop Merrill über die Stadt. Doch seine Zeit läuft ab. Dass da die Gemüter hochschlagen, wenn der Alte an sein Vermächtnis geht, ist verständlich. Tim Robbins (Here and Now) verkörpert den alten Kriegsveteran mit so vielen Facetten, dass Zuschauende emotional hin- und hergerissen werden. Denn der charmante alte Haudegen beweist immer wieder seine liebevollen Seiten, vor allem, wenn es um seine Adoptivtochter Nadia geht. Allgemein funktionieren die Familiendramen, ob nun bei den Merriells oder Wilkes, da die Schauspieler durch die Bank ihre Figuren mit Leben füllen. Daher wird es mit zunehmender Folgenanzahl bei Castle Rock auch dramatischer, wenn die Anzahl der Toten bei passender musikalischer Begleitung in die Höhe geht. Schade nur, dass nach dieser Staffel keine weitere produziert wird, weswegen einige Handlungsfäden nun lose im Wind hängen bleiben. Stichwort: Henry Deaver.

Wenn Tim Robbins zurück ins Shawshank-Gefängnis geht

Während Sissy Spacek in der ersten Staffel Castle Rock ihr Comeback in einer Stephen King-Verfilmung feierte, folgt nun Die Verurteilten-Star Tim Robbins als alter Clan-Boss Pop. Wenn dieser also ins alte Shawshank-Gefängnis geht, dann fällt es einem wirklich schwer, nicht von einem brillant gesetzten Easteregg zu sprechen. Allgemein wirken die verschiedenen Elemente aus Geschichten von Stephen King hier von den Drehbuchautoren besser zusammengesetzt. Fans finden hier eine regelrechte Schatzkammer, in der es natürlich so ist, dass Annie mit ihrer Tochter im Haus 19 wohnt (Anspielung auf Der dunkle Turm), und Ace nicht nur irgendein böser Bube ist, sondern als Figur aus In einer kleinen Stadt ein neues Zuhause bekommt. Ähnlich wie Kater Church aus Friedhof der Kuscheltiere darf er zurückkehren ‒ und erinnert die Gestalt am Lagerfeuer nicht nur einmal an Randall Flagg, dem Dämon aus The Stand ‒ Das letzte Gefecht?

Fazit

Die zweite Staffel von Castle Rock besitzt so viele verschiedene, aber fast perfekt ineinander greifende Handlungsfäden, dass es von Anfang an spannend zur Sache geht. Annies Launen sind unberechenbar, weswegen nie klar ist, was sie als nächstes tun wird, und noch mehr, was sie bis zum Anfang der ersten Folge schon alles tat. Viele dunkle Geheimnisse warten hier auf uns und das eine oder andere bietet wirklich eine Überraschung. Pop Merrill und seine Familie wecken ebenso das Interesse, denn zum einen dauert es etwas, komplett durchzusteigen, wer da wie mit wem zusammenhängt, doch noch mehr bietet sich hier ein herzergreifendes Drama über Verrat, Liebe und Familie. Etwas nervig ist nur, dass die Stellen, in denen die Figuren Französisch oder Somali sprechen, nicht übersetzt sind. Und auch, dass der Fokus gegen Ende zu sehr auf Annie liegt, so dass Nadia und ihr Bruder mehr oder minder ohne richtigen Abschluss aus der Geschichte purzeln, hätte nicht sein dürfen. Dafür gibt es für Stephen King-Fans jede Menge Anspielungen. Unglücklich ist am Ende zudem, dass keine dritte Staffel folgen wird.


Veröffentlichung: 26. November 2020

 

Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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