Der Dunkle Turm (Band 1): Schwarz

Lesezeit: 8 Minuten

Manchmal fängt ein Abenteuer nicht einfach am Anfang an, sondern mittendrin. So beispielsweise auch bei Schwarz, welches den Auftakt der epischen achtbändigen Der Dunkle Turm-Buchreihe des Horrorautor-Bestsellers Stephen King (ES) bildet. In der Geschichte jagt der letzte Revolvermann einer sterbenden Welt einen Zauberer, der ihm Antworten auf den mysteriösen Dunklen Turm geben soll. Doch stellen sich dem Helden der Geschichte vielerlei Probleme entgegen: Dämonen, Mutanten und eine nie enden wollende Wüste sind nur ein Teil davon, denn noch mehr stellt sich die Frage, was es mit dem Jungen auf sich hat, der behauptet, in einer anderen Welt von eben diesem Zauberer umgebracht worden zu sein!

    

In einer Welt, die sich weiterbewegt hat, streift der Revolvermann Roland durch die Wüste und jagt seinen Erzfeind, den Mann in Schwarz, Walter O’Dim. Er muss diesen einholen und zur Rede stellen, denn sein wahres Ziel ist der Dunkle Turm, welcher der Schlüssel zu allem zu sein scheint. Doch Walter macht es seinem Verfolger nicht einfach: Er hat mehrere Stolpersteine für Roland hinterlassen. Einer davon befindet sich im am Rande der Wüste liegenden Ort Tull, wo der Revolvermann eine Pause einlegt. Während in den ersten Tagen noch alles ruhig verläuft, wird Roland am Tag seiner Abreise von der kompletten Stadt angegriffen. Bei seiner Gegenwehr lässt der schweigsame Held seine Revolver unentwegt sprechen, sodass sich am Ende ein blutiger Leichenpfad durch den nun leeren Ort zieht. Unbeirrt zieht der Revolvermann weiter; durch eine schier endlose Wüste. Kurz vor dem Zusammenbruch erreicht er eine verlassene Zwischenstation, wo er den Jungen Jack kennenlernt, welcher auch eine Verbindung zum Mann in Schwarz hat. Unter Hypnose erzählt das Kind, dass er in einer Stadt mit hohen Häusern auf dem Weg zu Schule von jemanden in schwarzer Kleidung auf die Straße gestoßen worden ist und dort von einem Auto überfahren wurde. Für Roland ist klar: Jack ist der Schlüssel, um seinen Feind endlich einzuholen.

“Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgt ihm.” (Kapitel 1, Satz 1)

Die Entstehungsgeschichte

Stephen King, der 1970 mit dem Schreiben an der Geschichte Der Revolvermann anfing, wurde erst 1978 damit fertig. In den darauf folgenden Jahren erschienen vier weitere Geschichten, die sich um Roland und seiner Jagd nach dem Mann in Schwarz drehten — diese Novellen wurden in der amerikanischen Zeitschriftenreihe Magazine of Fantasy & Science Fiction veröffentlicht. Es verwundert daher nicht, dass der im Jahre 1982 erstmals erschienen Band The Gunslinger als Ganzes betrachtet einige Schwächen vorzuweisen hat und sogar Fehler aufweist, wenn man die späteren Bände betrachtet. Der Autor gab selbst in Vorworten oder anderen Interviews zu, dass er damals noch nicht wusste, wohin die Reihe ihn bringen wird. Seine Grundidee war es schlicht, ein Westernsetting mit Fantasy zu vermischen. Es ist den Fans zu verdanken, dass sich King überhaupt noch in die Welt von Roland Deschain gewagt hat und es so zu den Folgebänden kam. Bedenkt jeder diese Entstehungsgeschichte, ist klar, warum Schwarz sich zwar wie der Beginn einer langen Reise anfühlt, er uns aber streckenweise nur einen Bruchteil von dem zeigt, was uns erwartet. Einiges davon hat King selbst im Jahre 2003 verbessert, damit sich der Storyabschnitt zu den anderen Bänden besser einfügt. Unser Review widmet sich der vollständig überarbeiteten und erweiterten Fassung, die erstmals 2003 beim Heyne Verlag erschienen ist. Trotz der Änderungen ist jedoch eine große Schwäche geblieben: Zu viele offene Fragen für einen Reihenauftakt.

Die etwas andere Fantasygeschichte

Im Verlauf der Geschichte hat man das Gefühl, nach und nach eine Matroschka aufzumachen. Jede neue Figur steht für ein weiteres Element, welches der Welt von Roland hinzugefügt wird. Anfangs hat der Leser das Gefühl, in einem Western gelandet zu sein. Man kann regelrecht den Staub schmecken und sich vorstellen, wie der knochige Hund Roland die Zähne zusammenbeißt, um die Wüste zu durchqueren. Warum genau er seinen Kontrahenten verfolgt, bleibt lange Zeit im Ungewissen. Doch dass es sich bei dem Mann in Schwarz um eine bösen Buben handelt, erfährt der Beobachter bereits anhand seines düsteren Wirkens in Tull, durch welches die ersten magischen Elemente der Handlung hinzugefügt werden. Hierbei spielt King meisterhaft auf der Klaviatur des Grauens. Spätestens durch das Auftauchen von Jack und seinen Erlebnissen ist klar: Schwarz ist nicht der Auftakt einer klassische Fantasygeschichte. Vielmehr vermischen sich hier gekonnt die verschiedensten Zutaten zu einem noch nie dagewesenen Setting. Denn Jack ist nicht einfach durch einen Zauber in Rolands Welt gelangt. Nein, die Figur musste sterben, um so in der Zwischenstation zu landen.

Die Rückblicke

Originaltitel The Dark Tower: The Gunslinger
Ursprungsland USA
Jahr 1982
Typ Roman
Bände 1 / 8
Genre Western, Fantasy
Autor Stephen King
Verlag Heyne

Weil Roland in der ersten Geschichte eher schlicht charakterisiert wird, fällt es dem Leser schwer, große Sympathien aufzubauen. Er ist schweigsam und ein ziemlich zäher Hund, den nichts so schnell umhaut. Doch fehlt es ihm an positiven Eigenschaften, welche erst dann zum Vorschein kommen, wenn er auf Jack trifft. So beschützt der Revolvermann den Jungen, jedoch nicht ganz uneigennützig. Der Reisende aus einer anderen Welt ist der Schlüssel, um den Mann in Schwarz einzuholen. Dass ein Blutpreis bezahlt werden muss, zwingt Roland zu einem inneren Konflikt, der sich dem Leser nicht ganz eröffnet: Denn was genau ist der Dunkle Turm, den unser Held um alles auf der Welt erreichen möchte? Warum kann Walter ihm auf diesen Weg von Nutzen sein? Viele Fragen, auf die es nur teilweise klare Antworten gibt. Die Rückblicke, die wir dadurch bekommen, dass Jack Fragen stellt, gewähren uns kleine Einblicke in eine andere Zeit. Eine Zeit, als unser Held noch jünger war und er in einer Stadt lebte, die Gilead heißt. Als er Freunde hatte und sich seine Revolver in einem spanenden Duell gegen seinen Lehrmeister verdienen musste. Hier lernen wir dann auch Marten kennen, hinter dem sich Walter verbirgt und der sich den Hass von Roland zuzieht, was das hinterhältige Wiesel zu Recht verdient.   Die Erzählungen des Helden sind gespickt mit Andeutungen auf andere Ereignisse, die in späteren Dunkle Turm-Bänden erzählt werden. Daher muss sich der Leser in diesem Band damit abfinden, darüber im Unklaren zu bleiben, was es genau mit John Farson, Susan und dem Untergang Gileads auf sich hat. Fans, die den Band erneut lesen, werden bei den Anspielungen ihre Freude haben. Vor allem, weil es sogar Hinweise auf das Ende der Reise gibt, wenn man aufmerksam verfolgt, was Walter zu Roland sagt.

Das kryptische Finale

Dass Roland den Mann in Schwarz erwischt, steht außer Frage. Allerdings bleibt noch offen, wie und um welchen Preis es dazu kommen wird. Die Spannungskurve zieht daher unentwegt an, desto mehr das ungleiche Gespann sich dem Feind nähert und dem Leser fällt es immer schwerer, die Geschichte noch zur Seite zu legen. Gerade weil die Gefahren, welche auf die beiden lauern, nicht ohne sind und es nicht immer nur damit getan ist, seine Schusswaffen zu benutzen. So trifft Roland auf ein Orakel in Form eines Sukkubus, das ihm eine Prophezeiung mit auf dem Weg gibt, wofür Roland — der Natur dieses Wesens entsprechend — mit sexuellen Diensten bezahlen muss. Die Worte, die unser Held mit auf dem Weg bekommt, sollte jeder sich übrigens gut merken, da es Hinweise auf die Abenteuer im zweiten Band Drei sind.

Als es dann endlich zur finalen Gegenüberstellung kommt, präsentiert King die erschreckende Lösung und Antworten, die einen beim ersten Lesen nicht unbedingt weiter bringen. Immerhin: Wir sind etwas schlauer, was es mit dem Dunklen Turm auf sich hat. Aber nur etwas!

Von Dingen, die sich weiterbewegt haben und dem Ka

Was wäre eine Fantasystory ohne seine eigene Sprache! Ob nun Herr der Ringe oder Harry Potter, auch der Dunkle Turm bringt seine eigenen Wörter mit sich, die in der Geschichte als Hohe Sprache betitelt werden. So Spricht Roland oft vom Ka, was mit dem Wort Schicksal gleichzustellen ist. Anfangs kann man sich einige Redewendungen — z.B. Die Welt hat sich weiterbewegt — und Begriffe nicht einfach merken oder verstehen, doch sie bringen auch das Gefühl mit, wirklich in eine andere Welt einzutauchen. Stephen King hat die Sorgfalt walten lassen, auch die restliche Sprache so anzupassen, dass das Gefühl geweckt wird, keine seiner anderen Geschichten, wie The Stand oder Christine, zu lesen. Das ist am Anfang sehr ungewohnt und nicht für jeden Kingkenner und Fan etwas, während hingegen Leser, die noch keinen Kontakt mit dem Horrorautor hatten, sich an den Änderungen nicht stören werden.

Auszug aus dem Orakeldialog:
„Wir sehen nur zum Teil, solchermaßen ist der Spiegel der Weissagung verdunkelt“
Erzähl mir, was du kannst.
„Der Erste ist jung und dunkelhaarig. Er steht am Rand von Raub und Mord. Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen. Der Name des Dämons in HEROIN.“
Was ist das für ein Dämon? Ich kenne ihn nicht, nicht einmal aus dem Unterricht meines Lehrers.
„Wir sehen nur zum Teil, solchermaßen es der Spiegel der Weissagung verdunkelt“ Es gibt andere Welten, Revolvermann, und andere Dämonen. Diese Gewässer sind Tief. Achte auf die Türen. Achte auf die Rosen und die gefundenen Türen. (Kapitel 3, Seite 188)

Es wäre gelogen, würde ich sagen, dass es Liebe nach der ersten Seite war. Im Gegenteil! Mein über zehn Jahre jüngeres Ich musste sich ein wenig durchkämpfen — wie Roland in Tull. Doch wie so oft im Leben wird das Durchhalten belohnt. Schwarz ist nämlich der Auftakt zu einer und mehreren Welten, die ich seit damals nicht mehr verlassen habe. Ab dem Moment, in dem Roland auf Jack trifft, war es um mich geschehen und ich konnte den Band nicht mehr weglegen. Für dieses Review habe ich mir Rolands Auftakt erneut zur Hand genommen und diesmal rutschte ich von Anfang an nur so durch die Geschehnisse. Dazu muss man jedoch sagen, dass ich mittlerweile das große Ganze im Blick habe und die Anspielungen alle verstehe. Alleine das Orakel ist himmlisch für mich, denn ihre Worte lassen mich darauf freuen, was im nächsten Band passieren wird. Doch noch immer sehe ich auch die Schwächen, die neue Leser erwarten. So hat es mich damals schon genervt, wie wenig über den eigentlichen Zielort — den Dunklen Turm— durchsickert und vor allem, was einen beim Aufeinandertreffen von Roland und Walter erwartet: Mal ehrlich, der Typ hat den Tod verdient, im Gegensatz zu Jack, dessen letzte Worte „Dann geh. Es gibt andere als diese Welten“ mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Stattdessen unterhalten sich die beiden Kontrahenten nur und das, was Walter zu erzählen hat, ist nicht das, was unbedingt erwartet wird. Ich weiß noch, wie verwirrt ich damals war und daher auch gleich zum nächsten Band gegriffen habe, um meinen Wissensdurst zu stillen. Das erneute Lesen macht Spaß, denn man kann hinter die Erklärungen wie hinter einen Vorhang blicken — gewisse Dinge ergeben leider nur Sinn, wenn man das Ende vom letzten Band kennt.  Ich bin kein großer Westernfan, trotzdem gefällt mir die Welt, die Stephen King hier erschaffen hat. Auch Roland ist eine Figur, die mir von Anfang an zugesagt und der ich meine Däumchen bei seinen Abenteuern drücke. Was Jack anbelangt, so finde ich es angenehm, dass er kein verweichlichtes Kind ist. Im Gegenteil, er denkt mit, stellt die richtigen Fragen und kämpft gegen sein Schicksal an. Ich kann daher gar nicht anders, als ihn genauso wie Roland ins Herz zu schließen. Schwarz ist nicht der perfekte Einstieg, aber er weckt Interesse auf mehr. Zum Abschluss bleibt mir nur nach Rolands Art in der Hohen Sprache zu sagen: Lange Tage und angenehme Nächte. Bis zum nächsten Band.

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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Ich selber lese die Bücher zwar nicht, aber es macht unheimlich viel Spaß, dir beim Lesen zuzuschauen und deine Reaktionen zu beobachten. 😉