Castle Rock (Staffel 1)

In den letzten Jahren herrschte ein regelrechter Boom, was Stephen King-Verfilmungen angeht. Neben der Neuauflage von ES, Friedhof der Kuscheltiere und der Fortsetzung des Shining-Klassikers Doctor Sleeps Erwachen gibt es auch im Serienbereich kein Halten. Einen ungewöhnlichen Stand hat dabei die Serie Castle Rock. Das Autorenduo Sam Shaw und Dustin Thomason entschied sich nämlich dafür, keine Geschichte des Horrorkönigs einzeln umzusetzen, sondern viel eher viele seiner Elemente in einen Topf zu werfen, kräftig zu rühren und etwas ganz Neues zu schaffen. Mit im Boot hockt J. J. Abrams als Produzent, der nicht nur Star Treck zurück auf die Kinoleinwand brachte, sondern mit der Serie 11.22.63 – Der Anschlag seine erste King-Erfahrung machte. Seit dem 31. Oktober 2019 ist die komplette erste Staffel hierzulande auf Disk erhältlich.

     

1991: Es herrscht Winter in der Umgebung der kleinen Stadt Castle Rock. Elf Tage zuvor verschwand der 12-jährige Henry Deaver, Adoptivsohn von Reverend Matthew Deaver (Adam Rothenberg) und seiner Frau Ruth (Sissy Spacek, Bloodline), spurlos. Nach einer rekordverdächtigen kalten Nacht findet Sheriff Alan Pangborn (Scott Glenn, Marvel’s The Defenders) den Jungen, seltsamerweise ohne Erfrierungen, dafür mit Gedächtnisverlust. Passend, denn während Henry verschwunden war, verstarb sein Vater an schweren Verletzungen. Für die Leute im Ort ist klar, dass der junge Farbige der Schuldige ist. Ihm kann allerdings niemand etwas nachweisen.

2018: Für den Direktor Dale Lacy (Terry O’Quinn, The Blacklist: Redemption) beginnt sein letzter Arbeitstag im Shawshank Gefängnis. Doch anstatt zur Arbeit zu fahren, biegt er zum Castle Lake ab, um sich dort mit seinem Wagen in den See zu stürzen. Für seine Nachfolgerin Theresa Porter (Ann Cusack, Mr. Mercedes) ein Skandal. Doch ihren großen Plänen soll das nicht in die Quere kommen, denn sie plant den leerstehenden Flügel des Gebäudes endlich wieder in Betrieb zu nehmen. Sie schickt daher den jungen Wärter Dennis Zalewski (Noel Fisher, The Long Road Home) los, sich dort umzusehen. Was dieser allerdings vorfindet, kann kaum einer glauben: In einem wassertankähnlichen Gewölbe hielt Lacy einen jungen Mann (Bill Skarsgård, ES) gefangen. Bei der Befragung gibt dieser zu Protokoll, dass sein Name Henny Deaver lautet. Das kann nicht stimmen, denn der wahre Henry (André Holland, Moonlight) arbeitet als Anwalt im Bundesstaat Texas …

Willkommen im mysteriösen Castle Rock

Originaltitel Castle Rock
Jahr 2018
Land USA
Episoden 10 in Staffel 1
Genre Horror, Mystery, Fantasy
Cast Henry Deaver: André Holland
namenloser Gefangener: Bill Skarsgård
Molly Strand: Melanie Lynskey
Jackie Torrance: Jane Levy
Ruth Deaver: Sissy Spacek
Alan Pangborn: Scott Glenn
Dale Lacy: Terry O’Quinn
Dennis Zalewski: Noel Fisher
Reverend Matthew Deaver: Adam Rothenberg

Die Weichen für eine interessante Erzählung stellt Castle Rock bereits mit der ersten Folge. Ein verschwundener Junge, der auf seltsame Art und Weise zurückkehrt. Ein Gefängnisdirektor, der sich nicht nur mit dem Wagen in den See stürzt, sondern sich dabei auch den Kopf durch einen Strick abreißen lässt und zum krönenden Abschluss der seltsame junge Mann in dem Käfig. Doch einer Stephen King-Geschichte ähnlich, setzen die nachfolgenden Episoden erst einmal vermehrt auf die Vorstellung der unterschiedlichen Charaktere. Die eigentliche (teils blutige) Handlung schreitet nur sehr langsam voran. Wobei diese sich in zwei attraktive, mysteriöse Stränge aufteilt. Zum einen geht es darum, was damals, 1991, passierte und zum anderen steht dem das Rätsel um den jungen Mann gegenüber. Immer wieder springt die Geschichte zwischen den Zeiten hin und her und gerade Henrys fehlende Erinnerungen kommen erst nach und nach zurück. Das Konzept klingt interessant, geht allerdings nicht vollständig auf, da es ihm an Kontinuität fehlt.

Der verbohrte Anwalt sucht seine Erinnerungen

Der von Gerechtigkeit besessene Henry Deaver kehrt nicht gerade begeistert zurück in seine Heimatstadt, was wir nachvollziehen können. Noch weniger angetan ist er von der Beziehung seiner Mutter Ruth (liebevoll gespielt von der Carrie – Des Satans jüngste Tochter-Darstellerin Sissy Spacek) und dem ehemaligen Sheriff Alan Pangborn. Er feindet den ehemaligen Polizisten sogar aggressiv an, was sich für uns Zuschauer nicht ganz so nachvollziehbar darstellt. Ein wenig Licht kommt auch hier langsam ins Dunkel, wenn wir erfahren, dass Henry auf seinen streng gläubigen Vater Matthew setzt. Dieses Bild wankt jedoch im Laufe der Serie, sodass sich Henrys Verhalten langsam verändert und wir Teil einer glaubwürdigen Charakterentwicklung werden. Der engagierte Anwalt wirkt schon von Anfang an durch sein Verhalten nur allzu menschlich, was ihn zu einem greifbaren Charakter macht. Damit steht er nicht alleine, denn eine Vielzahl ausgearbeiteter Figuren bevölkert die kleine Stadt, wie zum Beispiel Alan und Ruth, die ein liebenswertes altes Paar abgeben.

Mehr als nur so ein Gefühl

Um dem Geheimnis von früher auf die Schliche zu kommen, bedarf es des Wissens von Molly Stand. Die ehemalige Nachbarin und Immobilienmaklerin ist nur nicht gerade die Normalität in Person. Jedenfalls nicht zu Beginn, wo ihr komplettes Verhalten einige anregende Rätsel aufgibt. Als Molly Henry zum Beispiel zurück in der Stadt sieht, bricht sie in Panik aus, nimmt Drogen und hockt mit Sonnenbrille in einer Bar. Zum Glück für uns wartet die Serie nicht allzu lange mit Erklärungen. So besitzt Molly eine Gabe, wodurch sie die Gefühle und Gedanken anderer Leute empfangen kann. Henry nimmt dabei einen Sonderstatus ein, weswegen auch logisch klar wird, warum sich die junge Molly wie eine Stalkerin verhielt. In puncto Entführung schockt uns eine Enthüllung von Castle Rock regelrecht, denn die junge Molly brachte den Pastor der Stadt damals um. Aber ganz so einfach ist die Sache dann schlussendlich doch nicht. Sehr interessant gestaltet sich die Beziehung zu Henry, welche komplex und nicht klischeehaft verläuft.

Freiraum für Interpretation

Je mehr Folgen vergehen, desto klarer werden einige Dinge. Doch von glasklar kann nicht immer die Rede sein: Gerade in Bezug auf den jungen unbekannten Mann spielt das Drehbuch bis zum Ende ein fieses Spiel. Bill Skarsgård verkörpert brillant den schweigsamen Namenlosen, sodass wir immer wieder zwischen Grusel und Mitgefühl hin und hergerissen sind. Irgendetwas ist an dieser Figur auf jeden Fall dran, denn egal wo er auftaucht, dort sterben Leute. Sein Verhalten gegenüber Henry gestaltet sich auch als mysteriös. Er spricht Dinge an, die seinem Anwalt auf die Sprünge helfen und scheint viel über den ehemaligen Pastor zu wissen. Doch natürlich bleiben diese Hinweise schön vage, sodass die Serie bis zur vorletzten Folge wartet, um uns eine große verwirrende Erklärung zu liefern. Denn dürfen wir wirklich glauben, dass der unbekannte junge Mann aus einer anderen Welt stammt und ebenso Henry Deaver heißt? Oder hat sich dieser mordende Teufel nur eine Geschichte ausgedacht? Leider bleiben uns die Autoren eine genaue Antwort schuldig.

Anspielungswahnsinn

Schon im Intro verstecken sich allerlei Anspielungen, die auf anderen King-Werke hinweisen und das ist wortwörtlich nur der Anfang. Eine regelrechte Schatztruhe öffnet sich mit Castle Rock, bei der Kenner des Horrorkönigs ihre wahre Freude haben werden und sich nach und nach als eines der Standbeine der Serie etabliert. So reden die Leute über einen psychopatischen Hund (Cujo), das Shawshank- Gefängnis stammt aus der Novelle Pin Up, bzw. der Verfilmung Die Verurteilten, die Anwohner finden eine Leiche bei den Gleisen in den 60ern (Die Leiche alias Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers) und die Juniper Hill-Psychiatrie kennen wir als Schauplatz in ES, denn dort saß Henry Bowers ein. Wenn Alan Pangborn dann noch einen toten Hund ausgräbt, um nachzuschauen, ob dieser nicht wieder auferstanden ist, müssen wir unweigerlich an Friedhof der Kuscheltiere denken. Manche dieser Hinweise sind sehr offensichtlich, denn so nennt sich Mollys Assistentin Jackie Torrance. Eine Anlehnung an ihren Onkel, der in einem Ski-Resort seine Familie mit einer umzubringen versuchte (Shining), andere widerum sind sehr dezent, weswegen sich ein mehrmaliges Anschauen anbietet.

Das Universum von Stephen King

Neben vielen Anspielungen packten die Drehbuchautoren auch größere Elemente aus Kings-Werken in die Geschichte. Schon zu Beginn erinnert die Stadt Castle Rock mit ihren vielen seltsamen Morden an Derry, die Heimatstadt von Pennywise. Mit Alan Pangborn spielt sogar eine Figur mit, die direkt aus zwei der Castle-Rock-Trilogie-Büchern stammt: In einer kleinen Stadt und Stark. Doch gerade das Finale dürfte für Anhänger der Buchreihe Der Dunkle Turm einleuchtender sein, da die beiden Drehbuchautoren ein zentrales Thema einbauten: Das Multiversum. So erklärt sich, dass es bei dem Ort im Wald, der die seltsamen Klanggeräusche von sich gibt, um eine sogenannte Schwachstelle handelt. Eine Art Portal, durch das die zwei Henrys die Welten wechselten. Jedoch bleibt offen, ob sich beide dabei etwas einfingen, weswegen die Leute in ihrer Umgebung beginnen, das Leben anderer zu nehmen. Ob die zweite Staffel darauf eine genaue Antwort liefert, bleibt abzuwarten, denn Castle Rock ist als Anthologie-Serie konzipiert, bei der jede Staffel neue Figuren einführt.

Fazit

Die erste Staffel Castle Rock und ich wurden nicht so ganz warm miteinander. Für mich spielt das Drehbuch seine kreativen Ideen und Stärken zu wenig aus, denn immer wieder hatte ich das Gefühl, die Autoren behandeln ihre Handlung zu nebensächlich. Wenn es dann auch einmal richtig spannend wird, verpufft der packende Moment regelrecht wieder, was sehr schade ist. Eine konstantere Spannungskurve wäre mir lieber. Das Ende selbst stellt dann auch so ein Thema dar. Darüber hinaus sind es die Figuren, mit denen ich lange Probleme hatte. Dabei geht mir Henry zu aggressiv gegen Alan vor, dann noch die seltsame Molly und der unbekannte schweigsame Mann. Einzig Ruth schloss ich schnell ins Herz und ich bin begeistert, wie kreativ hier die Darstellung von Alzheimer gelingt. Wobei es für mich offen bleibt, ob sie nicht doch durch die Sache im Wald durch die Zeit reist. Vor allem ihrem Schachspiel bringe ich sehr viel Liebe entgegen, denn es sind Wikingerfiguren und anstatt schwarzer Figuren gibt es blutrote. Da muss ich ja automatisch an den Scharlachroten König (Der Dunkle Turm) denken. Als Leserin von Stephen King finde ich die vielen Anspielungen natürlich klasse. Ich musste schon lachen, als Jackie die Sachen von ihrem Onkel erzählt und das in einem netten Plauderton, als sei nichts dabei. Schauspielerisch kann ich mich ebenso nicht beklagen. Gerade ein Blick von Bill Skarsgård reicht, um Gänsehaut zu verpassen. Insgesamt bleibt die erste Staffel Castle Rock unglücklicherweise hinter meinen Erwartungen zurück, doch der Fortsetzung werde ich eine Chance geben.

© Warner Home Video

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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