11.22.63 – Der Anschlag

Lesezeit: 9 Minuten

Wenn du die Möglichkeit hättest, durch eine Zeitreise in der Vergangenheit ein Ereignis umzuändern, was würdest du ändern wollen? Stephen King (ES) stellte sich dieser Frage und kam zu dem Schluss, dass es für ihn das Attentat auf den Präsidenten John F. Kennedy ist. Seine Idee aus dem Jahre 1972 setzte er 2011 in den Roman Der Anschlag um. 2016 wurde die Geschichte von Bridget Carpenter (Westworld) und J.J. Abrams (Mission: Impossible – Fallout) für die amerikanische Video-on-Demand-Plattform Hulu in eine acht Folgen umfassende Kurzserie umgesetzt. Der Titel der Serie 11.22.63 stellt dabei das englisch geschriebene Datum dar, an welchem das Attentat stattfand. In die Hauptrolle schlüpfte James Franco (Planet der Affen: Prevolution), der ursprünglich selbst den Roman umsetzen wollte, aber zu spät dran war, weil der Zuschlag bereits an J.J.Abrams gegangen war. Der Erfolg der Serie zog nach sich, dass Hulu die Serie Castle Rock in Auftrag gab. Welche Auswirkungen es wohl haben wird, diesen amerikanischen Schicksalstag zu verändern? Um das zu klären, heißt es ab in die wilden 60er Jahre zu coolen Autos, besserem Essen und wilden Tanzparties!

      

Jake Eppings Leben verläuft alles andere als rosig. Als Englischlehrer an der High-School in Lisbon im Bundesstaat Maine kann er dem gehandicapten Harry Dunning (Leon Rippy, Under the Dome) zwar zu einem Abschluss, aber nicht zu einem besseren Job verhelfen. Als Jake daher geknickt im Stammdiner seines alten Freundes Al Templeton (Chris Cooper, Die Bourne Identität) sitzt, überrascht ihn seine Noch-Ehefrau mit den Scheidungspapieren. Während Jake für gerade einmal zwei Minuten das Gespräch mit Al unterbricht, um mit seiner Frau die Sache zu bereden, wird aus seinem vitalen Freund ein gebrechliches Häufchen Elend. Jake ist geschockt, denn der Diner-Besitzer erklärt ihm, dass er Krebs hat. Doch das ist nicht die größte Überraschung: Im Vorratsschrank in der Küche befindet sich ein Zeitportal, das einen zurück an den Tag des 21. Oktober 1960 bringt. Da Al keine Zeit mehr bleibt, verlangt er von Jake, dass dieser seine Mission übernimmt, die Vergangenheit zu ändern. Er soll zurückreisen und verhindern, dass am 22. November 1963 Präsident John F. Kennedy erschossen wird.

Der Kaninchenbau

Das Zeitportal, das Al liebevoll den Kaninchenbau nennt, bringt einige Bedingungen mit sich. Es ist egal, wann hindurch gegangen wird, der Reisende gelangt immer zum selben Tag, zur selben Uhrzeit und zum gleichen Ort — dem Standort des Diners am 21.Oktober 1960 um 11:58 Uhr Ortszeit. Also mehr als drei Jahre bevor das Attentat stattfindet. Viel Zeit, um herauszubekommen, wer damals wirklich die Fäden in den Händen hielt. Da der Schütze Lee Harvey Oswald, hier grandios gespielt von Daniel Webber (Marvel’s The Punisher), kurz nach der Tat ermordet wurde, ranken sich die wildesten Gerüchte um diesen Tag. Um dieses geschichtliche Mysterium baut sich eine packende Spannung auf, die sich zwar nur langsam, aber stetig über die Folgen hinweg entwickelt. Jake könnte Lee zwar recht einfach aus dem Weg räumen, doch ist er kein eiskalter Killer, sondern ein Mensch mit Werten und einem Gewissen. Daher setzt er sich an die Fährte des zukünftigen Attentäters, um so herauszufinden, ob nicht doch die CIA der wahre Täter ist. Schließlich umgibt sich Lee ständig mit dem dubiosen George de Mohrenschildt (Jonny Coyne, Preacher). Praktischerweise hat Al schon einiges an Vorarbeit geleistet, sodass Jake einen Wissensvorsprung hat. Dem Zuschauer wird hierdurch langwierige Recherchearbeit erspart, was dazu führt, dass es hier und da schnell voran geht. So weiß Jake von bestimmten Treffen, die es zu beschatten gilt, oder Wohnortwechseln, die nicht verpasst werden dürfen.

Die Vergangenheit wehrt sich

Doch zu einfach soll es dem Hauptcharakter nicht gemacht werden. Die Vergangenheit mag es nämlich so gar nicht, wenn ihr jemand ins Handwerk pfuscht. Jedes Mal, wenn Jake etwas verändern möchte, passiert etwas, das ihn aufhalten soll. Die Spannungskurve zieht gerade dann immer an, denn hier ist wirklich alles möglich. Von Magenproblemen bis hin zu einem Brand in einer seiner Unterkünfte — Jake hat einen gefährlichen Gegner. Unser Englischlehrer hat zwar die Möglichkeit, das Zeitportal erneut zu benutzen, doch ist auch hieran eine Bedingung geknüpft: Sobald Jake im Jahre 2016 wieder durch den Tunnel geht, werden alle vorangegangenen Taten gelöscht. Trotzdem fragt sich der Zuschauer nicht nur einmal, warum er nach einem schweren Fehler nicht einfach von vorne anfängt. In Stephen Kings Roman wählt Jake nämlich den Resetknopf ein paar Mal, doch die Skriptschreiber entschieden sich, wegen der wenigen Folgen, dagegen. Leider fehlt eine Begründung, warum der Serien-Jake diese Option nicht ausnutzt. Vor allem da — egal wie lange unser Englischlehrer in der Vergangenheit bleibt — in seiner Zeitlinie nur zwei Minuten vergehen. Genug Zeit also, um verschiedene Möglichkeiten durchzugehen und sein Glück erneut zu probieren.

Die Liebe des Lebens

Originaltitel 11.22.63
Jahr 2016
Episoden 8 (in 1 Staffel)
Genre Mystery, Science-Fiction, Drama
Cast Jake Epping: James Franco
Sadie Dunhill: Sarah Gadon
Marina Oswald: Lucy Fry
Bill Turcotte: George MacKay
Lee Harvey Oswald: Daniel Webber
Al Templeton: Chris Cooper
Frank Dunning: Josh Duhamel
Johnny Clayton : T. R. Knight
Mia Mimi Corcoran: Tonya Pinkins
Yellow Card Man: Kevin J. O’Connor

Während Jake Leute bespitzelt, versucht Geld zu verdienen — ein Hoch auf Als schlaues Buch der Wetten — und schlicht versucht am Leben zu bleiben, trifft er die Liebe seines Lebens in Form der schönen Bibliothekarin Sadie Dunhill (Sarah Gadon, Letterkenny). Sich mit der Vergangenheit einzulassen scheint keine gute Idee zu sein, und auch Jake versucht hier einen Balanceakt hinzubekommen, bei dem der Zuschauer weiß, dass es über kurz oder lang Probleme geben wird. Zum einen steht da eine wichtige Mission zwischen den beiden, aber noch mehr Sadies Ex-Mann Johnny Clayton (T.R. Knight). Im mittleren Verlauf der Handlung gerät daher das eigentlich Ziel etwas in den Hintergrund, da Gefühle nun einmal nicht abzustellen sind. Das erfordert einen längeren Atem, jedoch wird der Zuschauer belohnt, indem hier ein psychologisch düsterer Höhepunkt geliefert wird. Neben Sadie lernen wir noch weitere Figuren dieser Zeit kennen. Angenehm ist, dass sie alle mit genug Leben gefüllt werden, sodass trotz der wenigen Folgen ein stimmiges Bild der Zeit geschaffen wird. Im Gegensatz zum Roman wurden zwei Figuren mit mehr Screentime belohnt. Der eine ist Bill (George MacKay, Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück), ein junger Mann, den Jake als Einzigen darüber einweiht, dass er ein Zeitreisender ist, und Marina Oswald (Lucy Fry, Bright), die durch ihren Ehemann viele Sorgen hat.

Eine andere Zeit

11.22.63 bietet dem Zuschauer die Gelegenheit, zurück in die 60er zu kehren. Die Macher der Serie haben sich dabei viel Mühe gegeben, um das Feeling dieser Zeit rüberzubringen. So muss sich Jake neu einkleiden und sich von seinem wilden Gesichtsbewuchs in Form eines grauenvollen Bartes trennen. Danke dafür, denn James Franco sieht so um einiges charmanter aus. Für Oldtimer-Liebhaber wird es auf den Straßen viel Schönes zu erblicken geben. Selbst Jake kann nicht widerstehen und kauft sich ein besonders schönes Modell, was jedoch nicht gerade unauffällig ist. Trotz der positiven Dinge verzichtet die Serie nicht darauf, auch die negativen Eigenheiten zu zeigen. Rassismus ist noch immer an der Tagesordnung, etwas, das Jake abgrundtief wütend macht und ihm nicht nur einmal die Sympathien seiner Zuschauer einbringt. Er wird regelrecht angefeuert, als er einem Tankwart die Meinung sagt, nachdem dieser der schwarzen Sekretärin seiner neuen Schule Mia Mimi Corcoran (Tonya Pinkins, Gotham) den Sprit verweigert.

Der Butterfly-Effekt

Über alledem schwebt eine große Frage im Raum: Was passiert überhaupt, wenn Jake das Attentat verhindern kann? Zeitreisejunkies werden von Anfang an verschiedene Möglichkeiten in Betracht ziehen, und 11.22.63 macht hier keine Ausnahme, indem es uns die neue Zukunft vorenthält. Jedoch ist erst einmal wichtig, dass Jake sein Ziel erreicht. In einer brillant inszenierten Folge wird auf nervenzerreibende Art geschichtlich sehr genau dargestellt, wie der Schicksalstag in Dallas verlaufen ist. Hierbei hält sich das Script auch an Stephen Kings Lösung, dass Lee ein Einzeltäter ist. Während Jake es schafft, Lee vom zweiten tödlichen Schuss abzubringen, müssen wir uns leider auf traurige Weise von Sadie verabschieden. Sie bekommt einen Schuss ab, womit sich die Vergangenheit ihr Opfer holt. Es fühlt sich daher kaum wie ein Erfolg an und noch weniger, als Jake im Jahre 2016 sieht, was passiert ist: Seine Heimatstadt liegt in Trümmern und an einer der Mauern lässt sich sogar erkennen, dass jemand den Namen der Seuche Captain Trips aus The Stand – Das letzte Gefecht dran geschrieben hat. Die Zukunft hat sich leider, wie von Al erhofft, nicht zum Besseren wenden lassen. Klar, dass Jake dieses eine Mal den Resetknopf drückt. Da so nun alles wieder beim Alten ist, bleibt noch eine Frage: Was geschieht mit der Liebe? Hier präsentiert 11.22.63 eine, wenn auch traurige, aber logische Lösung. Jake kehrt in seine Zeit zurück und besucht die alte Sadie bei einer Veranstaltung. Der letzte Tanz der beiden wird wunderbar mit dem Song „Nothing Can Change This Love“ untermalt.  Ein schönes emotionales Ende, das zu diesem Zeitreisedrama passt.

Von Stand by me…

Für King-Geeks ist die Serie ein wahres Schlaraffenland, denn hier tummeln sich große und kleine Anspielungen auf andere Werke des Horror-Autors. Dass Sadies Ex-Mann ein Psycho ist, hätte man sich von Anfang an denken müssen, denn er fährt einen 1958er Plymouth Fury mit rot/weißer Speziallackierung, besser bekannt als Christine. Als Jake sich einen neuen Haarschnitt verpasst, besucht er Mr. Baumer (Love) oder die Geschäfte Blue Ribbon Laundry aus Carrie und Yoder’s Five-and-Dime Store aus Die Arena alias Under the Dome. Einige Anspielungen sind sehr dezent, so wie das REDRUM Graffiti aus Shining oder Randal Flagg (The Stand – das letzte Gefecht) auf dem Fahrrad in der Parade in Dallas. Auch auf sprachliche Zitate kann ein Fan sich hier freuen, so auf den aus Sie bekannten Spruch: „Sagen sie ihm ich bin sein Nummer eins Fan!“ („Tell him I’m his Number One Fan!“). Selbst der Song „Stand By Me“ wurde hier neu eingesungen von Laura Gibson, da eine der beliebtesten King-Verfilmungen diesen Namen trägt. Wer den Instagram Account von Hulu besucht, wird dort ein aus zwölf Einzelbildern zusammengesetztes Werbebild zu 11.22.63 finden. In diesem sind verschiedene Anspielungen auf King-Werke (Pennywise hockt im Gulli, ein Eimer mit Blut für Carrie…) und auf den Inhalt der Serie versteckt. Eine nette Idee, die zum Suchen einlädt und wunderbar auf die Serie einstimmt.

…bis hin zum Dunklen Turm

Um den Dunklen Turm kommt auch diese Serie nicht drum herum: Das Wort „Char“ (übersetzt Tod) aus der hohen Sprache ist hier in einen Gürtel eingeritzt, was den Fans einen Hinweis auf das Schicksal der Figur gibt. Eine Gegenverlinkung gibt es im letzten Band der Romanreihe: In Der Turm findet Jake Chambers eine Tür, die mit diesem Datum und dem Ort Dallas markiert ist; auch im Dunklen-Turm-Zyklus gibt es also ein Portal, das in diese Zeit führt, womit der Kaninchenbau nicht das Einzige ist. Während viel hinzugefügt worden ist, wurde jedoch umgeändert, dass Jakes Reise ihn nach Derry führt, wo er im Roman auf zwei Charaktere aus Es trifft. Das ist zwar schade, aber bei all den anderen Anspielung zu verkraften.

Fazit

Das Schöne an der Serie ist, dass die Handlung von 11.22.63 perfekt auf die acht Folgen angepasst ist. Ich hatte daher nie das Gefühl, dass noch mehr Zeit von Nöten gewesen wäre. Im Gegenteil, in der Mitte hätte man hier und da auch etwas schneller erzählen können. Die Serie verliert sich da in meinen Augen etwas zu sehr in dem Charakterdrama, was mir im Ganzen gefällt, aber sich zu viel Zeit nimmt. Da finde ich den Anfang und das Ende dann doch packender. Gerade Jakes kleiner Ausflug zu Beginn, um die Vergangenheit von Harry zu ändern, ist wirklich spannend, denn hier zeigt sich, was alles schief laufen kann. Zudem ist die Figur Frank Dunning – grandios in Szene gesetzt von Josh Duhamel – ein Gegenspieler, der mir eine Gänsehaut verpasst hat. Ich sage nur Schlachthaus! Die letzten Wendungen sind auch nach meinem Geschmack. So habe ich nie damit gerechnet, dass Bill sich das Leben nimmt, dass Sadie beim Handgemenge mit Lee erschossen wird und dass Jake es überhaupt schafft, den Präsidenten zu retten. In meinem Kopf kreiste einfach die Idee, dass er es lässt und lieber so mit Sadie ein glückliches Leben führt. Wobei es überhaupt eine große Überraschung ist, dass Lee am Ende doch ein Einzeltäter ist.  Neben James Franco, bei dessen Lächeln sogar ich schwach werde, sind alle Figuren wunderbar besetzt. Es macht daher viel Spaß, ihnen allen dabei zuzusehen, wie sie die Serie mit Leben füllen. Die 60er sind nicht unbedingt mein Jahrzehnt, aber ich konnte mich hier gut in die Zeit zurückversetzt fühlen; im Guten wie im Schlechten. (Danke Jake für deine Kommentare gegen Rassismus!) Für mich ist 11.22.63 ein unterhaltsames Zeitreisedrama, bei dem der Zuschauer mit etwas Geduld ein passend inszeniertes Charakterdrama mit Science-Fiction-Einschlag bekommen wird.

Wir sind Teilnehmer des Amazon Partnerprogramms. Mit einem Kauf über diesen Link unterstützt du uns, denn ein Teil des Kaufpreises wird Geek Germany als Provision ausgezahlt. Diesen Beitrag stecken wir in Servermiete und die technische Weiterentwicklung der Seite. Für dich entstehen dadurch keinerlei Mehrkosten. Bitte stelle deinen Ad-Blocker für Geek Germany aus.

Sharing is caring / Artikel teilen:

Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

avatar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Ayres
Redakteur

Obwohl ich mich sehr auf die Serie gefreut hatte, finde ich sie irgendwie dann doch erstaunlich belanglos. Bzw. ist von meiner Erinnerung an sie kaum noch etwas übrig geblieben, ohne dass ich Gründe dafür benennen kann. Bei den acht Episoden hatte ich den Eindruck, dass man die Handlung auch gut und gerne auf fünf bis sechs hätte reduzieren können. Und dann ist da eben noch James Franco, den ich persönlich einfach gar nicht mag. Vielleicht gebe ich der Serie in einem anderen Kontext irgendwann nochmal eine Chance.