The Stand – Das letzte Gefecht

Lesezeit: 8 Minuten

Es ist Stephen Kings wortreichster Roman, denn er zählt in der englischen Originalfassung um die 1227 Seiten und in der deutschen Auflage von 2016 stolze 1712. Die Rede ist von der Kultgeschichte The Stand – das letzte Gefecht, die 2018 ihr 30-jähriges Bestehen feiern durfte. Natürlich muss das gebührend geehrt werden! Daher tauchen wir in eine Welt ein, die durch ein Virus fast komplett entvölkert worden ist und in der die letzten Überlebenden unweigerlich auf eine Schlacht gegen einen Dämon zusteuern. Für Fans der Dunkle Turm-Bände ist dieser Roman Pflichtprogramm, denn es handelt sich bei dem Widersacher um keinen Geringeren als Randall Flagg alias der Mann in Schwarz — Rolands Erzfeind bei der Suche nach dem Dunklen Turm.

     

Es ist ein Unfall mit weitreichenden Folgen: Ein tödliches mutiertes Grippevirus bricht aus einem geheimen Militärlabor des amerikanischen Verteidigungsministeriums aus und rafft fast die gesamte Weltbevölkerung dahin. Nur wenige Menschen sind immun gegen die mit dem Spitznamen Captain Trips versehene Supergrippe. In einer Welt, die zusammengebrochen ist, erscheinen einem Teil der Überlebenden Visionen einer alten Frau, während andere wie magisch nach Las Vegas gezogen werden. Dort verspricht ihnen ein mysteriöser Mann namens Randall Flagg den Fortbestand der Menschheit. Die alte Dame hingegen, die auf den Namen Abagail Freemantle hört und schon seit 108 Jahren auf Erden weilt, wird von Gott geleitet. Die zwei entstehenden Gruppen könnten nicht unterschiedlicher sein und so läuft alles immer mehr auf ein letztes erbittertes Gefecht zu.

“The Lord is my shepherd. I shall not want for nothing. He makes me lie down in the green pastures. He greases up my head with oil. He gives me kung-fu in the face of my enemies. Amen” Zitat aus The Stand – das letzte Gefecht

Der Ausbruch

Originaltitel The Stand
Ursprungsland USA
Jahr 1978
Typ Roman
Bände 1
Genre Horror, Drama
Autor Stephen King
Verlag Heyne

Die Handlung des Romans lässt sich in drei große Abschnitte teilen. Im Ersten geht es um den Ausbruch und die Verbreitung des Grippevirus Captain Trips. Dabei nimmt King sich die Zeit an mehreren Orten zu zeigen, wie die Bevölkerung damit umgeht. Schließlich unterscheidet es sich, ob eine Metropole wie New York den Bach runtergeht, oder eine kleine Stadt wie Ogunquit in Maine. Während hier noch anfangs die Hoffnung besteht, dass es eine Chance auf Rettung gibt, wird einem immer mehr vor Augen geführt, wie machtlos die Menschheit sein kann. Das Grauen, das hier seinen Lauf nimmt und den Leser nicht mehr loslässt, wird nicht durch ein Monster im Abflusssystem oder gar ein böses Hotel verursacht! Hier ist es die allgegenwärtige Angst vor dem Missbrauch der Wissenschaft. Gerade Pandemien treten immer wieder regelmäßig auf und gehören daher nicht nur ins Reich der Fantasie.

Die Gruppenbildung

Während der erste Part wirklich zu fesseln weiß, nimmt das Tempo nach und nach langsam ab, wenn sich die beiden großen Parteien bilden. Da die Geschichte von sehr vielen Figuren getragen wird, bedarf es einiger Zeit, diese mit viel Leben zu füllen. Das ist auf der einen Seite positiv, da es so für jeden Leser Charaktere gibt mit denen er sich identifizieren kann. Das bedeutet aber auch, dass die eigentliche Handlung nach und nach abflacht. Geduld muss hier wirklich mitgebracht werden, denn bis es langsam in Richtung Bedrohung durch den Feind geht — was natürlich für jede Gruppe die jeweils andere ist — dauert es mehrere 100 Seiten. Wer sich durchbeißt, wird jedoch mit ein paar spannenden, unerwarteten Wendungen belohnt. Hier zeigt King wieder einmal, dass er weiß, wie er mit liebgewonnen Figuren umgehen muss, um den Leser richtig gemein ins Herz zu schießen.

Vielzahl an realistischen Figuren

Wenn die Welt untergegangen ist und die Zwänge der Gesellschaft dahin sind, wie wird es dann weitergehen? Diese Frage stellt sich nicht nur der Leser, sondern auch die eine oder andere Figur im Roman. Vor allem aber geht es hier darum, was aus einem wird, wenn plötzlich alle Wege offen stehen. Und gerade mit diesem Gedanken experimentiert Stephen King in The Stand – das letzte Gefecht gelungen und realistisch. So muss ein egoistischer Musiker über sich hinauswachsen und endlich erwachsen werden. Ein verwöhntes Mädchen lernt, dass ihre Taten andere zutiefst verletzen können und ein Taubstummer, dass er viel erreichen kann, wenn er das richtige Sprachrohr gefunden hat. Endwicklung durchlaufen viele der Figuren, die einen zum Guten, die anderen zum Schlechteren und wieder andere geben leider auf. Nur eine Ausnahme gibt es und die heißt Harold Lauder, ein Paradebeispiel für Hass, Selbstmitleid und Egoismus. Dabei gibt es hier und da Hoffnungen, dass sich das schlimme Bauchgefühl wegen ihm nicht bestätigen wird. Doch wie leider so oft im wirklichen Leben, kann so ein Mensch nicht umgestimmt werden. Immerhin: Die Bestrafung von Harold, nach dem Attentat auf die Mitglieder der Freien Zone, folgt auf dem Fuße und wird vielen eine gewisse Genugtuung sein.  Stephen Kings Sohn Joe Hill hat in seinem Roman Fireman dem unbeliebten Harold einen Gastauftritt geschenkt. Jedoch kommt dieser auch dort nicht gut weg, was das Schicksal dieser Figur ist.

Gute gegen Böse?

Weiter positiv anzurechnen ist, dass der Autor nicht einfach alle charakterlich guten Menschen in eine Gruppe packt und alle bösen in die andere. Selbst in dem Gefolge um Randall Flagg gibt es Personen, die einen guten Kern haben aber schlicht unter Angst leiden. Ist es ihnen zu verdenken? Die Welt, wie sie sie kannten, existiert nicht mehr und diese Vorstellung verträgt nicht jeder. Noch dazu die Unwissenheit über eine andere große Gruppe, die sonst was im Kampf ums Überleben anstellen könnte. Schon im Kalten Krieg sorgte so eine Situation für Spannungen. Da der Mensch bekanntlich eher zum Negativen neigt, wundert es nicht, dass ein Dämon — hier wirklich wörtlich gemeint! — auf fruchtbaren Boden trifft und so den Hass der Leute schürt.

“Love didn’t grow very well in a place where there was only fear, just as plants didn’t grow very well in a place where it was always dark.” ― Zitat aus The Stand – das letzte Gefecht

Der Antichrist

So ganz kommt die Geschichte nicht ohne das eine oder andere übernatürliche Element aus. Allen voran ist da der Dämon, der einen Militärstaat in Las Vegas aufbaut. Leser des Dunklen Turms wissen, dass Randall Flagg ein Zauberer bzw. ein Dämon ist. So erscheint er auch hier in verschiedenen Formen, die sich einem immer wieder die Nackenhaare aufstellen lassen. Doch wo das Böse weilt, gibt es immer etwas Gutes, wie es so schön heißt. Hier in der Form der alten sympathischen Dame Abagail, bei der sich der Leser jedoch entscheiden kann, wie viele ihrer Prophezeiungen von göttlicher Hand gesandt worden sind. Da King in seinen Romanen mit der Kirche immer wieder auf feindlichem Fuß steht, wundert es nicht, dass er hier jedem die Freiheit lässt, selbst zu entscheiden, was er glauben möchte.

Das letzte Gefecht

Wie der Titel des Buches schon verrät, läuft es unweigerlich auf eine direkte Konfrontation hinaus. Dies zwar nur sehr gemächlich aber dabei auch sehr realistisch. Trotz alledem, handelt es sich hier um verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Schichten, die nicht alle von heute auf morgen zu blinden Mördern werden. Daher wird diskutiert, verschiedene Lösungsansätze werden probiert, bis es schließlich nur noch den einen Weg zu geben scheint. Doch wie so oft, kommt es anders als gedacht — für den einen positiv, für andere eine bittere Enttäuschung. Wer nämlich damit rechnet, dass hier zwei Parteien aufeinander losgehen werden, wird mit einer ganz anderen Lösung abgespeist. Nur eine kleine Auswahl an Figuren wird nach Las Vegas geschickt. Dort angekommen, wird das Problem dann durch eine Atombombe aus einem naheliegenden Silo gelöst, da diese durch eine, wie es scheint, göttliche Hand ausgelöst wird. Nicht gerade das, was einem lange Zeit suggeriert wird. Eine gewisse Ironie lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen und diese klischeefreie Variante bleibt auch um einiges länger im Gedächtnis. Ob nun gut oder schlecht muss jeder selbst entscheiden.

Zu lang…

Achtung ist geboten beim Kauf des Romans. Als Stephen King 1978 die Geschichte fertig schrieb, wurde er darum gebeten, diese noch einmal zu kürzen. Die Begründungen waren, dass sich ein Buch mit über 1000 Seiten nicht verkaufen würde und es für eine Buchbindung zu dick sei. Doch er konnte Jahre später seinen Redakteur dazu überreden, die Geschichte überarbeiten zu dürfen. So erschien im Dezember 1988 die ungeschnittene Fassung, die um ganze 400 Seiten länger ist. 1994 folgte eine Umsetzung für das Fernsehen, die mit vier Folgen einem Script vom Autor folgt. The Stand – das letzte Gefecht zählt heute zu den bekanntesten Werken des Autors und daher wundert es nicht, dass es Anspielungen in anderen seiner Werke gibt. So landen die Gefährten und Roland im vierten Band Glas der Dunklen Turm-Saga an einem Ort, an dem die Supergrippe gewütet hat. Auch in der TV-Serie 11.22.63 ist Captain Trips nicht unbekannt und Abagails Urneffe spielt die Hauptrolle im 2008 erschienenen Roman Wahn. Aber auch in The Stand – das letzte Gefecht selbst, lassen sich Verbindungen finden: Zum Beispiel fahren Stu und Tom auf dem Weg nach Boulder mit einem Plymouth, an dessen Autoschlüssel die Initialen A.C. hängen (Christine) und Frannie liest ein Buch von Bobby Anderson, der Hauptperson aus Das Monstrum.

“Rationalism is the idea that we can ever understand anything about the state of being. It’s a deathtrip. It always has been. . . . And if rationalism is a deathtrip, then irrationalism might very well be a lifetrip . . . at least until it proves otherwise.” Zitat aus The Stand – das letzte Gefecht

Mein orangener Backstein! Denn mit all den Seiten ist der Roman wirklich sehr unhandlich geworden und ich habe mir beim Lesen im Zug nicht nur einmal gedacht, dass eine Aufteilung in zwei Bände doch eine gute Idee gewesen wäre. Für mich als Dunkler Turm-Fan war es schlicht Pflicht diese Geschichte nachzuholen und eigentlich sollte ich es nicht bereuen. So weiß ich nun endlich mehr über Randal Flagg und was es mit der Supergrippe auf sich hat. Jedoch muss ich sagen, dass ich die Handlung als zu langatmig empfinde und mit einer anderen Art von Lösung beim Konflikt gerechnet habe. Immerhin hat der Autor mir nach dem Tod von Nick — ich habe wirklich geweint — nicht auch noch Stu genommen. Wobei es ja selbst nach dem Aus in Las Vegas nicht gut um ihn stand. Hier lässt sich auch wieder sagen, dass King weiß, wie er seine Leser vor Spannung in den Wahnsinn treibt.  Von den Figuren habe ich natürliche einige ins Herz geschlossen, die da wären Stu, Nick und Glen. Selbst Larry Underwood hat sich im Laufe der Geschichte sehr zum Positiven gewendet, was ich mir auch von Nadine erhofft hatte. Was Harold anbelangt, so konnte ich ihn von Anfang an nicht leiden und mein Bauchgefühl sollte leider recht behalten. Manche Dinge sind wohl doch unausweichlich! Wie immer beweist der Autor hier ein Händchen für Gruppendynamik, die ich mir so in einer vergleichbaren Situation im realen Leben auch vorstellen kann. Weniger wäre hier aber mehr gewesen. Es ist zwar die größte Stärke hier sehr lebendige Charaktere zu haben, aber hätten es auch hier und da ein paar Figuren weniger getan. Gerade als es um das Attentat auf das Komitee geht, wird die Spannungskurve zwar gut angehoben, aber durch die verschiedenen Akteure auch leicht ausgebremst.  The Stand – das letzte Gefecht ist ein solides Buch (nicht nur weil damit jemand erschlagen werden kann), das ich so schnell jedoch nicht noch einmal lesen werde.

©Heyne

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Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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