Broken Girl

Lesezeit: 5 Minuten

In der 2017 erschienen dreibändigen Kurzserie Broken Girl adaptiert der Mangaka Mitsuru Hattori (Sankarea) den gleichnamigen Originalroman des Schriftstellers NisiOisin (u.a. Bakemonogatari). Dieser ungewöhnlichen Kombination entspringt ein atmosphärisches Mystery-Drama, gespickt mit psychologischen Metaphern. NisiOisin ist ein bekannter Name der internationalen Anime/Manga/Light Novel-Szene, der gerne mit etablierten Tropes spielt. Egmont Manga ermöglichte mit der Herausgabe von Broken Girl erstmal einen gedruckten Zugang zu einem seiner Originalgeschichten auf deutsch, als auch einen Einblick ins andere Ende seines erzählerischen Spektrums.

    

“Ich” ist ein introvertierter Student und angehender Schriftsteller. Dabei noch ohne Erfolg geht er seinem täglichen Alltagstrott nach, bis er bei einem Unfall das ungewöhnliche Verhalten einer Grundschülerin beobachtet. “U”, wie “Ich” das Mädchen anonym tauft, findet seine Identität heraus und lauert ihm in seiner Wohnung auf. Mit einem Messer bedroht sie ihn und lotst ihn zu ihrem Haus, wo sie ihn in einer Abstellkammer einsperrt. Denn er hat gesehen wie sie wirklich ist…

Die Absurdität der Situation ist allgegenwärtig

Die Geschichte wird von “Ich” retrospektiv zehn Jahre später erzählt. Viele Passagen bestehen aus seinen Monologen und nachträglichen Gedanken zu den damaligen Beobachtungen. Er nimmt als Erzähler viele Dinge vorweg, sodass verhindert wird, dass der Leser in eine ganz falsche Fährte abdriftet. Ebenfalls ist ihm schon in der Gegenwart klar, wie leicht er jederzeit aus der Entführungssituation hätte kommen können. Sei es, in Us Abwesenheit zu fliehen oder U einfach zu überwältigen. Doch in einer Mischung aus Neugier und Überrumpelung bleibt er erst einmal in der Kammer. Zwischendurch gefällt es ihm sogar, als eine Art menschliches Haustier zu leben, für das gesorgt wird. Doch ist sowohl dem gegenwärtigen “Ich”, als auch dem zukünftigen Erzähler-“Ich” klar, dass diese merkwürdige Situation nicht anhalten wird.

U: Das mysteriöse, seltsame Mädchen

Originaltitel Shoujo Fujuubun
Jahr 2015 – 2016
Bände 3
Genre Mystery, Drama
Autor NISIOISIN (Story), Mitsuru Hattori (Zeichnungen)
Verlag Egmont Manga (2017 – 2018)

Ein großer erster Blickfang ist U, die mit leblosen Augen durch ihren Alltag streift und offenbar keine Probleme damit hat, bei Bedarf Emotionen vorzutäuschen. Methodisch bringt sie Identität und Wohnort von “Ich” in Erfahrung. Zu Beginn hat sie die Ausstrahlung einer Psychopathin in Spe, deren Pläne nur aufgrund eines kindlichen Mangels an Allgemeinwissen wenig ausgereift sind. Doch der Eindruck zersetzt sich steig, als U auf verdrehte Art Fürsorge zeigt und “Ich” als Erzähler sehr bald auch vorweg nimmt, worum es bei U wirklich geht: Um den psychologischen Schaden durch Kindesmissbrauch.

Eine Reihe zum nochmaligen Lesen

Die Reihe ist gespickt mit Andeutungen in den Gedankenpassagen des zukünftigen “Ich”. Abseits dessen arbeitet sie nicht mit vielen Worten und lässt stattdessen stimmungsvolle Bilder für sich sprechen. Der Großteil derer entfaltet erst am Ende ihren vollen Sinn, wozu zahlreiche Metaphern gehören. Sei es die Abstellkammer als Gefängnis, Us höfliches Benehmen oder vor allem das zentrale Fischmotiv, das sich schon ab der ersten Seite vorfinden lässt. Abgesehen der surreal ausgedrückten Gefühlslagen von U bildet sich auch ein Kontrast durch die unterschiedliche Darstellung von Räumlichkeit. Außerhalb der Abstellkammer wirken die Orte sehr leer und weit. Für “Ich”, dem es an Ambitionen und einem griffigem Ziel im Leben mangelt, ist die Welt zu Beginn noch blass, geradezu unbeschrieben. In Orten, die U alleine besucht, wie z.B. die Schule, wirkt die Größe erdrückend und U darin isoliert. Ist “Ich” alleine in der Abstellkammer, wirkt der Raum stets einengend. Sind er und U zusammen, zerstreut sich dieser Effekt zunehmend. Die Titelseiten der Kapitel zeigen zumeist die Räumlichkeiten außerhalb der Abstellkammer, in welche die Kapitelnummerierungen abwechslungsreich wie kunstvoll platziert sind.

Merklich die Adaption eines regulären Romans

Diese Reihe lässt sich schwerlich mit einem generischem “typischer Manga” abtun, da sich kaum bekannte Klischees in ihr wiederfinden. Sie stellt auch einen starken Kontrast zu Mitsuru Hattoris Vorwerk, der Zombie-Horror-Comedy Serie Sankarea, dar. Die Zeichnungen sind darauf ausgerichtet, realistisch und bodenständig zu erscheinen. Us Charakter-Design im Manga ist sehr nah am Originaldesign von Midori Foo gehalten, die die Illustrationen der beiden Ausgaben der Vorlage beisteuerte. Auch NisiOisin erkennt man auf den ersten Blick nicht wieder, wenn man ihn vor allem nur durch seine Titeln kennt, die ihn im Westen bekannt gemacht haben. Titel wie z.B. aus seiner Monogatari-Reihe sind tief in der Popkultur der Anime/Manga/Light Novel-Industrie verankert, während Broken Girl eher dezente Referenzen auf das Krimi-Roman Genre macht. Schaut man genau hin, sind seine Vorliebe für die Konfrontation für absurde Situationen und ein Hang zu Monologen aber auch hier im vergleichsweise moderatem Maße vorhanden. Doch sind sie hier keine kecke Wortspielerei, sondern viel erster und bodenständig rationalisiert. Am ehesten merkt man seine bekannte Handschrift vermutlich an einer Kleinigkeit, der Namensgebung von “U”, da sie in Wirklichkeit Yu heißt. Was genau gleich ausgesprochen wird wie “U” auf englisch.

Diese Reihe ist für mich eine immense positive Überraschung, denn wer leichte wie seichte Unterhaltung sucht, ist hier absolut falsch. Dass NisiOisin anders kann als seine berühmten “Nonsense-Smalltalk”-Monologe und -Dialoge, für die er bekannt ist, wusste ich zwar, aber ich hätte nie erwartet, dass etwas abseits davon Japan nochmal verlassen würde. Für NisiOisins Verhältnisse ist der Monolog-Anteil ziemlich niedrig, aber nach normalen Standard für manche eventuell stellenweise vielleicht ermüdend. Dafür bilden sie umso mehr einen Kontrast zu den atmosphärischen stillen Momenten. Das zu Grunde liegende Thema ist eher schwer geartet und damit sicherlich nicht jedermanns Sache. Wer aber Gefallen hat an den Werken von Hiro Kiyohara oder Mystery-Kurzserien wie A Lollypop and a Bullet oder Coelacanth (alle erschienen bei Egmont Manga) hatte sollte einen Blick definitiv nicht missen.

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Ayres
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Klingt gut, auch drei Bände hören sich entspannt an. Bestellt!