A Ghost Story

Lesezeit: 4 Minuten

Geister sind mittlerweile nur noch als animierte CGI-Wesen bekannt, die den Menschen in der Regel Schaden zufügen möchten und vor allem dem Erschrecken dienen. David Lowery (Peter Pan) beschreitet in A Ghost Story einen ganz anderen Weg. Sein Geist geht eher als Gespenst durch, hat ein Bettlaken übergeschmissen anstatt eine CGI-Fratze aufzulegen und ist ein stiller Beobachter. Hier geht es nicht um den Horror, den ein Mensch erlebt. Es geht um die Tragik hinter einem Dasein als Geist, kaum Möglichkeiten zu finden, der eigenen Gefühlslage Ausdruck zu verleihen – und damit trifft A Ghost Story mitten ins Herz.

    

Ein Ehepaar lebt gemeinsam in einem kleinen Haus. Er – C – (Casey Affleck, Manchester by the Sea) ist Musiker, sie – M – (Rooney Mara, Verblendung) sitzt zu Hause. Die Beziehung der beiden ist liebevoll und nur das Haus, aus dem sie gerne wegziehen möchte, steht zwischen den beiden. Plötzlich kommt er eines Tages bei einem Autounfall ums Leben und sie führt ein Leben als trauernde Witwe. Doch noch in der Leichenhalle erhebt er sich unter dem Laken und kehrt nach Hause zurück, wo er von nun an ungesehen in der Ecke steht und ihr Leben in Trümmern beobachtet. Monate ziehen ins Land und irgendwann tritt ein neuer Mann in ihr Leben und sie verlässt das Haus. Der Geist von C ist jedoch an diesen Ort gebunden und kann ihr nicht folgen…

Entgegen aller Konventionen

Originaltitel A Ghost Story
Jahr 2017
Land USA
Genre Drama
Regisseur David Lowery
Cast C: Casey Affleck
M: Rooney Mara
Laufzeit 93 Minuten
FSK

Die erste Auffälligkeit von A Ghost Story ist das ungewöhnliche Bildformat, welches an eine Diashow erinnert. Die Handlung findet innerhalb eines Quadrats in der Mitte des Bildschirms statt. Die Ecken sind abgerundet, die schwarzen Balken links und rechts dick, was weg von einem cinematischen Gefühl führt und eine intime, manchmal auch diffuse Atmosphäre zaubert. Dieser rote Faden zieht sich durch den Film: egal ob Cs tödlicher Unfall oder mögliche Schreckmomente – A Ghost Story ist durch und durch ein Drama und kein Horrorfilm. David Lowery wählt dafür oftmals starre Perspektiven, etwa wenn der Zuschauer M bei einer Heißhungerattacke zusieht und sich die Kamera partout nicht rühren will. Diese unkonventionelle Herangehensweise kollidiert mit heutigen Sehgewohnheiten, ist aber ein weiteres Indiz dafür, dass der Regisseur mit seinem Film ganz anderes vermitteln möchte.

Wortlos gehört werden

Wer M und C sind, spielt keine Rolle. Die beiden Figuren werden nur skizzenhaft charakterisiert und als Geist bleibt C ohnehin keine Möglichkeit, Mimik einzusetzen. Stattdessen starren zwei schwarze Punkte hilflos vom Kopf und lassen – ähnlich wie bei der Figur Hello Kitty – nur Interpretationen des Zuschauers zu, wie es C wohl wirklich ergehen mag. Für den Zuschauer gibt es freundlicherweise Untertitel, um die Atmosphäre der nonverbalen Kommunikation nicht zu unterbrechen. Sonst wird wenig geredet und tatsächlich passiert auch wenig. A Ghost Story ist eher ein Gemälde als ein Daumenkino. Diese Inszenierung mag nicht vom Hocker hauen, passt aber zur melancholischen Ausrichtung des Films. Es geht hierbei um Trauer, Hilflosigkeit und Passivität – Motive, die Zuschauer aus anderen Situationen kennen. Diese tiefe Traurigkeit wird hier gleich auf zwei ganz unterschiedliche Weisen erfahrbar und so muss auch der Geist zu einem Mittel greifen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die bitterste Szene des Films: C sieht am Fenster des gegenüberliegenden Hauses ein anderes Gespenst. Es erzählt, dass es auf jemanden warte, allerdings schon lange vergessen habe auf wen…

Höhere Sphären

Mit Rooney Mara und Casey Affleck wurden zwei namhafte Schauspieler für das Projekt gewonnen. Fairerweise muss man sagen, dass die drehbuchbedingt kleine Rolle des C von jedem Schauspieler gespielt werden könnte und der Regisseur für die Geisterversion selbst unter dem Bettlaken steckte. Rooney Mara spielt ihre tragische Rolle dafür umso überzeugender und man kauft ihr die endlose Traurigkeit ab. Hinzu gesellen sich einige eindrucksvolle Szenen im letzten Drittel, welche die Handlung aus ihrem Mäandern reißen und ein überirdisches Gefühl vermitteln. Ein Stück Universum, welches dem Zuschauer unverkennbar zeigt, dass das Leben noch viel weitere Kreise zieht.

A Ghost Story mag auf den ersten Blick ein falsch gelabelter Film sein und wird im Kino sicherlich einige Zuschauer enttäuscht haben. Der Titel ist ein waschechtes Drama mit tiefen Emotionen, welches ohne große Worte auskommt. Die ruhige Inszenierung erfordert allerdings viel Geduld und selbstverständlich die Offenheit, sich auf einen besonderen Film einzulassen. Die entschleunigte Erzählweise ist nicht jedermanns Fall, doch als thematischer Beitrag zum Thema Trauer und Verlust erfüllt A Ghost Story alle Anforderungen und zeigt gleichzeitig, wie ein Geisterfilm auch ohne Grusel funktioniert.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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