Pokémon Strahlender Diamant & Leuchtende Perle

Es war das Jahr 2006 (bzw. 2007 in Europa) als die vierte Generation und der Sprung auf einen neuen Handheld eingeläutet wurden: Pokémon Diamant und Pokémon Perle erschienen für den Nintendo DS. Bis heute gelten diese Games und insbesondere ihre Zusatzedition Pokémon Platin, die 2009 erschien und noch mehr Content bietet, als absolute Fan-Lieblinge. Wer sich in den letzten Jahren irgendwie in der Pokémon-Fanbase aufgehalten hat, der weiß auch, dass lange schon ein Remake dieser Titel gewünscht wurde. Dementsprechend groß war die Vorfreude, als im Februar 2021 nach vielen Spekulationen mit Pokémon Strahlender Diamant und Pokémon Leuchtende Perle endlich Remakes angekündigt wurden. Gleichzeitig äußerten sich zahlreiche Stimmen enttäuscht über erste Eindrücke: Die Spielwelt ist in einem Chibi-Stil gehalten. Am 19. November 2021 erschienen die beiden von ILCA entwickelten Games für Nintendo Switch und sowohl Presse als auch Fans sind weiterhin sehr geteilter Meinung. Wir haben uns in die aufgehübschte Sinnoh-Region gestürzt und uns selbst ein Bild der Remakes gemacht.

 

In der Sinnoh-Region lebt unser Protagonist in dem idyllischen Örtchen Zweiblattdorf. Doch ein gemeinsamer Ausflug mit dem besten Freund nimmt eine unerwartete Wendung, als sie sich vor wilden Pokémon verteidigen müssen. Glück im Unglück: Professor Eibe ließ kurz zuvor einen Koffer mit den drei Pokémon Panflam, Plinfa und Chelast liegen. Kurzerhand setzen unser Protagonist und sein oder ihr bester Freund je ein Pokémon ein. Als sie diese dann im Labor des Professors abgeben möchten, unterbreitet er ihnen stattdessen das Angebot, dass sie die Pokémon behalten dürfen und für ihn Informationen für den Pokédex sammeln. Das lassen sich die beiden nicht zweimal sagen, sodass unser Protagonist auf eine abenteuerliche Reise aufbricht, um acht Orden zu sammeln und die Pokémon-Liga zu bezwingen. Doch eine geheimnisvolle Bedrohung namens Team Galaktik lässt nicht lange auf sich warten …

Altbekanntes Prinzip

Originaltitel Pokémon: Brilliant Diamond/Pokémon: Shining Pearl
Jahr 2021
Plattform Nintendo Switch
Genre RPG
Entwickler ILCA
Publisher Nintendo
Spieler 1-4
USK
Veröffentlichung: 19. November 2021

Wie gewohnt beginnt das Spiel zunächst damit, dass wir uns das Geschlecht und den Namen unseres Trainers aussuchen dürfen. Dabei wird wie für Remakes üblich das Design der Spielfiguren des Originals verwendet, allerdings dennoch etwas Individualisierung geboten: Wir dürfen aus je vier verschiedenen Version des Mädchens bzw. Jungen auswählen, die sich durch Haar-, Augen- und Hautfarbe unterscheiden. Außerdem können im späteren Verlauf verschiedene Kleidungsstücke erworben werden, auch wenn das Aussehen der Spielfigur selbst nicht veränderbar ist. Dies erweist sich als schöner Kompromiss zwischen Treue zum Original und den freien Gestaltungsmöglichkeiten moderner Spiele. Ebenfalls ganz im Sinne aktuellerer Pokémon-Games ist das Wegfallen von VM-Attacken bzw. die Übernahme dieser in den Pokétch, eine Smart-Watch, die jederzeit genutzt werden kann. Anstatt wieder ein Pokémon für die meist eher schwachen Attacken, die noch dazu nicht regulär vergessen werden können, opfern zu müssen, lassen sich diese nun per Pokétch abrufen. Das erweist sich als sehr gute Entscheidung, denn wer vermisst schon die Zeiten als faktisch nur fünf anstatt sechs Pokémon frei auswählbar waren, weil man unbedingt einen sogenannten “VM-Sklaven” brauchte? Ein liebevolles Detail hierbei ist, dass wilde Bidiza und Bidifas alle VM-Attacken außer Fliegen einsetzen. Eine nette Hommage an den Umstand, dass das Pokémon und seine Weiterentwicklung zweifelhafte Berühmtheit als solche VM-Sklaven erreicht haben.

Ein leichterer, aber nuancierter Schwierigkeitsgrad

Als ausgesprochen zwiespältig zeigt sich hingegen, dass die Erfahrungspunkte aus den Kämpfen wieder automatisch auf alle Pokémon im Team verteilt werden. Neu ist das zwar nicht, aber viele Fans kritisieren diesen Umstand, der den Schwierigkeitsgrad nochmal ordentlich runterschraubt. Wer nicht gerade ständig das Team auswechselt, wird recht schnell deutlich höhere Level als die Gegner aufweisen. Auf der einen Seite ist es verständlich und gut, dass das Team weiterhin einfach aufgelevelt werden kann, schließlich sollen Spieler*innen, die erst seit neueren Teilen dabei sind, nicht verschreckt werden. Auf der anderen Seite ist jedoch rätselhaft, warum diese Funktion nicht auch ausschaltbar ist, um all jene, die sich mehr Herausforderung und Notwendigkeit von Training wünschen, nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber aller Kritik zu Trotz ist der Schwierigkeitsgrad der Spiele tatsächlich kein durchgängiges Zuckerschlecken. So bieten die Top Vier und insbesondere Champion Cynthia (die in der Community als knackigster Champion überhaupt gehandelt wird) immer noch eine echte Herausforderung, was an ausgeglichen Teams, perfekten Werten, vielen Items und hohen Leveln liegt. Die Steigerung zwischen den regulären Trainern und Arenaleitern zu den Top Vier und dann noch einmal Cynthia ist einfach absolut spürbar. Und: Die Spiele haben ein ausführliches Postgame, das Rematches ermöglicht, die sich absolut gewaschen haben. Wer endlich wieder eine richtige Herausforderung möchte, dürfte damit viel Spaß haben.

Exklusiver Sinnoh-Spaß: Wettbewerbe, Knurspe und Sticker

Neben der üblichen Pokémon-Geschichte und Mechanik bieten Strahlender Diamant und Leuchtende Perle vor allem sogenannte Super-Wettbewerbsshows. Im Vergleich zu den DS-Spielen sind diese nun interaktiver gestaltet. So muss für jeden Wettbewerb ein kurzes Rhythmus-Spiel absolviert werden, was zwar recht kurzweilig, aber durchaus witzig ist. Mit mehreren verschiedenen Wettbewerben (für Coolness, Stärke, Klugheit, Schönheit und Putzigkeit) in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen bietet dieses Minispiel aber recht viel Unterhaltung. In diesem Zusammenhang lassen sich auch Knurspe kochen, für die Beeren gesammelt und danach per Rührspiel eingesetzt werden. Aber Vorsicht: Wer die Leckerei anbrennen oder überkochen lässt, riskiert am Ende ein ungenießbares Knursp zu bekommen. Das Kochen der verschiedenen Knurspe, die dann jeweils eines der Attribute für den Wettbewerb erhöhen, macht ausgesprochen viel Spaß. Das liegt daran, dass hierbei auf die Geschmacksrichtungen und Kombinationen der Beeren geachtet werden muss. Schade ist jedoch, dass sich das Rührspiel im Vergleich zum Original deutlich hakeliger gestaltet. Denn anstatt mittels des Touchpens muss jetzt mit den Joy-Sticks umgerührt werden. Ebenfalls nur im Abenteuer durch die Sinnoh-Region ein Feature sind die Sticker, mit denen Pokébälle verziert werden können. Die verschiedenen Motive sorgen dafür, dass die Pokémon bei ihrem Auftritt etwa mit Blitzen oder Herzen erscheinen. Ein schönes Feature, das zwar rein optischer Natur ist, aber doch Spaß bereitet.

Content aus Pokémon Platin: Fehlanzeige

Wer darauf hoffte, in Strahlender Diamant/Leuchtende Perle nochmals die Zerrwelt aus Pokémon Platin in aufgemotzter Grafik durchqueren zu können, wird enttäuscht. Die Remakes bleiben den beiden Editionen treu und auf Content aus der Zusatz-Edition Pokémon Platin wird verzichtet. Das ist zwar schade, gleichzeitig aber auch gängige Praxis. Kritikwürdig ist hierbei jedoch, dass anders als etwa in Omega Rubin/Alpha Saphir auch kein neues Bonusszenario um das Legendäre Pokémon der Zusatzedition entwickelt wurde. Stattdessen wird sich strikt an das Original gehalten und auch wirkliche Neuerungen gibt es nur bedingt. Dabei bieten die vorangegangenen Remakes meist neben aktueller Grafik und modernen Mechaniken noch gänzlich neue Features, die ihnen den Titel “Remake” überhaupt erst verleihen. In HeartGold/SoulSilver ist das etwa der ausführliche Pokéathlon, der zahlreiche coole Minispiele bietet. Aber der Untergrund, eines der markantesten Features der Sinnoh-Generation wurde nicht nur frisch designt und bietet noch immer ein Minispiel, bei dem ganz auf Schatzjäger-Art per Spitzhacke seltene Items ausgegraben werden können. Tatsächlich gibt es nun Pokémon-Verstecke, wobei es sich um kleine unterschiedliche Areale handelt, in denen die Pokémon keine Zufallsbegegnungen sind, sondern frei herumlaufen. Besonders toll: Hier können zahlreiche Pokémon gefunden werden, die es an der Oberfläche nicht gibt und nach Erhalt des Nationalen Pokédexes sind hierbei sogar richtige Fan-Favoriten wie Glumanda dabei. Eine kleine, aber feine Neuerung gibt es noch mit dem Hamanasu-Park, bei dem nach dem Einzug in die Ruhmeshalle Legendäre Pokémon gefangen werden können.

Ein Remake, das sich auf den Lorbeeren des Originals ausruht?

Einige zeigen sich mit diesen wenigen Neuerungen und dem eher minimalistischen Design enttäuscht, bezeichnen die Remakes gar als schnellen Cash-Grab. Dieser Gedanke lässt sich sicherlich nicht ganz von der Hand weisen, insbesondere da die Entwicklung an ILCA ausgelagert wurde. So profitieren die Remakes vorrangig davon, dass Diamant/Perle schlichtweg sehr gute Spiele sind und dementsprechend gut ist eben auch das Remake. Es zeugt eben noch von einem ganz anderen Spielgefühl der Pokémon-Reihe. Für weniger erfahrene Spieler*innen werden fordernde Aspekte wie eine verzwickte Siegestraße vor der Pokémon-Liga, in der sich leicht verirrt werden kann und mit zahlreichen anderen Trainern gemessen werden muss, überraschend sein. Immerhin gestalten sich die Wege bis zum Sieg über den Champion in aktuellen Spielen deutlich leichter und linearer. Auch gibt es hier noch richtige Rätsel in den Pokémon-Arenen, die wohl schon 2007 einige in den Wahnsinn getrieben haben. Als langjährige*r Spieler*in ist es jedoch absolut schön, wieder etwas mehr Herausforderung zugetraut zu bekommen und die Arena-Orden fühlen sich glatt verdienter an, wenn man mit seiner Spielfigur zuvor 30 Minuten durch ein Schneeball-Rätsel geschlittert ist. Aber auch wenn die Remakes der Sinnoh-Generation einen anderen Weg einschlagen als es etwa HGSS und ORAS tun, so ist doch anzumerken, dass sich die Entwickler*innen bei ILCA ausführlich mit den DS-Games auseinandergesetzt haben. Die vielen Details und kleinen Verbesserungen zeigen, dass in die modernisierte Version für Nintendo Switch viel Mühe und Liebe geflossen sind.

Chibi-Stil: Niedlich, aber an manchen Stellen unpassend

Die wohl kontroverseste Design-Entscheidung der Remakes ist die Verwendung eines Chibi-Stils. Viele Fans hatten gehofft, die aufpolierten Varianten würden wie vergangene Remakes an die Grafik der aktuellsten Spiele angepasst – in dem Falle wäre das Schwert/Schild. Dementsprechend groß war die Enttäuschung, als erstes Material einen Chibi-Stil zeigte. Damit sind die Remakes recht nah am originalen 2D-Stil der DS-Teile, was dazu führt, dass sich Spieler*innen dieser sofort heimisch fühlen werden. Ob der Stil nun gefällt oder nicht, ist letzten Endes vor allem Geschmackssache. Aber: Durch seine Nähe zum Original, eine strahlende Grafik und zum Titel passende Niedlichkeit erweist sich der Chibi-Stil als durchaus angemessen. Zudem wird nur die Überwelt in diesem Stil angezeigt, in den Kämpfen werden die Figuren in der richtigen Größe dargestellt. Dennoch gibt es einen kleinen Kritikpunkt, denn so süß und hübsch die Grafik auch ist, an einigen Abschnitten im Spiel ist das einfach unpassend. Das trifft vor allem auf die Story rund um Team Galaktik zu, denn es fällt schwer, die Commander und Anführer Zyrus ernst zu nehmen, wenn sie als kleine, oft sogar lächelnde Chibi-Figürchen dargestellt werden. Das lässt sich jedoch verschmerzen, da gerade die Kämpfe selbst dann mit tollen Animationen und knackscharfer Grafik aufwarten. Ein echtes Highlight stellt auch der ikonische Soundtrack dar, der erst so richtig zur Atmosphäre beiträgt.

Fazit

Pokémon Strahlender Diamant und Pokémon Leuchtende Perle halten sich als Remakes (fast schon zu strikt) an die DS-Originale, aber diese waren (und sind) auch schlichtweg wirkliche Highlights in der Pokémon-Reihe. Mit einer coolen Hauptgeschichte, tollen Kämpfen und zahlreichen kleinen Features ist für viele schöne Spielstunden gesorgt. Der Chibi-Stil ist zwar Geschmackssache und es lässt sich diskutieren, ob ein Stil im Sinne von Schwert/Schild nicht cooler gewesen wäre, aber er beeinträchtigt das Erlebnis auch nicht besonders negativ. Das große Plus beider Spiele ist schlichtweg der große Umfang und der fordernde Schwierigkeitsgrad, die absolut dazu motivieren, das Game weit über die Hauptgeschichte hinaus zu zocken. Persönlich hätte ich mir von den Spielen auch ein paar größere Neuerungen gewünscht, aber sie setzen die Originale sehr liebevoll um und bieten das gewohnte Feeling. Für Pokémon-Fans, ob nun mit oder ohne Erfahrung mit den Original-Titeln, ein absolutes Muss!

© Nintendo


Veröffentlichung: 19. November 2021

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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