The Lodge

Lesezeit: 4 Minuten

Eine verschneite Hütte im Wald bietet immer das richtige Ambiente für eine spannende Erzählung. Ob nun dichtes Zusammenrücken oder schauriges Ableben auf engstem Raume: Auf diese Kulisse ist Verlass. Sie ist Schauplatz in The Lodge des Regie-Duos Veronika Franz und Severin Fiala (Ich Seh, ich seh). In Fachkreisen wird The Lodge längst als kleine Schwester von Hereditary betrachtet. Aus guten Gründen: Nachdem bereits in den ersten Minuten klar wird, dass dieser Film keinen Spaß versteht, bleibt der Zuschauer lange im Unklaren, worum es hier wirklich geht. Und dann wird ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. Der Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfest 2019 erscheint im November desselben Jahres auch in den deutschen Kinos. Man tut sich hier definitiv keinen Gefallen daran, sich vorab durch Trailer zu spoilern, denn die Ungewissheit darüber, was hier eigentlich abgeht, sorgt für Gänsehaut.

     

Nach dem Tod seiner Frau Laura (Alicia Silverstone, Batman & Robin) möchte Richard (Richard Armitage, Berlin Station) wieder ein gemeinsames Familienleben aufbauen. Was dem Glück fehlt, ist die Akzeptanz seiner beiden Kinder Aidan (Jaeden Martell, ES) und Mia (Lia McHugh, The Eternals). Die Geschwister sind skeptisch gegenüber Richards neuer Verlobten Grace (Riley Keough, Under the Silver Lake). Da die Weihnachtszeit bekanntlich für besinnliche Familienmomente steht, fahren die vier zu einer abgelegenen Familienhütte. Als Richards Job als Journalist ihn dazu zwingt, den gemeinsamen Urlaub für ein paar Tage zu unterbrechen, lässt er Grace mit den Kindern zurück. Aidan und Mia haben jedoch alles andere als Lust auf die 30-jährige. Sie haben sie längst dämonisiert und lassen Grace dies auch spüren. Der Schneefall wird stärker und die Dinge entwickeln sich plötzlich ganz unvorhersehbar …

Lauert die Bedrohung außerhalb oder ist sie längst innerhalb des Hauses?

Originaltitel The Lodge
Jahr 2019
Land USA, Großbritannien
Genre Horror, Drama
Regisseur Veronika Franz, Severin Fiala
Cast Grace: Riley Keough
Richard: Richard Armitage
Mia: Lia McHugh
Aidan: Jaeden Lieberher
Laura: Alicia Silverstone
Laufzeit 100 Minuten

Es ist eine bewährte Methode des Horrorfilms, die Atmosphäre durch den psychologischen Ballast seiner Figuren aufzuladen. Filme wie The Strangers, Hereditary oder Get Out beweisen, wie bereits die Umstände der Figuren und die damit einhergehenden Reibungspunkte für Spannung sorgen. Dieser Mechanik bedienen sich auch Franz und Fiala, wenn es darum geht, die Grundsituation möglichst unbequem zu gestalten. Trotz Richards Ambitionen, alle Familienmitglieder zusammenzuführen, hat keiner der anderen etwas zu lachen. Wäre doch wenigstens die Umgebung ein warmer Ort. Doch die titelgebende Lodge ist ein wuchtiger Holzbau, umgeben von einem vereisten See und Schnee, wohin auch immer das Auge blickt. Trostlosigkeit macht sich breit. Und darin verschiedene Möglichkeiten, was hier wirklich vorgefallen ist. Viele Fährten werden gestreut, die mal mehr, mal weniger glaubhaft den Zuschauer an der Nase herumführen. Findet draußen in den Wäldern etwas statt? Ist das Haus verflucht? Stimmt mit einem der drei oder dem Hund etwas nicht? Zahlreiche Ansätze werden bis zur Auflösung verfolgt, für die breitspurig Indizien gestreut werden. Witzig an der Stelle auch, dass der Fernseher ausgerechnet Filme abspielt, in denen Menschen im Schnee eingeschlossen sind.

Es fröstelt: Stimmung statt Spannung

Nicht nur gefühlt bleibt die Zeit in The Lodge stehen, denn es dauert, bis die Dinge ins Rollen kommen. Dafür sorgen auch die ewig langen Gänge des Hauses, die langsamen Kamerafahrten über die Holztreppen und Blicke in das Puppenhaus Mias, welches auf Meta-Ebene immer vieles zu erzählen hat. Oftmals ist gar nicht auf den ersten Blick erkennbar, ob Kameramann Thimios Bakatakis (The Killing Of A Sacred Deer) das Bild nun nun durch das Haus oder die Miniatur-Ausgabe in Mias Zimmer schweben lässt. Spannung mag dabei gewollt nicht aufkommen, denn der Zuschauer soll Schritt für Schritt im Dunkeln tappen, um zu erfahren, was hier wirklich los ist. Das bedeutet nicht, dass The Lodge langweilt. Im Gegenteil, die unterkühlte Atmosphäre sorgt für ordentlichen Gefrierbrand, ist aber für eine jumpscare-verwöhnte Generation Gift. Die Stärke des Drehbuchs liegt vor allem darin, wie eine Schlange dann zuzuschnappen, wenn der Zuschauer am wenigsten damit rechnet. Plötzlich werden dann einfach die Karten ganz neu gemischt und Ereignisse, die man zuvor einfach kategorisch ausschließen musste, treten plötzlich ein! Diese Momente sitzen und sorgen jedes Mal für einen Schlag in die Magengrube.

In der Ruhe liegt die Kraft

Obwohl das audiovisuelle Dröhnen einem keine Ruhe lässt, sind es die Schauspieler, die für die größten Unruhen sorgen. Dabei machen sie häufig gar nichts, außer sich schweigsam anzuschauen. Die ganz nebensächlich eingeführte Riley Keough erweist sich als schauspielerische Fundgrube, denn die vielfache Bedrohung verlangt ihr allerlei Facetten ab. Erst als Seele von einem Mensch eingeführt, wird sie zu einem echten Nervenbündel. Auch die beiden Jungschauspieler Jaeden Martell und Lia McHugh hinterlassen einen hervorragenden Eindruck, sind beide doch glaubhaft und im Vergleich mit anderen Kindern und Jugendlichen im Horror-Genre immer noch sympathisch. Richard Armitage kann alleine schon abwesenheitsbedingt kaum glänzen, steht aber auch innerhalb seiner Szenen hinter den anderen Darstellern zurück. Das ist auch umso besser, da die dichte Erzählung um das toxische Verhältnis aller Beteiligten ohne ihn besser funktioniert.

Fazit

The Lodge sorgt für allerfeinste Gruselstimmung fernab des klassischen Spannungskinos oder irgendwelcher Jumpscare-Abfolgen. Hier steht die eisige Atmosphäre im Mittelpunkt, die den Zuschauer in ihrer Entwicklung immer stärker in den Abgrund reißt. Es ist ein waghalsiges Spiel mit der Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer (welche bekanntermaßen immer kürzer wird), denn die stets unheilverkündende Atmosphäre setzt weit weniger Ereignisse frei als man annehmen mag. Der Vergleich zu Hereditary ist ein wenig unfair, denn trotz Parallelen beider Filme setzt The Lodge viel stärker darauf, das Unbekannte auszureizen. Nicht wenigen Zuschauern wird es an einer Einordnung, Bewertung oder Auflösung fehlen. Doch dies scheint nie die Absicht gewesen zu sein. Inszenatorisch ein Volltreffer!

© SquareOne Entertainment

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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