Hereditary – Das Vermächtnis

Lesezeit: 5 Minuten

Es gibt diese Filme, die von der Presse zerfetzt, doch von den Zuschauern gelobt werden. Und dann den umgekehrten Fall, der belegt, dass künstlerische Qualitäten nicht zwangsläufig vom Publikum angenommen werden müssen. Ein solcher Film ist Hereditary – Das Vermächtnis, welcher dem Zuschauer jede Menge zumuten will. Sei es die lange Zeit undurchsichtige Geschichte, die absurden Ausflüge in rabenschwarzen Humor oder die sonderbaren Charaktere. Ari Aster lässt in seinem Langfilmdebüt nur all zu viele familiäre Schicksalsschläge los und erschafft damit den vielleicht polarisierendsten Horrorfilm des Kinojahres 2018.

  

Die Grahams haben sich eben erst von Großmutter Ellen verabschiedet, die im Alter von 78 Jahren verstorben ist. Die einzelnen Familienmitglieder haben ganz unterschiedliche Methoden, damit umzugehen. Während sich Annie (Toni Collette, Taras Welten ) in Arbeit stürzt und Miniaturwelten modelliert, in denen sie ihr Innenleben zum Ausdruck bringt, zieht sich die 13-jährige Charlie (Milly Shapiro) in das Baumhaus im Garten zurück. Dass die Beziehung der Familie zur manipulativen Großmutter ganz unterschiedlicher Natur war, stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus, als sich ihr Vermächtnis nach und nach offenbart. Um mit der Situation fertig zu werden, sucht Annie eine Selbsthilfegruppe auf. Doch die Eigendynamik innerhalb der Familie nimmt rasant an Fahrt auf….

Vielschichtig, provokativ und überladen

Originaltitel Hereditary
Jahr 2018
Land USA
Genre Horror, Drama
Regisseur Ari Aster
Cast Annie Graham: Toni Collette
Steve Graham: Gabriel Byrne
Peter Graham: Alex Wolff
Charlie Graham: Milly Shapiro
Joanne: Ann Dowd
Laufzeit 128 Minuten
FSK

Bis der Zuschauer überhaupt erst einmal versteht, wohin die Reise überhaupt gehen soll, vergeht einige Zeit. Es ist nicht so, dass bewusst falsche Fährten gestreut werden oder eine Wendung die nächste jagt, um möglichst viele Plottwists zu produzieren. Viel eher reißt Hereditary – Das Vermächtnis einiges an, denn der Film hat große Ambitionen. Auf der einen Seite will die übergeordnete Geschichte nach und nach entblättert werden, auf der anderen Seite stehen da die – insbesondere für einen Horrorfilm – gut ausgearbeiteten Charaktere, von denen jeder ein Bündel Sorgen mit sich herumträgt. Während Charlie in der Trotzphase steckt und gemobbt wird, gehen mit Peter (Alex Wolff, Dude) vor allem die Hormone durch und Vater Steve (Gabriel Byrne, Die üblichen Verdächtigen) ist die letzte Bastion der Vernunft innerhalb dieser anstrengenden Familie. Bis zu einem bestimmten Punkt könnte Hereditary noch als Familiendrama durchgehen. Doch dann dreht der Film auf und sorgt für einen echten Überraschungsmoment. Ab hier häufen sich sonderbare Entwicklungen, die manchmal derart auf die Spitze getrieben werden, dass nicht immer offensichtlich ist, ob der Film sich noch ernst nimmt oder sich selbst das Trash-Krönchen aufsetzt. Insbesondere die Schlussszene fällt derart plakativ aus, dass hier endgültig klar ist: Dieser Film wird und vor allem will nicht jedermann gefallen.

Der Wahnsinn schleicht sich polternd an

Auch atmosphärisch zeigt sich Hereditary äußerst vielseitig. Während die Horrorszenen eine verstörende Wirkung besitzen, bewegt sich die Grundstimmung eher auf dem Niveau eines Donnie Darko, insbesondere aus der Perspektive von Peter, bei dem die dominierenden Gefühle Schwärmerei, Misstrauen und Verwunderung sind. Er ist dabei nicht weniger interessant als die Hauptfigur Annie, die von Toni Collette sensationell dargestellt wird. Das schauspielerische Können, das die Figur einfordert, ist riesig und bringt die volle Palette an Emotionen mit. Das stellenweise sogar derart schnell, dass der Zuschauer selbst nicht mehr versteht, was nun konkret in Annie vorgeht und was mit ihr los ist. Alles, was im Hause Graham geschieht, ist stets mit einem höchst unangenehmen Gefühl verbunden, sodass sich die angespannte Familiensituation spielend auf den Zuschauer überträgt. Nur nicht unbedingt die Sympathien, da jede Figur ebenso nervend sein kann, wie sie ihr Eigenleben führt. Hier werden bereits bei der Jüngsten psychologische Abgründe aufgeführt, womit dem Zuschauer ein Charakter fehlt, an den er sich in irgendeiner Weise halten kann. Denn sobald der Film an Fahrt gewinnt, überschlagen sich die Ereignisse derart, dass der eine oder andere (un-)freiwillige Lacher produziert wird.

Inszenatorische Dichte

Die größte Stärke (neben dem Talent der Hauptdarstellein) ist ohne Zweifel die gigantische Inszenierung. Während Annies Miniaturwelten oftmals der Handlung vorausgreifen oder Hinweise geben, geben sich subtile und plakative Szenen die Klinke in die Hand. Es ist nicht einfach, sich hierauf einzustellen, doch die Liebe zum Detail steckt nicht nur in den Miniatur-Räumen von Annies “Small Worlds”-Bauten. Die verstörende Wirkung möchte man Hereditary nicht absprechen, doch hier schleichen sich auch die Schwachpunkte ein. Obwohl die Schreckmomente sitzen, sind es oftmals die ruhigen Passagen, die überinszeniert werden. Insbesondere Szenen mit Annies Bekannter Joanne fallen derart penetrant aus, dass man sich als Zuschauer mehr geerdete Figuren wie Steve wünscht oder zumindest hin und wieder etwas Leerlauf. Denn jede Szene ist in irgendeiner Form bedeutungsvoll und bis der Film seine endgültige Marschroute ins Okkulte  festgelegt hat, sind allerlei Ausschläge in diverse andere Horrorgenres von Nöten.

Ein einfacher Stoff ist Hereditary – Das Vermächtnis in der Tat nicht. Einer jener Filme, bei denen man getrennt bewerten sollte, ob man ihn nun gelungen produziert findet und natürlich, wie man schlussendlich zu ihm steht. Auf beiden Seiten sind beide Richtungen vertretbar: Während für so manchen Zuschauer einfach nur alles drüber ist, wird ein anderer seine Freude an den sperrigen Figuren und dem schweren Familienstoff haben. Unmittelbar nach dem Film war ich ziemlich außer Puste, weil hier auch eine Menge abgefahrener Dinge dargestellt wird. Doch die Grundstimmung war und ist positiver Natur, da die Produktionswerte überzeugend ausfallen. Doch ein zweites Mal könnte ich den Film beim besten Willen nicht sehen, weil er weit davon entfernt ist, entspannt konsumierbar zu sein.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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