Dunkel, fast Nacht

Lesezeit: 3 Minuten

Hand aufs Herz: Wie viele Filme aus Polen kennt ihr? Wer mehr als fünf Finger benötigt, um alle Filme aufzuzählen, darf sich entweder als besonders weltoffen bezeichnen oder hat wohl selbst polnische Wurzeln. Häufig kommt es nicht vor, dass Filmproduktionen unseres östlichen Nachbarlands den Weg zu uns finden. Anders sieht das im Fall von Dunkel, fast Nacht aus. Die Film-Adaption des Romans von Joanna Bator (Suhrkamp Verlag, 2016) wurde erst auf dem Münchner Filmfest aufgeführt und fand dann im Rahmen von Kino-Events ihren Weg in weitere deutsche Kinos. Irgendwo zwischen Drama, Thriller, Mystery und Märchen verortet, lässt sich gar nicht so leicht auf den Punkt bringen, was der Film nun sein möchte. Vorweg sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Geschichte schonungslos erzählt wird und auch vor hässlichen Kinderschicksalen keinen Halt macht.

Alicja Tabor (Magdalena Cielecka) war schon lange nicht mehr in ihrer alten Heimat, doch nun ist es mal wieder soweit. Der Anlass dafür ist alles andere als erfreulich: Drei Kinder sind spurlos verschwunden und die Journalistin will ihre Ortskenntnisse nutzen, um eine Geschichte zu schreiben. Erste Befragungen ergeben einzelne Puzzleteile, doch bereits nach kurzer Zeit werden alte Erinnerungen hervorgerufen: Der Aufenthalt im Haus ihres verstorbenen Vaters sorgt dafür, dass die Vergangenheit sie einholt.

Wie polnisch ist eigentlich ein Film aus Polen?

Originaltitel Ciemno, prawie noc
Jahr 2019
Land Polen
Genre Mystery, Drama, Krimi
Regisseur Borys Lankosz
Cast Alicja Tabor: Magdalena Cielecka
Pawel Kupczyk: Rafal Mackowiak
Mr. Albert: Jerzy Trela
Mizera: Roma Gasiorowska
Laufzeit 114 Minuten
FSK

Obwohl Dunkel, fast Nacht in seinem Drehbuch relativ international erzählt ist (die Handlung könnte an jedem Ort der Welt spielen), ist die Inszenierung des Regisseurs Borys Lankosz doch recht eigenwillig. Insbesondere für deutsche Gepflogenheiten spärlich eingerichtete Wohnungen wirken wie im Ost-Europa der 60er hängen geblieben. Dass die Umgebung überwiegend trist ist, kann man der Produktion kaum ankreiden: Die gräulichen Bilder kommen der bedrückenden Atmosphäre ganz zu Gute. Nur der Soundteppich unglücklicherweise schließlich das Gesamtbild. Die pathetischen Streicher tragen derart dick auf, dass der Film völlig in eine unwirkliche Realität abdriftet. Was anfangs noch wie ein ZDF-Krimi wirkt, wird mit der Zeit immer eigenständiger. Im Positiven wie im Negativen.

Schwere Kost liegt schwer im Magen

Die Themen des Drehbuchs: Kindesentführung und sexueller Missbrauch sowie die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Joanna Bator verdichtet die nicht aufgearbeiteten Traumata der polnischen Geschichte (Stichwort Zweiter Weltkrieg) und die Herausforderungen der Gegenwart in ihrem Werk. In ihrem Film gibt es keine Hoffnung, Polen scheint das Land zu sein, in dem alles Schlechte zusammenkommt. Der Regisseur stellt immer wieder die Frage nach der moralischen Vertretbarkeit, kontroverse Themen abzubilden.
Das wird bis auf Letzte ausgereizt und mit einer Laufzeit von 110 Minuten dementsprechend intensiv. Damit all die Schwermut nicht zu stark ins Gewicht fällt, fällt das Erlebte immer wieder in Flashbacks zurück, die stellenweise einem Märchen gleichen. Eine gar unwirkliche Realität, die Ereignisse beschönigt, die im Grunde genommen furchtbarer Natur sind. Etwa den Stellenwert minderjähriger Mädchen, die in diesem Film ausschließlich als Sexobjekt älterer Männer oder gar dem eigenen Vater dienen. Dazwischen tauchen dann allerlei verschrobene Figuren auf, etwa Katzenfrauen, die so fiktiv wirken, als habe man sie einem Märchen entwendet.

Fazit

Einer breiten Masse wird Dunkel, fast Nacht vorenthalten bleiben. Der polnische Film bemüht sich gar nicht um eine leichte Zugänglichkeit, sondern überfährt den Zuschauer mit dramatischen Schwergewichten, die alles, nur nicht leicht bekömmlich sind. Ist man gewillt, sich darauf einzulassen, vermag der Film es durchaus, einen in seinen Bann zu ziehen. Als alleiniger Antreiber ist das jedoch zu wenig. Durchwegig spannend fällt die anspruchsvolle Geschichte nämlich nicht aus und die Vielfalt an Motiven wirkt überbordend. Umso stärker flacht die wohlgefällige Auflösung ab.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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